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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von LeserinLu :

Unterhaltsam und aktuell

Juli, August, September von Olga Grjasnowa

„Juli, August, September“ ist ein Roman, der auf unterhaltsame und bissige Weise komplexe Themen wie Erinnerung und Identität behandelt. Die Geschichte dreht sich um die Protagonistin Lou, die mit den Eindrücken ihrer Tochter zu ihrer jüdischen Identität konfrontiert wird, obwohl Lou diese selbst gar nicht fassen kann.

Lou beginnt, sich mit ihrer eigenen jüdischen Herkunft auseinanderzusetzen - eine Aufgabe, bei der ihr Ehemann, ein vielbeschäftigter Pianist mit ebenfalls jüdischen und sowjetischen Wurzeln, ihr keine Unterstützung bietet.

Der Roman entfaltet sich weiter, als Lou auf Gran Canaria ein Familientreffen besucht. Hier erfährt sie von ihrer Großtante eine völlig andere Version ihrer Familiengeschichte als die, die ihre verstorbene Großmutter ihr über das Überleben des Holocausts erzählt hat. Welche Variante stimmt? Und warum macht ihre Großtante das? Was bedeutet das für ihre eigene kleine Familie?Und warum ist Lou das auf einmal so wichtig? Ohne Antworten auf diese Fragen kann Lou nicht nach Hause fahren.

Der Schreibstil des Romans ist erfrischend und oft humorvoll, weshalb ich dieses Buch schnell beendet habe. Die Autorin schafft es, die komplexen Fragen auf eine leichte und zugängliche Weise zu präsentieren, ohne dabei ihre Tiefe zu verlieren. Ein kleines Manko des Buches liegt für mich im letzten Viertel, das im Vergleich zum Rest des Romans etwas an Dynamik verliert. Dennoch finde ich den Roman unbedingt lesenswert, vor allem die jüdische Perspektive auf Erinnerung fand ich sehr interessant.

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Faszinierend

Eve von Amor Towles

Der Roman „Eve“ hat mich positiv überrascht. Auf dem Cover und im Klappentext wird recht wenig über den Roman verraten, sodass ich mich ohne jegliche Erwartungen auf das Buch eingelassen habe. Ich wurde mit einer unterhaltsamen Mischung aus Gesellschaftsroman, Detektivgeschichte und Heist-Story belohnt!

Im Mittelpunkt der Handlung steht Eve, die im Hollywood der späten 1930er Jahre ankommt.

Schnell durchschaut sie die frauenfeindlichen Strukturen der Filmindustrie und wird aktiv, als ihre Freundin und Schauspielerin Olivia wegen Nacktfotos erpresst wird. Die Story wird vor allem aus Sicht ihrer Freund:innen und Gegenspieler erzählt, sodass Eve selbst geheimnisvoll und unnahbar bleibt. In ihren eigenen wenigen Kapiteln wird Eves Hintergrund nur angedeutet, sodass ihr Charakter einerseits etwas blass wirkt, andererseits aber auch faszinierend.

Mir haben besonders die Schilderungen des alten Hollywoods am Ende der 1930er Jahre und die dazugehörigen Hintergrundgeschichten der anderen Figuren gut gefallen. Man taucht dabei ein in eine Welt voller Glamour, Intrigen, dunkler Machenschaften und Sexismus. Außerdem halten zahlreiche Twists and Turns die Spannung konstant hoch und zeigen immer wieder Eves Überlegenheit und Cleverness.

Insgesamt ist „Eve“ ein unterhaltsamer Roman, der geschickt verschiedene Genres miteinander verknüpft. Die Mischung aus historischem Flair und Spannung hat mir gut gefallen.

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Süßer als erwartet

Romantic Comedy von Curtis Sittenfeld

"Romantic Comedy" von Curtis Sittenfeld ist eine charmante Romcom, die nicht zu klischeehaft ist und mich gut unterhalten hat. Ich hatte jedoch mehr Biss und mehr Feminismus erwartet - es gibt jedoch deutlich weniger Kritik am Patriarchat als gedacht.

