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Rezensionen von dorli:
Anton und Zofia auf Spurensuche
Am Ende zu viel von Kathrin Heinrichs
Anton Wieneke steht kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag und befindet sich gerade in einer depressiven Phase - gesundheitlich steht es nicht zum Besten, er empfindet das Leben nur noch als beschwerlich und glaubt, jedem in seinem Umfeld zur Last zu fallen.
Für seine aus Polen stammende Pflegerin Zofia eine schwierige Zeit.
Es ist nicht einfach, Anton aufzumuntern, dabei möchte die Mittdreißigerin doch, dass jeder Tag für Herrn Anton ein fröhlicher Tag ist.
Der Besuch des Bestatters Reinold „Nolli“ Weitmann verspricht ein wenig Abwechslung. Nolli braucht Antons Rat. Der Bestatter soll die Leiche des angeblich an einem Herzinfarkt verstorbenen Bankers Markus Hammecke zurechtmachen und glaubt, Hinweise auf ein Fremdverschulden entdeckt zu haben. Anton informiert seinen Sohn Thomas, der bei der Mordkommission Dortmund arbeitet. Es stellt sich heraus, dass Nollis Zweifel berechtigt waren: Hammecke wurde ermordet! Während Thomas in das offizielle Ermittlerteam berufen wird, lassen es sich Anton und Zofia nicht nehmen, ihrerseits auf Spurensuche zu gehen…
„Am Ende zu viel“ heißt es für fast jeden in diesem Krimi. Opfer, Täter, Ermittler - jeder von ihnen stößt auf die eine oder andere Art an seine Belastungsgrenze. Überlastung im Alltag - dieses doch ernste Thema hat Kathrin Heinrichs mit einer guten Portion Spannung und feinsinnigen Humor verknüpft und lässt den dritten Band rund um ihr ungleiches Ermittlertrio damit zu einem äußerst unterhaltsamen Krimi werden.
Kathrin Heinrichs erzählt die Geschichte sehr schwungvoll. Die lebhafte Handlung ist von Anfang bis Ende bestens durchdacht und kommt ohne übertriebene Action aus. Dafür gibt es viele spannende Verstrickungen - das Leben des Opfers war äußerst konfliktreich, so dass irgendwie jeder aus Markus Hammeckes Familien- und Bekanntenkreis der Mörder sein könnte.
Anton und Zofia sind zwei Hobbyermittler, denen man gerne folgt. Anton ist höflich und zuvorkommend und Zofia, die mit ihrer holperigen deutschen Grammatik besonders authentisch daherkommt, ist eine Seele von Mensch. Zwei liebenswerte Charaktere, die durch den Umgang miteinander auf eine sehr charmante Art unterhaltsam sind. Die beiden nutzen für die Spurensuche ihre persönlichen Vorteile - Zofia ist umsichtig und besticht durch eine gute Kombinationsgabe und Anton kann mit seiner guten Ortskenntnis und einem großen Bekanntenkreis punkten. Sie stellen Fragen, gehen Hinweisen nach, nutzen den Klatsch und Tratsch aus ihrem Umfeld (vor allem an den angesagten örtlichen Hotspots: Bushaltestelle und Frittenbude) und beobachten, spekulieren und kombinieren.
Die dörfliche Atmosphäre in der kleinen sauerländischen Gemeinde ist Kathrin Heinrichs hervorragend gelungen - jeder kennt hier jeden, doch eigentlich weiß niemand so richtig, was seinen Nachbarn bewegt, beschäftigt oder belastet. Dass hier vieles unter den Teppich gekehrt wird, mancher nicht so ganz bei der Wahrheit bleibt oder die Dinge nur halb erzählt, bremst die polizeilichen Ermittlungen erheblich aus. Irgendwann platzt Thomas der Kragen. Danach bekommt er die Informationen, die er braucht und kann schließlich - dank einiger wertvoller Hinweise von Seiten der Amateurdetektive - den Täter dingfest machen.
„Am Ende zu viel“ hat mir sehr gut gefallen - ein Krimi, dessen Figuren und Handlung wie aus dem Leben gegriffen wirken. Wer amüsante Krimis mit originellen Figuren und spannenden Verstrickungen mag, kommt hier voll auf seine Kosten.
Hinter dem hellen Schein
Schloss Liebenberg. Hinter dem hellen Schein von Hanna Caspian
In ihrer Familiensaga rund um das im nördlichen Brandenburg gelegene Schloss Liebenberg nimmt Hanna Caspian ihre Leser mit in die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts und erzählt aus der Perspektive der Dienstboten von der Harden-Eulenburg-Affäre, die zu einem der größten Skandale des deutschen Kaiserreiches wurde.
Die Handlung dieses ersten Bandes beginnt im Sommer 1906. Adelheid Schaaf, 18-jährige Tochter eines Tagelöhners, kann ihr Glück kaum fassen - sie soll auf Anordnung des Fürsten neues Stubenmädchen im Schloss werden und dass, obwohl sie über keinerlei Erfahrung als Hausangestellte verfügt. Adelheid ist klar, dass Neid und Missgunst auf sie warten, denn unter den Dienstboten herrscht eine strenge Hierarchie, in der man sich normalerweise über die Jahre hinweg Stufe für Stufe hocharbeiten muss. Und so wundert es eigentlich niemanden, dass das Hausmädchen Lydia Keller, die sich entsprechend der Rangfolge Hoffnung auf die höhere Stelle als Stubenmädchen gemacht hatte, nicht müde wird, Adelheid zu piesacken wo es nur geht.
Neben der Eulenburg-Affäre sind es vor allen Dingen die harten Lebens- und Arbeitsbedingungen der kleinen Leute in der von großen sozialen Klassenunterschieden geprägten Gesellschaft des Deutschen Kaiserreichs, die Hanna Caspian in den Vordergrund ihres Romans rückt. Arbeiten bis zur Erschöpfung für einen geringen Lohn, strenge Benimmregeln und immer der Willkür der Herrschaft ausgesetzt - so sah der Alltag für Adelheid, Constanze, Viktor und die anderen Bediensteten auf Schloss Liebenberg aus. Nicht zu vergessen die persönlichen Sorgen und Probleme in ihren jeweiligen Familien.
Hanna Caspian hat mich mit ihrer Greifenau-Saga begeistert. Entsprechend vorfreudig war ich auf den Start dieser neuen Reihe - und bleibe nach dem Lesen des ersten Bandes recht zwiegespalten zurück. Die Autorin hat ein gutes Händchen für Figuren und versteht es zudem ganz ausgezeichnet, auch eine große Anzahl Akteure zu koordinieren, das hat sie bereits eindrucksvoll bewiesen. Es ist schade, dass sie dieses wunderbare Talent hier nicht ausgeschöpft hat. Die meisten der Liebenberger-Figuren sind eindimensional und entwickeln sich kaum. Es ist mir schwer gefallen, mit ihnen mitzufiebern und mitzufühlen. Hinzu kommt, dass es kein lebhaftes Zusammenspiel gibt, sondern mehrere „Einzelkämpfer“, die sich durch Eifersüchteleien, Geheimnisse, Schikanen und Intrigen das sowieso schon schwere Leben noch schwerer machen. Das ganze Miteinander oder eben auch Gegeneinander des Personals war durchweg nicht so ausgefeilt, wie ich es erwartet hatte.
Gestört haben mich auch die vielen Wiederholungen. Ereignisse und Gegebenheiten werden mehrfach erwähnt und ganz besonders die schwierigen Lebensumstände der Protagonisten werden wieder und wieder aufgegriffen - das trübt die Lesefreude.
Gut gefallen hat mir dagegen der historische Hintergrund. Die Fakten zur Eulenburg-Affäre, die politische Entwicklung und die damals geltenden gesellschaftlichen Konventionen sorgen für Authentizität und bereichern die Handlung.
„Schloss Liebenberg. Hinter dem hellen Schein“ konnte mich nicht so fesseln, wie ich es mir erhofft hatte.
Fesselnde Zeitreise
Der Leuchtturm an der Schwelle der Zeit von Natasha Pulley
Londres, 1898. Der 43-jährige Joe Tournier steigt am Gare du Roi aus dem Zug und ist verwirrt - er weiß zwar, wie er heißt, kann sich aber ansonsten an nichts erinnern. Dinge, die ihm bekannt sein sollten, kommen ihm völlig fremd vor. Bahnhöfe und Straßen haben französische Namen, dabei befindet er sich doch in England.
Oder? Der verstört wirkende Joe wird in eine psychiatrische Klinik gebracht und erfährt, dass er an einer besonderen Form der Epilepsie erkrankt ist.
Per Zeitungsannonce wird nach möglichen Angehörigen gesucht und tatsächlich meldet sich jemand - Monsieur Saint-Marie. Dieser erklärt, dass Joe schon von Kindesbeinen an als Leibeigener in seinem Haushalt lebt. Sogar verheiratet ist er. Doch weder Joes vermeintliche Ehefrau noch sein angebliches Zuhause helfen, den Schleier des Vergessens zu lüften.
So gehen einige Monate ins Land. Joe ist mittlerweile ein freier Mann, an seinem Zustand hat sich allerdings nichts geändert. Im Gegenteil, eine rätselhafte Postkarte mit einem abgebildeten Leuchtturm und der Nachricht: „Liebster Joe, komm nach Hause, wenn du dich erinnerst. M.“ befeuert seine Verwirrung noch. Nicht nur, dass die Karte vor über 90 Jahren abgeschickt wurde, macht Joe stutzig, auch, dass ihm der Turm - dieser befindet sich auf der Insel Eilean Mor, die zu den Äußeren Heriden gehört - so vertraut vorkommt, empfindet Joe als sehr seltsam.
Auf der Suche nach Antworten landet Joe in einer Werkstatt für Leuchtturmgeneratoren. Hier bekommt er zwar keine neuen Hinweise, dafür aber eine Anstellung als Schweißer. Zwei Jahre später beschert ein Reparaturauftrag Joe überraschend die Möglichkeit, den Dingen und damit auch seiner Identität auf den Grund zu gehen. Zuversichtlich reist er nach Schottland, nicht ahnend, dass ihm das eigentliche Abenteuer noch bevorsteht…
„Der Leuchtturm an der Schwelle der Zeit“ ist ein History-Fantasy-Mix, der sehr anschaulich erzählt wird und mich mit seiner abwechslungsreichen Handlung begeistert hat. Schon nach wenigen Seiten war ich gefesselt von Joes Erlebnissen und habe gespannt das Geschehen verfolgt.
Natasha Pulley thematisiert in diesem Zeitreiseroman den Schmetterlingseffekt aus der Chaostheorie. Dieser besagt, dass selbst kleinste Veränderungen in der Vergangenheit immense Auswirkungen auf die Zukunft haben können. Die Autorin nutzt als Fundament für ihre Geschichte die napoleonischen Kriege. Die historischen Fakten rund um die turbulenten Seeschlachten zwischen England und Frankreich im frühen 19. Jahrhundert hat sie auf spannende Weise mit fantasievoller Handlung vermischt und lässt so eine alternative Realität vor den Augen des Lesers entstehen - eine Realität, in der die Franzosen siegreich aus dem Krieg hervorgegangen sind und England besetzt haben. Eine Realität, die Joe Tournier so furchtbar falsch vorkommt.
Natasha Pulley steckt nicht nur viel Aufmerksamkeit in die Beschreibungen der Handlungsorte, die feine Charakterisierung der Figuren und die facettenreichen Schilderungen des Geschehens, sie spart auch nicht an Emotionen, so dass man prima mit Joe und seinen Wegbegleitern mitfiebern und mitfühlen kann. Eine Liebesgeschichte gibt es auch, diese verläuft aber über die Zeiten hinweg eher im Hintergrund.
Man sollte sich für das Buch ausreichend Zeit nehmen. Die Geschichte ist durch die verschachtelten Zeitebenen sehr komplex und erfordert konzentriertes Lesen, um den Faden nicht zu verlieren.
„Der Leuchtturm an der Schwelle der Zeit“ hat mir sehr gut gefallen - es hat Spaß gemacht, Joe auf seiner ereignisreichen Reise durch die Zeiten zu begleiten.
Verschwörungsgläubige machen Husum unsicher
Nordfriesische Verschwörung von Gerd Kramer
Gerd Kramer beginnt den sechsten Band seiner in Nordfriesland spielenden Krimireihe mit einem spannenden Prolog - Florian, Winfried und Jenna wollen ein paar Tage mit einer Segelyacht durchs Wattenmeer schippern. Doch der Törn findet ein jähes Ende: ein riesiges Leck lässt das Boot innerhalb kürzester Zeit untergehen.
Dreißig Jahre später bekommen die Husumer Kommissare Flottmann und Hilgersen es mit einer Serie von Mordanschlägen zu tun. Zwei auf den ersten Blick unbescholtene Männer werden durch kriminelle Machenschaften auf ganz unterschiedliche Weise aus ihrem normalen Alltag gerissen. Flottmann und Hilgersen nehmen die Ermittlungen auf und finden sich plötzlich im Umfeld von Verschwörungsgläubigen wieder.
Verschwörungsmythen - ein interessantes und sehr aktuelles Thema, das Gerd Kramer in „Nordfriesische Verschwörung“ nicht nur umfassend beleuchtet, er zeigt auch auf, wie einfach es ist, labile Menschen, die von persönlichen Verlusten und Angstzuständen geplagt werden, mit Verschwörungserzählungen zu manipulieren, zu radikalisieren und sie zu willigen Mordwerkzeugen zu machen.
Mit von der Partie ist auch diesmal der hochsensible Musiker Leon Gerber. Dieser bereichert die Handlung nicht nur mit Einblicken in die faszinierende Welt der Akustik, er ist auch wieder mittendrin im Geschehen und unterstützt die Kommissare einmal mehr bei ihren Ermittlungen.
Abgerundet wird die spannende Krimihandlung durch eine kräftige Portion Humor - sowohl die herrlichen Wortgefechte zwischen Flottmann und Hilgersen wie auch der neueste Schabernack von Kater Bogomil, der sein Herrchen wieder einmal an den Rand der Verzweiflung bringt, sorgen für gute Unterhaltung. Außerdem hält Gerd Kramer allerlei Wissenswertes über Land und Leute für den Leser bereit.
„Nordfriesische Verschwörung“ hat mir sehr gut gefallen - ein Küsten-Krimi, der mit einem spannenden Thema, genau der richtigen Dosis Humor und viel Lokalkolorit punkten kann.
Ein alter Spionagefall wirkt nach
Raue Havel von Tim Pieper
Tim Pieper beginnt den sechsten Band seiner Havel-Krimi-Reihe mit einer neugierig machenden Rückblende in das Jahr 1946 - mehrere Jugendliche befinden sich unter grausamsten Umständen im Untersuchungsgefängnis des sowjetischen Geheimdienstes in Potsdam und sollen alle bis auf den Jüngsten wegen einer Lappalie exekutiert werden.
In der gegenwärtigen Handlung hat der kräftezehrende Arbeitsalltag Hauptkommissar Toni Sanftleben schon wenige Wochen nach einer längeren Auszeit wieder fest im Griff. Neben dem Fund dreier jahrzehntealter Skelette in einem alten Bootshaus an der Havel fordert der brutale Mord an der Journalistin Katharina Ihlow seine ganze Aufmerksamkeit. Tonis Privatleben hält unterdessen eine Überraschung für ihn bereit: Seine Mutter, zu der er schon immer ein sehr distanziertes Verhältnis hatte, kündigt plötzlich ihren Besuch an.
Die spannenden Ermittlungen im Mordfall Ihlow werden immer wieder von Abschnitten unterbrochen, die in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre spielen. Hier steht ein Spionagefall im Mittelpunkt, der auf wahren Begebenheiten beruht. Tim Pieper hat historische Fakten und Gegebenheiten rund um die Geheimdienststadt „Militärstädtchen Nr. 7“, die viele Jahre Deutschlandsitz der sowjetischen Militärspionageabwehr war, gekonnt mit einer mitreißenden fiktiven Geschichte verwoben, in der die junge Vera Sanftleben die Hauptrolle innehat.
Ich lese gerne Geschichten, die auf unterschiedlichen Zeitebenen spielen, weil man prima darüber spekulieren kann, wie sich Ereignisse aus früheren Zeiten auf das aktuelle Geschehen auswirken. Diese Möglichkeit hat mir Tim Pieper mit diesem Krimi geboten - es hat großen Spaß gemacht, über die Hintergründe der Vorkommnisse und die Zusammenhänge zwischen dem Mord an der Journalistin und dem alten Spionagefall zu rätseln, und es war äußerst spannend mitzuverfolgen, welch Kreise manche Taten auch nach über einem halben Jahrhundert noch ziehen können.
„Raue Havel“ hat mir sehr gut gefallen - eine rasant erzählte Mischung aus historischen Fakten und spannender fiktiver Handlung.
Konnte mich nicht so fesseln wie erhofft
Die karierten Mädchen von Alexa Hennig von Lange
In ihrem Roman „Die karierten Mädchen“ - dem ersten Band einer Trilogie, die auf den Lebenserinnerungen ihrer Großmutter basiert - erzählt Alexa Hennig von Lange aus dem Leben einer Frau, die auf ihren Wegen aus moralischer Sicht nicht immer die richtige Entscheidung trifft. Die Handlung beginnt 1929.
Mitten in der Weltwirtschaftskrise ergattert die 21-jährige Klara Möbius eine Anstellung als Lehrerin in der Kinderheilstätte Oranienbaum. Klara fühlt sich dort schnell heimisch und geht in ihrer neuen Aufgabe auf. Als die einjährige Tolla, ein Mädchen mit jüdischen Wurzeln, deren Mutter sich nicht mehr um die Kleine kümmern kann, in dem Kinderheim abgegeben wird, baut Klara schnell eine enge Bindung zu dem Kind auf. Als die Zeiten noch schwieriger werden und das Heim wirtschaftlich in Schieflage gerät, bandelt Klara, die das Heim mittlerweile leitet, mit dem anhaltinischen Staatsministerium an und sieht nichts Falsches daran, die Nationalsozialisten um Hilfe zu bitten. Sie bekommt Unterstützung, aber anders als gedacht, denn die Nazis machen aus der Heilstätte ein ländliches Frauenbildungsheim, in dem den jungen Mädchen die nationalsozialistischen Werte gelehrt werden sollen. Zu spät erkennt Klara, in welche Gefahr sie sich und Tolla gebracht hat…
Klaras Erlebnisse in den 1930er Jahren sind in eine Rahmenhandlung eingebettet, die 1999 spielt. Die 91-jährige Klara lebt in ihrem norddeutschen Reihenhaus. Eine resolute Frau, die immer einen großen Wert auf Disziplin und Benehmen gelegt hat. Sie hält die Zeit für gekommen, ihren Kindern zu erzählen, wer ihre Mutter wirklich gewesen ist. Da sie erblindet ist, nimmt sie ihre Erinnerungen auf Kassette auf. Während Klara die Kassetten bespricht, reist sie gedanklich in die Zeit zurück und erlebt die damaligen Ereignisse erneut.
Alexa Hennig von Lange hat einen angenehm zügig zu lesenden Schreibstil - schnell ist man mittendrin im Geschehen und kann den unterschiedlichen Ereignissen problemlos folgen. Kurzbeschreibung und Leseprobe haben mich wahnsinnig neugierig auf diesen Roman gemacht. Ich habe eine fesselnde und ergreifende Geschichte erwartet, doch nach einem vielversprechenden Start flachte meine anfängliche Begeisterung mehr und mehr ab.
Das lag zum einen daran, dass ich mich immer wieder gefragt habe, ob die intelligente und vielfältig interessierte Frau, als die Klara hier dargestellt wird, wirklich so blauäugig gehandelt hätte. Es fällt mir schwer nachzuvollziehen, dass jemand, der zur damaligen Zeit die Verantwortung für ein Kind mit jüdischer Herkunft übernommen hat, trotz unmissverständlicher Warnungen aus seinem Umfeld die politische Entwicklung einfach beiseite wischt. Selbst als Klara erkennt, was tatsächlich um sie herum geschieht, redet sie sich die Situation noch schön.
Zum anderen haben mir die Emotionen gefehlt. Klara sagt im Verlauf der Handlung einmal, dass sie alles ganz sachlich sehen will; wenn sie die Dinge nicht sachlich sieht, würden sie nicht funktionieren. Genauso habe ich Geschichte durchweg empfunden. Irgendwie nüchtern und distanziert, so dass ich kaum mit Klara mitfühlen und mitfiebern konnte.
„Die karierten Mädchen“ konnte mich nicht so fesseln, wie ich es mir nach dem Lesen der Leseprobe erhofft hatte.
Mord in der Marsch
Flammen über der Marsch von Heike Denzau
Heike Denzau beginnt ihren Krimi „Flammen über der Marsch“ mit einem kurzen, aber intensiven Prolog: Auf dem Weg nach Hause zu ihren Eltern sucht die Studentin Mara Keller an einer Raststätte eine Mitfahrgelegenheit. Sie steigt zu einem Mann in einem dunklen Kombi, nicht ahnend, welch ein Albtraum sie erwartet…
Zeitsprung.
Vier Jahre später. Kristin Bünz ist nach einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt wieder in Deutschland und stößt beim Auspacken ihrer eingelagerten Sachen auf einen Zeitungsartikel, in dem nach Zeugen im Fall der verschwundenen Mara Keller gesucht wird. Kristin geht zur Polizei, denn sie kann eine Aussage zu einer in dem Artikel erwähnten Jacke machen…
Kristins Hinweise schüren bei Kommissarin Lyn Harms die Hoffnung, dass doch noch Bewegung in den alten Fall kommt. Vorerst muss Lyn die Akte Keller jedoch wieder beiseite legen, denn ein aktueller Fall fordert ihre ganze Aufmerksamkeit - am Nord-Ostsee-Kanal ist das Haus von Christel Göblin bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Eindeutig Brandstiftung. Im Haus werden die verkohlten Überreste eines Menschen gefunden und unweit der Brandstelle eine zweite Leiche entdeckt…
„Flammen über der Marsch“ ist bereits Lyn Harms’ achter Fall - auch diesmal erwartet den Leser ein fesselnder Krimi mit einem abwechslungsreichen Geschehen und vielschichtigen Figuren. Heike Denzau versteht es ausgezeichnet, Situationen und Emotionen mitreißend zu beschreiben, so dass es mir ganz leicht gefallen ist, in die Handlung einzutauchen und mit den Akteuren mitzufiebern und mitzufühlen.
Im Fokus dieses Krimis steht die Familie Göblin. Die Unternehmerfamilie besitzt mehrere Ladengeschäfte für elegante Mode in großen Größen. Doch der gutbürgerliche Schein trügt - in dieser Familie geht es alles andere als harmonisch zu, jeder Einzelne scheint etwas zu verbergen zu haben. Es ist sehr spannend zu beobachten, wie nah Lyn und ihre Kollegen von Anfang um die Lösung der Fälle herumzirkeln und den Tätern mangels stichhaltiger Beweise doch nur langsam auf die Schliche kommen. Falsche Fährten, mehrere Verdächtige, überraschende Wendungen sowie immer neue Anhaltspunkte und Ereignisse halten das Geschehen lebendig und sorgen dafür, dass die Sogwirkung des Krimis bis zum Schluss nicht abreißt.
Neben der spannenden Ermittlungsarbeit darf der Leser auch wieder an Lyns turbulentem Familienleben teilhaben und miterleben, dass der ganz normale Alltagswahnsinn auch um die Familie einer Kommissarin keinen Bogen macht.
„Flammen über der Marsch“ hat mich durchweg begeistert – ein Krimi, der mit ausdrucksstarken Figuren und einer überaus spannenden Handlung überzeugt.
Konrads Geheimnis
Was ich nie gesagt habe von Abel Susanne
Köln, Juli 2016. Der Moderator Tom Monderath nimmt eine berufliche Auszeit und genießt das Leben mit seiner Freundin Jenny und deren vier Monate alten Sohn Carl. Mit der wohltuenden Ruhe ist es vorbei, als Tom seinen Halbbruder Henk trifft, von dessen Existenz er zufällig über eine DNA-Suche erfahren hat.
Plötzlich keimt in Tom der Wunsch auf, mehr über seinen Vater Konrad und dessen augenscheinliche Geheimniskrämerei zu erfahren. Kein leichtes Vorhaben, denn Konrad ist bereits viele Jahre Tod und Toms Mutter Greta ist wegen ihrer fortgeschrittenen Demenz nicht in der Lage, ihm die gewünschten Antworten zu geben…
Obwohl ich den ersten Roman rund um Greta und ihren schicksalhaften Lebensweg nicht gelesen habe, war ich schnell mittendrin im Geschehen und hatte schon nach wenigen Seiten das Gefühl, mit allen Figuren gut vertraut zu sein. Auch ohne Kenntnis der vorherigen Ereignisse habe ich einen guten Eindruck davon bekommen, was Greta alles durchmachen musste. In diesem Buch rückt Toms Vater Konrad in den Fokus der Handlung. Konrads Erlebnisse und sein Handeln wirken bis in die Gegenwart nach und hatten bzw. haben einen großen Einfluss auf Tom und seinen Werdegang.
Konrads Wachsen und Werden wird in einem zweiten Handlungsstrang erzählt, der im Mai 1933 beginnt, als Konrad fünf Jahre alt ist. Der Leser begleitet Konrad durch seine Kindheit und Jugend und erlebt mit ihm die Schrecken des Krieges und die Unbarmherzigkeit der Nazis. Aus US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurück, studiert Konrad in Heidelberg Medizin und lernt Greta kennen und lieben. Gemeinsam mit ihr kehrt er nach Köln zurück und eröffnet mit seinem Onkel Drickes eine gynäkologische Praxis.
Susanne Abel erzählt die Geschichte sehr anschaulich - die feine Charakterisierung der Figuren, die bildhaften Beschreibungen der Handlungsorte und die Schilderungen des abwechslungsreichen Geschehens sowohl in dem historischen wie in dem zeitgenössischen Part machen diesen Roman zu einem genauso ergreifenden wie spannenden Leseerlebnis.
Die Autorin hat in diesem Buch Themen verarbeitet, bei denen es mir zum Teil eiskalt den Rücken heruntergelaufen ist. Es geht um Reproduktionsmedizin und Spenderkinder. Und um die gezielte Fortpflanzungspolitik der Nazis, um Eugenik und Kinder-Euthanasie. Außerdem geht Susanne Abel der Frage nach, was eigentlich Familie ist. Was prägt uns? Welche Rolle spielen die Gene? Auf Seite 519 sagt Helga zu Tom: „Nicht alle dunklen Ecken brauchen Licht“. Aber, ist das wirklich so? Kann eine Familie auch dann glücklich sein, wenn ihr Fundament aus Geheimnissen und Lügen besteht? Ich denke nicht. Nicht immer ist Schweigen Gold.
„Was ich nie gesagt habe - Gretchens Schicksalsfamilie“ hat mir sehr gut gefallen – eine mitreißende Familiengeschichte, die kurzweilig erzählt wird und mich auch nach dem Lesen noch lange beschäftigt hat.
Ein Streifzug durch die ruhigeren Viertel Manhattans
NEW YORK - Wie es keiner kennt von Susan Kaufman
In dem Bildband „NEW YORK - Wie es keiner kennt“ präsentiert die Fotografin und Redakteurin Susan Kaufman Fotos von ihren persönlichen Lieblingsorten in den Stadtvierteln rund um ihre Wohnung in Greenwich Village und lädt den Leser damit zu einem Streifzug durch die ruhigeren Bezirke Manhattans ein - kein Getöse, keine überfüllten Straßen, keine Touristen-Hotspots, sondern beschauliche Ecken, an denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint.
Man spürt beim Betrachten der Bilder, dass das Herz des Big Apples in diesen Straßen in einem anderen Rhythmus schlägt - langsamer, aber dennoch intensiv.
Zu bestaunen gibt es in diesem handlichen Bildband farbenprächtige Impressionen aus zehn Stadtvierteln. Die Entdeckungsreise durch Manhattan beginnt in Greenwich Village. Dann folgen West Village, East Village, NoHo & Nolita, SoHo, Gramercy Park, Murray Hill, Upper East Side und Carnegie Hill. Zum Schluss macht Susan Kaufman noch einen Schlenker nach Brooklyn und stellt das Viertel Brooklyn Heights vor. Den Fotos ist immer eine kurze Beschreibung vorangestellt, in der die Autorin erläutert, was sie an dem Viertel besonders fasziniert. Es folgen die ausnahmslos sehr gelungenen Aufnahmen, die den Charakter des jeweiligen Quartiers widerspiegeln. Abgeschlossen werden die Kapitel dann jeweils mit einem illustrierten Ausschnitt einer Straßenkarte, in dem die Lieblingsorte der Autorin noch einmal hervorgehoben werden.
Den Leser/Betrachter erwartet ein Kaleidoskop aus fantasievoll gestalteten Hauseingängen und Fassaden mit wunderschönen architektonischen Details. Charakteristische Gebäude aus Brownstone oder Gusseisen und Backstein. Bunte Reihenhäuser. Restaurierte Kutschenhäuser. Elegante Stadtvillen. Stilvolle Interieurs und Schaufenster mit kunstvoll arrangierten Auslagen, die neugierig auf die Welt dahinter machen. Und viele markante Haustüren, die jedem Gebäude eine besondere Note geben.
„NEW YORK - Wie es keiner kennt“ hat mir sehr gut gefallen. Susan Kaufman ist es gelungen, den historischen Charme dieses von vielen Kulturen geprägten Teil New Yorks zu vermitteln. Die einzigartige Atmosphäre, die die meist in der Mitte des 19. Jahrhunderts errichteten Gebäude mit ihrem verspielten Detailreichtum auch heute noch ausstrahlen, hat mich durchweg begeistert.
Diabolisches Finale im Seminarhotel
Diabolischer Engel von Petra K. Gungl
„Diabolischer Engel“ ist der letzte Band der Trilogie rund um die Erlebnisse der Juristin und Empathin Agnes Feder. Der Roman ist auch ohne Kenntnis der beiden Vorgängerbände bestens verständlich. Diesmal nimmt die Autorin den Leser mit nach Reichenau an der Rax in das idyllisch gelegene Seminarhotel „Fackl-Wirt“.
Petra K. Gungl beginnt diesen Roman mit einem sehr spannenden Prolog, der ein Jahr vor der eigentlichen Handlung spielt: Ein christlicher Fanatiker beobachtet die spirituelle Zusammenkunft einiger Frauen und fühlt sich gemäß den Anweisungen der Bibel dazu berufen, dem vermeintlichen Teufelswerk ein Ende zu bereiten…
Agnes hat über das Pfingstwochenende ein Meditationsseminar gebucht. Doch die Kurzreise verläuft so ganz anders, als Agnes es sich vorgestellt hat. Gleich bei der Ankunft stellt sie fest, dass sie ihre Medikamente vergessen hat, die sie unbedingt wegen ihrer Migräneattacken und zum Einschlafen braucht. Auch das Miteinander mit den anderen Seminarteilnehmern ist von Anfang an schwierig, es kommt zu Spannungen und Reibereien. Das ändert sich auch nicht, als eine zweite Gruppe eintrifft. Im Gegenteil, plötzlich steht Agnes’ Ex-Freund Siebert vor ihr und löst äußerst widersprüchliche Gefühle in ihr aus. Damit nicht genug, ein heftiges Unwetter und Muren schneiden das Hotel von der Außenwelt ab und lassen die sowieso schon angespannte Stimmung immer explosiver werden. Als dann vor aller Augen ein Gruppenmitglied unter rätselhaften Umständen ums Leben kommt und ein weiteres spurlos verschwindet, droht die Situation vollends aus den Fugen zu geraten…
Petra K. Gungl hat ihre Protagonistin mit einer besonderen Gabe ausgestattet: Agnes reagiert besonders stark auf die Emotionen anderer Menschen - sie kann Gedanken sehen, Gefühle lesen und Erinnerungen wahrnehmen, wenn sie ihr Gegenüber berührt. Für Agnes eher Fluch als Segen, besonders, wenn Menschen um sie herum sind, die nichts Gutes im Schilde führen. Ihre Eindrücke verarbeitet Agnes in Träumen und Visionen, in denen sich gegenwärtige Erlebnisse mit historischen Ereignissen vermischen. Diesmal träumt Agnes sich in das Jahr 1889 und findet sich inmitten des erlauchten Kreises um Baron Rothschild auf Schloss Hinterleiten wieder.
Petra K. Gungl erzählt diese Geschichte sehr anschaulich. Die feine Charakterisierung der Figuren, die bildhaften Beschreibungen der Handlungsorte und die Schilderungen des abwechslungsreichen Geschehens sowohl in dem zeitgenössischen wie in dem historischen Part machen diesen Roman zu einem spannenden Leseerlebnis. Immer neue Ereignisse, Überraschungen und Wendungen halten die Handlung lebendig und sorgen dafür, dass die Sogwirkung bis zum Schluss nicht abreißt.
„Diabolischer Engel“ hat mir sehr gut gefallen - ein kurzweiliger Roman, der mit einer fesselnden Handlung und einer außergewöhnlichen Protagonistin zu überzeugen weiß.











