Kunden em pfehlungen
Rezensionen von carola1475:
Überraschend, schräg und sehr unterhaltsam
Nichts wie weg von Stefan Slupetzky
Vera Baum verliert plötzlich ihren Geruchs- und Geschmackssinn. Für die Zuckerbäckerin, die sich in der Küche ihres Cafés auslebt und verwirklicht, bricht eine Welt zusammen. Und dann erwischt sie auch noch ihren Mann und ihre beste Freundin in flagranti.
Als sie verstört und voller Selbstmitleid durch Wiens Straßen irrt, stößt sie auf den gerade aus der Haft entlassenen finnischen Geldfälscher Onni Vitala, dem von zwei albanischen Ganoven fehlerhaftes Falschgeld gestohlen wurde, das er zurückholen und entsorgen will.
Diese zufällige Begegnung entwickelt sich zu einer so anrührenden wie überraschenden Geschichte.
Stefan Slupetzky schreibt bildhaft und sprachgewandt, sein trockener Humor und sein Wortwitz haben mich nicht nur schmunzeln, sondern bei manchen Szenen voller Situationskomik auch lachen lassen, während tiefsinnige Aussagen an anderen Stellen mich innehalten und nachdenken ließen.
Der Autor ist seinen Figuren zugewandt und macht sie mit ihrem jeweiligen ungewöhnlichen Hintergrund zu glaubwürdigen und liebenswerten Protagonisten, deren Handeln durchaus mal überrascht, aber auch plausibel ist. Die Charaktere trauen sich was und es hat mir viel Spaß gemacht zu verfolgen, wohin das alles führt.
'Nichts wie weg' mit dem passenden, Fernweh weckenden Cover hat mir sehr gefallen, für schöne Lesestunden gesorgt und mich bestens unterhalten. Ich freue mich, Stefan Slupetzky als für mich neuen Autor entdeckt zu haben.
Humorvoll, skurril und spannend
Vienna Falling von Fabian Navarro
Der Titel von Navarros neuem Roman hat mich neugierig gemacht und sofort an Falcos 'Vienna calling' denken lassen und tatsächlich haben Buch und Song auch Themen gemeinsam.
Der deutsche Tourist Jürgen Weber stürzt in den Spalt vor dem Stephansdom, der sich nach einem starken, aber örtlich sehr begrenzten Erdbeben aufgetan hat.
Die Ursache des Bebens gibt Rätsel auf. Jürgens Frau Renate fühlt sich von den Behörden allein gelassen und versucht einfallsreich und zielstrebig auf eigene Faust, ihren Mann wieder zu finden, nachdem sie den ersten Schock verarbeitet hat. Renate erhält bald doch noch Hilfe und Unterstützung durch den semi-seriösen Geisterjäger Reinhold, Elif von der Wiener Stadtverwaltung, Irina aus dem Landesarchiv und der Pfannenzauber Community, einem Koch- und Backforum, in dem auch Renate Rezepte und ihre unschönen Erfahrungen in Wien teilt. So unterschiedlich wie die Figuren sind auch die wechselnden Perspektiven, aus denen die schräge Geschichte erzählt wird. Sehr witzig fand ich, dass sich manche der Charaktere auch in ganz anderem Zusammenhang kennen, was sich erst allmählich erschließt.
Fabian Navarro macht in 'Vienna falling' die Stadt selbst zu einer Hauptfigur, vermittelt einen faszinierenden Aspekt der Wiener Stadtgeschichte, erklärt Kaffeehaus-Besonderheiten, teilt Rezepte, nimmt Wiener und Piefkes gleichermaßen aufs Korn, lässt die Protagonistin sich entwickeln und verleiht jeder Perspektive nicht zuletzt durch die jeweils passende Sprache Glaubwürdigkeit und Authentizität. Dabei bleibt der Schreibstil immer humorvoll, lebendig, bildhaft und angenehm zu lesen.
Obwohl für mich am Ende noch kleinere Fragen offen bleiben, hat mir 'Vienna falling' mit seinem auffälligen, passenden Cover und seiner ungewöhnlichen, skurrilen und überraschenden Geschichte gefallen und mich sehr gut unterhalten. Fabian Navarros erster Roman mit menschlichen statt tierischen Protagonisten ist gelungen und bekommt von mir 4,5 Sterne.
Kann ein pandemischer Virus auch eine Chance sein?
All Better Now von Neal Shusterman
Die nächste Pandemie nach Corona hat eine höhere Sterberate, aber wer Crown Royale überlebt, ist glücklich und zufrieden, ist ein gütiger Mensch geworden, der in sich ruht und anderen mit Empathie begegnet. Das Konsumverhalten der Genesenen ändert sich radikal, Sachen werden repariert statt neu gekauft, 2nd Hand ist angesagt.
Wirtschaftsbosse und Ökonomen sind alarmiert und versuchen, die Genesenen zu diskreditieren, sie setzen Fake News und Gerüchte in die Welt, während Wissenschaftler im Geheimen an einem 'Gegenmittel' arbeiten.
Erzählt wird dieser Near Future Science Fiction Roman aus mehreren Perspektiven, die Crown Royale von verschiedenen Seiten beleuchten, seine Vorzüge, Risiken und mögliche Folgen aufzeigen. Die pragmatische Mariel hat ihre Mutter an den Virus verloren und würde sich auch gern anstecken, um endlich glücklich zu sein, der depressive Rón gehört zu einer Risikogruppe und ist das Sorgenkind seines reichen Vaters, die clevere und ehrgeizige Morgan hat sich das Ziel gesetzt, Crown Royale von der Erde zu tilgen.
Die Charaktere sind unterschiedlich glaubwürdig ausgearbeitet, die Liebesbeziehung der beiden Jugendlichen Mariel und Rón hat mich nicht überzeugt, anders als ihre Zweifel und Hoffnungen. Ihre Überlegungen regen mich an, über meinen eigenen Standpunkt nachzudenken.
Die Geschichte ist packend und überraschend, häufige Perspektivwechsel tragen zur Spannung bei. Neal Shusterman schreibt flüssig, bildhaft und mit feinem Humor, übt Gesellschaftskritik und spricht wichtige Fragen nach Glück, Zusammenhalt, einem wünschenswerten Miteinander an. Indem er Begriffe benutzt, die uns allen durch die Corona-Zeit geläufig sind, erscheint 'All better now' sehr realistisch und ich finde es mutig vom Autor, seine Geschichte in einer weiteren Pandemie anzusiedeln.
Nach der Vollendet-Reihe und der Scythe-Trilogie hat mir auch dieser Jugendroman mit seinem auffälligen blau-gelben und passenden Cover wieder sehr gut gefallen, ich vergebe 4,5 Sterne und freue mich auf den zweiten Teil der Dilogie.
Den Verlust akzeptieren
Eden von Jan Costin Wagner
Kerstin und Markus haben ihre 12jährige Tochter Sofie bei einem Selbstmordattentat verloren. Die vorher glückliche Familie ist zerstört, beide Eltern sind verloren und voller Schmerz. Während Kerstin nach einiger Zeit Sofies Tod akzeptiert und erkennt, dass sie sich ein ganz neues Leben aufbauen müssen, auch wenn sie nicht weiß, wie das gelingen soll, ist Markus außerstande, Sofies Tod zu begreifen und wahrzuhaben.
Er versucht, die Ereignisse rational zu verstehen, besucht sogar die Familie des Attentäters, um dessen Beweggründe analysieren zu können. In einer Talkshow wehrt Markus sich gegen die politische Instrumentalisierung seines Schicksals.
Jan Costin Wagner widmet sich in 'Eden' erneut einem schwierigen Thema, schreibt über Menschen im Ausnahmezustand. Dabei erzählt er aus den verschiedenen Perspektiven aller Beteiligten, auch der Täter kommt zu Wort, der etwas Großes vollbringen, endlich gesehen und bewundert werden wollte. Der Autor beschreibt, ohne zu werten, wie der jungen Mann zum Attentäter wurde.
Die Charaktere werden lebendig durch ihre Gedanken, Erinnerungen und Dialoge, die Gefühle transportieren. Alle Figuren haben mich berührt, besonders auch Sofies achtsamer Schulfreund Tobias, der durch Sofies Tod verstört ist und der unter der Atmosphäre zu Hause leidet, die sein Vater mit Verschwörungstheorien und rassistischen Gedanken vergiftet.
Jan Costin Wagner schreibt klar und schnörkellos, dennoch intensiv. Er kann mit einfachen, wenigen Worten Gefühle vermitteln, die mich treffen und die ich verstehe. Auch nach Beenden des Buchs bleiben mir Trauer, Mitgefühl und Hilflosigkeit.
Besonders gut gefällt mir die Gestaltung des Covers. 'Eden', das Paradies, ist als Einheit zerstört, in der Mitte durchtrennt und wenn man das Wort unten links entgegen des Uhrzeigersinns zu lesen beginnt, steht da 'Ende' - vielleicht vor dem zarten Schemen der tanzenden Sofie. Sehr gelungen und zum Roman perfekt passend.
Komplexer und spannender Thriller mit ungewöhnlichem Hintergrund
Schwüre, die wir brechen von Roman Voosen; Kerstin Signe Danielsson
Ein Toter mit dem Kopf eines Krokodils ist nur das erste Opfer, das mit einem angenähten Tierkopf gefunden wird. Jon Nordh würde den Fall lieber abgeben, er weiß, wie psychisch belastend derart abartige Fälle sein können, während Svea sich gern beweisen würde.
In diesem zweiten Band der 'Tatort Malmö'-Reihe ist aus dem verwitweten und alleinerziehenden Jon Nordh und der jungen, aus Stockholm strafversetzten Svea Karhuu ein gutes Team geworden.
Svea schätzt den erfahrenen Jon inzwischen, sie hat viel von ihm gelernt und Verständnis für seine auch schroffe Art entwickelt, für Jon ist Svea, klug, strukturiert, analytisch, zu einer guten Partnerin geworden, auf die er sich verlassen kann.
Das düstere Cover passt zur bedrohlichen Atmosphäre der Geschichte, in der die altägyptische Götterwelt und Nachrichten in Form von Hieroglyphen eine Rolle spielen, ein ungewöhnliches und für mich sehr interessantes Thema für einen Thriller.
Erzählt wird auf verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen aus wechselnder personaler Perspektive der Protagonisten und eines weiteren Charakters, die in eine erschütternde Geschichte münden. Der Schreibstil ist bildhaft, klar, lebendig und sprachgewandt, sehr angenehm zu lesen. Die Figurenzeichnung ist auch bei Nebencharakteren gelungen, die Hauptfiguren entwickeln sich und sind nahbar und authentisch, das Verhältnis von Privatleben einerseits und Ermittlungsarbeit andererseits gefällt mir.
Der Thriller ist spannend und komplex, Voosen und Danielsson legen falsche Fährten und überraschen mit unerwarteten Wendungen, die mühsamen Ermittlungen des Teams werden glaubhaft geschildert. Gelegentlich fassen die Ermittler, eigentlich für ihre Kollegen, den Stand der Dinge zusammen, das empfand ich als hilfreichen Kniff der Autoren, damit der Leser den Überblick behält, sehr gut gemacht!
Immer wieder gibt es Rückblicke in Sveas und Jons Vergangenheit, so dass ich empfehlen würde, den ersten Band bereits zu kennen. Neue Erkenntnisse zu zurück liegenden Ereignissen, die beider Leben verändert haben, tragen neben dem aktuellen Fall ebenfalls zur Spannung bei und lassen mich erwartungsvoll auf einen weiteren Band der Reihe hoffen. 'Schwüre, die wir brechen' hat mir noch besser gefallen als der erste Band der Reihe und hat mich bestens unterhalten.
Spannender Krimi um ein brisantes und aktuelles Thema
Eisfeld – Dunkle Enthüllungen von Steffen Weinert
Der bekannte und angesehene Investigativ-Journalist Peter Hester wird mitten in der Stadt Opfer eines tödlichen Anschlags und Kriminalhauptkommissarin Mara Eisfeld vom LKA Berlin übernimmt die Ermittlungen. Die Boulevardpresse hat sich schnell auf die Tiznit-Drogenbande als Drahtzieher eingeschossen, deren Kopf aufgrund von Hesters Recherchen im Gefängnis sitzt, doch Eisfeld und ihr Team lassen sich nicht unter Druck setzen und verfolgen ermittelte Spuren und Hinweise unvoreingenommen.
Erschwerend kommt hinzu, dass niemand weiß, woran Hester aktuell gearbeitet hat.
Ich hatte keine Verständnisschwierigkeiten, mit diesem zweiten Band in die Reihe einzusteigen, kurze Rückblicke zu früheren Ereignissen haben mir geholfen, die kollegialen Strukturen des Ermittlerteams besser zu erkennen. Die Figurenzeichnung ist glaubwürdig, besonders Mara ist sehr nahbar mit ihrer privaten Situation. Beruflich ist sie kompetent, teamfähig und unerschrocken, im Privatleben etwas chaotisch und mit der Trennung von ihrem Mann und der Organisation des Alltags des 4jährigen Sohnes manchmal überfordert. Der Autor findet eine gute Balance zwischen Berufsleben und privaten Konflikten, auf beiden Ebenen blieb ich immer gespannt, wie es weiter geht.
Steffen Weinert schreibt lebendig, flüssig und angenehm zu lesen, auch humorvoll, wenn es um Mara geht.
Die Ermittlungen werden realitätsnah geschildert, der Krimifall dreht sich um ein brisantes und aktuelles Thema, ist vielschichtig, überraschend und bis zum Ende spannend, nicht zuletzt durch eine weitere Erzählperspektive, die mich lange mit rätseln ließ, wer hier seine Überlegungen anstellt.
Ich hätte mir etwas mehr Berliner Lokalkolorit gewünscht, dennoch hat mir 'Dunkle Enthüllungen' gut gefallen und ich werde die Reihe gern weiter verfolgen.
Undurchsichtiger Fall einer verschwundenen Wissenschaftlerin
Die Lotsin von Mathijs Deen
Während einer gemeinsamen Übung des niederländischen, deutschen und dänischen Grenzschutzes vor Helgoland geht der Notruf eines Forschungsschiffes mit dem bemerkenswerten Namen Anthropocene ein, eine Wissenschaftlerin wird vermisst. Xander Rimbach von der Bundespolizei See übernimmt die Befragungen an Bord, nachdem die Suche nach der vermissten Iona Grimstedt erfolglos bleibt.
Xander, der aus einem Weinbaugebiet am Neckar stammt, ist noch unsicher auf See und auch bei den Ermittlungen ist er unentschieden, wie er am besten vorgehen soll, ihm fehlt sein Kollege und Mentor Liewe Cupido, der zunächst anderweitig beschäftigt ist. Es bleibt das Gefühl, dass auf der Anthropocene irgendetwas nicht stimmt. Aber es kommt auf Fakten an, wie Liewe immer sagt.
Mathijs Deen beschreibt die Anthropocene detailliert und bildhaft, anschaulich und atmosphärisch, so dass ich mir die Abläufe auf dem Schiff vorstellen kann, wie auch das schwierige Leben und Arbeiten in der Forschungsstation auf Grönland zu Beginn der Geschichte, als die Glaziologin Iona, vielleicht desillusioniert, Eisbohrungen vornimmt und auswertet.
Die Ermittlungen verlaufen schleppend und schwierig, die Seeleute sind wortkarg und Iona hatte auf dem Schiff kaum Kontakte. Ihre Figurenzeichnung wird erst spät vervollständigt. Die auftretenden Charaktere finde ich interessant, sie werden alle glaubwürdig dargestellt.
Obwohl ich anfangs den schweigsamen, eigenwilligen Kommissar Cupido vermisst habe, gefällt mir, dass ich Xander diesmal besser kennenlerne. Trotz seiner Unsicherheit kann er seine Stärken zeigen, er entwickelt sich. Auch über Liewe Cupidos familiären Hintergrund erfahre ich mehr. Die Ermittler werden mir immer vertrauter, so dass ich mich jetzt schon auf den Folgeband freue.
Ruhig in die Handlung eingebettet und unaufdringlich greift Deen aktuelle Themen auf, den Klimawandel und wie Wissenschaftler viel zu oft nicht gehört werden, Angriffe und Hass in den Social Media, auch Kränkungen und verletzter Stolz spielen eine Rolle.
Den Titel finde ich nicht wirklich passend und auch das Cover ist weniger atmosphärisch als bei den Vorgängerbänden, aber das sind nur Äußerlichkeiten. Die Übersetzung durch Andreas Ecke ist versiert und wieder rundum gelungen. 'Die Lotsin' hat mir gefallen und mich gut unterhalten.
Ein fesselnder Rachethriller, spannend bis zum Schluss
Asa von Zoran Drvenkar
Asa Kolberg hat die sechs Jahre im Gefängnis genutzt, um ihren Racheplan auszuarbeiten. Sie wird sich an denen rächen, die die grausame und gnadenlose Prüfung mit ihren archaisch anmutenden Regeln weiter durchgeführt haben und denen ihre Gemeinschaft wichtiger ist als der einzelne Mensch. Diese Tradition der Prüfung muss ein Ende finden.
Asa ist eine komplexe Protagonistin, sie ist in der Vergangenheit verletzt worden, dennoch ist sie stark, eigenwillig, mutig, unbeirrt und ich verstehe bald, dass sie sowohl bewundert als auch gefürchtet wird.
Asas Geschichte wird auf verschiedenen Zeitebenen erzählt, ebenso wie die ihrer Herkunftsfamilie, und auch die Figurenzeichnung anderer Charaktere hat Tiefe, da ich von deren Hintergrund und ihren Beziehungen zueinander erfahre. Zoran Drvenkar schreibt im Präsens und überwiegend aus der Du-Perspektive, wodurch ich mich sehr angesprochen fühle, obwohl ich nicht gemeint bin. Wer da erzählt, wird erst später deutlich und hat mich überrascht. Der Schreibstil ist bildhaft, anschaulich und präzise, flüssig und angenehm zu lesen, auch wegen der häufig kurzen Sätze. Wörtliche Rede wird nur durch voran gestellte Gedankenstriche gekennzeichnet, woran ich mich schnell gewöhnt habe.
'Asa' ist packend und spannend, beeindruckt mit fesselnder Wucht und düsterer Atmosphäre. Asas Emotionen kann mir der Autor eindringlich vermitteln und mich mit unvorhergesehenen Wendungen überraschen.
Das Cover, das die wilde, jugendliche Asa zeigt, die mich aus dem Augenwinkel von oben herab skeptisch anschaut, passt gut zum Buch. Ich empfehle den Thriller Lesern, die eine beeindruckende Protagonistin und ihr Leben in einem ungewöhnlichen Umfeld kennenlernen wollen und nicht vor manchmal schockierenden Beschreibungen zurück schrecken.
Elefanten in Berlin
Das Geschenk von Gaea Schoeters
Nachdem Deutschland die Einfuhr von Jagdtrophäen verbietet und der Bevölkerung in Botswana dadurch Einnahmequellen wegbrechen, schenkt das afrikanische Land Deutschland 20000 Elefanten, die plötzlich in Berlin auftauchen.
Sind die Elefanten zuerst eine willkommene Ablenkung von den schlechten Umfragewerten der Regierungspartei, stellen sich Probleme wie die Menge des benötigten Futters, die Entsorgung des Dungs, die nicht artgerechte Umgebung für die Wildtiere, schnell als kaum lösbare Aufgaben heraus, die Regierung ist überfordert.
Gaea Schoeters beschreibt die Reaktionen der Regierung mit trockenem, treffsicherem Humor und Sachverstand, sowohl was politische Zwänge, Abwägungen und ergriffene Maßnahmen angeht, als auch in Bezug auf die Elefanten. Großartig die Szenen der in der Spree badenden Elefanten! Lisa Mensings gelungene Übersetzung aus dem Niederländischen trägt zweifellos zum kurzweiligen Lesevergnügen bei.
Die Autorin hält uns den Spiegel vor und das ausgesprochen kreativ und auf sehr unterhaltsame Weise, bei der das Lachen auch schon mal im Halse stecken bleibt, angesichts der zahlreichen aktuellen Themen, die der Roman aufgreift und nachdenkenswert in die Geschichte einbindet.
Die Figurenzeichnung ist überzeugend, die verschiedenen Politikertypen treffend erdacht und beschrieben, fast könnte ich einzelne Charaktere benennen...
Gegliedert in vier Teile, erstreckt sich das spannende Elefantendrama über etwa 14 Monate und hat mir sehr gut gefallen.
Ein rundum gelungener Wissenschaftsthriller
Animal von Tibor Rode
Ein Tierrechtsanwalt hat im Namen einer Edelsau einen großen Agrarkonzern auf Freilassung des Tieres verklagt. Der junge Anwalt Ben Lorenz wird von seinem Chef bei einer bekannten Hamburger Kanzlei mit dem Mandat betraut. Diesen Fall kann man nicht verlieren, denn Tiere sind in Deutschland nicht rechtsfähig.
Zur Klägerseite gehört auch Enna, eine Tierrechtsaktivistin. Erzählt wird kapitelweise aus verschiedenen Perspektiven, meistens aus Bens oder Ennas Sicht. Nicht nur die Protagonisten sind gut ausgearbeitet und komplex, auch andere Charaktere und deren Hintergrund machen mich neugierig. Die Kapitel enden oft mit kleinen Cliffhangern, so dass es schwierig ist, eine Lesepause einzulegen. Von Beginn an geraten Ben und Enna in gefährliche Situationen, beide werden bedroht, es geht um viel Geld.
Tibor Rode schreibt bildhaft und lebendig, auch humorvoll, vermittelt Hamburger Lokalkolorit und kann wissenschaftliche Hintergründe gut verständlich erklären. Besonders fesselnd dargestellt ist die Entschlüsselung tierischer Sprache durch KI, wie sie lernt, Tierlaute zu decodieren, zu interpretieren und in menschliche Sprache zu übersetzen. Der Autor beleuchtet die bevorstehenden Möglichkeiten von vielen Seiten, es werden neue gesetzliche Rahmenbedingungen notwendig werden und vielschichtige ethische Fragen werden diskutiert werden müssen. Auch die Kehrseite der Medaille lässt der Autor nicht außer acht: eine mögliche Kommunikation mit Tieren könnte auch zu deren Nachteil eingesetzt werden.
Ben muss sich mit den Bedingungen in der Schweinehaltung und dem Stand der Tierrechte in anderen Ländern auseinandersetzen und auch mit dem Begriff der 'ökologischen Person', den das LG Erfurt erst im letzten Jahr auf Basis der EU-Grundrechtecharta in einem Prozess aufgebracht hat. Ben lernt dazu und entwickelt sich.
Die Fakten, die Rode in die Handlung einbettet, finde ich genau so faszinierend wie die Möglichkeiten, die die Forschung in Aussicht stellt. Ein aufschlussreiches Nachwort rundet den spannenden Thriller ab und hat mich weitere Recherchen zum Thema anstellen lassen.