Das Buch gliedert sich in drei deutlich unterschiedliche Teile, die jeweils ihre eigene Atmosphäre und Erzählweise mitbringen.

Der erste Teil sticht besonders hervor: Mit witzigen und kurzweiligen Dialogen hat er mich schnell in die Welt der Hauptfiguren gezogen: Man bekommt Einblicke hinter die Kulissen von Late Night Shows wie SNL (hier: TNO), wo die Protagonistin Sally als Autorin Sketche schreibt und sich während der Dreharbeiten in den Gaststar Noah verliebt. Aufgrund seiner Berühmtheit und seiner Attraktivität scheint er ihr jedoch unerreichbar zu sein. Der zweite Teil spielt dann während der Pandemie und erinnert ein wenig an den Filmklassiker "Email für dich". Die Charaktere kommunizieren über Emails, was einen intimen und persönlichen Einblick in ihre Gedanken und Gefühle ermöglicht. Der dritte Teil ist dann vielleicht sogar ein bisschen cheesy (Achtung Insider). Hier wird es definitiv konventioneller und klischeehafter.

Insgesamt ist "Romantic Comedy" eine süße, wenn auch nicht überraschende Lektüre. Wer eine leichte, unterhaltsame Liebesgeschichte sucht, die sich durchaus bemüht, den typischen Klischees zu widersprechen oder sie zumindest zu thematisieren, wird hier fündig.

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Jahreshighlight

Die schönste Version von Ruth-Maria Thomas

Was für ein Roman! Sprachlich mühelos intensiv und leicht zugleich, die Handlung packend und nebenbei inhaltlich unfassbar intelligent - kurz: Ich bin restlos überzeugt.

Im Zentrum der Geschichte steht die Beziehung zwischen Jella und Yannick, deren erste große Liebe damit endet, dass Yannick Jella fast erwürgt und diese zurück in ihr Kinderzimmer fliehen muss.

Hier erinnert sie sich, wie ihr Aufwachsen sie zu diesem Punkt in ihrem Leben geführt hat: die Jugend in einer trostlosen Kleinstadt in der Lausitz, die ersten Erfahrungen, was es bedeutet, männlichem Begehren schutzlos ausgeliefert zu sein, die Rollen, die sie als Frau erfüllen soll, die Unsicherheit über eigene Bedürfnisse, kunstseidenes Verdecken dieser, aber auch Freundinnen, die zu ihr halten. Das klingt zwar nach schwerer, bedrückender Thematik, dennoch liest sich der Roman unglaublich leicht.

Für mich ist dieser Roman bereits jetzt ein moderner Klassiker und hat einen Ehrenplatz neben „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun verdient, auf die es zahlreiche Anspielungen gibt. Ich habe den Roman atemlos gelesen, zugeklappt und erst einmal geweint, so intensiv werden Jellas Gefühle transportiert. Durch die zugespitzte Schilderung von Jellas Leben als Frau, das immer wieder an alltäglichen Beispielen verdeutlicht wird, hat der Roman mir ermöglicht, auch eigene Verhaltensmuster in der Jugend und im Erwachsenenalter zu reflektieren, die zwar nicht so extrem waren, aber dennoch Züge der Muster aufwiesen, denen Jella ausgesetzt ist. Ich bin überzeugt, dass sich fast alle Frauen in den patriarchalen Strukturen, die Thomas so präzise beschreibt, wiedererkennen können. Gleichzeitig zeigt die Erzählerin, wie bedeutsam Solidarität von Freundinnen und Familie ist. Daher: Lest dieses Buch! Alle!

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Grundlagenwissen

Im Kaiserreich von Katja Hoyer

„Im Kaiserreich“ bietet eine umfassende, chronologische Darstellung der deutschen Geschichte von der Zeit vor 1871 bis hin zur Gründung des Kaiserreichs und seines Endes. Das Buch zeichnet sich durch seine detaillierte und gründliche Aufbereitung historischer Ereignisse aus, die es zu einem wertvollen Nachschlagewerk für Grundwissen macht.

Besonders gelungen ist die Art und Weise, wie das Buch die Ereignisse anhand von Schlüsselfiguren darstellt. Die Rolle Otto von Bismarcks, der vor der Aufgabe stand, die neununddreißig Einzelstaaten unter einem einzigen Kaiser zu vereinen, was eigentlich fast niemand wollte, wird nachvollziehbar geschildert. Ein weiterer interessanter Aspekt, den das Buch aufgreift, ist die Rolle der Kriege mit anderen Staaten als einendes Element des Kaiserreichs. Diese Einsicht trägt dazu bei, die Dynamik der deutschen Einigung und die inneren Spannungen besser zu verstehen.

Trotz dieser positiven Aspekte konnte mich „Im Kaiserreich“ nicht vollständig überzeugen. Ich hatte eine neue Herangehensweise an das Thema erwartet, doch das Buch bietet wenig neue Perspektiven. Insgesamt ist „Im Kaiserreich“ damit eine solide historische Darstellung, die besonders für Leser geeignet ist, die ein fundiertes Verständnis der Epoche gewinnen möchten. Wer jedoch auf der Suche nach innovativen Ansätzen ist, könnte enttäuscht werden.

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Enttäuschend

Die Farbe der Sterne von Stefan Lukschy; Curtis Briggs

"Die Farbe der Sterne" von Curtis Briggs und Stefan Lukschy versprach in der Ankündigung „die perfekte Mischung aus Spannung und feinster Unterhaltung“, doch leider konnte der Roman diesen Erwartungen nicht gerecht werden. Die Geschichte dreht sich um ein heruntergekommenes Hotel, einen Erben, der es retten will, ein verschollenes Kunstwerk, und diverser weiterer Figuren mit Interesse am Verkauf des Hauses und/ oder Stehlen des Kunstwerks.

Doch statt Unterhaltung bietet der Roman vor allem Wiederholungen und Altherrenhumor.

Der Plot des Romans ist alles andere als gut strukturiert. Viele Ideen wiederholen sich mehrfach, was die Handlung zäh und vorhersehbar macht. Statt der versprochenen Spannung und Unterhaltung fand ich die Geschichte oft langweilig und vorhersehbar: Wäre der Roman nicht Teil einer Leserunde gewesen, hätte ich ihn abgebrochen. Auch der Humor des Buches hat mich nicht angesprochen. Wer Olli Pocher und Mario Barth mag, könnte daran vielleicht Gefallen finden, aber ich empfand die Witze entweder als zu platt oder sogar als beleidigend. Zu oft wird sich über die Schwächen anderer, über Homosexuelle, Frauen oder Alkoholismus lustig gemacht, was für mich nicht nur unlustig, sondern auch unangemessen war.

Ein weiterer Kritikpunkt ist das irreführende Genre. Obwohl das Buch als Krimi beworben wird, gibt es kein echtes Verbrechen, das aufgeklärt wird. Stattdessen häufen sich Logikfehler, die den Lesefluss erheblich stören. Der Schluss des Romans ist zwar etwas spannender, bleibt aber dennoch einfallslos. Vielleicht war ich aber auch einfach nur froh, das Buch endlich beendet zu haben.

Insgesamt hat "Die Farbe der Sterne" meine Erwartungen leider nicht erfüllt. Die Ankündigung des Verlags weckt falsche Erwartungen, und sowohl die Handlung als auch der Humor konnten mich nicht überzeugen. Wer auf der Suche nach einem gut geplotteten Krimi oder einer feinsinnigen Unterhaltung ist, wird hier enttäuscht. Schade - denn das hübsche Cover hatte mich sehr angesprochen!

