Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Leporello Stöger

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Herwig Oberlerchner:

Der Engel mit ernstem Gesicht

Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht von Josef Winkler

Wenn Maria, Josef Winklers Schwester, in jener Sommersaison nicht in Döbriach am Millstättersee als Konditorin gearbeitet hätte und nicht schon vor Saisonende ins Elternhaus zurückgekehrt wäre, hätte die leidenschaftliche Mehlspeisenfabrikantin dort nicht den auch aus dem Tritt geratenen Bruderautor vorgefunden, sondern vielleicht eher den Weg nach Paris genommen und hätte dort in der Patisserie Chaim Soutine in der Rue Chabrol Kirschkuchen und andere Köstlichkeiten gebacken.

Und Josef Winkler hätte sie dort auf einer seiner Reisen zu Peter Handke besuchen können. Hätte er sie aus der Kreuzdorfwelt rausreißen können, so wie er Unterstützer und Rausreißer hatte, um nicht in die Kameringer Jauchengrube zu fallen und zu ersticken? Dafür hätte es jedoch nicht nur externe Hilfe gebraucht, sondern auch Mut und Biss, doch schon früh lässt sich Maria unnotwendigerweise alle Zähne im Oberkiefer ziehen, die Prothese und ihre Trägerin schwimmen dann in der familiären und bäuerlichen Welt wie Goldfische weiter, schwimmen wie die Prothese des Vaters im Glas im trüben Winklerwasser. Potentielle Liebhaber bleiben vorm Haus, denn Liebe, Zärtlichkeit und Körperlichkeit sind zutiefst irritiert durch die schleimige Mischung aus Blut, Schweiß, Tränen, Jauche und anderen Körpersäften, die mitunter auf Marias Körper oder Bettdecke landen, gegen die es keinen Gegenzauber zu geben scheint, obwohl der Fundus in der katholischen Kirche ja eigentlich umfassend und reichhaltig ist. Passiert die Kontaminierung der Sexualität, das Abweichen in eine resignativ-einsame Welt beim Streicheln des Fuchses im Pferdestall, zu dem der Großvater seine Enkelin immer wieder auffordert? Weicht dort jegliche Hoffnung auf in zwischenmenschlicher Liebe und nicht in viehischem Begehren befriedigbare Sehnsüchte? Und wer lebt im ominösen, Maria regelmäßig heimsuchenden und lockenden Vegetarier weiter? In der dünnen Ritze zwischen Lust und Unlust beginnt der „Wahnsinn“ der Schwester zu gedeihen. Während der Seppl über ein breiteres Bewältigungsrepertoire verfügt, die archaischen, viehischen Dorf- und Familienbilder über unzählige Wiederholungen in Sprache verwandelt und ihnen so den betäubenden Schrecken nimmt, bleibt die verletzliche Maria in den Bildern stecken. Oft helfen sich zwar die Kinder/die Jugendlichen das Unerträgliche, die Entwertungen und das Unbesprochene zu ertragen, hilft Lachen, Laufen, Beten, kommen Trost und Tröstung auf, doch zu den innersten Nöten stoßen die nicht vor, auch nicht die Depotspritze gegen die vermeintliche Depression.
Das Buch kommt daher wie Winkler selbst, oft irritiert und verunsichert er wie das erste Kapitel durch Wucht und Impulsivität beim Eintreffen, dann tritt der sanftere und behutsame Mensch in den Vordergrund, um beim Abschied wieder zu toben. Das erste Kapitel führt in eine überfordernde Welt verwirrender Assoziationen, dann beruhigt sich der Autor und wir lesen eine liebevolle, zarte Episodenfolge im Gedenken an die Schwester aber auch die Eltern. Ja, altbekannte Bilder und Figuren tauchen auf, und je öfter, desto harmloser und ihres Schrecken beraubt. Die Moorleiche des Massenmörders Globocnik, die das Getreide der Familie düngt und so bis in die zellulären Strukturen jedes Familienmitglieds vordringt, wird zur bereits mit Vorfreude erwarteten Handpuppe im Kasperletheater des Bauerndorfes. Und so macht es Winkler mit vielen auch aus den Vorbüchern bekannten Elementen, die Wiederholung „entschreckt“, potentielle Traumen werden so zu Märchensequenzen und erträglichen, schon fast herbeigesehnten, verharmlosten Bildern und beruhigend vertrauten Formulierungen. Der Lesegenuss des mittleren Teiles bleibt auch im letzten Drittel erhalten, doch die Stimmung ändert sich, jetzt wird mit Verwandten vor Gericht gezogen, abgerechnet. Das Requiem für die Schwester mutiert zur Anklage gegen die Verwandten, so entsteht statt Trauer Wut, statt Tränen Schaum.
Noch deutet Winkler Versöhnungsbereitschaft gegenüber nur wenigen Menschen aus seiner Vergangenheit an, dem Vater, der Mutter, in diesem Buch dem Schicksal der Schwester Maria gegenüber, mit vielem anderen hadert er weiter in der vertrauten kraftvollen, provozierenden Intensität.
Vermutlich das beste und intensivste Buch Winklers. Nachdenklich und zart hält er die Hand der Schwester, die Schwester an der Hand.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Enttäuschte Erwartung

Abschied(e) von Julian Barnes

Das Buch, groß angekündigt als Abschiedswerk und letzter Gruß an die Leser, ist grob in drei Teile zu gliedern: Im ersten Teil beschäftigt sich Barnes weder breit noch tief mit Gedächtnispsychologie. Im zweiten Teil geht es um ein befreundetes, inzwischen verstorbenes Paar (Jean und Stephen), für deren enttäuschende Beziehung Barnes zweimal als Pate fungiert und im dritten Teil geht es – wieder wenig differenziert und oberflächlich – um Abschied, Krankheit, Altwerden, Vergänglichkeit und was von uns bleibt.

Barnes spricht von Selbstmord statt von Suizid, vom Unterbewusstsein statt vom Unbewussten, aber für die schlechte Übersetzung kann er wohl nichts. Oder ist sie doch Ausdruck altersbedingter Entdifferenzierung und Schlampigkeit, die sich durch das Buch ziehen? Meine Erwartungen wurden leider enttäuscht, auch wenn ab und zu und passagenweise großartige Erzählkunst durchblitzt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Alle überleben

Die Aussiedlung von András Visky

Auch wenn die literarische Umsetzung des Themas ungewohnt ist und die Beziehung des Autors zur Zeichensetzung mit der des Nobelpreisträgers vergleichbar ist (beide opponieren verständlichlerweise gegen Konformismus und Regelwerk), ist der Inhalt dieses Buches zutiefst berührend. Der Vater wird inhaftiert, die Mutter mit sieben Kindern deportiert und in Gefangenenlager gesteckt, beide von der Securitate gefoltert.

Der Überlebenskampf der Familie wird beschrieben, die fast übermenschlich dargestellte Mutter mit einer tiefen Gläubigkeit als Hauptressource gibt den Kindern Halt und Sicherheit, alle überleben, zuletzt ist die Familie wieder vereint, doch der Vater setzt – ungebrochen – seine Kritik und Opposition fort.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Erfurt 2002

Die Ausweichschule von Kaleb Erdmann

Lange habe ich dieses Buch schon zu Hause, wiederholt habe ich es umkreist, aufgeschlagen, zugeschlagen. Ich hatte keine Lust auf Traumaliteratur, Schulmassaker und Gewalt. Doch dann begann ich doch mit der Lektüre und bin nun nach der letzten Seite begeistert.
Der Autor erlebt den Schulamoklauf in Erfurt 2002 als 11-Jähriger.

Er taucht viele Jahre später in seine gespeicherten Bilder ein, nähert sich echten und Deckerinnerungen, spricht mit einem Mitschüler, umkreist die Gebäude, liest Berichte von damals und Bücher und beschreibt den Werdegang dieses literarischen Annäherungs- und Bearbeitungsprozess aus verschiedenen Perspektiven so sympathisch authentisch und bewegend mit all dem Ängsten und Zweifel und Fragen des auch traumatisierten Kindes in ihm. So entsteht das Buch und was für eines!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Ausweglos ...

No Way Home von T. C. Boyle

Terrence, Arzt in Ausbildung in L. A., erfährt vom Tod seiner Mutter und macht sich auf den Weg nach Hause, einer Kleinstadt an einem Stausee in Nevada. Kaum angekommen lernt er dort Bethany kennen, eine attraktive junge Frau, die sich erst kürzlich von Jesse getrennt hat. Beth hat kein Geld, keine Bleibe, Terrence braucht jemanden vor Ort für Hund und Haus und Behördenwege, sodass er sich nach anfänglichem Zögern auf dieses Arrangement und auf eine Beziehung einlässt.

