Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Leporello Stöger

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Herwig Oberlerchner:

Die Katastrophe naht. Aber wie?

Die Assistentin von Caroline Wahl

Charlottes Persönlichkeit ist brüchig, vielleicht hat sie wirklich den Vaterkomplex, den sie an sich vermutet. Sie sucht nach Anerkennung und Lob, besonders von ihrem Chef, einem Verleger, dem man eine narzisstische Persönlichkeit unterstellen möchte. Dessen Forderungen und Willkür und Kränkungen und Übergriffen ordnet sie ihre eigenen Bedürfnisse unter.

Allein in der Großstadt, enttäuscht von der Liebe und ausgehöhlt von der Arbeit als Assistentin des Verlegers, zunehmend dekompensierend, findet sie einen Halt oder eher ein Ventil, die Musik.
Lebensnahe Geschichte, gut erzählt, detaillierte Charaktere, elegante Entwicklung des Labyrinths neurotisch-kollusiver Beziehungen in komplexen Institutionen, aber interessant wird das Buch vor allem durch ein Stilmittel: Immer wieder gestattet die Autorin einen Blick in die Zukunft, deutet aus der Perspektive der begleitenden Erzählerin besorgniserregende Entwicklungen und Katastrophen an, die eintreffen oder auch nicht, regt so Fantasien an und erhöht geschickt die Spannung. Man weiß, es wird sich zuspitzen. Aber wie? Raffiniert. Man leidet mit der Protagonistin, ärgert sich über sie, distanziert sich von ihr, trauert und kämpft mit ihr entlang der vorerst unerfüllten Sehnsucht, endlich gesehen und gehört zu werden. Dann sitzt sie am Meer. Und Bo war auch wieder da.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Kinder suchtkranker Eltern

22 Bahnen von Caroline Wahl

Eigentlich möchte Tilda ihr Leben genießen, unbeschwert sein, ohne Sorgen und Ängste ihren Weg gehen. Doch sie hat keinen Kontakt zum Vater und die Mutter ist alkoholkrank, mal aggressiv und impulsiv, mal suizidal, fast immer betrunken. Die Halbschwester Ida, um Jahre jünger, wäre der Willkür, der Aggression und Depression der Mutter hilflos ausgeliefert, wenn sie nicht durch Tilda beschützt, begleitet, erzogen und gefördert werden würde.

Ein kluges Buch, ein tiefer, berührender Einblick in die Psychodynamik traumatisierter Kinder suchtkranker Eltern im Spektrum stressbedingter Entwicklungshemmung, Resilienz, Überforderung und Sehnsucht.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

So ein Sog ...

Das andere Tal von Scott Alexander Howard

„Das andere Tal“ von Scott Alexander Howard. Diogenes Verlag.
Odile, die 16jährige Protagonistin im Buch lebt in einem geographisch übersichtlichen Tal mit Bergen, Dörfern, Städten und einem See mit ihrer verwitweten Mutter in einem Haus. Sie besucht die Schule, wo schwarze Pädagogik, körperliche Züchtigung aber auch Mobbing Alltag zu sein scheinen.

Odile wirkt schüchtern, introvertiert, unnahbar, schwer erreichbar und durchlebt Phasen von Verunsicherung und Selbstwerteinbrüchen. Langsam findet sie jedoch Zugang zu einer Clique. Das Tal wird nach Osten und Westen begrenzt von identen Tälern, ebenso von hohen Zäunen umgeben, streng bewacht von einer bewaffneten Gendarmerie, jeder Fluchtversuch endet tödlich. In diesen Tälern, im Osten und Westen leben dieselben Menschen, jedoch jeweils um 20 Jahre nach vorne (Osten) oder 20 Jahre zurück (Westen) zeitversetzt. Jede Handlung in der Vergangenheit hat massive, oft kaum zu durchschauende Auswirkungen auf Gegenwart und Zukunft in den Nachbartälern, sodass Übertritte in die Nachbartäler streng geahndet werden und Besuche nur sehr selten nach sehr intensiver und sorgfältiger Prüfung durch das Conseil genehmigt werden. Odile bewirbt sich für die Ausbildung zur Conseiliere, scheitert im Verlauf des Aufnahmeverfahren, wird aber in die Gendarmerie angenommen, bewacht die Grenze und begleitet Besucher mit Besuchserlaubnis auf den herausfordernden Wanderungen ins Nachbartal. Ihr Leben ist still, einsam, eintönig, doch Odile genießt die Natur, die Stille, die Möglichkeit in den vielen Stunden in der Natur Holzschnitte anzufertigen.
In der Schule Jahre zuvor verliebt sich Odile in einen Mitschüler, Edme. Er stirbt bei einem Sturz über eine Klippe. Oder ist es ein Suizid? Hätte sie ihn retten können? Im Lauf der Jahre spitzen sich die Ereignisse in Odiles Leben scheinbar zufällig so zu und kulminieren in einem verbotenen Übertritt ins Nachbartal mit dem Ziel die Vergangenheit zu verändern. Wird sie Edmes Leben retten können? Wird sie Ihr Leben in andere Bahnen lenken können?
Ein kluges, berührendes Buch, das wohl in allen Leser*innen zu lawinenartigen Assoziationsketten führen wird. Man denkt an die DDR, an autoritäre Regime, an die engen Lebenswelten, aus denen sich junge Menschen zu befreien trachten, Howard führt subtil auch zu spirituellen und philosophischen Grundfragen der Menschen, uralte Sehnsüchte und ungeahnte Gefühle steigen hoch, atemlos flüchtet man zuletzt mit Odile in die Vergangenheit, die zur Gegenwart wird und die Zukunft bestimmt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Asyl für Elefanten

Das Geschenk von Gaea Schoeters

Der Präsident von Botwana rächt sich an Deutschland für eine Verschärfung des Jagdtrophäengesetzes und schickt via "Magie" 20 000 Elefanten, die sukzessive zuerst vereinzelt in Berlin aufpoppen, dann Herden bilden und schließlich zu großen politischen und ökologischen Herausforderungen werden.

Politiker versuchen verzweifelt im Spektrum von Stimmenfang und visionärem Perspektivenwechsel Krisen, nicht nur ausgelöst durch die Unmengen an Elefantendung zu bewältigen. Die Autorin bietet eine kurzweilige satirische Fabel zu den Themen Migration, Eurozentrismus, politische Doppelmoral, Klimawandel und regt zum Quer- und Weiterdenken an. Ein komprimiertes, kurzweiliges Nachfolgebuch zu "Trophäe". Das Ende des Säugetierdramas kommt unbefriedigend abrupt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Zum letzten Mal in Spanien

Drei Wochen mit Thomas Bernhard in Torremolinos von Susanne Kuhn

Susanne Kuhn, die Halbschwester Thomas Bernhards, gibt einen Einblick in drei Urlaubswochen im Herbst 1988 gemeinsam mit dem Autor in Torremolinos in Spanien. Thomas Bernhard ist schon sehr gezeichnet von seiner Krankheit (Sarkoidose), hat ständig Atemnot, ist kaum belastbar, kann nicht mehr schwimmen, glaubt sich einmal dem Tode nahe.

Die mitgebrachte Schreibmaschine bleibt unbenutzt.
Der Reisebericht wird ergänzt von Karikaturen von Nicolaus Mahler, der schon ein Buch über Thomas Bernhard illustriert hat. Zuletzt findet auch noch eine Zusammenfassung von Gesprächen - untermalt von Fotografien und Zeichnungen aus dem Familienarchiv - mit dem Bernhard-Experten Manfred Mittermayer im Buch Platz, in dem die hochgradig pathologischen Beziehungen in der Familie Bernhards zwischen den Generationen und den Geschlechtern, dieses Mal aus der Sicht einer Frau, zur Sprache kommen.
Eine vertiefende Lektüre, nicht nur für Bernhard-Fans interessant. Letzter Saft aus der Zitrone?

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Ein Parforceritt – nicht mit Forrest Gump – sondern mit Einsteins Hirn

Einsteins Hirn von Franzobel

Thomas Harvey, Pathologe an einem amerikanischen Krankenhaus, obduziert Albert Einstein. Einige Reliquienjäger plündern den Körper vor der Einäscherung, Harvey behält sich das Gehirn, vorerst mit dem Ziel der histologischen Aufarbeitung mit der Suche nach dem Sitz des Genies. Obwohl er sich fixierte Feinschnitte anfertigen lässt, erscheint über Jahrzehnte keine einschlägige Publikation.

Zu diesem Hirn entwickelt Harvey eine ganz besondere Beziehung, da es zu ihm zu sprechen beginnt, es wird zum Fetisch, vielleicht ein Ersatz für den brutalen, unnahbaren Vater. Harvey opfert zwei Ehen, zwei Familien, viele Beziehungen, oft entkommt das Organ nur knapp vernichtenden Katastrophen. Das Hirn begleitet Harvey durch die Geschichte der USA von den 50er bis zu den 90er Jahren (hier fühlt man sich an Forrest Gump erinnert), von der Mondlandung über Woodstock bis zu Oprah Winfreys Talkshows und durch ein turbulentes Leben, teilweise historisch belegt, humorvoll, frech und unterhaltsam geschrieben, mitunter nicht ohne Längen und Redundanzen, und dann geht es doch zu Ende, nicht ohne eine inzwischen auch im Leser entstandene ambivalente Beziehung zu Einsteins Hirn.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Und doch ein Krimi?!

Wackelkontakt von Wolf Haas

Ich mag keine Krimis und zögerte, das Buch trotz mehrerer Empfehlungen zu kaufen. Dann doch. Ein raffiniertes Buch, anfänglich. Drei Erzählstränge werden angenähert, verwoben, schließlich eng verflochten, ein hohe Spannung erzeugendes Stilmittel. Leider bleibt der Schuster bei seinem Leisten und schafft es der Autor nicht, diese Subtilität durchzuhalten.

Zuletzt befindet man sich bedauerlicherweise bei einer plumpen Entführung mit Lösegeldübergabe in Italien. Schade.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

"Breznik lesen!"

Der vererbte Krieg von Jutta Steiner

Jutta Steiner: Der vererbte Krieg. Transgenerationale Traumaspuren in Melitta
Brezniks Werk. Büchner Verlag: Marburg. 2024.
Melitta Breznik ist Fachärztin für Psychiatrie, lebte und arbeitete zuletzt in der Schweiz und ist auch erfolgreiche Schriftstellerin. Zwei ihrer Werke werden im kürzlich erschienenen Buch von Jutta Steiner vorgestellt: „Das Umstellformat“ (2002) und „Nordlicht“ (2009).

In Umstellformat geht es um eine sehr persönliche Suche und Reise zweier Frauen (Mutter und Tochter) auf den Spuren der Großmutter, die während des nationalsozialistischen Regimes in einer Institution in Deutschland stirbt, vielleicht Opfer der NS-Euthanasie wurde. In „Nordlicht“ versuchen zwei Frauen, einerseits ihr Schicksal an der Seite eines distanziert sprachlosen und kriegstraumatisierten Vaters, andererseits als verleugnetes und zur Adoption freigegebenes Kleinkind, Tochter einer Norwegerin mit einem deutschen Soldaten, zu entwirren. Wie Traumata von Generation zu Generation weitergegeben werden, welche Auswirkungen diese haben und wie sehr Unbearbeitetes und Unintegriertes Biographien irritieren können, stellt Steiner eindrücklich dar und beschreibt Brezniks Bücher nicht nur inhaltlich, sondern ergänzt sie durch sehr gut recherchierte, geschichtliche und psycho- und soziodynamische Erklärungen. Das Seelenleben der Protagonistinnen ist erschüttert, die Familien, die Gesellschaften greifen, um das Unerträgliche und Unbesprochene auszuhalten zu verschiedenen Abwehrmechanismen, so auch zur Dissoziation, der innerseelischen Spaltung, die Breznik, so Steiner, anhand der multiperspektivischen Erzählweise (dazu gibt es ein eigenes Kapitel im Buch) darzustellen versucht. Verschiedene Zeit- und Figurenperspektiven nähern sich den so facettenreichen, dramatischen und traumatisierenden Ereignissen an und gestatten so einen breiten Blick auf die
Fakten, aber vor allem auf die emotionssoziologische Ebene und die innere Zerrissenheit der direkt oder indirekt transgenerational betroffenen Individuen, die mit ihrem So-Sein und um ihr Dasein
kämpfen. Aber auch Steiners Zugang ist multiperspektivisch (literaturwissenschaftlich,
traumatheoretisch, historisch), eine sehr zu empfehlende Lektüre, die mit der indirekten Aufforderung endet: „Breznik lesen!“

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Sehnsucht

Die Stadt und ihre ungewisse Mauer von Haruki Murakami

Pünktlich zum 75. Geburtstag erscheint das neue 600 Seiten starke Buch des japanischen Beststeller- und Kultautors und Nobelpreisträgeranwärters. Wieder lädt uns Murakami in eine märchenhafte Traumwelt ein, verführt uns dieses Mal in eine Stadt mit verschieblichen und kaum durchlässigen Mauern, an deren Tor ein Pförtner wacht, der auch die Aufgabe hat, die Einhörner mittels seines Horns zu den Toren und zu den Weiden zu locken.

Viele Tiere sterben im kalten Winter und werden vom Torwächter in Gruben verbrannt. In dieser Stadt gibt es eine Bibliothek der Träume, über viele Jahre konserviert in pulsierenden Gebinden, die nur wenige lesen können. Dort trifft der Ich-Erzähler auf jenes Mädchen als Bibliothekarin, in das er sich als 17-jähriger verliebt hat. Eine tiefe, zuletzt enttäuschte Liebe, bricht doch der Kontakt plötzlich und schmerzhaft ab. Und nur enttäuschte, gekränkte oder durch Verluste traumatisierte Menschen, haben Zugang zu diesen anderen Welten oder schlicht Menschen, die nicht für diese Welt geschaffen scheinen, so ein Bub mit autistischen Zügen. Ein Riss geht durch diese Menschen, sie scheinen weder da noch dort glücklich zu sein, immer fehlt ein Teil ihres Seelenlebens, etwas wartet in ihnen sehnsüchtig. Diese Sehnsucht dehnt Murakami, die Leben sind langsam, still, entschleunigt, im Tempo des vom Himmel fallenden Schnees.
Dem mit Tiefenpsychologie vertrauten Leser werden vielen Anleihen auffallen, die Haltung der Psychoanalytiker:in (gleichschwebende Aufmerksamkeit), Elemente der Traumdeutung und der topographischen Modelle Freuds, die langsame Gründlichkeit und die Wiederholungen in der analytischen Kur, die sehnsüchtige Suche nach in der Sozialisation verloren gegangenen Teilen des seelischen Apparates, die uns ein Gefühl der Ganzheit vermitteln. Die Psychoanalyse funktioniert nur, wenn wir auch bereit sind das Rationale hinter uns zu lassen und jenseits davon es wagen ins Märchenhafte, Magische, Irrationale einzutauchen. Ein wunderbares, wundersames Buch, ein Gegenpol zu unserer hektischen, entzauberten Welt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner