Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Herwig Oberlerchner:
Die Liebe des Kolibri
Der Kolibri von Sandro Veronesi
Marco verliert in seinem Leben viele Menschen unter dramatischen Umständen, zuerst als Jugendlicher die Schwester (Suizid), dann später die Eltern (Krebs) und auch seine Tochter (Kletterunfall). Seine Enkelin zieht er alleine und hingebungsvoll auf, er sieht sie als Vertreterin jenes neuen Menschen, der vielleicht diesen Planeten retten kann.
Die vielen Verluste übersteht er, weil er immer wieder jemanden findet, dem er seine ganze Liebe schenken kann. Wie ein Kolibri hält er sich so in Schwebe und überlebt, erhält aber auch Unterstützung von einem warnenden Psychoanalytiker und einem Unglücksbringer, der ihm zweimal Glück bringt, bis das Unglück ein letztes Mal über ihn hereinbricht.
Ein Buch und ein Leben, zusammengeklebt aus Briefen, Erinnerungen, Zitaten, Anleihen, Märchen, Wundern, Mythen und dem Rätsel der Liebe.
Keine Höhen und Tiefen - nur mehr steil bergab.
Die Lebensentscheidung von Robert Menasse
In Franz Fialas Leben gibt es keine Höhen und Tiefen mehr, es geht nur mehr steil bergab. Er verliert die Freude an seiner Arbeit und kann sich mit seinem Arbeitgeber – der EU – und dessen wechselnden Zielen und Visionen nicht mehr identifizieren. Er plant Brüssel, jene Stadt, in der er vor Jahrzehnten mit so viel Enthusiasmus und voller Pläne angekommen ist, zu verlassen und riskiert damit auch die Beziehung zu seiner Lebensgefährtin.
Er möchte sich mehr um seine schon sehr betagte Mutter in Wien kümmern, den vorzeitigen Ruhestand genießen, doch dann stirbt ein Onkel und er erhält die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs. Operation, Komplikation, Zweitoperation. Nur noch wenige Wochen, er kämpft um jeden Tag, um nicht vor der Mutter zu sterben. Und dann das Ende, so gut und dicht und berührend erzählt, dass man versteht, warum man dieses scheinbar so schmerzhaft-hoffnungslose Buch nicht zuvor weggelegt hat.
Ein Schwein rennt durch Brüssel
Die Hauptstadt von Robert Menasse
Fein und detailliert herausgearbeitete Charaktere, intensive Recherchen zum Alltag in den verschiedenen Etagen der EU, ein herumirrendes Hausschwein und ein Mord, der nicht aufgeklärt werden darf – die Zutaten dieses Romans, in dessen Mittelpunkt aber der Begriff der Nationalität steht im Spektrum des Größenwahns der Nationalsozialisten und dem Tiefpunkt menschlicher Geschichte – Ausschwitz – bis zu subtilen Versuchen Nationalbewusstsein zu einem Menschheitsbewusstsein heranreifen zu lassen.
Anfänglich etwas überkomplex im Sondieren der Persönlichkeiten, zuletzt zu viele Fragezeichen, ein Buch, das die einsamen und narzisstischen Menschen in ihrer Selbstreflexionsfähigkeit überhöht. Die EU - eine Institution, deren Vision verloren gegangen ist. Stilistisch gewaltig, kluge Metaphern, anregend.
Sicher nicht zu viel des Guten
Zu wenig vom Guten von Katinka Ruffieux
Eine Familie. Vater, Mutter, zwei Töchter. Und der Großvater, der mit dem zehnjährigen Sohn schon vor vielen Jahren von Ungarn eigentlich nach Amerika wollte, aber in der Schweiz hängen blieb. Hoher Anpassungsdruck, das Leben aller drei Generationen weit weg von den eigentlichen Wünschen und Sehnsüchten.
Tod des liebenswert-schrulligen Großvaters, Scheidung der Eltern, Zerbrechen der Familie, die Töchter leiden, die jüngere still, die ältere expansiv bis zur individuellen Katastrophe. Sprachlich sehr ansprechend, bildhaft klug, ein tiefer Einblick in die komplexe Soziodynamik einer Migrantenfamilie.
Zwei Teenager auf der Suche nach ihrer Identität
Amphibium von Tyler Wetherall
Sissy ist 12, hat eine psychisch kranke Mutter, die Eltern sind getrennt, andere Bezugspersonen gibt es nicht. Ihr Leben besteht aus Beziehungsabbrüchen, Sorge um die Mutter und diffusen Sehnsüchten, viel Einsamkeit und dem besorgten Beobachten der körperlichen Veränderungen. Sie lernt in der Schule die 13-jährige Tegan kennen, deren Bruder sich kürzlich suizidiert hat und deren Bezugspersonen ebenso blind für ihre Bedürfnisse sind wie selbstbezogen.
Es entsteht eine tiefe Freundschaft. Tegan beschützt Sissy zwar vor schmerzhaftem Bullying, ist aber so manipulativ und egozentrisch, dass Sissy in seelische Not gerät und sich in ein Amphibium zu verwandeln meint.
Die zart keimende Weiblichkeit wird obendrein bedroht von einer geilen und rücksichtslosen Männerwelt.
Intensive Bilder, manches klischeehaft, ein tiefer Einblick in das Unbewusste keimender Weiblichkeit und in die Nöte vernachlässigter Heranwachsender.
Der Engel mit ernstem Gesicht
Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht von Josef Winkler
Wenn Maria, Josef Winklers Schwester, in jener Sommersaison nicht in Döbriach am Millstättersee als Konditorin gearbeitet hätte und nicht schon vor Saisonende ins Elternhaus zurückgekehrt wäre, hätte die leidenschaftliche Mehlspeisenfabrikantin dort nicht den auch aus dem Tritt geratenen Bruderautor vorgefunden, sondern vielleicht eher den Weg nach Paris genommen und hätte dort in der Patisserie Chaim Soutine in der Rue Chabrol Kirschkuchen und andere Köstlichkeiten gebacken.
Und Josef Winkler hätte sie dort auf einer seiner Reisen zu Peter Handke besuchen können. Hätte er sie aus der Kreuzdorfwelt rausreißen können, so wie er Unterstützer und Rausreißer hatte, um nicht in die Kameringer Jauchengrube zu fallen und zu ersticken? Dafür hätte es jedoch nicht nur externe Hilfe gebraucht, sondern auch Mut und Biss, doch schon früh lässt sich Maria unnotwendigerweise alle Zähne im Oberkiefer ziehen, die Prothese und ihre Trägerin schwimmen dann in der familiären und bäuerlichen Welt wie Goldfische weiter, schwimmen wie die Prothese des Vaters im Glas im trüben Winklerwasser. Potentielle Liebhaber bleiben vorm Haus, denn Liebe, Zärtlichkeit und Körperlichkeit sind zutiefst irritiert durch die schleimige Mischung aus Blut, Schweiß, Tränen, Jauche und anderen Körpersäften, die mitunter auf Marias Körper oder Bettdecke landen, gegen die es keinen Gegenzauber zu geben scheint, obwohl der Fundus in der katholischen Kirche ja eigentlich umfassend und reichhaltig ist. Passiert die Kontaminierung der Sexualität, das Abweichen in eine resignativ-einsame Welt beim Streicheln des Fuchses im Pferdestall, zu dem der Großvater seine Enkelin immer wieder auffordert? Weicht dort jegliche Hoffnung auf in zwischenmenschlicher Liebe und nicht in viehischem Begehren befriedigbare Sehnsüchte? Und wer lebt im ominösen, Maria regelmäßig heimsuchenden und lockenden Vegetarier weiter? In der dünnen Ritze zwischen Lust und Unlust beginnt der „Wahnsinn“ der Schwester zu gedeihen. Während der Seppl über ein breiteres Bewältigungsrepertoire verfügt, die archaischen, viehischen Dorf- und Familienbilder über unzählige Wiederholungen in Sprache verwandelt und ihnen so den betäubenden Schrecken nimmt, bleibt die verletzliche Maria in den Bildern stecken. Oft helfen sich zwar die Kinder/die Jugendlichen das Unerträgliche, die Entwertungen und das Unbesprochene zu ertragen, hilft Lachen, Laufen, Beten, kommen Trost und Tröstung auf, doch zu den innersten Nöten stoßen die nicht vor, auch nicht die Depotspritze gegen die vermeintliche Depression.
Das Buch kommt daher wie Winkler selbst, oft irritiert und verunsichert er wie das erste Kapitel durch Wucht und Impulsivität beim Eintreffen, dann tritt der sanftere und behutsame Mensch in den Vordergrund, um beim Abschied wieder zu toben. Das erste Kapitel führt in eine überfordernde Welt verwirrender Assoziationen, dann beruhigt sich der Autor und wir lesen eine liebevolle, zarte Episodenfolge im Gedenken an die Schwester aber auch die Eltern. Ja, altbekannte Bilder und Figuren tauchen auf, und je öfter, desto harmloser und ihres Schrecken beraubt. Die Moorleiche des Massenmörders Globocnik, die das Getreide der Familie düngt und so bis in die zellulären Strukturen jedes Familienmitglieds vordringt, wird zur bereits mit Vorfreude erwarteten Handpuppe im Kasperletheater des Bauerndorfes. Und so macht es Winkler mit vielen auch aus den Vorbüchern bekannten Elementen, die Wiederholung „entschreckt“, potentielle Traumen werden so zu Märchensequenzen und erträglichen, schon fast herbeigesehnten, verharmlosten Bildern und beruhigend vertrauten Formulierungen. Der Lesegenuss des mittleren Teiles bleibt auch im letzten Drittel erhalten, doch die Stimmung ändert sich, jetzt wird mit Verwandten vor Gericht gezogen, abgerechnet. Das Requiem für die Schwester mutiert zur Anklage gegen die Verwandten, so entsteht statt Trauer Wut, statt Tränen Schaum.
Noch deutet Winkler Versöhnungsbereitschaft gegenüber nur wenigen Menschen aus seiner Vergangenheit an, dem Vater, der Mutter, in diesem Buch dem Schicksal der Schwester Maria gegenüber, mit vielem anderen hadert er weiter in der vertrauten kraftvollen, provozierenden Intensität.
Vermutlich das beste und intensivste Buch Winklers. Nachdenklich und zart hält er die Hand der Schwester, die Schwester an der Hand.
Enttäuschte Erwartung
Abschied(e) von Julian Barnes
Das Buch, groß angekündigt als Abschiedswerk und letzter Gruß an die Leser, ist grob in drei Teile zu gliedern: Im ersten Teil beschäftigt sich Barnes weder breit noch tief mit Gedächtnispsychologie. Im zweiten Teil geht es um ein befreundetes, inzwischen verstorbenes Paar (Jean und Stephen), für deren enttäuschende Beziehung Barnes zweimal als Pate fungiert und im dritten Teil geht es – wieder wenig differenziert und oberflächlich – um Abschied, Krankheit, Altwerden, Vergänglichkeit und was von uns bleibt.
Barnes spricht von Selbstmord statt von Suizid, vom Unterbewusstsein statt vom Unbewussten, aber für die schlechte Übersetzung kann er wohl nichts. Oder ist sie doch Ausdruck altersbedingter Entdifferenzierung und Schlampigkeit, die sich durch das Buch ziehen? Meine Erwartungen wurden leider enttäuscht, auch wenn ab und zu und passagenweise großartige Erzählkunst durchblitzt.
Alle überleben
Die Aussiedlung von András Visky
Auch wenn die literarische Umsetzung des Themas ungewohnt ist und die Beziehung des Autors zur Zeichensetzung mit der des Nobelpreisträgers vergleichbar ist (beide opponieren verständlichlerweise gegen Konformismus und Regelwerk), ist der Inhalt dieses Buches zutiefst berührend. Der Vater wird inhaftiert, die Mutter mit sieben Kindern deportiert und in Gefangenenlager gesteckt, beide von der Securitate gefoltert.
Der Überlebenskampf der Familie wird beschrieben, die fast übermenschlich dargestellte Mutter mit einer tiefen Gläubigkeit als Hauptressource gibt den Kindern Halt und Sicherheit, alle überleben, zuletzt ist die Familie wieder vereint, doch der Vater setzt – ungebrochen – seine Kritik und Opposition fort.
Erfurt 2002
Die Ausweichschule von Kaleb Erdmann
Lange habe ich dieses Buch schon zu Hause, wiederholt habe ich es umkreist, aufgeschlagen, zugeschlagen. Ich hatte keine Lust auf Traumaliteratur, Schulmassaker und Gewalt. Doch dann begann ich doch mit der Lektüre und bin nun nach der letzten Seite begeistert.
Der Autor erlebt den Schulamoklauf in Erfurt 2002 als 11-Jähriger.
Er taucht viele Jahre später in seine gespeicherten Bilder ein, nähert sich echten und Deckerinnerungen, spricht mit einem Mitschüler, umkreist die Gebäude, liest Berichte von damals und Bücher und beschreibt den Werdegang dieses literarischen Annäherungs- und Bearbeitungsprozess aus verschiedenen Perspektiven so sympathisch authentisch und bewegend mit all dem Ängsten und Zweifel und Fragen des auch traumatisierten Kindes in ihm. So entsteht das Buch und was für eines!
Ausweglos ...
No Way Home von T.C. Boyle
Terrence, Arzt in Ausbildung in L. A., erfährt vom Tod seiner Mutter und macht sich auf den Weg nach Hause, einer Kleinstadt an einem Stausee in Nevada. Kaum angekommen lernt er dort Bethany kennen, eine attraktive junge Frau, die sich erst kürzlich von Jesse getrennt hat. Beth hat kein Geld, keine Bleibe, Terrence braucht jemanden vor Ort für Hund und Haus und Behördenwege, sodass er sich nach anfänglichem Zögern auf dieses Arrangement und auf eine Beziehung einlässt.
Jesse ist trotz Trennung nach wie vor überzeugt, dass Bethany zu ihm gehört, und es entspannt sich ein turbulenter von Gewalt und Betrug und heftigster Konkurrenz geprägter Kampf der drei Protagonisten um Nähe und Distanz im Spektrum Autonomie versus Bindung, Einsamkeit versus Zweisamkeit. Destruktive, kollusive Beziehungsmuster, von Boyle jeweils aus den drei verschiedenen Erzählperspektiven dargestellt. Ein erstes Stilmittel, ein zweites: ein geschickter Spannungsaufbau, verschärft durch den Wechsel in Nebenschauplätze und Auslassungen.
Boyle gibt nicht nur einen Einblick in toxische Beziehungsmuster sondern auch in Einstellungen und Lebensgestaltung junger Amerikaner aus der Mittelschicht, materialistisch, oberflächlich, kultur- und perspektivenlos. Keine Introspektion, keine Selbstreflexion. Und so bleibt es bis zum Schluss, die Wiederkehr des Befürchteten, die nächste Eskalation sind vorprogrammiert. Es gibt scheinbar keinen Ausweg, keine Entwicklung, zuletzt bleibt ein Gefühl von Resignation. Sogar der Stausee trocknet aus.