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Sommerlich

kali orexi - Deutscher Kochbuchpreis 2024 Gold von Kon Karapanagiotidis; Sia Karapanagiotidis

„Kali Orexi“ ist ein gelungenes vegetarisches Kochbuch, das die griechische Küche in all ihrer frischen und farbenfrohen Pracht präsentiert. Es eignet sich hervorragend für den Sommer, da es eine Vielzahl von Rezepten bietet, die leicht, lecker und gleichzeitig sättigend sind.

Die liebevolle Gestaltung des Buches sticht sofort ins Auge.

Jedes Gericht wird von ansprechenden Bildern begleitet, die Lust aufs Kochen machen. Besonders positiv hervorzuheben ist, dass die Gerichte gut gelingen und geschmacklich überzeugen. Ich habe drei Rezepte ausprobiert und war jedes Mal mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Auch die Salate, die in diesem Buch zu finden sind, machen richtig gut satt.
Ein kleiner Kritikpunkt sind jedoch die teilweise langen Zutatenlisten. Zudem sind einige spezifische griechische Käsesorten hierzulande schwer zu bekommen. In meinem Fall musste ich diese durch gängigere Käsearten ersetzen, was zwar funktionierte, aber vermutlich nicht ganz dem Originalgeschmack entsprach.

Insgesamt ist „Kali Orexi“ ein Kochbuch für alle, die die vegetarische griechische Küche entdecken oder vertiefen möchten. Trotz kleinerer Herausforderungen bei der Zutatenbeschaffung bietet es eine Fülle an leckeren und gelingsicheren Rezepten, die den Sommer auf den Teller bringen.

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Intensiv

Das Lied des Propheten von Paul Lynch

„Das Lied des Propheten“ von Paul Lynch zeichnet ein bedrückendes und intensives Bild von Irland, das sich unter der Gewalt einer zunehmend tyrannischen Regierung befindet. Der Roman begleitet Eilish und ihre Familie durch die alptraumhafte Realität einer kollabierenden Gesellschaft, in der unsichtbare Kräfte das Leben kontrollieren und bedrohen.

Die verzweifelten Versuche von Eilish, ihre Familie zu schützen und zusammenzuhalten, stehen im Mittelpunkt dieses düsteren Romans.

Die Erzählweise von Lynch ist bemerkenswert intensiv und hat mich tief in die beklemmende Atmosphäre des Romans gezogen. Allerdings macht die schwere Thematik das Buch schwer in einem Zug lesbar. Die ständige Konfrontation mit Diktatur, Bürgerkrieg, Flucht und den damit verbundenen Traumata kann erdrückend wirken, daher brauchte ich Pausen zum Durchatmen.

Ein Kritikpunkt von mir betrifft die Ankündigung des Buches: Die Beschreibung als „Porträt einer Familie am Rande der Katastrophe“ ist irreführend. Tatsächlich ist die Katastrophe längst eingetreten, und der Roman befasst sich mit den realen Folgen von Unterdrückung und Gewalt. Die Darstellung der gesellschaftlichen und politischen Zerrüttung geht weit über eine bloße Andeutung einer bevorstehenden Katastrophe hinaus.
Auch die Aussage, das Buch sei ein „Appell, die entstehenden autoritären Regime der Gegenwart zu bekämpfen“, trifft nicht ganz den Kern des Romans. Lynch konzentriert sich mehr auf die Auswirkungen des Bürgerkriegs und weniger auf den Aufstieg der tyrannischen Regierung. Somit bleibt der Aspekt der Warnung und des Appells eher implizit.

Trotz dieser Punkte ist „Prophet Song“ ein bedeutendes Buch, das wichtige Themen der Gegenwart anspricht. Es zwingt, sich mit den düsteren Realitäten von Tyrannei, Krieg, Flucht und sozialem Zerfall auseinanderzusetzen.

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Faszinierend

Das Pfauengemälde von Maria Bidian

„Das Pfauengemälde“ von Maria Bidian ist mir zuerst aufgefallen, weil es einem anderen gerade erschienen Roman vom Cover her erstaunlich ähnlich sieht. Nachdem ich angefangen hatte, zu lesen, wusste ich aber schnell, dass dies hier ein einzigartiges Debüt ist.

Zwei Jahre nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters beschließt Ana im Sommer nach Rumänien zu fahren, um ihre rumänische Familie zu unterstützen, enteigneten Familienbesitz zurückzubekommen.

Im Gegensatz zu ihrer Verwandtschaft, die hauptsächlich an der großen alten Familienvilla interessiert ist, möchte Ana das „Pfauengemälde“ finden, ein Erbstück, von dem ihr Vater oft geredet hatte. Vor Ort taucht sie einerseits in die Geschichte ihrer Familie und ihres Vaters im Kommunismus ein, andererseits gerät sie in die aktuellen Proteste für Demokratie.

Der Roman thematisiert so Fragen von Erinnerung, Identität, Wahrheit und Verantwortung. Bidian gelingt es dabei, diese Fragen in eine fesselnde Handlung einzubetten und diese in einer Weise zu erzählen, die einfühlsam, melancholisch, komisch, politisch und sehr persönlich ist.

Insgesamt war „Das Pfauengemälde“ ein überraschend packendes Debüt, das mich nicht nur sehr gut unterhalten und gefesselt hat, sondern auch sprachlich überzeugt und neugierig auf die Geschichte und aktuelle Politik Rumäniens gemacht hat, mit der ich mich noch nie beschäftigt habe. Eine klare Leseempfehlung für alle, die Anas Reflexionen über ihre rumänische Familie folgen möchten und Lust auf schöne Sprache haben!

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Zeitlos, grandios, erschütternd

Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens von Gabriele Reuter

Endlich, endlich, endlich habe ich diesen Roman gelesen, der seit Nicole Seiferts Empfehlung in „Frauenliteratur“ auf meiner Wunschliste stand – und ich wurde nicht enttäuscht. Dank der Neuauflage des Reclam Verlags konnte ich nun in Agathes Leben eintauchen. Mein Fazit: Ich bin restlos begeistert! Was für ein toller, mitreißender, tiefgründiger, zur Diskussion anregender Roman!

Gabriele Reuters „Aus guter Familie“ erzählt die Geschichte der jungen Agathe, die in der Enge der bürgerlichen Gesellschaft um 1900 aufwächst.

Es handelt sich dabei um einen ganz ungewöhnlichen Entwicklungsroman, denn Agatha wird von außen beständig an ihrer Entwicklung gehindert. Der Roman schildert dabei eindrucksvoll ihre innere Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Zwängen und den Erwartungen an Frauen ihrer Zeit. Agathes Entwicklung und ihr Schicksal werden so lebendig dargestellt, dass man tief in ihre Welt eintaucht und einerseits mit Agathe leidet und hofft, andererseits durch ihr Schicksal und das anderer geschilderter Frauenfiguren immer wieder wütend wird. Auch Reuters Schreibstil beinhaltet für mich schon alles, was die Moderne um 1900 so anziehend macht. Wie kann es sein, dass eine solch kraftvolle und bedeutende Stimme der Literaturgeschichte bisher so wenig Beachtung gefunden hat? Ich kann kaum nachvollziehen, warum ich im Studium der Literaturwissenschaft nicht von der Autorin gehört habe, auch in Material zu Literatur um 1900 kommt sie nicht vor.

Diese liebevoll gestaltete Neuauflage des Reclam Verlags kommt aber nicht nur inhaltlich, sondern auch äußerlich wunderbar daher. „Aus guter Familie“ wird definitiv einen Ehrenplatz bei mir finden. Insgesamt ist dieser Roman ein Muss für alle Literaturfans. Er fordert heraus, regt zur Diskussion an und bleibt lange im Gedächtnis. Gabriele Reuter verdient es, aus der Vergessenheit hervorgeholt und neu entdeckt zu werden. Ich kann „Aus guter Familie“ nur wärmstens empfehlen.

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