Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Leporello Stöger

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Herwig Oberlerchner:

Ein Parforceritt – nicht mit Forrest Gump – sondern mit Einsteins Hirn

Einsteins Hirn von Franzobel

Thomas Harvey, Pathologe an einem amerikanischen Krankenhaus, obduziert Albert Einstein. Einige Reliquienjäger plündern den Körper vor der Einäscherung, Harvey behält sich das Gehirn, vorerst mit dem Ziel der histologischen Aufarbeitung mit der Suche nach dem Sitz des Genies. Obwohl er sich fixierte Feinschnitte anfertigen lässt, erscheint über Jahrzehnte keine einschlägige Publikation.

Zu diesem Hirn entwickelt Harvey eine ganz besondere Beziehung, da es zu ihm zu sprechen beginnt, es wird zum Fetisch, vielleicht ein Ersatz für den brutalen, unnahbaren Vater. Harvey opfert zwei Ehen, zwei Familien, viele Beziehungen, oft entkommt das Organ nur knapp vernichtenden Katastrophen. Das Hirn begleitet Harvey durch die Geschichte der USA von den 50er bis zu den 90er Jahren (hier fühlt man sich an Forrest Gump erinnert), von der Mondlandung über Woodstock bis zu Oprah Winfreys Talkshows und durch ein turbulentes Leben, teilweise historisch belegt, humorvoll, frech und unterhaltsam geschrieben, mitunter nicht ohne Längen und Redundanzen, und dann geht es doch zu Ende, nicht ohne eine inzwischen auch im Leser entstandene ambivalente Beziehung zu Einsteins Hirn.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Und doch ein Krimi?!

Wackelkontakt von Wolf Haas

Ich mag keine Krimis und zögerte, das Buch trotz mehrerer Empfehlungen zu kaufen. Dann doch. Ein raffiniertes Buch, anfänglich. Drei Erzählstränge werden angenähert, verwoben, schließlich eng verflochten, ein hohe Spannung erzeugendes Stilmittel. Leider bleibt der Schuster bei seinem Leisten und schafft es der Autor nicht, diese Subtilität durchzuhalten.

Zuletzt befindet man sich bedauerlicherweise bei einer plumpen Entführung mit Lösegeldübergabe in Italien. Schade.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

"Breznik lesen!"

Der vererbte Krieg von Jutta Steiner

Jutta Steiner: Der vererbte Krieg. Transgenerationale Traumaspuren in Melitta
Brezniks Werk. Büchner Verlag: Marburg. 2024.
Melitta Breznik ist Fachärztin für Psychiatrie, lebte und arbeitete zuletzt in der Schweiz und ist auch erfolgreiche Schriftstellerin. Zwei ihrer Werke werden im kürzlich erschienenen Buch von Jutta Steiner vorgestellt: „Das Umstellformat“ (2002) und „Nordlicht“ (2009).

In Umstellformat geht es um eine sehr persönliche Suche und Reise zweier Frauen (Mutter und Tochter) auf den Spuren der Großmutter, die während des nationalsozialistischen Regimes in einer Institution in Deutschland stirbt, vielleicht Opfer der NS-Euthanasie wurde. In „Nordlicht“ versuchen zwei Frauen, einerseits ihr Schicksal an der Seite eines distanziert sprachlosen und kriegstraumatisierten Vaters, andererseits als verleugnetes und zur Adoption freigegebenes Kleinkind, Tochter einer Norwegerin mit einem deutschen Soldaten, zu entwirren. Wie Traumata von Generation zu Generation weitergegeben werden, welche Auswirkungen diese haben und wie sehr Unbearbeitetes und Unintegriertes Biographien irritieren können, stellt Steiner eindrücklich dar und beschreibt Brezniks Bücher nicht nur inhaltlich, sondern ergänzt sie durch sehr gut recherchierte, geschichtliche und psycho- und soziodynamische Erklärungen. Das Seelenleben der Protagonistinnen ist erschüttert, die Familien, die Gesellschaften greifen, um das Unerträgliche und Unbesprochene auszuhalten zu verschiedenen Abwehrmechanismen, so auch zur Dissoziation, der innerseelischen Spaltung, die Breznik, so Steiner, anhand der multiperspektivischen Erzählweise (dazu gibt es ein eigenes Kapitel im Buch) darzustellen versucht. Verschiedene Zeit- und Figurenperspektiven nähern sich den so facettenreichen, dramatischen und traumatisierenden Ereignissen an und gestatten so einen breiten Blick auf die
Fakten, aber vor allem auf die emotionssoziologische Ebene und die innere Zerrissenheit der direkt oder indirekt transgenerational betroffenen Individuen, die mit ihrem So-Sein und um ihr Dasein
kämpfen. Aber auch Steiners Zugang ist multiperspektivisch (literaturwissenschaftlich,
traumatheoretisch, historisch), eine sehr zu empfehlende Lektüre, die mit der indirekten Aufforderung endet: „Breznik lesen!“

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Sehnsucht

Die Stadt und ihre ungewisse Mauer von Haruki Murakami

Pünktlich zum 75. Geburtstag erscheint das neue 600 Seiten starke Buch des japanischen Beststeller- und Kultautors und Nobelpreisträgeranwärters. Wieder lädt uns Murakami in eine märchenhafte Traumwelt ein, verführt uns dieses Mal in eine Stadt mit verschieblichen und kaum durchlässigen Mauern, an deren Tor ein Pförtner wacht, der auch die Aufgabe hat, die Einhörner mittels seines Horns zu den Toren und zu den Weiden zu locken.

Viele Tiere sterben im kalten Winter und werden vom Torwächter in Gruben verbrannt. In dieser Stadt gibt es eine Bibliothek der Träume, über viele Jahre konserviert in pulsierenden Gebinden, die nur wenige lesen können. Dort trifft der Ich-Erzähler auf jenes Mädchen als Bibliothekarin, in das er sich als 17-jähriger verliebt hat. Eine tiefe, zuletzt enttäuschte Liebe, bricht doch der Kontakt plötzlich und schmerzhaft ab. Und nur enttäuschte, gekränkte oder durch Verluste traumatisierte Menschen, haben Zugang zu diesen anderen Welten oder schlicht Menschen, die nicht für diese Welt geschaffen scheinen, so ein Bub mit autistischen Zügen. Ein Riss geht durch diese Menschen, sie scheinen weder da noch dort glücklich zu sein, immer fehlt ein Teil ihres Seelenlebens, etwas wartet in ihnen sehnsüchtig. Diese Sehnsucht dehnt Murakami, die Leben sind langsam, still, entschleunigt, im Tempo des vom Himmel fallenden Schnees.
Dem mit Tiefenpsychologie vertrauten Leser werden vielen Anleihen auffallen, die Haltung der Psychoanalytiker:in (gleichschwebende Aufmerksamkeit), Elemente der Traumdeutung und der topographischen Modelle Freuds, die langsame Gründlichkeit und die Wiederholungen in der analytischen Kur, die sehnsüchtige Suche nach in der Sozialisation verloren gegangenen Teilen des seelischen Apparates, die uns ein Gefühl der Ganzheit vermitteln. Die Psychoanalyse funktioniert nur, wenn wir auch bereit sind das Rationale hinter uns zu lassen und jenseits davon es wagen ins Märchenhafte, Magische, Irrationale einzutauchen. Ein wunderbares, wundersames Buch, ein Gegenpol zu unserer hektischen, entzauberten Welt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner