Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Leporello Stöger

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Herwig Oberlerchner:

Moderne Hysterie

Der Paketzusteller von Richard Schuberth

Gerhild Pfister, die Hauptfigur des Romans, ist immer theatralisch, mittelpunktsstrebig,
gezielt provokant und tut angestrengt alles, um ihr Publikum auf Facebook aber auch
innere Beobachter zu unterhalten. Reicht die eigene Kraft – leidet sie doch angeblich
unter Krebs im Endstadium – dafür nicht mehr aus, greift sie zu verschiedensten
Substanzen, um der Rubrik „moderne Hysterie“ gerecht zu werden.

Sie spielt äußerst
bemüht mit sich und ihrer Umwelt, ohne ihre wahre Identität hinter den vielen Rollen je
entdeckt zu haben. Die Menschen in ihrer Umgebung sind ebenso Schauspieler auf
diversen, auch virtuellen Bühnen, alle voll Sehnsucht nach den Arealen jenseits der
Einsamkeit. Als sich der identitätsstiftende Krebs und eine Beziehung als
Hoffnungskeime zerschlagen, entsteht im Vakuum eine Erinnerung an den toten Vater.
Statt zu trauern lässt sich Gerhild lieber erschlagen. Im Epilog treffen sich die Menschen
nicht mehr, denn zu wenige „sind auf den Uferwegen unterwegs“.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Hard Rain in der Badewanne

Königin Esther von John Irving

Wie gerne John Irving im aktuellen Buch am Erfolg und Tiefgang seiner früheren Romane anknüpfen möchte, erkennt man schon daran, dass er Dr. Larch aus „Des Teufels Werk und Gottes Beitrag“ auferstehen lässt, den mittleren Teil des Buches nach Wien verlegt und wie immer seine Protagonist*innen in queer-verwirrenden Familienverhältnissen ihre Identität suchen lässt.

Es gibt wie gewohnt schräge Beziehungen, schräge Charaktere, schräge Lebensumstände. Soweit bewährte Zutaten und alte Rezepte. Neu hingegen eine mythologische Rahmenhandlung rund um Königin Est(h)er, die - nachzulesen im alten Testament - das jüdische Volk rettet. Esther, Tochter einer ermordeten Jüdin und im Buch adoptiert in die bunte Familie Winslow, gebiert die Hauptperson James Winslow, geht dann nach Israel und kämpft für ihr Volk, wo und wie deutet Irving nur an. James (Jimmy) versucht seine Geschichte zu entqueeren, reinszeniert sie aber in der eigenen Generation und bereitet die nächste Verwirrung vor. Die Herkunftsgeschichte seiner Tochter Vienna wird noch bizarrer. In den früheren Büchern Irvings konnte man mitfühlend und belustigt den humorvollen Sinn- und Identitätssuchen der Protagonist*innen folgen, jetzt bleibt einem oft das Lachen im Hals stecken, muss man an transgenerationale Traumata denken, an unreflektiertes Weitergeben von Schiefheilungen durch irritierte Menschen. Die Auswirkungen solcher Entwicklungsbedingungen verleugnet und bagatellisiert John Irving. Dieses Zulassen von allen konstruierten oder unbewusst entstandenen Eventualitäten wird metaphorisch dargestellt durch den von allen akzeptierten und über mehrere Kapitel angekündigten Durchfall des herumgereichtes Hundes Hard Rain während Gewitter in der Badewanne. Dazu kommt es aber Gott sei Dank nicht. James wird Schriftsteller, schreibt die Bücher John Irvings und hat großen Erfolg. Warum auch immer.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Letzte Hoffnungen ersticken im Schlamm

Satanstango von László Krasznahorkai

Alles ist feucht, modrig, grau. Auch die Menschen, die in ihren verfallenden Häusern sitzen und trübsinnig sich argwöhnisch gegenseitig beobachten. Öde, Stillstand, Einsamkeit. Keine Arbeit, Dauerregen, Dreck. Das einzige Kind im Dorf nimmt sich das Leben, nachdem alle Träume geplatzt sind. Selten Lebendigkeit, nur beim Tanz im Vollrausch – dem Satanstango – und beim tierischen Begehren.

Letzte Reste irrationaler Hoffnungen, Momente von Vertrauen und kindlicher Sehnsüchte werden schamlos ausgenutzt, die Menschheit versinkt in Schlamm und Leere.
Der Nobelpreisträger entwickelt – 1985 – eine düstere, fast perspektivenlose Welt, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint. Eine harte Kritik an einer verrohenden Gesellschaft in einem missglückten politischen System.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Ein Gegenentwurf

Für Polina von Takis Würger

Takis Würger beschreibt detailliert liebevoll besondere Menschen, pointierte Charaktere, von denen man annehmen würde, sie bleiben für sich und einsam. Doch sie treffen sich in ihrer individuellen Wahrnehmung der Welt, in ihrem individuellen Fühlen, Denken und Handeln und es entstehen warme und echte Beziehungen, die einen Gegenentwurf zu unserer harten und rohen und oberflächlichen Alltagswelt darstellen.

Wohltuend.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Brüchigkeit überall

Botanik des Wahnsinns von Leon Engler

Die Familiengeschichte ist bizarr, der Protagonist ist mit einer extremen Häufung psychischer Erkrankungen in seiner Familie konfrontiert, eine genetische, epigenetische und psychodynamische Herausforderung, der er sich über viele Jahre tapfer stellt. Er geht der Familiengeschichte nach, forscht in der Vergangenheit, begleitet die grenzkompensierten Eltern, die Mutter bis zum Tod.

Und dann findet er sich selbst in der Psychiatrie wieder, als Psychologe nicht als Patient. Eine Schiefheilung? Die Erzählungen von den Begegnungen nicht nur mit den Eltern berühren, ebenso der Kampf des Protagonisten um seine Stabilität, die interponierten, an Fachbuchauszüge erinnernden Textteile stören jedoch. Der Text spiegelt die Brüchigkeit des Protagonisten, das Raum-Zeit-Gitter knirscht mitunter, aber es hält, Hypothesen zur Transgenerationalität fehlen. Manches bleibt unklar, der Wahnsinn hat eben nicht die strenge Nomenklatur und Systematik wie die Botanik.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Die Katastrophe naht. Aber wie?

Die Assistentin von Caroline Wahl

Charlottes Persönlichkeit ist brüchig, vielleicht hat sie wirklich den Vaterkomplex, den sie an sich vermutet. Sie sucht nach Anerkennung und Lob, besonders von ihrem Chef, einem Verleger, dem man eine narzisstische Persönlichkeit unterstellen möchte. Dessen Forderungen und Willkür und Kränkungen und Übergriffen ordnet sie ihre eigenen Bedürfnisse unter.

Allein in der Großstadt, enttäuscht von der Liebe und ausgehöhlt von der Arbeit als Assistentin des Verlegers, zunehmend dekompensierend, findet sie einen Halt oder eher ein Ventil, die Musik.
Lebensnahe Geschichte, gut erzählt, detaillierte Charaktere, elegante Entwicklung des Labyrinths neurotisch-kollusiver Beziehungen in komplexen Institutionen, aber interessant wird das Buch vor allem durch ein Stilmittel: Immer wieder gestattet die Autorin einen Blick in die Zukunft, deutet aus der Perspektive der begleitenden Erzählerin besorgniserregende Entwicklungen und Katastrophen an, die eintreffen oder auch nicht, regt so Fantasien an und erhöht geschickt die Spannung. Man weiß, es wird sich zuspitzen. Aber wie? Raffiniert. Man leidet mit der Protagonistin, ärgert sich über sie, distanziert sich von ihr, trauert und kämpft mit ihr entlang der vorerst unerfüllten Sehnsucht, endlich gesehen und gehört zu werden. Dann sitzt sie am Meer. Und Bo war auch wieder da.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Kinder suchtkranker Eltern

22 Bahnen von Caroline Wahl

Eigentlich möchte Tilda ihr Leben genießen, unbeschwert sein, ohne Sorgen und Ängste ihren Weg gehen. Doch sie hat keinen Kontakt zum Vater und die Mutter ist alkoholkrank, mal aggressiv und impulsiv, mal suizidal, fast immer betrunken. Die Halbschwester Ida, um Jahre jünger, wäre der Willkür, der Aggression und Depression der Mutter hilflos ausgeliefert, wenn sie nicht durch Tilda beschützt, begleitet, erzogen und gefördert werden würde.

Ein kluges Buch, ein tiefer, berührender Einblick in die Psychodynamik traumatisierter Kinder suchtkranker Eltern im Spektrum stressbedingter Entwicklungshemmung, Resilienz, Überforderung und Sehnsucht.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

So ein Sog ...

Das andere Tal von Scott Alexander Howard

„Das andere Tal“ von Scott Alexander Howard. Diogenes Verlag.
Odile, die 16jährige Protagonistin im Buch lebt in einem geographisch übersichtlichen Tal mit Bergen, Dörfern, Städten und einem See mit ihrer verwitweten Mutter in einem Haus. Sie besucht die Schule, wo schwarze Pädagogik, körperliche Züchtigung aber auch Mobbing Alltag zu sein scheinen.

Odile wirkt schüchtern, introvertiert, unnahbar, schwer erreichbar und durchlebt Phasen von Verunsicherung und Selbstwerteinbrüchen. Langsam findet sie jedoch Zugang zu einer Clique. Das Tal wird nach Osten und Westen begrenzt von identen Tälern, ebenso von hohen Zäunen umgeben, streng bewacht von einer bewaffneten Gendarmerie, jeder Fluchtversuch endet tödlich. In diesen Tälern, im Osten und Westen leben dieselben Menschen, jedoch jeweils um 20 Jahre nach vorne (Osten) oder 20 Jahre zurück (Westen) zeitversetzt. Jede Handlung in der Vergangenheit hat massive, oft kaum zu durchschauende Auswirkungen auf Gegenwart und Zukunft in den Nachbartälern, sodass Übertritte in die Nachbartäler streng geahndet werden und Besuche nur sehr selten nach sehr intensiver und sorgfältiger Prüfung durch das Conseil genehmigt werden. Odile bewirbt sich für die Ausbildung zur Conseiliere, scheitert im Verlauf des Aufnahmeverfahren, wird aber in die Gendarmerie angenommen, bewacht die Grenze und begleitet Besucher mit Besuchserlaubnis auf den herausfordernden Wanderungen ins Nachbartal. Ihr Leben ist still, einsam, eintönig, doch Odile genießt die Natur, die Stille, die Möglichkeit in den vielen Stunden in der Natur Holzschnitte anzufertigen.
In der Schule Jahre zuvor verliebt sich Odile in einen Mitschüler, Edme. Er stirbt bei einem Sturz über eine Klippe. Oder ist es ein Suizid? Hätte sie ihn retten können? Im Lauf der Jahre spitzen sich die Ereignisse in Odiles Leben scheinbar zufällig so zu und kulminieren in einem verbotenen Übertritt ins Nachbartal mit dem Ziel die Vergangenheit zu verändern. Wird sie Edmes Leben retten können? Wird sie Ihr Leben in andere Bahnen lenken können?
Ein kluges, berührendes Buch, das wohl in allen Leser*innen zu lawinenartigen Assoziationsketten führen wird. Man denkt an die DDR, an autoritäre Regime, an die engen Lebenswelten, aus denen sich junge Menschen zu befreien trachten, Howard führt subtil auch zu spirituellen und philosophischen Grundfragen der Menschen, uralte Sehnsüchte und ungeahnte Gefühle steigen hoch, atemlos flüchtet man zuletzt mit Odile in die Vergangenheit, die zur Gegenwart wird und die Zukunft bestimmt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Asyl für Elefanten

Das Geschenk von Gaea Schoeters

Der Präsident von Botwana rächt sich an Deutschland für eine Verschärfung des Jagdtrophäengesetzes und schickt via "Magie" 20 000 Elefanten, die sukzessive zuerst vereinzelt in Berlin aufpoppen, dann Herden bilden und schließlich zu großen politischen und ökologischen Herausforderungen werden.

Politiker versuchen verzweifelt im Spektrum von Stimmenfang und visionärem Perspektivenwechsel Krisen, nicht nur ausgelöst durch die Unmengen an Elefantendung zu bewältigen. Die Autorin bietet eine kurzweilige satirische Fabel zu den Themen Migration, Eurozentrismus, politische Doppelmoral, Klimawandel und regt zum Quer- und Weiterdenken an. Ein komprimiertes, kurzweiliges Nachfolgebuch zu "Trophäe". Das Ende des Säugetierdramas kommt unbefriedigend abrupt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner

Zum letzten Mal in Spanien

Drei Wochen mit Thomas Bernhard in Torremolinos von Susanne Kuhn

Susanne Kuhn, die Halbschwester Thomas Bernhards, gibt einen Einblick in drei Urlaubswochen im Herbst 1988 gemeinsam mit dem Autor in Torremolinos in Spanien. Thomas Bernhard ist schon sehr gezeichnet von seiner Krankheit (Sarkoidose), hat ständig Atemnot, ist kaum belastbar, kann nicht mehr schwimmen, glaubt sich einmal dem Tode nahe.

Die mitgebrachte Schreibmaschine bleibt unbenutzt.
Der Reisebericht wird ergänzt von Karikaturen von Nicolaus Mahler, der schon ein Buch über Thomas Bernhard illustriert hat. Zuletzt findet auch noch eine Zusammenfassung von Gesprächen - untermalt von Fotografien und Zeichnungen aus dem Familienarchiv - mit dem Bernhard-Experten Manfred Mittermayer im Buch Platz, in dem die hochgradig pathologischen Beziehungen in der Familie Bernhards zwischen den Generationen und den Geschlechtern, dieses Mal aus der Sicht einer Frau, zur Sprache kommen.
Eine vertiefende Lektüre, nicht nur für Bernhard-Fans interessant. Letzter Saft aus der Zitrone?

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Herwig Oberlerchner