Kunden em pfehlungen
Rezensionen von LeserinLu :
Geheimtipp
Aprikosenzeit, dunkel von Corinna Kulenkamp
"Aprikosenzeit, dunkel" von Corinna Kulenkamp ist ein fesselnder Roman, der mich von Anfang bis Ende begeistert hat. Der Coming-of-Age-Roman handelt von Karine, einer Frau mit armenisch-Deutscher Familiengeschichte, die nach Rassismuserfahrungen in Deutschland den Weg zurück zu ihren armenischen Wurzeln sucht.
Die authentische Darstellung von Karines inneren Konflikten und ihre Suche nach Identität machen den Roman besonders ansprechend. Kulenkamp beschreibt einfühlsam Karines emotionale Reise, angefangen bei ihrer Beziehung zu einem Mitstudenten in München bis hin zu ihrer spontanen Entscheidung, nach Armenien zu gehen. Diese wird zu einem Wendepunkt in Karines Leben. Die Leserin begleitet sie in ein Land, das durch Korruption und patriarchale Strukturen geprägt ist, was differenziert beschrieben wird. Die Verknüpfung von Karines persönlicher Geschichte mit der politischen und gesellschaftlichen Realität in Deutschland und Armenien hat mir besonders gut gefallen.
"Aprikosenzeit, dunkel" bietet damit nicht nur eine packende Geschichte, sondern auch einen tiefen Einblick in die Geschichte der Armenier*innen. Die Multiperspektivität, gepaart mit Kulenkamps authentischem und leicht zugänglichem Schreibstil aus der Sicht der jungen Protagonistin, macht das Buch zu einem Must-read. Es ist erstaunlich, dass es bisher nicht häufiger besprochen wurde - es ist für mich ein literarischer Geheimtipp! Ich bin gespannt auf weitere Romane aus dem Orlanda Verlag und von der Autorin.
Paranoia
Das Philosophenschiff von Michael Köhlmeier
"Das Philosophenschiff" von Michael Köhlmeier führt die Leser durch die bewegte Lebensgeschichte der Architektin Anouk Perleman-Jacob. Die Geschichte, die sich hauptsächlich um die Zeit der bolschewistischen Revolution dreht, fasziniert durch den historisch belegbaren Hintergrund. Die Ereignisse auf einem der "Philosophenschiffe", das Anouk und andere Intellektuelle ins Exil führt, basieren allerdings nicht auf historischen Fakten.
Die Erzählung wirft einen Blick auf das Misstrauen zwischen den Menschen, das die Protagonistin auch nach der Überfahrt begleitet. Dieser Aspekt verleiht dem Roman eine tiefgründige Dimension, da die Charaktere ständig im Zwiespalt zwischen Loyalität und Verdächtigungen stehen. Dieser historische Hintergrund war für mich der interessante Kern des Romans.
Die Sprache der Hauptfigur, die mit langen, hypotaktischen Sätzen, Exkursen, vielen russischen historisch belegten und nicht belegten Namen um Authentizität bemüht ist, habe ich jedoch mitunter als anstrengend empfunden. Insgesamt hatte mir der Roman zu wenig Figurenentwicklung und Handlung.
Erinnerungsinseln
Lichtungen von Iris Wolff
„Erinnerungen waren über die Zeit verstreut wie Lichtungen. Man begegnete ihnen nur zufällig und wusste nie, was man darin fand.“
In Iris Wolffs Roman "Lichtungen" entfaltet sich die Geschichte zwischen Lev und Kato, deren Verbindung seit Kindertagen besteht. Die Öffnung der europäischen Grenzen beeinflusst ihre Lebenswege und verändert ihre Beziehung grundlegend.
Das Rückwärtserzählen von Levs Geschichte ermöglicht es den Lesenden, prägende Ereignisse in seinem Leben nicht mehr zufällig zu mitzuerleben, sondern zu verstehen, wie diese ihn zu Kato geführt haben.
Besonders beeindruckend ist Wolffs poetischer Erzählstil, der die Handlung mit einer nuancierten Atmosphäre durchzieht. Die Einblicke in Levs Arbeitswelt, seine Familie und den Alltag im kommunistischen Vielvölkerstaat Rumänien verleihen dem Roman eine facettenreiche Tiefe. Dabei werden auch Nebenfiguren wie Levs Arbeitskollegen ausgearbeitet, was dem Leser eine umfassendere Perspektive auf die Welt der Protagonisten bietet.
Allerdings ist der Roman nicht in erster Linie packend oder spannend, sondern zeichnet sich eher durch eine ruhige Erzählweise aus. Der Leser begleitet Lev geduldig auf seinem Weg und wartet gemeinsam mit ihm darauf, dass das Leben ihn dazu drängt, endlich zu handeln. Insgesamt präsentiert Iris Wolff mit "Lichtungen" eine literarische Arbeit, die durch ihre Sprachkunst und die subtile Darstellung der Figuren und ihrer Umgebung besticht. Es ist eine Reflexion über die Veränderungen im Leben und die Macht der Vergangenheit.
Kunterbunt
Wir sind (die) Weltklasse von Tanya Lieske
Wir sind (die) Weltklasse“ von Tanja Lieske und Sybille Hein entführt junge Leser ab 8 Jahren in die Welt der Kölner Straße im Ruhrgebiet. Hier hat Adam Opa sein polnisches Spezialitätengeschäft. Adam und seine Eltern sind nun ebenfalls von Polen nach Deutschland gekommen. Die Autoren präsentieren eine herzerwärmende Geschichte über Freundschaft, Zusammenhalt und die Herausforderungen, die das Eingewöhnen an einer neuen Schule mit sich bringen kann.
Die Erzählung beginnt mit Adams Ankunft in der neuen Klasse, wo er zum Glück schnell Anschluss findet. Die Lehrerin, Frau Meister, unterstreicht die Vielfalt der Schüler und betont, dass man mit dieser Klasse die Welt erkunden könne, ohne die Tür zu verlassen. Diese positive Grundstimmung zieht sich durch das gesamte Buch.
Die Handlung ist geprägt von verschiedenen Abenteuern, darunter ein turbulenter Museumsausflug, ein Schulfest mit Mäusealarm und eine gruselige Übernachtungsparty. Das ergibt Mischung aus humorvollen und lehrreichen Momenten, wobei mir teilweise der pädagogische Zeigefinger zu offensichtlich war.
Ein kritischer Blick auf das Buch offenbart zudem eine möglicherweise etwas überzeichnete Harmonie im Verhalten der Erwachsenen. Diese erscheinen stets kinderfreundlich und reagieren ideal auf die Bedürfnisse der Kinder. Diese überaus positive Darstellung könnte in der Realität als unrealistisch empfunden werden, aber andererseits vermittelt das Buch eine liebevolle Utopie über ein friedliches Zusammenleben.
Die äußere Gestaltung des Buches fällt positiv auf. Die hochwertige Papierqualität und die farbige Ausgestaltung der Seiten tragen dazu bei, dass das Buch nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch ansprechend ist.
Insgesamt bietet „Wir sind (die) Weltklasse“ eine gelungene Mischung aus Unterhaltung und pädagogischem Wert. Es ist eine Empfehlung für Eltern und Lehrkräfte, die ihren Kindern positive Werte auf eine unterhaltsame Weise vermitteln möchten. Durch die episodische Struktur ist es auch gut zum Vorlesen geeignet.
Nettes Winterabenteuer
Das Sams 11. Das Sams und die große Weihnachtssuche von Paul Maar
"Das Sams und die große Weihnachtssuche" von Paul Maar präsentiert einen humorvollen Weihnachtstag mit dem Mini-Sams. Der elfte Band der Sams-Reihe lädt zu einem Weihnachtsabenteuer ein, bei dem Würstchenketten im Christbaum und Kürbisse in Pyramidenform die festliche Atmosphäre auf unkonventionelle Weise gestalten.
Insgesamt fehlte mir dadurch aber auch ein bisschen die Weihnachtsatmosphäre. Das wie immer liebenswerte Sams kann aber definitiv nichts dafür, dass man im Sams-Land kein Weihnachten feiert und das Abenteuer des Mini-Sams, das im Zentrum der Erzählung steht, sich erst nach Heiligabend ereignet! Ich würde aber schon sagen, dass durch Schnee und Schlittenfahrt eine winterliche Atmosphäre entsteht.
