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Rezensionen von mari_liest:

Eindrückliche, berührende Geschichte über Verlust & Trauerarbeit

Schlangen im Garten von Stefanie vor Schulte

„Ob die Dinge die Mutter wohl auch vermissen. Zwei Woche nach ihrem Tod zerschellt die Teekanne. Später folgen hier und da Teller und Tassen. Ein besonders alter Pfefferstreuer, eine Vase mit Fadenglas. […] Und als wüssten diese Gegenstände um den Verlust, löschen sie sich aus.“ (S. 6)

Johanne ist tot.

Sie wird nicht wiederkommen. Sie ist weg. Fort. Für immer. Solange alle anderen leben. Was bleibt übrig, wenn jemand für immer fort ist? Was bleibt von einer Familie, wenn jemand aus ihrer Mitte gerissen wird? Wie kann man der Person, die für immer im Herzen bleiben wird, trotzdem nahe sein, um nicht das Gefühl des Vergessens zu bekommen? Zurück bleiben nur ihre Tagebücher.

„Möbel und Bilder versuchen, das gelebte Leben festzuhalten. Konservieren die Bewohner in ihren Erinnerungen, als hätte man sie in Gelatine begraben.“ (S. 11)

Schmerzliches erfährt die Familie Mohn, als die Mutter, Ehefrau, Gefährtin den Kampf verliert und sich alle nur zerrissen fühlen. Steve, der älteste Sohn, Student, kehrt nach Hause zurück. Der jüngste, Micha, ist paralysiert. Linne, die wütende Tochter, bricht völlig aus, wird aggressiv. Vater Adam, steht neben sich. Und dann ist da noch B. Ginster, der Trauerbegleiter. Die Familie im Auge behaltend, die offensichtlich die Trauerarbeit nicht erledigt, alles ignoriert. Wie soll er denn seine Arbeit ohne deren Hilfe erledigen? Und die Nachbarn, mit tlw. empathielosen Ansichten, ihrer eigene Probleme ohnmächtig, sich lieber konzentrierend, auf das „Unnormal-Sein“ anderer. Die Familie muss doch endlich aus ihrem Tief kommen. Es kann doch nicht ewig so weiter gehen. Und in all diesem Chaos, diesem Weltschmerz, den die vier fühlen, ihrer Machtlosigkeit das Geschehene rückgängig zu machen, finden sie auf humorvoll, wehtuenden Pfaden, in vereinter Kraft mit anderen Menschen, die Wege mit Johannes beschritten, und Zusammenhalt, den Weg zurück ins Leben. Ohne Johanne. Johanne nur mehr in ihren Herzen.

Die Autorin hat für mich hier wieder ein tolles Werk geschaffen. Der Schreibstil ist unverkennbar. Der Umgang mit den Emotionen, verwoben mit dem Unverständnis Fremder ist extrem gut gelungen. Die Herausarbeitung von Themen der Trauer, des physischen Da-Seins, aber psychischen Weg-Seins hat in mir nie Unwohlsein aufkommen lassen. Der Umgang der Gesellschaft, mit der Ohnmacht des Vaters … so treffend! Fremde verstehen immer erst, wenn sie selbst Betroffene sind. Die Entwicklung der Figuren ist fein ausgearbeitet und ich habe jede Zeile genossen, mitgefühlt, mein Herz hat sich an so vielen Stellen zusammengezogen und dennoch konnte ich mich auch mitfreuen, wenn es Schönes zu lesen gab.

Dies ist kein Wohlfühlbuch. Es ist eines voller Trauer, die spürbar und fühlbar ist. Wir sind beim Lesen Begleiter*innen in einem Trauerprozess von vier Menschen. Dennoch lohnte sich für mich jede Zeile dieses wunderbaren Buches.

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Andauernde Odyssee

Lügen über meine Mutter von Daniela Dröscher

TW: Fat Shaming, verbale Gewalt, Gaslighting, passive Aggression, Wut, Binge Eating

„Ich verstand einfach nicht, was an meiner Mutter „dick“ sein sollte. Hier am Strand gab es Frauen, die garantiert viel mehr wogen, und vor allem gab es Männer, die ganz selbstverständlich ihre enormen Bäuche vor sich hertrugen.

“ (Z)

Schauplatz: ein kleines Dorf in West-Deutschland in den 80er Jahren.
Ort: Kleinfamilie mit Vater, Mutter, Tochter. Großeltern im Nachbarhaus.
Rollenbild: 80er Jahre Style, als Charly’s Engel und die ersten Topmodels aktuell war. Vater Oberhaupt, Mutter macht den Rest, der unsichtbar ist. Rollenbild-Erfüllerin.

Somit lässt sich schon vermuten, welche Odyssee sich in diesem autofiktionalen Roman abspielen wird. Aus meiner Sicht, ein furchtbarer, grausamer, verletzender … denn ich hatte so viele Deja Vu Momente, dass es mir fast die Haare vom Kopf gefetzt hätte … war es nur bei mir nicht ein Ehemann, sondern eine klassische Stiefmutter, die mit diesen Verletzungs-Attacken Perfektionistin war. Sei’s drum – zurück zum Buch.

„Drei Dinge, sagt meine Mutter, hat sie bei ihrer Heirat unterschätzt: die Schwerkraft des Dorfes, die Bedürfnisse ihres Prinzen, den Neid ihrer Schwiegermutter.“ (Z)

Der abendliche Ablauf in der Familie, war wie eine rückgespulte VHS. Kam der Vater heim, fing er mit der Mutter an zu streiten. Tägliches Thema: seine Frau sei zu dick und muss abnehmen. Manchmal fing er schon beim Frühstück an. Leider bleibt es bei diesen Streitereien aber nicht und der Vater wird zunehmend auch übergriffig, kauft eine Waage, zwingt die Mutter förmlich zu Diäten und Kuren und überwacht die Ziffern auf der Waage, wenn die Mutter ihre beiden Füße draufstellt. Doch die „vermeintlichen Wunden des Vaters wegen des Übergewichtes seiner Frau“ beziehen sich nicht nur auf die Optik. Sein persönliches Unvermögen oder ein Scheitern in seiner Karriere … an allem ist seine Frau wegen ihres Dickseins schuld; man könne sich schließlich nicht mit ihr öffentlich zeigen. Als die Mutter wieder Ambitionen hat zu arbeiten und diesen Wunsch auch durchsetzt, haut es dem lieben Vater vollkommen die Sicherung durch. Der Job seiner Frau schadet seinem Ansehen und ist nicht gut genug. Was ist denn mit dem Haushalt und der Kinderbetreuung?

Einerseits hatte ich an einigen Stellen das Gefühl, dass der Mann aus seinem Rollenbild ausbrechen möchte, und andererseits dachte ich mir nur: Mensch, du spießiger XXXX, nimm doch den Stecken aus deinem Popo. Dröscher lässt in ihren Roman noch einige Dinge einfließen, die ich jetzt außen vor lassen möchte, denn ihr sollt dieses Wunderwerk, dieses abartig, geile Ding vom „Body Shaming“ der 80er lesen … andauernd bis tlw. heute noch.

„Auf der Sehnsucht nach einem schlanken Körper gründen ganze Industriezweige. Würden alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachen und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlen, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen.“ (Z)

Der Stil mit dem Daniela Dröscher die Geschichte erzählt und die Art, wie ich es in anderer Lage erlebte, zog einen Sog, dass ich immer weiterlesen wollte (auch wenn ich eine Pause brauchte, sonst wäre ich vermutlich implodiert). Aus Sicht der kleinen Tochter Ela wird die Geschichte erzählt … kapitelweise werden auch Gespräche mit ihrer Mutter aus dem „Heute“ eingeflochten.

„Warum hast du dich dieser Tyrannei nur gefügt?“, will ich meine Mutter fragen. „Ich war zu schwach“, sagt sie, und dann, nach kurzem Zögern: „Wenn ich jemals eine Autobiographie schreiben sollte, müsste sie den Titel „Zu“ tragen. „Zu arm“, „zu krank“, „zu dick“ oder „zu schwach“. Mein ganzes Leben lang ist immer irgendwas an mir zu wenig gewesen oder zu viel.“ (Z)

Sie schreibt eine Geschichte über eine Frau, die trotz aller Verletzungen und Hindernisse, ihren Weg geht und sich das nimmt, was ihr aus Sicht ihres Mannes ja gar nicht zusteht. Und dem ganzen voran mitten im Ehekrieg die kleine Tochter, die hin und hergerissen ist. Die Geschichte eingeflochten in die Wahrnehmung eines Kindes, die viele Dinge ja noch gar nicht zuordnen konnte. Sie sieht, wie die Mutter einerseits gegen ein Rollenbild ankämpft, um im nächsten Moment wieder aufzugeben. Die Mutter beginnt zu Hungern, um des lieben Friedens Willen.
Der Roman zeigt, dass egal was Ela’s Mutter tut, sie kann es in den Augen ihres Mannes nie richtig machen. Die Familiendynamik ist herrisch (Mann ist Oberhaupt), von oben herab; die Mutter hat ja eh den ganzen Tag nichts zu tun.

Fazit:
Ein unglaublich gewalttätiges und gewaltiges Buch, das hinter die „Kulissen“ blicken lässt, die Gehirnzellen anregt, verbal an- und übergriffig ist und dazu anregen soll, dass ein fremder Körper überhaupt niemanden etwas angeht. Möge sich doch jeder selbst um seine eigenen „gefühlten Unzulänglichkeiten“ kümmern. Doch solange Selbstoptimierung und Shaming anderer von vielen wie ein Kavaliersdelikt akzeptiert wird, so lange werden solche Geschehnisse stattfinden. Das Buch zeigt auch auf, was das Patriarchat mit uns Frauen macht und legt den Finger in die Wunde der immer noch herrschenden Missstände in unserer heutigen Gesellschaft. Offensichtlich tut es aber noch nicht genug weh.

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Still & eindringlich

Abgrund von Pilar Quintana

„Im Haus war es still. Ich fühlte mich wie in einem Goldfischglas und wäre nicht überrascht gewesen, wenn sich ein riesiges Auge genähert hätte, um uns zu betrachten.“ (S. 154)

Die 8-jährige Claudia lebt mit ihren Eltern in einer Wohnung, die einem Urwald nahekommt. Von unten bis oben voll mit Pflanzen vielerlei Arten.

Von der Treppe oben könnte Claudia quasi fast in diesen traumhaften Urwald springen. Ihre Mutter, ebenfalls Claudia, hat für ihren persönlichen Urwald mehr Zeit und Liebe übrig, als sie es für ihre Tochter hat. Als sich die Mutter auf eine Liaison mit dem Ehemann der Schwägerin einlässt und erwischt wird, nimmt das Unheil seinen Lauf und die kleine Claudia kann nur zusehen, wie sich alles dem Abgrund nähert und die Familie droht auseinander zu brechen.

Knapp und aufs Wesentliche konzentriert, klug formuliert und sehr sanft ist die Sprache in Pilar Quintana’s Buch. Die Wirkung, die diese Sprache erzeugt, hat eine besondere Tiefe; eine, die mir schon bei „Hündin“ sehr gut gefallen hat. Die Geschichte wird aus Sicht der kleinen Claudia erzählt, die doch nur eine heile Familie möchte. Zeitgleich muss sie sich aber mit der Hilflosigkeit des Vaters auseinandersetzen und der phlegmatischen, depressiven Stimmungen ihrer Mutter. Denn die große Claudia blättert nach dem „Erwischtwerden mit dem Schwager“ nur noch in Klatschzeitschriften und säuft. Der Vater hüllt sich in Schweigen und in Arbeit. Die einzige Gemeinsamkeit von Mutter und Tochter sind Klatschgeschichten, egal welcher Art.

„Wenn meine Mama im Bett oder auf dem Sofa lag, störte sie alles. Zum Beispiel wenn ich redete. ... Wenn ich den Mund hielt, störte es sie, wenn ich mich bewegte oder durchs Zimmer lief. ... Wenn ich still sitzen blieb, mich bemühte, dass sie mich nicht bemerkte, störte sie meine Anwesenheit.“

Die einzige Art, wie die Mutter mögliches Interesse an ihrer Tochter aufkeimen lässt – zumindest lässt sich das vermuten. Der Vater, sichtlich überfordert mit dem Betrug seiner Frau, findet auch kein Gehör für seine Tochter. Die kleine Claudia in ihrer kindlichen Denkweise ist dennoch oft sehr direkt und hat eine klare, nicht vernebelte Sicht auf die Dinge. Sie ist vielen hilflosen Situationen der Erwachsenen ausgesetzt und kann niemals Herrin der Lage werden, zB als ihre Mutter vor einem tiefen Abgrund steht und vermutlich hinunterspringen wollte.

„Hinter ihr lag der Abgrund, zwei Schritte entfernt. Auch wenn man ihn im Nebel nicht sah, war er da, so tief wie der, in den Grace Kelly gestürzt war. Ich spürte seinen Sog, den Faden, mit dem er von unten an ihr zog.“ (S. 194)

Quintana hat einen einfühlsamen Roman geschrieben, inspiriert durch ihre eigene Kindheit in den 80er Jahren. Am Ende dieses tollen Romans ist jedoch klar: das Leben ist kein Ponyhof und die unbekümmerte Kindheit von Claudia hatte ein jähes Ende.

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Grandios

Fünf Leben von Jenny Tinghui Zhang

TW: Gewalt, Misogynie, Entführung, Mord, Rassismus

„Die Arbeit im Garten hinterließ Schwielen in meinen Handflächen, aber meine Mutter schmirgelte sie mit einem Stein, bis sie wieder für feine Arbeiten zu gebrauchen waren. Egal wie rau die Hände, sagte sie, deine Gutmütigkeit macht dich weich.

“ (S. 20)

Daiyu lebt mit ihren Eltern und ihrer Großmutter. Doch eines Tages müssen sie fliehen, weg aus der geliebten Heimat. Als ihre Eltern eines Tages nicht mehr da sind, packt ihre Großmutter sie kurzerhand auf den Karren eines Nachbars, und verschifft sie zu einem eigenen Schutz zurück in die alte Heimat. Niemand will ihr dort aber helfen, oder Arbeit geben. So ist sie gezwungen, auch zu stehlen. Als sie sich in einer brenzligen Situation am Fischmarkt befindet, kommt ihr jemand Fremdes zu Hilfe.

Als sie entführt wird ist sie 13 Jahre jung und denkt, dass sie am Fischmarkt gerettet wurde. Mitten am Tag, niemandem fällt es auf. Sie wird lange Zeit gefangen gehalten und findet sich nach Monaten wieder, auf einem fremden Kontinent, zwischen fremden Menschen, jungen Frauen, in einer fremden Stadt: in einem Bordell in San Francisco. Daiyu versucht fortan nur eines, nämlich am Leben zu bleiben. Als sich die Möglichkeit bietet, flieht sie aus dem Bordell und landet schließlich in Idaho. Sie möchte nur eines, wieder zurück in ihre Heimat und beginnt zu arbeiten und zu sparen. Doch dann werden sie und ihre Freunde von einer Welle von Gewalt getroffen. Anti-Chinesischer-Rassismus hält offen Einzug in Amerika und es kommt zu Ausschreitungen, Morden und vielen anderen grausamen Dingen. Der Chinese Exclusion Act kam zu tragen (mit der Einwanderung durch Menschen aus China, verbanden die Amerikaner das Wegnehmen von Arbeitsplätzen und das Lohndumping). Es scheint, dass sie niemandem mehr vertrauen kann und dass die Heimreise in weite Ferne rutscht …

„Auf der Liste von Dingen, die ich verloren habe, füge ich mich selbst hinzu.“ (S. 341)
Grauenhaft, brutal, perfide, grausam, … was Menschen anderen Menschen antun!! Dennoch schafft es Jenny Tinghui Zhang mit ihrem Debüt eine mitreißende Erzählung auf Papier zu bringen. Gepaart mit historischen Begebenheiten, über die ich in der Schule niemals was gehört hatte. Lehrreich und soghaft verwebt Zhang die Einzelteile zu einer Geschichte, die am Ende noch trauriger macht. Ein Teil amerikanischer Geschichte, der genau so verwerflich ist, wie viele Gräueltaten, die auf diesem Erdboden begangen wurden. In all diesem Grauen zeichnet die Autorin eine Protagonistin, die trotz allem was ihr angetan wird, niemals die Hoffnung verliert oder den Glauben an das Gute in Menschen.

Das Buch hat mich tief berührt und mich an vielen Stellen atemlos lesen lassen.
Fette Leseempfehlung und definitiv ein Highlight!

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Geschichtlich gute Unterhaltung

Samson und Nadjeschda von Andrej Kurkow

„In ihrer sportlichen Robustheit und selbst darin, wie die Knöpfe der schwarzen Karakulpelzjacke sich nur mit Mühe um sie schlossen, in all dem erblickte er eine ungeheure, fast akrobatische Stabilität gegenüber dem täglichen Leben, das mit seinen Herausforderungen und Problemen ebendiese Stabilität verloren hatte.

“ (S. 52)

Die Geschichte wird erzählt zur Zeit der Russischen Revolution im Kiew im Jahr 1919. Samson und sein Vater geraten zwischen die Front, sein Vater wird getötet, ihm wird säbelschwingend ein Ohr abgeschnitten. Traumatisiert schlägt Samson sich zurück in Richtung seiner Heimat, wo er in der ehemaligen Familienwohnung Zuflucht findet. Als sich Rotarmisten ungefragt bei ihm einnisten und ihm auch Sachen aus seiner Wohnung nicht ganz zulässig abgenommen werden, u.a. der Schreibtisch seines Vaters, macht er sich auf den Weg zur Polizeistation, um diesen zurückzuholen. So landet er plötzlich im Polizeidienst und vermutet plötzlich, dass die eingenisteten Rotarmisten Diebstahlgüter in seiner Wohnung horten. Es stellt sich heraus, dass noch andere Dinge im Gange sind und Samson und seine Kollegen beginnen zu ermitteln. Im tiefer graben sie sich in den Dschungel der Diebstähle, stoßen auf einen Mord und zu guter Letzt muss Samson selbst um sein Leben fürchten. Im Zuge all dieses Chaos lernt er Nadjeschda kennen. Er verliebt sich.

„Samson und Nadjeschda“ ist ein historischer Kriminalroman. Kurkow spinnt die russische Geschichte perfekt in die Geschichte ein. Die bildhaften Beschreibungen lassen einen gut erahnen, wie es zu der Zeit dort zuging. An vielen Stellen ist es spannend, an sehr vielen aber auch extrem unspektakulär. Der Titel des Buches erschließt sich mir jetzt noch nicht genau, hat Nadjeschda für mich derweilen nur eine untergeordnete Rolle, streift den Roman irgendwie nur wie Staub.
Es hat phasenweise Spaß gemacht zu lesen, dennoch war es mir an einigen Stellen zu langatmig, daher habe ich mich auch immer wieder davor gedrückt weiterzulesen. In einen Folgeband würde ich ggf. nochmal reinlesen, vielleicht muss man sich an den Stil von Kurkow gewöhnen. Alles in allem hat es mich vom geschichtlichen Aspekt her gut unterhalten, wenn auch nicht vom Hocker gepustet.

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Ein mutiges Mädchen, das unvergessen bleibt!

Das Tagebuch von Anne Frank von Anne Frank

„Ich hingegen finde, dass noch bei jedem Kummer etwas Schönes übrig bleibt. Wenn man das betrachtet, entdeckt man immer mehr Freude, und man wird wieder ausgeglichen. Und wer glücklich ist, wird auch andere glücklich machen. Wer Mut und Vertrauen hat, wird im Unglück nicht untergehen“. (Anne Frank, S.

205)

Am 12.06.2022 wäre Anne Frank 93 Jahre alt geworden. Vor 75 Jahren wurde ihr Tagebuch erstmals veröffentlich.
Zu Ihrem 13. Geburtstag erhielt Anne ihr Tagebuch, dem sie ihren Tagesablauf, Gedanken, Erlebnisse, Gefühle anvertraute. Die Niederschrift des Versteckens vor den Nazi, im Hinterhaus der Firma ihres Vaters. Das Tagebuch endet am 01.08.1944, der letzte Eintrag, den die junge Anne Frank tätigte. Ihr Vater Otto Frank, der einzig Überlebende der Familie Frank, erhielt das Tagebuch nach seinem Freikommen von seinen Hinterhaus-Helfer*innen, die in der schweren Zeit des Versteckens halfen, zurück. Sie übergaben ihm das Vermächtnis seiner kleinen Tochter Anne.

Diese Jubiläumsausgabe aus dem S. Fischer Verlag enthält die zweite Fassung des Tagesbuches von Anne Frank. Die Fassung, die von Anne selbst überarbeitet wurde, da ihr ihr persönlicher Stil nicht mehr zusagte.
Beim Lesen des Buches verfolgt man die Entwicklung von Anne, wie sie mit dieser furchtbaren Gesamtsituation umgeht. Das Bildmaterial von ihr, der Familie oder auch aus der Schule oder von Ausflügen unterstreicht nochmals wie Anne’s Leben war, unabhängig davon, dass es viel zu kurz gewesen ist! Ein kluges und mutiges Mädchen, dass in so vielen Phasen schon erwachsen scheint und dennoch so viel Kind ist. Das sein Schicksal angenommen hat, obwohl es nicht von oben kam, sondern von furchtbaren Menschen entschieden wurde.
Die Ausgabe schließt mit zwei Beiträgen von Mirjam Pressler, der Übersetzerin, über Anne selbst und über die Familie Frank. Mit einem zeitgeschichtlichen Kontext und einer Zeittafel. Ein Beitrag von Otto Frank und das Tagebuch sowie über die Hinterhaus-Bewohner*innen und die Helfer*innen.

„Ehrlich gesagt, ich kann mir nicht richtig vorstellen, wie jemand sagen kann „Ich bin schwach“ und dann auch schwach bleibt. Wenn man so etwas doch schon weiß, warum dann nicht dagegen angehen, warum den Charakter nicht trainieren? Die Antwort war: „Weil es so viel bequemer ist.“ Diese Antwort hat mich ein bisschen missmutig gemacht. Bequem? Bedeutet ein faules und betrügerisches Leben auch, dass es ein bequemes Leben ist?“ (S. 301)

Ich denke jeder hat schon von Anne Frank, die sich mit ihrer Familie und weiteren Personen in einem Hinterhaus versteckt hat, um den Deutschen zu entkommen, gehört. Menschen, die die Juden in Konzentrationslager verfrachteten und töteten. Ihr Vater hat lange, bevor die Gräueltaten begannen, schon „vorgearbeitet“, um sie und seine Familie in Sicherheit bringen zu können. Letzten Endes hat der Abschaum „gewonnen“.
Beim Lesen des Buches musste ich am Ende, als beschrieben wurde, wie Anne, ihre Mutter und ihre Schwester umkamen, unfassbar weinen. Mir ist unbegreiflich, warum Menschen sich gegenseitig solche Dinge antun. Aber jedes Mal fällt mir ein Spruch ein, den ich vor langem iwo gelesen habe: „Die Welt hat Platz für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“
Eine klassische Bewertung gebe ich hier nicht ab – nur so viel ist zu sagen: das Buch ist schön umgesetzt und geht ins Herz. Es ist ein Stück Geschichte, die von einer jungen Zeitzeugin ungeplant zurückblieb. Holt Euch diese schöne Ausgabe mit den Zeilen von Anne und den Bildern, die so fein eingearbeitet wurden.
Empfehlen möchte ich Euch auch die Graphic Novel aus dem S. Fischer Verlag, die ich gleich im Anschluss gelesen habe.

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Ein geschichtlicher Sachbuchroman

Papyrus von Irene Vallejo

„Das Buch hat sich im Laufe der Zeit bewährt, es hat sich als Langstreckenläufer erwiesen. Wann immer wir aus dem Traum der Revolutionen […] erwachten, was das Buch noch da. Es ist, so sagte Umberto Eco, „ein technisch vollendetes Meisterwerk (wie der Hammer, das Fahrrad oder die Schere), das sich, soviel man auch erfinden mag, nicht mehr verbessern läßt.

“

… ich habe ja einige Zeit gehadert, ob ich das Buch lesen möchte … so viele Seiten, so keine genaue Idee, was einen hier erwarten wird … doch jetzt bin ich froh, dass ich es lesen durfte (und zeitenweise habe ich es parallel gehört). Ein Roman mit geschichtlichem Sachbuchcharakter, einmal was ganz Neues. Etwas, das neugierig macht, wenn man eintaucht und sich darauf einlassen möchte. Jede Seite ist es wert.

Wie ist denn nun mit den Büchern? Wie entstanden sie? Alphabet? Warum reisten so viele herum und suchten Bücher? Warum gibt es in einigen Ländern so viele davon in Bibliotheken? Dieses Buch thematisiert so viele schöne und nicht schöne Dinge: es beschreibt harte Arbeit – von vor tausenden von Jahren und aktuell. Aktuell nämlich deswegen, da Irene Vallejo - aus meiner bescheidenen Sicht – hier einen Erden-Marathon gelaufen ist, eine umfassende Recherche betrieben hat, wie ich sie in einem Buch noch nie finden konnte. Fantastisch!!!
Wir reisen in die Vergangenheit, zu Meilensteinen der Buchgeschichte (bspw. die Entstehung der ersten Bibliothek in Alexandria), zu geschichtlichen Persönlichkeiten wie wir sie im Geschichtsunterricht kennenlernten, von den ersten Druckmaschinen, Steintafeln; von Kriegen um Bücher, von Papierrollen, die Gier danach, sie alle zu besitzen, koste es was es wolle. Wenn man hier auch bedenkt, dass Papier Mangelware und kostspielig war, bekommt die Erzählung noch einen interessanten Aspekt dazu. Früher las man auch nicht leise vor sich hin, man las laut vor. Als Menschen anfingen leise zu lesen, kam dies den anderen Suspekt vor.

Diese Lektüre ist interessant, spannend, fundiert recherchiert, eindringlich und verbindet viele Stränge miteinander, wie wir sie sonst nicht erfahren würden. Wir springen beim Lesen in sagenhafte Zeitreisen nach Alexandria, Ägypten, und nach Rom, Italien; nach Indien und andere Kontinente.
Mich hat das Buch sehr begeistert und ich werde es sicherlich bei Zeiten nochmals lesen/hören, denn ich konnte mir diese Myriade von Informationen gar nicht merken. Hätte mich jemand direkt nach dem Lesen gefragt, worum es geht, hätte ich ihn groß angestarrt. Ich hatte nun einige Zeit darüber nachzudenken und lege es allen Buchliebhaber*in, die etweas über die Geschichte der Bücher und das Erbe der Literatur erfahren wollen, sehr ans Herz. Und wer es nicht lesen möchte, sollte es zumindest wegen des wunderschönen Covers im Regal haben: pssst … es ist eine Papyrus-Pflanze vorne drauf!
Doch eines muss uns bewusst sein: egal wie viele Bücher wir lesen, wir werden nie alle lesen können – das stimmt mich etwas unfröhlich :-) … und zeitgleich lässt mich aber auch glauben, dass Bücher NIEMALS aussterben werden!
„Die Leidenschaft des Buchsammlers gleicht der, eines Reisenden. Jede Bibliothek ist eine Reise; jedes Buch ist ein Fahrschein mit unbegrenzter Gültigkeit.“

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Wunderschöne Ausgabe mit zauberhaften Illustrationen

Hans Christian Andersen: Die schönsten Märchen von Andersen Hans Christian

„Ich habe Tränen in des Kaisers Augen gesehen, das ist mir der reichste Schatz! Eines Kaisers Tränen haben eine besondere Kraft! Gott weiß es, ich bin genug belohnt.“ Darauf sang die Nachtigall wieder mit ihrer süßen, herrlichen Stimme.“ (S. 112)

Viele von uns sind mit Märchen von Hans Christian Andersen und den Gebrüdern Grimm aufgewachsen.

Sie begleiteten uns als Gute-Nacht-Geschichten oder beim Schmökern in unseren Märchen-Schätzen.

Und hier darf ich euch einen dieser Schätze zeigen. Ich habe viele Märchenbücher gelesen und nenne auch durchaus ein paar mein Eigen. Dieses hat mich sehr fasziniert wegen der wunderschönen Illustrationen, welche Edmond „Edmund“ Dulac gezeichnet hat, und das schon vor über einem Jahrhundert, vielen Jahrzehnten. Den Ursprung hat dieses Buch im Jahr 1911 als französische Version.
Zu Beginn erhalten wir biographische Informationen über den Autor und Dulac. Dulac‘s Talent, Idealismus und seine künstlerische Ader lassen die Märchen in diesem Buch noch einmal mehr scheinen. Auch wenn die künstlerische Gestaltung vielleicht reduziert erscheint, passt sie perfekt zu den Geschichten. Denn hier ist weniger definitiv mehr!

Ausgesucht wurden hier 7 Geschichten, wie bspw. „Die Nachtigall“, „Die kleine Seejungfer“ oder „Die Schneekönigin“ – in Summe sieben Märchen. Beim Lesen wurde ich wieder in meine Kindheit versetzt und ich kann mich erinnern, wie mein Papa mir manchmal aus meinem Märchenbuch vorgelesen hat, oder auch meine Omi. Ich wuchs mit den Märchen mit und lieb sie heute noch wie vor über 30 Jahren. Ich möchte keines missen.

Klare Leseempfehlung von Herzen und weil #schön!

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Eher unscheinbar ...

Die Diplomatin von Lucy Fricke

Ich habe die Diplomatin als Hörbuch gehört. Die Sprecherin fand ich sehr fein, mit angenehmer Stimme und Betonung. Sprachakkustisch war es sehr angenehm.
Dennoch hat mich leider die Geschichte nicht abholen können.
Seit 20 Jahren ist Fred als Konsulin tätig und muss sich ständig behaupten gegenüber den männlichen Kollegen.

Stets ist sie bemüht die politischen Agenden und Spannungsverhältnisse auszugleichen und gute Lösungen zu finden. Dennoch ist es auf eine gewisse Art unbefriedend, denn wirklichen Einfluss hat sie mit ihrer Tätigkeit nicht.
Fred muss nun den Tag der Deutschen Einheit in Uruguay ausrichten, Verfolgten Hoffnung geben und das natürlich alles diplomatisch.
Leider geht mir der Roman hier nicht so in die Tiefe. Ich hätte mir davon mehr im Setting "Diplomatie" gewunschen, und auch in der Protagonistin, die so eigentlich sehr blass bleibt. Auch wenn mir die Geschichte so gefallen hat, wird sie mir nicht nachhaltig in Erinnerung bleiben. Der Schreibstil der Autorin ist auf jeden Fall sehr ansprechend, der Plot selbst und die Figur sind aber noch ausbaufähig (für meinen Geschmack).

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... konnte mich leider nicht abholen ...

Verheizte Herzen von Sarah Crossan

„Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende, Liebste“, sagtest du, was so viel hieß wie: Wir hören besser erst am Montag wieder voneinander. (S. 101)

Ana Kelly ist Nachlassverwalterin, Mutter von zwei Kindern, Ehefrau. Im Zuge ihrer Tätigkeit lernt sie eines Tages Connor kennen. Zwischen den beiden funkt es und es und es kommt zu einer geheimen Liebschaft.

Ana verliebt sich und erhofft sich mehr von ihrem Geliebten, der ihr immer wieder seine Liebe beteuert, ihr erklärt, wie furchtbar doch seine Frau ist und wie wenig er die Situation noch erträgt. Dennoch landen die beiden schließlich in einer Eheberatung. Doch eines Tages erhält Ana den furchtbarsten Anruf ihres Lebens. Connor ist unerwartet verstorben und seine Frau Rebecca meldet sich, um den Nachlass zu regeln, den Connor mit Papieren dort hinterlegt hatte. Ana ist es unmöglich mit irgendwem über ihren Verlust zu sprechen und so wirft sie sich in einen absurden Plan. Sie freundet sich mit Rebecca im Zuge der Verlassenschaftsabhandlung an und stellt sich bald die Frage, ob Rebecca wirklich dieser schreckliche Mensch ist, wie Connor es ihr immer wieder verkauft hat. Hat Connor sie an der Nase herumgeführt? Ana driftet immer mehr ab, wendet sich von ihrer Familie ab, stößt schließlich ihrem Mann emotional in die Tiefe.

„Einsamkeit bringt man uns nur bei, glaube ich.“ (S. 186)

Der Roman ist in Versform geschrieben, was ich sehr spannend fand und mich schließlich dazu bewogen hat, diesen lesen zu wollen – gepaart mit dem hinteren Klappentext. Den Klappentext im Schutzumschlag hatte ich nicht gelesen.
Das Buch ist in 5 Abschnitte unterteilt und wird hauptsächlich aus Sicht von Ana beschrieben.
Die Art und Weise wie uns der Inhalt präsentiert wird ist phasenweise sehr interessant und baut an verschiedenen Stellen auch etwas Spannung auf, dennoch hat mich der Inhalt der Geschichte leider nicht vollkommen abgeholt.
1. Wir befinden uns dauernd „im Kopf“ von Ana und ich bin diese einfältigen Frauen, die glauben, dass Männer ihre Ehefrauen verlassen, einfach leid. Dieses Klischee hängt mir wirklich beim Hals heraus (gilt auch umgekehrt). Eine toughe, kluge Frau, die sich so einen Mumpitz einreden lässt.
2. Nach Schreiben meiner Einleitung habe ich dann die „Klappentext-Flügel“ (oder wie nennt sich das?), sprich die Innenseite des Schutzumschlages entdeckt und da steht nun fast das gleiche, das ich versuchte oben in kurze Worte zu packen. Hätte ich das früher gelesen und dann danach das Buch, hätte ich mir in den Hintern gebissen, denn da steht in kurzen Zeilen gefühlt der Inhalt des ganzen Buches.
3. Das Buch ist an vielen Stellen spannend, aber einen klassischen Spannungsbogen konnte ich für mich nicht erkennen. Denn da eine schon weiß, dass der Lover verstirbt, ist der Rest beim Lesen im Grund eigentlich eine „Na-no-na-net-Geschichte“.
4. Auch wenn das Thema ausgelutscht ist, hätte die Autorin hier durchaus eine berührende Geschichte kreieren können. Ich finde nur die gewählte Versform für ein so diffiziles und emotionales Thema nicht passend, denn diese kann nur schwer Nähe aufbauen. Somit bleibt Ana irgendwie blass und an vielen Stellen emotionslos. Dies empfinde ich als Schwäche in der Geschichte.
5. Die Erwartung, die der Klappentext schürt, nämlich zu erfahren, wie es Ana nach dem Tod ihrer großen Liebe geht, bleibt im Buch ebenfalls blass.
6. Auch die anderen Charaktere, in dem Fall Ehepartner*innen, kommen in dem Buch nicht so gut weg, bleiben auch sie blass und poppen nur an der einen oder anderen Stelle auf, wo es nötig ist.
Positiv zu erwähnen sind somit für mich
1. die Andersartigkeit des Schreibens, die Versform: die finde ich wirklich interessant und ich hoffe, ich finde nochmal eine Geschichte, wo diese Form besser dazu passt.
2. Der Schutzumschlag ist wirklich sehr schön bzw. auch die Biene am Buch. Das gefällt mir sehr!
3. Die Übersetzung von Maria Hummitzsch liest sich angenehm.

Somit gebe ich nur eine eingeschränkte Leseempfehlung ab – meine Erwartung (durch den Klappentext) wurde leider nicht erfüllt >> kann eine lesen, muss eine aber nicht. Ich glaube aber dennoch, dass es viele Leser*innen gibt, die das Buch berühren kann.

„Ich liebe Dich“, sagtest du, und ich wollte daran festhalten, aber welcher Teil von mich lieben hieß, mich aufzugeben? Einmal mehr. (S. 221)

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