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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Herwig Oberlerchner:

Stille Lebenskunst

6 aus 49 von Jacqueline Kornmüller

Wir begleiten Lina, geboren 1911, aus der Sicht ihrer Enkelin durch ihr 93 Jahre währendes Leben von der Geburt bis zum Tod. Rührend, warmherzig, einfühlsam werden diese Frau und die Beziehung der Erzählerin und Enkelin zu ihr in 49 Kapitel beschrieben. Wir driften so durch eine karge Kindheit, sehr arbeitsame Jahre, den aufkeimenden Fremdenverkehr, Frauenfreundschaft, Krieg und Nationalsozialismus und seine Verleugnung bis heute, Lottoglück und stille Lebenskunst.

Die Männer fehlen, sind im Krieg, grob, sterben bald, tauchen auch sonst nur selten auf, zuletzt als sechs Motorradfahrer im französischen Traumbett und ganz zuletzt in einem „Du“, wohl dem Vater von Linas Tochtertochtertochter. Ein zartes Buch vom kleinen Glück.
Ansprechender Stil, poetisch, gemächlich, ungehetzt, inhaltlich durchsetzt von schönen Neurosen.

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Ein nerviges Buch

Frauen im Sanatorium von Anna Prizkau

Anna, die Ich-Erzählerin, befindet sich in einem Sanatorium. Sie nimmt ambivalent an den Therapien teil, ihre Medikamente nicht, taucht gerne und mehr breit als tief in die Lebensgeschichten anderer Menschen ein, mit der eigenen beschäftigt sie sich auch nur oberflächlich, versucht von sich und ihren Bedürfnissen abzulenken, driftet durch die Tage, alkoholisiert sich am Abend, tut alles, um von diesem Aufenthalt trotz vieler Angebote nicht zu profitieren.

Sie verliebt sich, lässt den jungen Mann - angeblich schizophren - nach dem Sex von traumatisierten Bundeswehrangehörigen – ebenfalls im Sanatorium - zusammenschlagen. Und immer wieder bespricht sie sich mit dem Flamingo im Sanatoriumspark. Anna und das Buch werden zunehmend unsympathisch, nervig, ärgerlich, widersprüchlich, und zuletzt ist man, schon fast wütend, froh, beide hinter sich lassen zu können. Und dann mischt Anna Whiskey und Tabletten.
Wollte die Autorin die Hauptfigur absichtlich so zersplittert zeichnen? Verwebt sie absichtlich verwirrend und detailreich einander ähnelnde Biographien der Mitklienten im Sanatorium? Stellt sie Annas egomane Welt absichtlich so dar, um eine kranke, um Liebe ringende und gleichzeitig liebesunfähige Persönlichkeit darzustellen? Ist der Stil absichtlich so?
Oder interpretiere ich als geschulter Leser den Text so raffiniert, wie ihn die Autorin gar nie zu gestalten in der Lage gewesen wäre? Ein nerviges Buch.

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Mohnschnecken und Radausflüge

Jetzt gerade ist alles gut von Stephan Schäfer

Ja, Menschen haben Krisen. Ja, Krisen verändern Menschen. Ja, sie sehen die Welt dann anders, intensiver, nehmen Details und scheinbare Nebensächlichkeiten achtsamer wahr, entschleunigen und nehmen sich mehr Zeit für sich und ihre Beziehungen, freuen sich über zugesandtes Gebäck (Mohnschnecken) und Radausflüge mit der Schwiegermutter, sammeln subjektiv kostbare Momente.

Mehr kann ich aus dem Buch nicht rauslesen, inhaltlich mal berührend, mal oberflächlich, sprachlich enttäuschend. Ein zu schneller und voreiliger Nachschlag nach einem ersten Erfolg.

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Zsömle rührt

Zsömle ist weg von László Krasznahorkai

Onkel Józsi (eigentlich József Kada) ist 91, ehemaliger Elektriker und lebt zurückgezogen in einem ungarischen Dorf. Der Kontakt zur Tochter ist ambivalent, seine Frau ist schon vor Jahren gestorben, der alte Kettenhund Zsömle stirbt auch und wird durch einen neuen Zsömle ersetzt. Das Leben ist einfach und rhythmisch, Milch und Brot am Abend, der Blick von der Terrasse über eine Flusslandschaft, ab und zu Wein aus dem Kanister, wenig Kontakt zu den Nachbarn.

Das Holz im Sparherd legt er nicht mehr nach. Das Leben nähert sich dem Ende.
Nur wenige wissen es, Onkel Józsi stammt direkt von Dschingis Khan und diversen Árpaden-Königen ab und ist somit der rechtmäßige Thronfolger Ungarns. Er kennt die Geschichte Ungarns bis ins Detail, hat viele Beweise für seine eigentliche Bestimmung, die überfällige Inthronisierung, gesammelt und wird schließlich von einer schrillen und bunten Gruppe von Menschen entdeckt, die ihn zum König und Ungarn wieder zur Monarchie machen wollen. Krude Ideen eines alten Spinners? Bedrohung für das dem Niedergang geweihte ungarische Regime? Projektionsfigur für Verschwörungstheoretiker und „Reichsbürger“? Tapfer erträgt der alte Mann die Turbulenzen seiner letzten Monate, die Einsamkeit, die Instrumentalisierung, schmeichelnde Höhen, tiefe Fälle, Prozesse, Gefängnis und Psychiatrisierung. Immer wieder schafft er es, Menschen für sich zu gewinnen, Unterstützer zu finden, sich Lichtblicke zu verschaffen, doch zuletzt scheinen trotz Flucht aus der Psychiatrie mit dem co-depressiven Hund die Lebensgeister erloschen zu sein.
Das Buch und sein Protagonist rühren. Ist Onkel Józsi eine Metapher für die Monarchie, überaltet, unermüdlich um Restitution bemüht? Ist es schlicht der Rückblick eines alten Mannes auf Chancen und Verpasstes in einem langen Leben? Ist es Zsömle, das letzte liebende Lebewesen?
Ohne Punkt, doch nie atemlos führt uns der Nobelpreisträger durch die Kapitel, über Berge und Täler dieses märchenhaften Lebens eines Königs, eines sympathischen Manipulierers, eines Menschen, der bis zuletzt an seine besondere Rolle in dieser Welt glaubt.

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Halbe Wahrheit - Halbwahrheiten - Fake - KI

Zwei Herren am Strand von Michael Köhlmeier

Dieses Köhlmeier Buch, erschienen bereits 2016, habe ich heute beendet. Eine tatsächlich spannende und berührende Beschreibung einer Begegnung zweier Menschen mit unauslöschlichen Plätzen in der Weltgeschichte im Kampf gegen Suizid und Depression, gegen den "schwarzen Hund", der beide mitunter an der Gurgel packt.

Aber - und damit ist das Buch auch in einer zweiten Hinsicht hochaktuell - das Spiel mit den fiktiven und realen Quellen irritiert sehr, denn Köhlmeier lässt die Grenze zwischen Fiktion und Realität immer wieder verschwimmen. Er mischt angeblich mühevoll recherchierte Tagebucheinträge, konstruiert geheime Briefwechsel und intime Unterredungen und lässt authentische und fingierte Überlieferungen so ineinander fließen, dass am Ende beide gleichermaßen Zweifel erwecken. Hier gibt es die aktuelle Parallele zur KI. Köhlmeier induziert so ein notwendiges gesundes Misstrauen gegenüber Fremdrecherche. Man beginnt sofort selbst zu recherchieren und erfährt, dass es zitierte Bücher und erwähnte Personen aus dem Umfeld gar nicht gab.
Das verunsichert und lässt auch an den echten historischen Geschehnissen zweifeln. Alles Fake?
Was bleibt, ist die rührende Darstellung einer (vielleicht) tiefen und lebensrettenden Freundschaft.

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Moderne Hysterie

Der Paketzusteller von Richard Schuberth

Gerhild Pfister, die Hauptfigur des Romans, ist immer theatralisch, mittelpunktsstrebig,
gezielt provokant und tut angestrengt alles, um ihr Publikum auf Facebook aber auch
innere Beobachter zu unterhalten. Reicht die eigene Kraft – leidet sie doch angeblich
unter Krebs im Endstadium – dafür nicht mehr aus, greift sie zu verschiedensten
Substanzen, um der Rubrik „moderne Hysterie“ gerecht zu werden.

Sie spielt äußerst
bemüht mit sich und ihrer Umwelt, ohne ihre wahre Identität hinter den vielen Rollen je
entdeckt zu haben. Die Menschen in ihrer Umgebung sind ebenso Schauspieler auf
diversen, auch virtuellen Bühnen, alle voll Sehnsucht nach den Arealen jenseits der
Einsamkeit. Als sich der identitätsstiftende Krebs und eine Beziehung als
Hoffnungskeime zerschlagen, entsteht im Vakuum eine Erinnerung an den toten Vater.
Statt zu trauern lässt sich Gerhild lieber erschlagen. Im Epilog treffen sich die Menschen
nicht mehr, denn zu wenige „sind auf den Uferwegen unterwegs“.

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Hard Rain in der Badewanne

Königin Esther von John Irving

Wie gerne John Irving im aktuellen Buch am Erfolg und Tiefgang seiner früheren Romane anknüpfen möchte, erkennt man schon daran, dass er Dr. Larch aus „Des Teufels Werk und Gottes Beitrag“ auferstehen lässt, den mittleren Teil des Buches nach Wien verlegt und wie immer seine Protagonist*innen in queer-verwirrenden Familienverhältnissen ihre Identität suchen lässt.

Es gibt wie gewohnt schräge Beziehungen, schräge Charaktere, schräge Lebensumstände. Soweit bewährte Zutaten und alte Rezepte. Neu hingegen eine mythologische Rahmenhandlung rund um Königin Est(h)er, die - nachzulesen im alten Testament - das jüdische Volk rettet. Esther, Tochter einer ermordeten Jüdin und im Buch adoptiert in die bunte Familie Winslow, gebiert die Hauptperson James Winslow, geht dann nach Israel und kämpft für ihr Volk, wo und wie deutet Irving nur an. James (Jimmy) versucht seine Geschichte zu entqueeren, reinszeniert sie aber in der eigenen Generation und bereitet die nächste Verwirrung vor. Die Herkunftsgeschichte seiner Tochter Vienna wird noch bizarrer. In den früheren Büchern Irvings konnte man mitfühlend und belustigt den humorvollen Sinn- und Identitätssuchen der Protagonist*innen folgen, jetzt bleibt einem oft das Lachen im Hals stecken, muss man an transgenerationale Traumata denken, an unreflektiertes Weitergeben von Schiefheilungen durch irritierte Menschen. Die Auswirkungen solcher Entwicklungsbedingungen verleugnet und bagatellisiert John Irving. Dieses Zulassen von allen konstruierten oder unbewusst entstandenen Eventualitäten wird metaphorisch dargestellt durch den von allen akzeptierten und über mehrere Kapitel angekündigten Durchfall des herumgereichtes Hundes Hard Rain während Gewitter in der Badewanne. Dazu kommt es aber Gott sei Dank nicht. James wird Schriftsteller, schreibt die Bücher John Irvings und hat großen Erfolg. Warum auch immer.

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Letzte Hoffnungen ersticken im Schlamm

Satanstango von László Krasznahorkai

Alles ist feucht, modrig, grau. Auch die Menschen, die in ihren verfallenden Häusern sitzen und trübsinnig sich argwöhnisch gegenseitig beobachten. Öde, Stillstand, Einsamkeit. Keine Arbeit, Dauerregen, Dreck. Das einzige Kind im Dorf nimmt sich das Leben, nachdem alle Träume geplatzt sind. Selten Lebendigkeit, nur beim Tanz im Vollrausch – dem Satanstango – und beim tierischen Begehren.

Letzte Reste irrationaler Hoffnungen, Momente von Vertrauen und kindlicher Sehnsüchte werden schamlos ausgenutzt, die Menschheit versinkt in Schlamm und Leere.
Der Nobelpreisträger entwickelt – 1985 – eine düstere, fast perspektivenlose Welt, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint. Eine harte Kritik an einer verrohenden Gesellschaft in einem missglückten politischen System.

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Ein Gegenentwurf

Für Polina von Takis Würger

Takis Würger beschreibt detailliert liebevoll besondere Menschen, pointierte Charaktere, von denen man annehmen würde, sie bleiben für sich und einsam. Doch sie treffen sich in ihrer individuellen Wahrnehmung der Welt, in ihrem individuellen Fühlen, Denken und Handeln und es entstehen warme und echte Beziehungen, die einen Gegenentwurf zu unserer harten und rohen und oberflächlichen Alltagswelt darstellen.

Wohltuend.

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Brüchigkeit überall

Botanik des Wahnsinns von Leon Engler

Die Familiengeschichte ist bizarr, der Protagonist ist mit einer extremen Häufung psychischer Erkrankungen in seiner Familie konfrontiert, eine genetische, epigenetische und psychodynamische Herausforderung, der er sich über viele Jahre tapfer stellt. Er geht der Familiengeschichte nach, forscht in der Vergangenheit, begleitet die grenzkompensierten Eltern, die Mutter bis zum Tod.

Und dann findet er sich selbst in der Psychiatrie wieder, als Psychologe nicht als Patient. Eine Schiefheilung? Die Erzählungen von den Begegnungen nicht nur mit den Eltern berühren, ebenso der Kampf des Protagonisten um seine Stabilität, die interponierten, an Fachbuchauszüge erinnernden Textteile stören jedoch. Der Text spiegelt die Brüchigkeit des Protagonisten, das Raum-Zeit-Gitter knirscht mitunter, aber es hält, Hypothesen zur Transgenerationalität fehlen. Manches bleibt unklar, der Wahnsinn hat eben nicht die strenge Nomenklatur und Systematik wie die Botanik.

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