Jesse ist trotz Trennung nach wie vor überzeugt, dass Bethany zu ihm gehört, und es entspannt sich ein turbulenter von Gewalt und Betrug und heftigster Konkurrenz geprägter Kampf der drei Protagonisten um Nähe und Distanz im Spektrum Autonomie versus Bindung, Einsamkeit versus Zweisamkeit. Destruktive, kollusive Beziehungsmuster, von Boyle jeweils aus den drei verschiedenen Erzählperspektiven dargestellt. Ein erstes Stilmittel, ein zweites: ein geschickter Spannungsaufbau, verschärft durch den Wechsel in Nebenschauplätze und Auslassungen.
Boyle gibt nicht nur einen Einblick in toxische Beziehungsmuster sondern auch in Einstellungen und Lebensgestaltung junger Amerikaner aus der Mittelschicht, materialistisch, oberflächlich, kultur- und perspektivenlos. Keine Introspektion, keine Selbstreflexion. Und so bleibt es bis zum Schluss, die Wiederkehr des Befürchteten, die nächste Eskalation sind vorprogrammiert. Es gibt scheinbar keinen Ausweg, keine Entwicklung, zuletzt bleibt ein Gefühl von Resignation. Sogar der Stausee trocknet aus.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Stille Lebenskunst

6 aus 49 von Jacqueline Kornmüller

Wir begleiten Lina, geboren 1911, aus der Sicht ihrer Enkelin durch ihr 93 Jahre währendes Leben von der Geburt bis zum Tod. Rührend, warmherzig, einfühlsam werden diese Frau und die Beziehung der Erzählerin und Enkelin zu ihr in 49 Kapitel beschrieben. Wir driften so durch eine karge Kindheit, sehr arbeitsame Jahre, den aufkeimenden Fremdenverkehr, Frauenfreundschaft, Krieg und Nationalsozialismus und seine Verleugnung bis heute, Lottoglück und stille Lebenskunst.

Die Männer fehlen, sind im Krieg, grob, sterben bald, tauchen auch sonst nur selten auf, zuletzt als sechs Motorradfahrer im französischen Traumbett und ganz zuletzt in einem „Du“, wohl dem Vater von Linas Tochtertochtertochter. Ein zartes Buch vom kleinen Glück.
Ansprechender Stil, poetisch, gemächlich, ungehetzt, inhaltlich durchsetzt von schönen Neurosen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Ein nerviges Buch

Frauen im Sanatorium von Anna Prizkau

Anna, die Ich-Erzählerin, befindet sich in einem Sanatorium. Sie nimmt ambivalent an den Therapien teil, ihre Medikamente nicht, taucht gerne und mehr breit als tief in die Lebensgeschichten anderer Menschen ein, mit der eigenen beschäftigt sie sich auch nur oberflächlich, versucht von sich und ihren Bedürfnissen abzulenken, driftet durch die Tage, alkoholisiert sich am Abend, tut alles, um von diesem Aufenthalt trotz vieler Angebote nicht zu profitieren.

Sie verliebt sich, lässt den jungen Mann - angeblich schizophren - nach dem Sex von traumatisierten Bundeswehrangehörigen – ebenfalls im Sanatorium - zusammenschlagen. Und immer wieder bespricht sie sich mit dem Flamingo im Sanatoriumspark. Anna und das Buch werden zunehmend unsympathisch, nervig, ärgerlich, widersprüchlich, und zuletzt ist man, schon fast wütend, froh, beide hinter sich lassen zu können. Und dann mischt Anna Whiskey und Tabletten.
Wollte die Autorin die Hauptfigur absichtlich so zersplittert zeichnen? Verwebt sie absichtlich verwirrend und detailreich einander ähnelnde Biographien der Mitklienten im Sanatorium? Stellt sie Annas egomane Welt absichtlich so dar, um eine kranke, um Liebe ringende und gleichzeitig liebesunfähige Persönlichkeit darzustellen? Ist der Stil absichtlich so?
Oder interpretiere ich als geschulter Leser den Text so raffiniert, wie ihn die Autorin gar nie zu gestalten in der Lage gewesen wäre? Ein nerviges Buch.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Mohnschnecken und Radausflüge

Jetzt gerade ist alles gut von Stephan Schäfer

Ja, Menschen haben Krisen. Ja, Krisen verändern Menschen. Ja, sie sehen die Welt dann anders, intensiver, nehmen Details und scheinbare Nebensächlichkeiten achtsamer wahr, entschleunigen und nehmen sich mehr Zeit für sich und ihre Beziehungen, freuen sich über zugesandtes Gebäck (Mohnschnecken) und Radausflüge mit der Schwiegermutter, sammeln subjektiv kostbare Momente.

Mehr kann ich aus dem Buch nicht rauslesen, inhaltlich mal berührend, mal oberflächlich, sprachlich enttäuschend. Ein zu schneller und voreiliger Nachschlag nach einem ersten Erfolg.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Zsömle rührt

Zsömle ist weg von László Krasznahorkai

Onkel Józsi (eigentlich József Kada) ist 91, ehemaliger Elektriker und lebt zurückgezogen in einem ungarischen Dorf. Der Kontakt zur Tochter ist ambivalent, seine Frau ist schon vor Jahren gestorben, der alte Kettenhund Zsömle stirbt auch und wird durch einen neuen Zsömle ersetzt. Das Leben ist einfach und rhythmisch, Milch und Brot am Abend, der Blick von der Terrasse über eine Flusslandschaft, ab und zu Wein aus dem Kanister, wenig Kontakt zu den Nachbarn.

Das Holz im Sparherd legt er nicht mehr nach. Das Leben nähert sich dem Ende.
Nur wenige wissen es, Onkel Józsi stammt direkt von Dschingis Khan und diversen Árpaden-Königen ab und ist somit der rechtmäßige Thronfolger Ungarns. Er kennt die Geschichte Ungarns bis ins Detail, hat viele Beweise für seine eigentliche Bestimmung, die überfällige Inthronisierung, gesammelt und wird schließlich von einer schrillen und bunten Gruppe von Menschen entdeckt, die ihn zum König und Ungarn wieder zur Monarchie machen wollen. Krude Ideen eines alten Spinners? Bedrohung für das dem Niedergang geweihte ungarische Regime? Projektionsfigur für Verschwörungstheoretiker und „Reichsbürger“? Tapfer erträgt der alte Mann die Turbulenzen seiner letzten Monate, die Einsamkeit, die Instrumentalisierung, schmeichelnde Höhen, tiefe Fälle, Prozesse, Gefängnis und Psychiatrisierung. Immer wieder schafft er es, Menschen für sich zu gewinnen, Unterstützer zu finden, sich Lichtblicke zu verschaffen, doch zuletzt scheinen trotz Flucht aus der Psychiatrie mit dem co-depressiven Hund die Lebensgeister erloschen zu sein.
Das Buch und sein Protagonist rühren. Ist Onkel Józsi eine Metapher für die Monarchie, überaltet, unermüdlich um Restitution bemüht? Ist es schlicht der Rückblick eines alten Mannes auf Chancen und Verpasstes in einem langen Leben? Ist es Zsömle, das letzte liebende Lebewesen?
Ohne Punkt, doch nie atemlos führt uns der Nobelpreisträger durch die Kapitel, über Berge und Täler dieses märchenhaften Lebens eines Königs, eines sympathischen Manipulierers, eines Menschen, der bis zuletzt an seine besondere Rolle in dieser Welt glaubt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Halbe Wahrheit - Halbwahrheiten - Fake - KI

Zwei Herren am Strand von Michael Köhlmeier

Dieses Köhlmeier Buch, erschienen bereits 2016, habe ich heute beendet. Eine tatsächlich spannende und berührende Beschreibung einer Begegnung zweier Menschen mit unauslöschlichen Plätzen in der Weltgeschichte im Kampf gegen Suizid und Depression, gegen den "schwarzen Hund", der beide mitunter an der Gurgel packt.

Aber - und damit ist das Buch auch in einer zweiten Hinsicht hochaktuell - das Spiel mit den fiktiven und realen Quellen irritiert sehr, denn Köhlmeier lässt die Grenze zwischen Fiktion und Realität immer wieder verschwimmen. Er mischt angeblich mühevoll recherchierte Tagebucheinträge, konstruiert geheime Briefwechsel und intime Unterredungen und lässt authentische und fingierte Überlieferungen so ineinander fließen, dass am Ende beide gleichermaßen Zweifel erwecken. Hier gibt es die aktuelle Parallele zur KI. Köhlmeier induziert so ein notwendiges gesundes Misstrauen gegenüber Fremdrecherche. Man beginnt sofort selbst zu recherchieren und erfährt, dass es zitierte Bücher und erwähnte Personen aus dem Umfeld gar nicht gab.
Das verunsichert und lässt auch an den echten historischen Geschehnissen zweifeln. Alles Fake?
Was bleibt, ist die rührende Darstellung einer (vielleicht) tiefen und lebensrettenden Freundschaft.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner