Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde, Irmgard Gstettner:
Ein aufwühlender aber empfehlenswerter Roman
Sing, wilder Vogel, sing von Jacqueline O’Mahony
In diesem aufwühlenden Roman verdichtet Jacqueline O'Mahony die Geschichte der irischen Hungersnot von 1849 und ihrer Auswirkungen im Schicksal der Protagonistin Honora O'Neill.
Schon bei ihrer Geburt mit einem abergläubischen Fluch belegt, wächst Honora mutterlos und vom Vater abgelehnt in freier, wilder Natur auf und erlangt so besondere Unabhängigkeit , Stärke und einen unbändigen Freiheitswillen.
Sie überlebt den Hungermarsch von Doolough, wandert zu Fuß an die Westküste und es gelingt ihr als blinde Passagierin nach Amerika zu gelangen.
Aber dort führt sie ein Leben der Ausbeutung und Unfreiheit zu weiterer Flucht RIchtung Westen. Letztendlich eröffnet sich ihr nach Jahren der schweren Arbeit und Bedrohung eine Zukunft in Freiheit.
Der leicht lesbare Text hat mich von der ersten Seite an sehr berührt, stellenweise konnte ich mir nicht vorstellen, wie eine Frau, vom Hunger geschwächt, ausgenützt, verraten und misshandelt überleben konnte ohne ihre innere Kraft zu verlieren.
Ein sehr empfehlenswertes Buch, durch das die Geschichte der Hungersnot Irlands greifbar wird und die Verbindung zu dem indigenen nordamerikanischen Volk der Choctaws, die Hilfsgüter an die hungernden Iren schickten, eine neue Erkenntnis für mich ist.
Eine besondere Freundschaft
Malnata von Beatrice Salvioni
Indem Beatrice Salvioni eine besondere Mädchenfreundschaft in den Mittelpunkt ihres Romans stellt, entsteht nicht nur ein faszinierendes Bild zweier junger Menschen, sondern ihr Blick auf die Welt, die sie umgibt, lässt die Gesellschaft im Italien Mussolinis vor unseren Augen entstehen.
Unterschiedlicher könnten Francesca und Maddalena von ihrer Herkunft und ihrem Charakter gar nicht sein.
Francesca entstammt einer in Monza angesehenen Familie, in der "fare una bella figura", Benehmen und Aussehen mehr Wert sind als Herzlichkeit und Mitgefühl.
Maddalena, Malnata genannt, gilt in der Stadt als verdorben und böse, ihr werden Unglücksfälle in ihrer Familie zugeschrieben. Sie reagiert darauf mit Widerstand, nimmt sich alle Freiheiten, die damals für junge Mädchen undenkbar sind und verbringt ihre Tage am Fluß unter der Brücke mit Fische fangen und Steine werfen.
Auf Francesca übt sie eine große Anziehungskraft aus und aus ihrer Annäherung wird Freundschaft.
Beide Mädchen erfahren dadurch das Milieu und die Familienregeln der anderen und Francesca nähert sich immer mehr Maddalenas Umfeld an und bricht mit ihrer Familie.
Aber auch Maddalena erfährt durch Francesca, dass es noch andere Ziele im Leben geben kann, als sich treiben zu lassen.
Die politische Situation spitzt sich zu, der beginnende Abessinienkrieg fordert Opfer und es wird offensichtlich, wozu die faschistischen "Ideale" führen.
Das alles aus dem Blickwinkel von Jugendlichen zu erfahren macht das Buch aus.
Es ist mitreißend, bedrückend und rechnet sowohl mit dem Faschismus als auch mit dem Aberglauben und der Moral der Erwachsenen ab.
Spannend und interessant
Das andere Tal von Scott Alexander Howard
Das andere Tal ist ein Gedankenexperiment: welche Lebensumstände würde man anstreben und welche Entscheidungen würde man treffen, wenn man die Auswirkungen als identische Person in identischer Umgebung in der Vergangenheit und in der Zukunft erleben könnte? Was ist schicksalhaft und was ist durch eigenes Handeln veränderbar?
Scott Alexander Howards Buch thematisiert diese Fragen in einer spannenden und teilweise aufwühlenden Handlung.
Die streng reglemenierte Gesellschaft unter der totalen Führung des conseils scheint wenig Möglichkeiten zur Gestaltung ihres Lebens zu haben und stellt sie sich dem herrschenden Reglement entgegen, fristet sie ein armseliges Dasein.
Welche Möglichkeiten der Veränderung können sich unter solchen Bedingungen ergeben?
Diese Frage hat sich mir beim Lesen dieses Romans gestellt. Und inwiefern kann beim Besuch in den Paralleltälern in die Vergangenheit oder Zukunft eingegriffen werden?
Ein sehr spannendes Buch, das einen gefangen nimmt und über das man sicher interessant diskutieren kann.
Jo und die Van Goghs
Die Entflammten von Simone Meier
Simone Meier ist mit ihrem Buch über Jo van Gogh- Bonger, der Schwägerin Vincent van Goghs und Frau seines Bruders Theo eine einfühlsame und intensive Schilderung des familiären und gesellschaftlichen Umfelds des berühmten Malers gelungen.
Jos Geschichte ist eingebettet in eine Rahmenhandlung , in der die junge Kunststudentin GIna über Jo recherchiert und sich in eine tiefe Beziehung mit ihr begibt.
Der Blick zurück in die Vergangenheit macht sensibel für van Goghs revolutionäre Bilder, für die damaligen Zustände, die Konventionen und den Mangel an Komfort,
alles, was uns heute so selbstverständlich scheint, vor allem aber für die Kraft dieser erstaunlichen Frau, die viele Schicksalsschläge nicht nur ertragen hat, sondern an ihnen gewachsen ist. Ihr ist es zu verdanken, dass Van Goghs Werk bekannt und weltberühmt geworden ist.
Ich habe das Buch mit viel Anteilnahme gelesen und es am Ende nur ungern weg gelegt.
Big Six
Trophäe von Gaea Schoeters
Ich habe noch nie ein Buch mit so intensiven Schilderungen von Schönheit und zugeleich unfassbarer Grausamkeit gelesen, die grenzüberschreitend ist. Herrschaft über Leben und Tod, Anmaßung und Erotik prägen die Jagdleidenschaft, wie sie vom weißen Großwildjäger Hunter White ausgeübt wird. Es geht um das sogenannte ethisch moralische Töten, die Reflexion darüber und den Unterschied, wie und wozu die noch der Tradition verbundenen EIngeborenen und die weißen Jagdtouristen diese Jagd ausüben.
Die eindringlich klare und packende Sprache erzeugt sowohl große Spannung als auch ein Wechselbad von Gefühlen: Interesse, Bewunderung , Abscheu und Ablehnung von Rechtfertigungen des sozusagen ritterlichen Tötens. Und oft ein störender Eindruck von überzogener Bemühung, das Geschehen überdeutlich und langwierig darzustellen.
Nach Ende des Buches bleiben intensive Bilder und der Wunsch weiter zu recherchieren.
Ein nicht abgeholtes Paket
Packerl von Anna Neata
Formal und sprachlich gesehen verdient die Geschichte von 3 Frauengenerationen durchaus Anerkennung. Mich hat sie aber nicht abgeholt.
Zu ausweglos dargestellt scheint mir der WIederholungszwang in den Lebensgeschichten und hat mich ratlos zurückgelassen.
Dorothy Horstmann und die Polioimpfung
Die Formel der Hoffnung von Cullen Lynn
Als Jugendliche las ich über ein Mädchen, das auf der Rückfahrt von den USA auf einem Ozeandampfer an Polio erkrankte und für sie eine Eiserne Lunge an Bord gebracht werden musste. Seitdem habe ich mich für die Entwicklung dieser Impfung interessiert, aber noch nie von Dorothy Horstmann gehört.
Heute ist meist vergessen, dass bis zum Erfolg der Impfung jedes Jahr Millionen Kinder in den Sommermonaten von Poliomyelitis bedroht waren.
Viele Jahrzehnte, schon ab 1939 forschten Ärzte und Wissenschafter der besten Universitäten, darunter auch Frauen, wie das Virus in den Körper gelangt, das Nervensystem angreift und schließlich Lähmungen auslöst.
Die Erste, der es gelang , das Virus in der Blutbahn nachzuweisen, war Dorothy Horstmann.
Diese großartige Frau widmete Jahrzehnte ihres Lebens dem Kampf gegen Kinderlähmung und tat dies mit großer Empathie , Zuwendung und Selbstlosigkeit.
Als Frau wird ihren Ergebnissen lange Zeit wenig Aufmerksamkeit geschenkt, bis ihre Bedeutung erkannt und Dorothy für den Nobelpreis nominiert wird. DIesen erhält jedoch ein ebenfalls an der Polioimpfung arbeitender Forscher.
Erste Erfolge der Impfung werden mit abgetöteten Viren gemeldet, bis 1960 mit der neu entwickelten Schluckimpfung der endgültige Durchbruch erreicht wird, um Polio zu besiegen.
Lynn Cullens Buch habe ich gerne gelesen, obwohl es einige Schwächen hat, auch weil dieser Blick in die Impfgeschichte sehr aktuell ist.
Dieses Jahr erhielten die Ungarin Katalin Karikó und der Amerikaner Drew Weissman den Nobelpreis für Medizin für ihre mRNA-Technologie, die die Grundlage für die Entwicklung des neuen Corona- Impfstoffes legte. Millionen von Leben konnten durch diese Impfung gerettet werden
Und das zur Weihnachtszeit
Mit dem Schnee kommt der Tod von Nicola Upson
Als nicht wirkliche Krimifreundin hab ich das Buch durchaus gern gelesen. DIe Landschaft Cornwalls, Wind Wetter und Scvhneetreiben , dazu noch der St. Michaels Mount sind gekonnt beschrieben, die handelnden Figuren, voran Chieif IIspector Penrose und sogar Marlene Dietrich versprechen Spannung. Diese stellt sich aber erst im letzten Drittel der Geschichte ein und wartett dann durchaus mit kreativen Morden auf.
Und das alles zur Weihnachtszeit.....
Familie und andere Probleme
Schönwald von Philipp Oehmke
Eine Familiengeschichte wird hier von Philipp Oehmke präsentiert, die, prall gefüllt mit aktuellen Themen und detailreich geschildert, gefangen nimmt und zum Nachdenken anregt.
Der Roman ist brillant geschrieben und zeichnet Eltern und Kinder und ihre Beziehungen, ihre Bemühungen und ihr Scheitern nachvollziehbar.
Als sich Harry und Ruth mit ihren erwachsenen Kindern in Berlin treffen, müssen sie erkennen, dass es nicht allein um die Offenlegung der Nazivergangenheit des Großvaters geht, sondern auch darum, dass offenbar in der Familie Gefühle und Bedürfnisse verschwiegen und daher auch nicht erkannt werden.
Was einerseits dem Erhalt des Familiensystems dient, erzeugt andererseits sein Auseinander- brechen.
Diese Buch entlässt die Leserin nicht ohne einen Blick auf die eigene Familie und ihre Rolle darin
Frauendasein einst und jetzt
Marschlande von Jarka Kubsova
Als Britta Stoever mit ihrer Familie ins Hamburger Marschland zieht, ist ihr nicht nur ihr neues, kühles, modernes Zuhause fremd, sondern auch ihr Mann fremd geworden.
Sie fühlt sich, da sie ihren Beruf für die Familie aufgegeben hat, unerfüllt und isoliert.
Auf ihren Erkundungen durch das neue Umfeld und Dorf fällt ihr ein Straßenname auf: Abelke Blekens.
Sie beginnt sich für sie zu interessieren und gerät bald in den Bann ihrer Geschichte.
Diese schöne, kluge, tatkräftige und selbstbestimmte Frau führte um 1580 allein mit ihrem Gesinde erfolgreich eine Landwirtschaft auf ihrem eigenen Land.
Das entsprach natürlich damals nicht den sozialen Normen und sie erregt Begehrlichkeiten und Verdacht, was letztendlich in ihr Verderben führt.
Je mehr Britta über Abelke erfährt, umso mehr identifiziert sie sich mit ihr und ihrem Schicksal und es wird ihr bewußt, dass Frau sein zu allen Zeiten herausfordernd und nicht kampflos zu verändern ist.
Faszinierend lässt Jarka Kubsova in Brittas Recherchen Abelkes Leben und ihre Zeit lebendig werden. Sie schildert die Auswirkungen der Kleinen Eiszeit, die sich in katastrophalen Wetterphänomenen, Überschwemmungen, Dammbrüchen, ausbleibenden Ernten, Kälte ,Hunger und sozialen Missständen auswirkt.
Dies lässt im Gegensatz dazu Brittas Schwierigkeiten als Luxusprobleme erscheinen.
Und doch: auch in unserer Zeit gibt es Frauen, die mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben und für ihre Selbstbestimmtheit mit dem Leben bezahlen.
Ich finde das Buch sehr interessant, berührend und spannend zu lesen. Vor allem hat mich Abelkes Geschichte bewegt, die klug und gut recherchiert lange nachwirkt.











