Kunden em pfehlungen
Rezensionen von carola1475:
Verstörender und eindrücklicher Psychothriller
Seltsame Sally Diamond von Liz Nugent
Als ihr Adoptivvater stirbt, verbrennt Sally Diamond seinen Körper wie den Hausmüll, so wie er vorgeschlagen hatte. Dass das nur ein Scherz war, hatte sie nicht verstanden. Sally ist 42 und hat abgesehen von ihre Eltern ohne soziale Kontakte gelebt, sie weist autistische Züge auf, sie ist anders, aufmerksam, aber emotionslos, in Gesprächen ist sie unverblümt und geradeheraus.
Ihre Erinnerungen reichen nicht weiter zurück als bis zu ihrem siebten Lebensjahr.
Durch hinterlassene Briefe ihres Vaters erfährt Sally die Geschichte ihrer Kindheit und ab dem zweiten Teil des Buchs kommt mit Peters Perspektive eine weitere Erzählebene hinzu, die Jahrzehnte vorher einsetzt und ebenfalls Einzelheiten aus Sallys Vergangenheit offenbart.
Liz Nugent schreibt aus Sallys und Peters Ich-Perspektiven, ihr Schreibstil ist eindringlich und fesselnd, ihre Beschreibungen sind nüchtern und nicht wertend. Besonders der Handlungsstrang der Vergangenheit ist spannend, teilweise verstörend, emotional und bedrückend sind beide Perspektiven.
Sally erfährt Unterstützung und Hilfe nach dem Tod des Vaters, sie bemüht sich und beginnt, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen und zu vertrauen. Sie wird in ihrer Entwicklung aber auch wieder zurückgeworfen, wenn ihre Vergangenheit sie einholt. Die Autorin beschreibt diesen Prozess glaubhaft und nachvollziehbar.
'Seltsame Sally Diamond' beschreibt eine tragische Geschichte und zeigt eindrücklich, wie Grausamkeit und Manipulation Traumata verursachen, die beschädigte Menschen schaffen und Leben zerstören. Der tiefgründige Thriller hat mich sehr bewegt und Sally Diamond lässt mich auch nach Beenden des Buchs noch nicht los.
Ein beeindruckender Ermittler sorgt für Lesevergnügen
Ein unglücklicher Tod von Peter Grainger
Detective Sergeant Smith ist seit 30 Jahren im Dienst und kehrt nach einer Woche Freistellung in Folge einer umfangreichen internen Ermittlung zur Arbeit zurück. Seine Vorgesetzten hatten gehofft, er würde sich jetzt in den Ruhestand verabschieden, aber der unbequeme Mitarbeiter bleibt. Smith gilt als schwierig, er arbeitet akribisch und ermittelt unkonventionell.
Zunächst soll er den Routinefall eines ertrunkenen Teenagers abschließen, der dann jedoch eine unerwartete Entwicklung nimmt. Und man drückt ihm den jungen Chris Waters zur Einarbeitung aufs Auge. Erfreulicherweise ergänzen die beiden Ermittler einander und arbeiten gut zusammen.
Smith hat eine gute Menschenkenntnis, er ist zugewandt und ehrlich, gleichzeitig geschickt bei Befragungen. Der erfahrene Detective ist desillusioniert, seine Loyalität gehört Opfern und ihren Angehörigen, während er am britischen Strafjustizsystem Kritik übt. Der Autor schafft mit DC Smith eine komplexe, interessante Figur, über die ich im Lauf der Geschichte immer mehr erfahre, wobei manches überrascht. Auch Nebenfiguren erscheinen authentisch, die Charaktere haben eine Geschichte, die sie nahbar und realistisch macht.
Dank Smiths Können entwickeln sich die Ermittlungen spannend und dem Autor gelingt es, auch reale politische Hintergründe glaubhaft in die Geschichte zu verweben.
Peter Grainger schreibt lebendig, unaufgeregt und humorvoll, besonders bei Smiths Dialogen. Der gewitzte Detective Sergeant neigt dazu, jede Kritik seiner Vorgesetzten an sich abprallen zu lassen und schlagfertig darauf zu antworten. Smith ist ein überzeugender Protagonist, so beeindruckend wie einnehmend. Der gut durchdachte Krimi mit dem atmosphärischen, zum Fall passenden Cover ist angenehm zu lesen, lässt mich eigene Vermutungen über den Fall anstellen und macht Spaß.
Bereits 2013 wurde das Buch im Selbstverlag veröffentlicht und war bei Lesern wie Kritikern schnell erfolgreich. Der Autor hat inzwischen 17 Bände um DC Smith geschrieben und zu meiner Freude wird schon im September 2026 der zweite Band auf deutsch bei Diogenes erscheinen.
Konnte mich nicht überzeugen
Home Story von Cleo Konrad
Anwältin Eva wird von ihrer Ziehschwester Blossom um Hilfe gebeten, als neben dem Steingruberhof eine Tote gefunden wird. Zum ersten Mal seit 13 Jahren und mit gemischten Gefühlen kehrt Eva auf den Hof zurück, auf dem auch sie aufgewachsen ist. Die Bewohner des Hofs bilden eine eingeschworene Gemeinschaft, sind Aussteiger oder haben wegen Problemen mit der Welt hier Zuflucht gefunden und sind Eva und ihren Fragen gegenüber zurückhaltend.
Aus verschiedenen, abwechselnden Perspektiven lerne ich das arbeitsreiche Leben auf dem Hof kennen, auch gemeinschaftliche Gewohnheiten werden beschrieben, Sorgen und Erinnerungen verleihen den Figuren Tiefe. Wobei Wilma, Evas Mutter, gleichzeitig Gründerin und Leiterin der Hofgemeinschaft, durch ihre nicht eingestandene Demenz zur unzuverlässigen Erzählerin wird.
Sehr hilfreich ist der Plan des Hofgeländes vorne im Buch und auch das Personenregister zu Beginn, zu dem ich anfangs oft zurückblättern musste. Durch die detaillierte Beschreibung der Wege, die die Charaktere bei ihrer jeweiligen Arbeit und im Laufe des Tages zurücklegen, wird die Geschichte jedoch auch sehr verlangsamt und mein Lesefluss durch die häufigen Perspektivwechsel oft unterbrochen. Die prekäre Situation der Hofbewohner, ihre Unsicherheit, nicht bereinigte Konflikte und die Bedrohung der Ernte durch die schon lang anhaltende Dürre tragen zur beklemmenden Atmosphäre auf dem Hof bei.
Schon im Prolog und immer wieder gibt es kurze Passagen einer Person in Not, die für Spannung sorgen, anders als die teilweise verwirrenden gefühlsbestimmten Überlegungen einiger Protagonisten.
Cleo Konrads Schreibstil ist angenehm zu lesen, dennoch fand ich 'Home Story' langatmig bis zur Auflösung, die dann einige Überraschungen bereit hält. Für mein Empfinden kamen Enthüllungen und Wendungen leider zu spät, um mich für die Geschichte zu begeistern, so dass 'Home Story' von mir drei Sterne bekommt.
Was nicht in meine Bewertung einfließt, aber dennoch erwähnt werden soll: die verwendete Schriftart finde ich zu klein und zu blass, das Lesen wird dadurch unnötig erschwert.
Ein wunderbares Buch über Freundschaft, Liebe und Hoffnung
Freunde fürs Leben von Fredrik Backman
Seit ihrer Kindheit ist die fast 18jährige Louisa fasziniert von C. Jats Gemälde 'Das vom Meer', weniger vom Ozean als von den drei Jungen, die ganz klein am Rand des Bildes zu sehen sind. Eine Postkarte des Gemäldes gehört zu ihrem wertvollsten Besitz und sie schafft es, das Bild bei einer Auktion im Original zu sehen.
Als sie auf einen Freund des Künstlers trifft, begleitet sie ihn kurzentschlossen auf seiner Reise in die Kleinstadt am Meer und erfährt von ihm auf der langen Zugreise von dem Sommer der Jugendlichen vor 25 Jahren.
Wie diese Teenager kennt Louisa Einsamkeit, Schmerz und Verlust, ihre einzige Freundin ist tot und auch die Freunde damals sind Außenseiter, anders als andere, mit deprimierender Kindheit und zweifelhafter Zukunft, ohne Selbstwertgefühl, aber sie schöpfen Kraft durch ihre Freundschaft und Verbundenheit, können miteinander lachen und in den Sommerferien lange Tage am Meer zusammen verbringen.
Backman kann das Lebensgefühl von Teenagern erstaunlich gut vermitteln, er lässt seine Figuren lebendig werden, sie sind authentisch und berühren mich, und viele Dialoge sind sehr witzig. Der Autor schreibt emotional, eindringlich und humorvoll und vermittelt mit einfachen Worten viel Lebensweisheit. Er teilt auch seine Ansicht über die Bedeutung von Kunst mit mir.
Was in der Gegenwart passiert und Ereignisse des damaligen Sommers werden abwechselnd erzählt. Backman macht Andeutungen und greift voraus, und ich bin überrascht, wenn sich die Geschichte dann doch anders entwickelt als erwartet. Ich fand es durchgehend schwierig, eine Lesepause einzulegen, weil mich 'Freunde fürs Leben' von Anfang bis Ende gefesselt hat.
Das sommerliche Cover vermittelt Unbeschwertheit und Leichtigkeit und zeigt so nur einen Teilaspekt der bewegenden Geschichte, die vielleicht Backmans bester Roman bisher ist. Ich empfehle 'Freunde fürs Leben' jeder Leserin, jedem Leser, denn wir alle brauchen Zuversicht, Hoffnung und den Glauben an die Kraft, die uns Freunde geben.
Unterhaltsam, skurril und schräg, mit liebenswerten Figuren
What about the bodies von Ken Jaworowski
In der Kleinstadt Locksburg, Pennsylvania, werden Carla, Reed und Liz unvermittelt aus ihrem Alltag gerissen und mit einem Problem konfrontiert. Je mehr jede der drei Hauptfiguren versucht, alles richtig zu machen, desto mehr geht schief.
Die drei Handlungsstränge, jeweils aus der Ich-Perspektive erzählt, beginnen unabhängig voneinander, treffen jedoch irgendwann aufeinander, wie das auch im wirklichen Leben in einer Kleinstadt ist, in der jeder jeden kennt und man sich immer mal wieder über den Weg läuft.
Sehr gut gefallen hat mir auch, wie realistisch Locksburg beschrieben wird, das seit dem Ende des Bergbaus seine besten Zeiten hinter sich hat.
Abwechselnd begleite ich die Protagonist.innen bei ihrem Versuch, alles wieder in Ordnung zu bringen und die Kontrolle zurück zu gewinnen und erlebe jede Eskalation mit wachsendem Entsetzen. Alle drei Charaktere sind sympathisch und liebenswert, Carla ist Mitte 40, hat einen studierenden Sohn und ist mit dem Bau eines eigenen Restaurants beschäftigt, Liz ist 30, Singer-Songwriter, talentiert, aber erfolglos, und hat nun endlich die Chance, sich einer Produzentin in Nashville vorzustellen und Reed, Anfang 20, hat gerade seine Mutter verloren. Reed hat eine Störung im Autismus-Spektrum und ist mit seiner Empathie, Logik und vor allem seiner Herzensgüte meine Lieblingsfigur.
Ich teile Gedanken und Gefühle der Charaktere und auch durch Erinnerungen und Rückblicke werden die Protagonisten immer greifbarer. Ich habe die überraschende und auch spannende Entwicklung ihrer Geschichten zunehmend beunruhigt verfolgt. Auch Nebenfiguren erscheinen glaubhaft und authentisch.
Ken Jaworowskis Sprache ist den verschiedenen Charakteren angepasst, sein unaufgeregter Schreibstil ist angenehm zu lesen, schwarzer Humor, Sprachwitz und Situationskomik haben mich auch laut lachen lassen, oft musste ich schmunzeln. Gleichzeitig sind seine Protagonisten und ihre Geschichten berührend und am Ende habe ich sehr bedauert, die drei nicht weiter begleiten zu können.
Der Pendragon Verlag hat mit der Entscheidung, Ken Jaworowski erstmalig auf deutsch zu verlegen, ein gutes Gespür bewiesen und ich würde mich über weitere deutsche Veröffentlichungen des Autors freuen.
Fesselnd und bewegend
Was zum Tode führt von Nicole Eick
Auch im dritten Kriminalroman um die Bamberger Kommissare Alfred Meister und Dominique Brodbecker schreibt Nicole Eick über ein im öffentlichen Bewusstsein kaum vorhandenes und wenig beachtetes Thema.
Als skelettierte Überreste eines Menschen im abgelegenen Hauptsmoorwald gefunden werden, führen Ermittlungen zu einem Mann aus Thüringen, der vor zwei Jahren vorübergehend als vermisst gemeldet worden war.
Die Geschichte dieses Mannes, Maik Frieling, der nach 50 Jahren seine Familie wiedergefunden hatte, erfahren wir durch Tagebucheinträge, in denen er seine erschütternden Erlebnisse in Jugendwerkhöfen der DDR schildert. Die Beschreibungen sind so drastisch und anschaulich, dass ich wiederholt eine Lesepause einlegen musste.
Sehr gut recherchiert beschreibt die Autorin nicht nur die grausamen Vorgänge in den Jugendwerkhöfen, sondern auch das menschenverachtende Vorgehen der DDR-Behörden gegenüber ihren Bürgern, was zu lebenslangen Traumata führte, am Beispiel von Maiks Familie wird das sehr deutlich. Auch deren glaubhafte Emotionen haben mich sehr berührt.
Nicole Eick schreibt klar und angenehm zu lesen, auf Seiten der Ermittler gibt es durchaus humorvoll Szenen und Dialoge, wobei Alfred und ebenso Dominique im Moment eine psychisch schwierige Phase durchleben. Die Ermittler wie auch andere Charaktere sind realitätsnahe und glaubwürdige Figuren, die mühsamen Ermittlungen und ihre lange unbefriedigenden Erkenntnisse werden realistisch dargestellt. Die Atmosphäre ist eindringlich und bedrückend, da häufig aus Opferperspektive erzählt wird.
Wieder ist der Autorin ein fesselnder, tiefgründiger und bewegender Kriminalroman mit authentischen Charakteren gelungen, den ich besonders Lesern mit Interesse an deutscher Zeitgeschichte empfehlen kann.
Spannend und atmosphärisch bis zur wenig überzeugenden Auflösung
Weil sie lügt von Caroline Seibt
Annas Schwester Juli ist seit anderthalb Jahren verschwunden, der Vater ist seit einigen Monaten in Untersuchungshaft und Anna kümmert sich allein um den siebenjährigen Bruder Leon, da de Mutter psychisch krank und eher zusätzliche Belastung als Hilfe ist. Als der Vater angeblich einem Mithäftling gegenüber den Mord an Juli gesteht, werden die Ermittlungen wieder aufgenommen.
Anna vertraut der Polizei nicht und versucht selber, den Täter zu finden. Sie trägt schwer an all der Verantwortung, die sie übernommen hat und bewegt sich oft am Rande eines Zusammenbruchs.
Erzählt wird nicht nur aus Annas Ich-Perspektive, sondern abwechselnd auch aus der der Ermittlungsleiterin Katharina. Ich teile beider Gedanken und Gefühle und kann so den Fall um Julis Verschwinden von verschiedenen Seiten betrachten. Katharina ist mir sympathisch, sie scheint eine gute Ermittlerin zu sein, sie ist ein Teamplayer und hat Mitgefühl für Anna. Ich bekomme auch Einblicke in ihr Privatleben.
Caroline Seibt schreibt bildhaft und eindringlich, sie legt falsche Fährten und lässt Anna gedankliche Andeutungen machen, die mich Theorien aufstellen und bald wieder verwerfen lassen, wenn es wieder eine überraschende Wendung gibt. Kapitel enden oft mit Cliffhangern, die es schwierig machen, eine Lesepause einzulegen.
Die Geschichte ist emotional und es herrscht eine düstere und deprimierende Atmosphäre, nicht nur, wenn Annas Zuhause der Schauplatz ist. Die Verlassenheit und fehlende Unterstützung einer Familie in derartiger Situation stellt die Autorin glaubhaft dar.
Die Auflösung ist unerwartet, sehr konstruiert und es bleiben Fragen unbeantwortet. Dennoch hatte ich spannende Lesestunden mit 'Weil sie lügt' und ich habe den Thriller größtenteils gern gelesen.
Erschreckende Aussichten
Code Null. Dieses Spiel kennt keine Regeln von Florian Schwiecker
Aktueller kann ein Buch über die Bedrohung durch Cyberterrorismus nicht sein, wenn ich mir die derzeitige Berichterstattung über Anthropics Claude Mythos anschaue.
In 'Code Null' wird die EU von einer Gruppe namens Timeout erpresst, Cyberterroristen, die sich Zugang zum Galileo-Satellitensystem verschafft haben und zur Demonstration Navigationssysteme in Berlin an einem Sonntagnachmittag sekundenlang ausfallen lassen.
Auf Galileo verlassen sich viele Teile der Infrastruktur, darunter das Transportwesen, die Energieversorgung, die Finanzmärkte. Die Gefahr durch Timeout wird schnell erkannt und Ermittlungen aufgenommen, in die der Autor reale und auch fiktive Institutionen einbindet.
Die sozial zurückhaltende aber geniale Hackerin Charlie versteht als Erste Vorgehen und Plan der Terroristen und wird mit ihrer selbstlernenden Künstlichen Intelligenz KIM Teil der Ermittlungsgruppe.
Florian Schwiecker versieht die wichtigsten Charaktere mit einem Hintergrund, dennoch bleiben für mich die Figuren auf Distanz, ich finde sie wenig greifbar. Zu viel läuft bei ihnen im Kopf ab statt in der Interaktion mit anderen.
Sehr klar wird jedoch, wie schwierig die Entscheidung ist, jemandem zu vertrauen, um so mehr, wenn es um Macht und Geld geht. Und auch auf technologischer Basis: wie sehr kann man einer selbstlernenden KI vertrauen, die möglicherweise irgendwann den ihr gesteckten Rahmen ignoriert?
Der Autor hat bereits erfolgreiche Justiz-Krimis zusammen mit Michael Tsokos geschrieben und beginnt mit 'Code Null' eine eigene, neue KI-Thriller-Reihe. Schwiecker hat beruflich mit IT zu tun und kennt sich aus, was zur sehr ausführlichen Beschreibung des technischen Hintergrunds von 'Code Null' führt und mir gelegentlich etwas zu viel war.
Aus verschiedenen Erzählperspektiven wird die Gefahr von Cyberterrorismus gut verständlich beschrieben, wohl noch erschreckender ist die mögliche Entwicklung eines Selbst-Bewusstseins von KI und daraufhin entstehender Gefühle.
Ich habe den beängstigenden Tech-Thriller mit seinen unerwarteten Wendungen gern gelesen. Ein Glossar hätte ich mir noch gewünscht. Ich vergebe 3,5 Sterne.
Überzeugender Mix von spannendem Krimi und fesselnder Phantastik
A Drop of Corruption von Robert Jackson Bennett
Dinios Kol, Gehilfe der so brillanten wie exzentrischen Ermittlerin Ana Dolabra, und seine Chefin werden zu einem unerklärlichen Mordfall gerufen. Ein Angehöriger des imperialen Schatzamtes war aus seinem verschlossenen Zimmer in Yarrow verschwunden und seine Überreste fünf Tage später gefunden worden.
Dolabra arbeitet am liebsten in ihrem Zimmer und trägt meistens eine Augenbinde, um sich vor Reizüberflutung ihres Verstandes zu schützen. Kol ist ein biologisch manipulierter und organisch verbesserter Gravierer, er erinnert alles, was er sieht und hört und führt für die Ermittlerin Befragungen und Begehungen durch, aus denen sie ihre Schlüsse zieht.
Das Verbrechen hat sich in Yarrow ereignet, einem Königreich, dessen baldiger Beitritt zum Imperium vor fast 100 Jahren vereinbart wurde. Durch Vergleiche zwischen Yarrow und dem Imperium kann ich mir ein immer besseres Bild vom imperialen Reich machen, das hatte mir im Vorgängerband 'The Tainted Cup' etwas gefehlt. In 'A Drop of Corruption' wird der Weltenbau für mich vollständiger. Über gesellschaftspolitische Themen habe ich genau so gern gelesen wie über die Khanum, aus denen das militärisch strukturierte Imperium hervorgegangen ist und dessen Grundlage die alljährliche Abwehr von Leviathanen aus der See bleibt, die Forschung an den getöteten Ungeheuern und die Gewinnung all der wichtigen Reagenzien, die unverzichtbar sind für das Imperium.
Genau so fesselnd wie die phantastische Geschichte ist der komplexe Krimifall. Der Täter ist den Ermittlern stets mehr als nur einen Schritt voraus und die Untersuchung bringt Dolabra an ihre Grenzen. Ihre Schlussfolgerungen sind genial und haben mich wiederholt überrascht. Die bedrohliche Atmosphäre der Geschichte steigert sich sogar noch bis zum Ende und das Buch bleibt spannend bis zum Schluss.
Robert Jackson Bennett schreibt flüssig und angenehm zu lesen, er beweist Kreativität und Humor, etwa beim Auftreten der Figur Malo oder bei der Benennung von schnell wachsenden Pflanzen (Hastranken) oder leistungssteigernden Plantaten (Schnelltrieb). An dieser Stelle auch ein Lob an die Übersetzer Karla und Jakob Schmidt.
Erzählt wird aus Kols Ich-Perspektive, so dass ich seine Gedanken und Gefühle teile, diesmal erfahre ich auch mehr über seine Vergangenheit. Der Protagonist entwickelt sich im Lauf der Geschichte und auch das Verhältnis zwischen Kol und Dolabra verändert sich. Ebenso glaubhaft werden Nebencharaktere beschrieben, die Figurenzeichnung gefällt mir gut, nur Dolabras häufiges derbes Fluchen stört mich etwas.
'A Drop of Corruption' hat mich mit seiner Kombination aus spannendem Krimi und faszinierender Phantastik überzeugt und mir ein packendes Lesevergnügen bereitet. Ich freue mich auf einen weiteren Band der Reihe.
Sehr spannend und für mich der beste Band der Art-Mayer-Serie
Im Morgengrauen von Marc Raabe
Bundeskanzler Henrik Westphal ist seit 8 Tagen spurlos verschwunden und Art Mayer gehört nicht zu den 150 BKA-Ermittlern, die mit dem Fall befasst sind, trotzdem macht er sich Sorgen um Juli Westphal, seine Jugendliebe. Im Kanzleramt ringt man um den richtigen Umgang mit der Krise, denn vor einigen Wochen tauchten in den Social Media Videos einer jungen Frau auf, die von ihrem Verhältnis mit dem Kanzler erzählt.
Als in einem Berliner U-Bahntunnel eine kopflose Leiche gefunden wird, die das gleiche auffällige Tattoo wie die Vloggerin Kessy auf dem Unterarm hat, ermitteln Art Mayer und seine Partnerin Nele Tschaikowski, die nach ihrer Elternzeit seit kurzem wieder arbeitet.
Obwohl der eigenwillige Art niemanden an sich heran lässt, führen der Alltag mit quasi-Pflegetochter Milla und der Kontakt zur jungen Leo dazu, dass Art sich zumindest Gedanken über soziale Beziehungen macht, während Neles Vertrauen in ihren Lebensgefährten erschüttert wird. Mit Nele und auch durch Arts Gespräche mit Milla und Leo bekomme ich eine Ahnung davon, wie es in Mayer aussieht. Die Charaktere entwickeln sich und gewinnen noch mehr Tiefe, auch Hendrik Westphal wird durch Kessys Aufzeichnungen greifbarer. Ebenfalls glaubhaft ist die Figurenzeichnung der Nebendarsteller.
Immer wieder nimmt die Geschichte Bezug auf Ereignisse der Vorgängerbände, so dass ich dringend empfehle, die Reihe von Band Eins an zu lesen. Ohne Vorkenntnisse halte ich es auch für schwierig, die Beziehungen der Figuren zueinander zu verstehen.
Marc Raabe schreibt lebendig und bildhaft, fast filmisch, Kapitel enden meist mit Cliffhangern, die es schwierig machen, eine Pause einzulegen. Der Schreibstil ist schnell und leicht zu lesen, die Handlung ist fesselnd, gesellschaftspolitisch aktuell und von Beginn an durchgehend spannend. Der Autor erzählt aus verschiedenen Perspektiven und auf zwei Zeitebenen, beide gleichermaßen mitreißend und mit unerwarteten Wendungen. Die Auflösung war für mich überraschend und das Ende ein runder Abschluss.
Das Cover finde ich passend zur Geschichte unheilverkündend, vom Motiv und der Farbwahl her reiht es sich perfekt in die Serie ein. Ich kann 'Im Morgengrauen' unbedingt empfehlen, Marc Raabe ist mit dem vierten Art-Mayer-Band ein Thriller-Highlight gelungen.