Insgesamt ist "Das Sams und die große Weihnachtssuche" daher ein nettes Kinderbuch, das nicht nur durch seine ungewöhnliche Weihnachtsgeschichte, sondern auch durch die liebenswerten Charaktere und den einfallsreichen Schreibstil überzeugt. Es bietet eine unterhaltsame Lektüre für junge Leser, die sich auf eine abenteuerliche Reise in die Welt des Sams begeben möchten. An Witz und Spannung der ersten Bände kommt diese Fortsetzung allerdings nicht heran.
Lübeck der Kaiserzeit
Unsereins von Inger-Maria Mahlke
"Unsereins" von Inger-Maria Mahlke wirft einen detaillierten Blick auf das Leben in Lübeck Ende des 19. Jahrhunderts. Der Roman präsentiert ein breites Spektrum von Figuren, darunter Bürger, Lohndiener, Handwerker und vor allem Frauen in verschiedenen sozialen Rollen. Auch die Manns kommen vor, anders als bei Thomas Manns „Die Buddenbrooks“ oder auch Heinrich Manns „Der Untertan“ wird am Beispiel der jüdischen Familie Lindhorst aber auch der Antisemitismus problematisiert.
Für mich ist „Unsereins“ daher eine sinnvolle Ergänzung dieser Schullektüren.
Die Erzählung behandelt Themen wie Identität, Zugehörigkeit, Geschlecht, Klasse, Macht- und Liebesverhältnisse innerhalb der Lübecker Gesellschaft anhand von Ausschnitten aus dem Alltag der Figuren in der Kaiserzeit. Die episodische Erzählweise zeichnet so ein Panorama der Stadtgesellschaft, wobei die Perspektiven ständig wechseln und daher nur ab und zu tiefere Einblicke in das Leben der Figuren gewähren. Teilweise ist dabei bei mir auch der Eindruck von Zufälligkeit und Willkür entstanden.
Insgesamt präsentiert Mahlke eine solide Darstellung sozialer Strukturen und menschlicher Beziehungen, über die man während des Lesens beständig mehr erfahren möchte, als der Roman schließlich geben kann. Der Roman berührt daher zeitlose Themen, bleibt jedoch in seiner Gesamtwirkung möglicherweise etwas zurückhaltend.
Sehnsucht nach Hoffnung
Hab ich noch Hoffnung, oder muss ich mir welche machen? von Till Raether
Till Raethers Essay „Hab ich noch Hoffnung, oder muss ich mir welche machen?“ bietet eine nachdenkliche und trotzdem unterhaltsame Reflexion über die Herausforderungen der aktuellen Weltlage. Inmitten von Krieg, Klimakrise und im Rückblick auf die Corona-Pandemie wirft Raether einen einfühlsamen Blick auf die Schwierigkeiten, Hoffnung für die Zukunft zu bewahren.
In dem für Reather charakteristischen Stil präsentiert er das Thema in einer persönlichen, reflektierten und humorvollen Art. Er spricht die Ängste und Unsicherheiten an, die viele Menschen angesichts der düsteren Perspektiven empfinden. Richtig gut wird es immer dann, wenn Alltagsanekdoten zur Veranschaulichung der Gedanken erzählt werden und Raether Dinge aus seinem Alltag preisgibt, in denen man sich erkennen kann. Denn die inhaltliche Antwort, die Raether gibt, ist eigentlich nichts Neues: Hoffnung kann erzeugt werden, wenn man selbst ins Handeln kommt, am besten noch mit anderen zusammen. Für den Diskurs über Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ist das zwar bekannt, dennoch freut es mich, dass Bildung mit Kopf, Herz und Hand nun auch im Journalismus ankommt.
Raethers Essay eignet sich deshalb besonders gut als Geschenk für Menschen, die gemeinsam für positive Veränderungen eintreten. Es ist eine Einladung, gemeinsam nach Lösungen zu suchen und dabei auch über das Scheitern nachzudenken, ohne dass dies zwangsläufig negativ bewertet wird, solange die Sehnsucht nach Hoffnung bleibt. Insgesamt ist "Hab ich noch Hoffnung, oder muss ich mir welche machen?" ein kurzweiliges Werk, das inmitten der Unsicherheiten unserer Zeit ermutigt, Hoffnung zu finden und zu gestalten.
Trennungsroman
Between Us - Die große Liebe kennt viele Geheimnisse von Mhairi McFarlane
Die romantische Komödie "Between Us" von Mhairi McFarlane führt die Leser:innen durch die Trennungsgeschichte von Roisin und ihrem Partner, der als Drehbuchautor auf einmal intime Geheimnisse ins Fernsehen bringt. Die Handlung ist durchzogen von Verrat, Plot Twists und Neuanfängen. Leider fand ich persönlich einige der Plot Twists zu abrupt und konstruiert, sie hätten besser über den Verlauf des Romans vorbereitet werden können.
Die Einführung einiger Charaktere wirkte ebenfalls etwas plötzlich.
Es war außerdem frustrierend, dass Roisins Leben fast ausschließlich um Männer kreist, was mit der Zeit monoton wurde und nicht so recht zu ihrer sonst selbstbewußten Persönlichkeit passte. So lässt sich sich bis zum Schluss immer wieder von Männern von ihrer Sichtweise abbringen. Gerade die Episoden, in denen das eine weniger große Rolle spielte, z.B. in ihrem Alltag als Lehrerin, fand ich ansprechend und unterhaltsam. Als Lehrerin kann ich bestätigen, dass Schüler:innen bei Gossip tatsächlich wie "Möwen auf der Jagd nach Pommes" sind.
Trotz meiner Kritikpunkte muss ich sagen, dass die Autorin, Mhairi McFarlane, unterhaltsam und packend schreibt, sodass mich das durch den Roman gezogen hat und ich trotz allem gerne weitergelesen habe.
Endlich ein neuer Band!
Die Schuld, die man trägt von Michael Hjorth; Hans Rosenfeldt
Nach viel zu langer Zeit ist endlich der nächste Band der Krimireihe um Sebastian Bergman erschienen, und er enttäuscht nicht. Es ist zwar nicht der stärkste bzw. spannendste der inzwischen acht Bände, aber trotzdem ein guter Schmöker. Natürlich wird auch hier eine Mordserie ermittelt, deren Opfer einen persönlichen Bezug zum Ermittlerteam und insbesondere Bergman haben, der Fokus der Story liegt aber eher auf den familiären und komplizierten Beziehungen der komplexen Charaktere zueinander, die hier weiter vertieft werden.
Es gibt - wie immer bei Hjorth und Rosenfeldt - einige Überraschungen in der Handlung und auf den letzten Seiten passiert mehr, als auf hundert Seiten in der Mitte des Buches, aber das zeichnet die Reihe ja aus.
Pandemie im Plauderton
Die Verletzlichen von Sigrid Nunez
In "Die Verletzlichen" von Sigrid Nunez entfaltet sich die Geschichte der Erzählerin in New York, die die Wohnung ihrer wegen der Pandemie in Kalifornien gestrandeten Bekannten hütet. Diese Entscheidung führt zu einem unerwarteten Zusammenleben mit einem jungen Mann, der im Lockdown vor seinen Eltern flieht.
Dabei begleitet sie der temperamentvolle Papagei Eureka, der mehr ist als nur ein exotischer Mitbewohner.
Die Handlung des Romans wird jedoch nicht durch Ereignisse vorangetrieben, sondern durch einen beeindruckenden Plauderton. Nunez verwebt geschickt Humor und nachdenkliche Reflexionen, während sie den Alltag der Protagonisten während der Pandemie in New York einfängt.
Die Mischung aus Leichtigkeit und Tiefe macht den Roman besonders zugänglich. Der Plauderton, mal witzig, mal nachdenklich, verleiht dem Buch eine einzigartige Atmosphäre. Die Autorin setzt dabei auf die Kraft der Beobachtung und schafft es, den Alltag in der Pandemie in New York einzufangen. Der Roman beginnt mit dem letzten Treffen der Erzählerin mit ihren Freundinnen vor dem ersten Lockdown - wer erinnert sich nicht daran? Zusätzlich tauchen die Lesenden aber auch ein in Gedanken zu Identität, zum Zusammenleben, zum Schreiben und zu aktuellen politischen Themen, ohne dass die Autorin belehrend wirkt. Nunez verwebt geschickt die persönlichen Erfahrungen und Gedanken der Erzählerin mit breiteren gesellschaftlichen Debatten.
Insgesamt könnte "Die Verletzlichen" als ein bedeutender Beitrag zur literarischen Verarbeitung der Pandemie im globalen Norden betrachtet werden. Durch die einzigartige Verbindung von Plauderton, nachdenklichen Gedanken und realistischen Beobachtungen schafft Nunez eine eindringliche Erzählung, die den Leser nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt.











