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Rezensionen von dorli:

Barmherzig morden

Gnadenopfer von Viveca Sten

Viveca Sten widmet sich in „Gnadenopfer“ einem aktuellen und sehr aufwühlenden Thema: es geht um die Einsamkeit und Hilflosigkeit alter Menschen. Und es geht um die Überlastung von ambulanten Pflegediensten sowie deren Schwierigkeiten bei der Versorgung hilfsbedürftiger Menschen besonders in ländlichen Gegenden.

Es gefällt mir sehr gut, dass die Autorin diesen wichtigen Bereich des alltäglichen Lebens näher beleuchtet, weil sie so auf die wachsende Krise im Pflegesystem und damit auf Probleme aufmerksam macht, die uns alle angehen.

Von der Krimihandlung dagegen bin ich enttäuscht. Viveca Sten hat mich mit ihren spannenden Geschichten bisher immer überzeugt, diesmal konnte sie mich jedoch nicht fesseln. Nach einem dramatischen Prolog, in dem die Autorin sehr mitreißend den Überlebenskampf der hilflosen Ing-Marie schildert und damit ihr eigentlich gutes Händchen für einen raschen Spannungsaufbau zeigt, bricht die gerade erst erzeugte Sogwirkung sofort wieder weg.

Das liegt vor allen Dingen daran, dass der Zwist zwischen Hanna und Daniel viel zu viel Raum bekommt. Die erste Hälfte des Buches dreht sich nur um die persönlichen Befindlichkeiten der Kommissare. Was anfangs noch für eine unterschwellige Spannung sorgt, driftet schnell ins Kindische ab und lässt die Handlung rund um die Mordserie fast untergehen.

Nachdem der Konflikt beigelegt ist und die Aufgaben für die Spurensuche verteilt wurden, beginnen endlich die Ermittlungen. Hier fühle ich mich dann jedoch nicht mitgenommen, weil alles so oberflächlich und wenig professionell abläuft. Die Dialoge sind hölzern. Alles plätschert vor sich hin, von Spannung keine Spur. Stattdessen wird die Handlung mit Belanglosigkeiten sowie vielen kleinen inhaltlichen Wiederholungen aufgefüllt und damit künstlich in die Länge gezogen.

Auch die Darstellung der Figuren hat mir nicht gefallen. Besonders die übertrieben negative Stimmung fast aller Akteure hat mich gestört. So gut wie jeder scheint mürrisch, gereizt, schlecht gelaunt oder gestresst zu sein. Neben dem bereits erwähnten kindischen Verhalten von Hanna und Daniel habe ich vor allem die Figur der Karro als schlecht umgesetzt empfunden. Sie wirkt nicht wie eine überlastete Pflegedienstleiterin, sondern unbeholfen, eingeschüchtert und mit ihrer Aufgabe überfordert. Erfrischender Lichtblick: Clara mit ihrer positiven Ausstrahlung. Als alleinerziehende Mutter zweier Teenager hat die Bibliothekarin es sicherlich auch nicht leicht, doch sie wirkt immer fröhlich. Sie hat jemand besseren verdient, als den brummeligen Daniel.

Gut 100 Seiten vor Schluss wird es dann endlich spannend. Mehrere Verdächtige rücken gleichzeitig in den Fokus und ich kann zu guter Letzt doch noch ein wenig miträtseln.

„Gnadenopfer“ ist bei Weitem nicht die vielschichtige, ausgefeilte Geschichte, die ich erwartet hatte. Es fehlt vor allen Dingen an Spannung; ich bleibe ziemlich enttäuscht zurück.

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Mörderische Gier

Alles wird Asche (Ein Bodenstein-Kirchhoff-Krimi 12) von Nele Neuhaus

In „Alles wird Asche“ beleuchtet Nele Neuhaus ein genauso spannendes wie aktuelles Thema: es geht um die Chancen und Gefahren von künstlicher Intelligenz und dem damit einhergehenden Konflikt zwischen Gewinnstreben und ethischer Verantwortung.

Die Autorin beginnt den 12. Band ihrer Taunus-Krimireihe mit einem dramatischen Prolog: Eine heftige allergische Reaktion lässt Alice um ihr Leben fürchten.

Sie kann ihren EpiPen nicht finden und stößt in ihrer Panik brennende Kerzen um. Ihre Atemnot und die sich ausbreitenden Flammen lassen Alice nicht mehr klar denken, sie stürzt sich über das Treppengeländer in den Tod. Eine Verkettung unglücklicher Umstände?

Ein paar Wochen nach diesem tragischen Ereignis wird der erfolgreiche Immobilienunternehmer Axel Wiesheu vermisst gemeldet. Man findet ihn wenige Tage später kopfüber aufgehängt im Rohbau eines Hochhauses. Ein schrecklicher Unfall? Oder womöglich Suizid?

Schon nach dem Lesen der ersten Seiten bin ich wieder im Neuhaus-Fieber und habe wie gebannt das weitere Geschehen verfolgt.

Als bei der Einweihung eines Baumwipfelweges ein weiterer Toter entdeckt wird, nimmt das Team vom K11 Hofheim die Ermittlungen auf und stolpert schnell über Zusammenhänge mit dem Fall Wiesheu. Indizien führen die Kommissare zu der milliardenschweren Brinkhoff Group - ein von dem genialen Softwareentwickler Patrick Brinkhoff gegründetes Unternehmen, das sich mit der Entwicklung eines bahnbrechenden KI-Chatbots weltweit einen Namen gemacht hat. Patrick war neben seiner Unternehmertätigkeit auch ambitionierter Bergsteiger; eine Leidenschaft, die ihm vor einigen Jahren am Mount Everest das Leben gekostet hat. Seit dem verhängnisvollen Tag brodelt es im Brinkhoffschen Imperium.

Oliver von Bodenstein und Pia Sander versuchen, sich einen Überblick über die verzweigten und verzwickten Beziehungen von Familie, Mitarbeitern und Weggefährten des verstorbenen Gründers zu verschaffen. Sie suchen nach Hinweisen, sammeln Informationen, decken Puzzlestück für Puzzlestück auf, doch die Fragmente wollen partout kein stimmiges Bild ergeben. Sie überprüfen Alibis und stellen Fragen, doch statt Antworten zu finden, stoßen sie auf die nächste Leiche.

Auch in diesem Krimi macht Nele Neuhaus wieder das, was sie am besten kann: sie bietet ihren Lesern eine vielfältige und reichhaltige Geschichte, der man trotz mehrerer Handlungsstränge, einer Vielzahl an Personen, häufiger Perspektivwechsel, unterschiedlicher Schauplätze und diverser Nebenhandlungen ohne Probleme folgen kann. Man ist auf Schritt und Tritt bei den Ermittlungen dabei und kann so prima über das Motiv und die Identität des Täters miträtseln und mitgrübeln. Das spannende Thema KI sowie interessante Einblicke in die Welt der Bergsteiger runden die Krimihandlung ganz hervorragend ab.

Als besonders gut gelungen habe ich die Figurendarstellung empfunden. Die Akteure werden alle lebensnah beschrieben und sind wunderbar vielschichtig gezeichnet. Wie in jedem ihrer Krimis gelingt es der Autorin auch hier, mich glauben zu lassen, dass so gut wie jeder Dreck am Stecken haben könnte. Geschickt lenkt sie meinen Blick von einem Verdächtigen zum nächsten und ich verfolge aufmerksam, was jeder Einzelne zu berichten hat, immer auf der Suche nach dem kleinen Hinweis, der mich der Lösung des Falls näherbringt. Als nach und nach alle Hintergründe aufgedeckt werden, bin ich wieder einmal begeistert, wie die Handlungsstränge ineinanderfließen, der Täter dingfest gemacht und alles nachvollziehbar aufgelöst wird.

„Alles wird Asche“ hat mir sehr gut gefallen - ein vielschichtig angelegter Krimi, der mich mit spannenden Ermittlungen und einer abwechslungsreichen Handlung bis zur letzten Seite gefesselt hat.

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Die Kraft der Freundschaft

Goodbye, Honeysuckle von Tayari Jones

Tayari Jones hat ihren Roman „Goodbye, Honeysuckle“ in dem fiktiven Ort Honeysuckle im ländlichen Louisiana angesiedelt. Wir befinden uns in den späten 1950er bzw. frühen 1960er Jahren und damit in einer Zeit, als die strikte Trennung von Weißen und Afroamerikanern in allen Bereichen des öffentlichen Lebens noch geltendes Recht war.

Die Menschen in Honeysuckle sind gottesfürchtig und hilfsbereit, sie unterstützen einander, wann immer es nötig ist. Inmitten dieser innigen Gemeinschaft wachsen Annie und Vernice auf. Die Schwarzen Mädchen verbindet nicht nur eine tiefe Freundschaft, sie teilen auch das gleiche Schicksal: beide wachsen zwar behütet, aber ohne Mutter auf. Annie wurde direkt nach ihrer Geburt von ihrer Mutter bei ihrer Großmutter zurückgelassen, Vernice wurde von ihrer Tante großgezogen, weil ihre Mutter erschossen wurde.

Die Mädchen kehren Honeysuckle nach ihrem Schulabschluss den Rücken. Annie verschwindet ohne ein Wort des Abschieds mit Freunden in Richtung Memphis, weil sie dort nach ihrer Mutter suchen will. Vernice zieht es wie geplant nach Atlanta, sie hat einen Studienplatz am berühmten Spelman College ergattert.

„Goodbye, Honeysuckle“ ist ganz anders, als ich erwartet hatte. Ich war davon ausgegangen, dass die politischen und gesellschaftlichen Themen von Zeit und Ort eine viel größere Rolle spielen. Die Autorin lässt diese Themen zwar in die Handlung einfließen, allerdings bei Weitem nicht in der Intensität, wie ich sie mir gewünscht hätte. Besonders über die studentische Bewegung und den Widerstand gegen die Jim-Crow-Gesetze hätte ich gerne mehr gelesen. Auch die Südstaatenatmosphäre ist kaum zu spüren. Die Fülle an landschaftlichen, historischen und kulturellen Eigenarten, die die Region zu bieten hat oder auch die bedächtige Lebensart der Einheimischen sind hier allenfalls schmückendes Beiwerk.

Tayari Jones legt ihr Hauptaugenmerk in diesem Roman auf ein ganz anderes Thema: es geht um fehlende Mutterliebe und um das Streben, diese schmerzhafte Lücke mit etwas zu füllen, das Heilung verspricht.

Annie wird von der Hoffnung angetrieben, ihre Mutter irgendwann zu finden. Es tut beim Lesen fast weh, mitzuerleben, wie ihre Suche zu einer Besessenheit wird, die sie mit Scheuklappen durch die Welt laufen lässt, so dass sie nicht einmal wahrnimmt, welches Glück das Leben ihr mit dem einfühlsamen Bobo beschert hat.

Vernice hingegen begegnet der Welt mit offenen Augen und kostet das Leben aus. Doch auch bei ihr ist der Wunsch nach Heilung unvermindert stark - so stark, dass sie ihre wahre Liebe verleugnet, weil diese ihr nicht richtig vorkommt. Vernice ist davon überzeugt, dass sie nur in einer „normalen“ Familie gesunden kann.

Tayari Jones lässt ihre Protagonistinnen in stetigem Wechsel zu Wort kommen. Jeweils in der Ich-Perspektive erzählen Annie und Vernice von den Höhen und Tiefen ihres Alltags, wie sie Herausforderungen meistern, glückliche Momente erleben oder mit Rückschlägen zu kämpfen haben. Obwohl die jungen Frauen verschiedene Wege einschlagen und ihre Leben sich ganz unterschiedlich entwickeln, bleiben sie über die Jahre hinweg durch Briefe miteinander verbunden. Als die Dinge schließlich einen tragischen Verlauf nehmen, wächst bei beiden die Erkenntnis, welche Kraft und Bedeutung ihre tief verwurzelte Freundschaft tatsächlich hat.

„Goodbye, Honeysuckle“ ist ein angenehm flott zu lesender Roman, der mich zwar gut unterhalten, aber nicht so nachhaltig beeindruckt hat, wie ich es mir erhofft hatte. 3,5*

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Hinter der idyllischen Fassade lauern Abgründe

Keine Angst, Darling von Vera Buck

Die Schwestern Paula und Lea haben kaum noch Kontakt, da ihre Lebensweisen und Wertvorstellungen im Laufe der Jahre immer weiter auseinandergedriftet sind. Während Unternehmensberaterin Paula mit ihrem Mann und ihren drei kleinen Söhnen in Frankfurt lebt, ist Lea nach Florida gezogen und hat sich für ein Leben als sogenannte Tradwife entschieden.

Mit ihrem Mann Matt und ihrer Tochter Emma wohnt sie in der abgeschotteten Luxussiedlung Sancta Familia und gestaltet ihren Alltag entsprechend der traditionellen Werte, wie sie in den 1950er Jahren üblich waren. Ihren konservativen Lebensstil teilt sie sehr erfolgreich in den sozialen Medien.

Paula hat für diese schillernde Inszenierung eines Hausfrauenideals und der damit zusammenhängenden Heile-Welt-Romantik nicht viel übrig. Als Lea plötzlich auf allen Kanälen schweigt, nicht auf Nachrichten reagiert und auch telefonisch nicht zu erreichen ist, schrillen bei Paula die Alarmglocken - ohne lange zu überlegen, reist sie nach Florida und macht sich auf die Suche nach ihrer Schwester.

In ihrem Thriller „Keine Angst, Darling“ stellt Vera Buck mit der Tradwife-Bewegung einen besorgniserregenden Social-Media-Trend in den Mittelpunkt der Handlung. Es geht dabei um meist junge Frauen, die sich bewusst für eine traditionelle Hausfrauenrolle entscheiden und dieses veraltete Rollenbild in den sozialen Netzwerken überzeugend zelebrieren und bewerben. Sie preisen ihren nostalgischen Lifestyle und die damit verbundene bewusste Unterordnung unter ein von Männern kontrolliertes System als Befreiung und Akt der Selbstverwirklichung an. Die mit diesem Verhalten einhergehenden potentiellen persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Gefahren werden dabei wissentlich ausgeblendet.

Nicht nur das Thema hat mich ungemein gefesselt, auch die durchweg spürbare unterschwellige Spannung hat einen enormen Sog auf mich ausgeübt. Leas scheinbar makelloses Idyll bekommt einige Risse, die mein Kopfkino auf Hochtouren laufen lassen haben. So ist es zum Beispiel offensichtlich, dass Matt in Bezug auf Leas plötzliches Verschwinden lügt. Auch das Verhalten der kleinen Emma wirft immer wieder Fragen auf. Und die geltenden Regeln in der Sancta Familia lassen eher an ein Gefängnis denken, als an eine Luxussiedlung. Die Siedlung, die nach außen hin so viel Geborgenheit und Harmonie ausstrahlt, ist in Wirklichkeit ein Ort, an dem die Frauen von ihren Männern unterdrückt, manipuliert, in die Isolation gedrängt oder sogar zum Schweigen gebracht werden. Paula nimmt die Unstimmigkeiten nach und nach wahr, hat aber keine Handhabe dagegen, so dass sich ihre Suche nach Lea schwieriger und vor allen Dingen sehr viel gefährlicher gestaltet, als sie erwartet hatte.

Als besonders gut gelungen habe ich den Aufbau des Geschehens empfunden. Um dem Leser einen umfassenden Einblick in die spannende Thematik zu ermöglichen, hat Vera Buck eine sehr abwechslungsreiche Darstellung der Ereignisse und Hintergründe gewählt. Während man in der gegenwärtigen Handlung gemeinsam mit Paula nach Lea sucht, erfährt man in mehreren Rückblenden zum einen, welche Erlebnisse Lea dazu bewogen haben, sich auf Matt einzulassen und zum anderen, wie sich ihr Leben als Tradwife in den letzten Jahren entwickelt hat. Diese Handlungsebenen werden immer wieder durch Einschübe unterbrochen. So machen eingestreute Transkripte von Videos, Interviews und Follower-Kommentaren deutlich, wie Tradwives ticken und welche Wirkung sie auf Außenstehende haben. Darüber hinaus gibt es noch Auszüge aus einem Haushaltsbuch. Emmas Mutter nutzt das Buch als Tarnung für ein paar heimliche Briefe, in denen sie den unerträglichen Schmerz beschreibt, den sie hinter der glänzenden Fassade erdulden musste. Diese Passagen haben mich besonders mitgenommen, weil man ganz deutlich spürt, dass die Angst zu bleiben genauso groß ist, wie die Angst zu gehen. Eine ausweglose Situation.

"Keine Angst, Darling“ hat mir sehr gut gefallen - ein psychologisch ausgefeilter Thriller, der mit einer vielschichtig angelegten Handlung, unerwarteten Wendungen und einer aufwühlenden Thematik für spannende Lesestunden sorgt.

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Magdeburgs Untergang

Die Bluthochzeit von Wolf Hector

In seinem historischen Roman „Die Bluthochzeit“ nimmt Wolf Hector den Leser mit in die 1630er Jahre nach Magdeburg und schildert mitreißend und vor allen Dingen äußerst wirklichkeitsnah, was sich in den Monaten vor und schließlich auch während dem wohl blutigsten Konflikt des Dreißigjährigen Krieges ereignet hat.

Der Autor beginnt die Geschichte mit einem spannenden Prolog, in dem er das unvermeidliche Ende vorwegnimmt: Gemeinsam mit dem Ersten Domprediger Reinhard Bake blickt man am 12. Mai 1631 aus einem Turmfenster des Magdeburger Doms über Trümmer und Ruinen, Rauchschwaden, Verwüstung und Tod. Und genau wie der ebenfalls anwesende Diakon Decenius fragt man sich: „… wie konnte es nur so weit kommen …?“ (S.27)

Gleichzeitig begegnet man der siebenjährigen Edita, ein greisenhaftes Kind mit hellseherischen Fähigkeiten. Der heilige Moritz spricht zu ihr, sagt ihr was geschehen wird und was zu tun ist. Doch wer hört schon auf ein kleines Mädchen …

Die eigentliche Handlung beginnt am 03. Juli 1630, ein knappes Jahr vor den schwärzesten Stunden, die die Stadt an der Elbe je erlebt hat. In mehreren Handlungssträngen lernt man nach und nach ganz unterschiedliche Menschen kennen - ihre Lebensumstände und ihren Alltag, ihre Pläne und Ziele, ihre Ängste und Sorgen. Sie alle treffen irgendwann aufeinander und haben auf die eine oder andere Weise Anteil an dem tragischen Verlauf der Ereignisse. Die Figurendarstellung habe ich als besonders gut geraten empfunden. Es ist Wolf Hector nicht nur ganz hervorragend gelungen, seinen Figuren Leben einzuhauchen und jedem einzelnen eine Stimme zu geben, auch das Zusammenspiel von historischen Persönlichkeiten und fiktiven Akteuren ist durchdacht und ausgeklügelt; Miteinander und Gegeneinander sind vielschichtig ausgearbeitet.

Historisch präzise und mit viel Liebe zum Detail zeichnet der Autor ein facettenreiches und sehr glaubwürdiges Bild von der Eroberung und Verwüstung Magdeburgs durch die kaiserlichen Truppen. Reale Ereignisse und Romanhandlung verschmelzen miteinander. Alles passt zusammen und wirkt durchweg authentisch. Außerordentliche Ratssitzungen, aufrüttelnde Gottesdienste, heimliche Wirtshaustreffen, familiäre Feiern - man ist als Leser immer mittendrin im Geschehen und meint das Brodeln in der Stadt vor und während der verhängnisvollen Ereignisse zu spüren und das Getuschel und Geraune der Leute zu hören, wenn neue Nachrichten über die Lage in Stadt und Land die Runde machen.

Gut gefallen hat mir auch, dass sich neben der großen und kleinen Politik und den drohenden Schrecken die Liebesgeschichte zwischen der Bierbrauerin Teresa und dem Bildhauer Ludo ohne aufgesetzt zu wirken in die dramatische Handlung einfügt. Man lebt und leidet mit den beiden und wünscht ihnen in dieser grausamen Zeit nur das Beste.

Eine Übersicht der handelnden Figuren, eine Zeittafel, ein interessantes Nachwort sowie ein Glossar runden das Buch perfekt ab.

„Die Bluthochzeit“ hat mir sehr gut gefallen - ein spannend erzählter historischer Roman, der mich intensiv an dem Schicksal einer ganzen Stadt teilhaben lassen hat.

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Geht unter die Haut

Im Morgengrauen (Art Mayer-Serie 4) von Marc Raabe

In den frühen Morgenstunden des 18. Januar treffen sich zwei Männer im Kiosk einer Minigolfanlage in Berlin-Heiligensee. Der eine wird zum Täter, der andere zum Mordopfer. Oder geschieht hier gar kein Mord?

Einige Tage später. Es herrscht Aufregung im Kanzleramt, denn Bundeskanzler Henrik Westphal ist spurlos verschwunden.

Wurde der Kanzler entführt? Ist er womöglich tot? Oder ist er abgetaucht, weil er einem handfesten Skandal aus dem Weg gehen will? Denn in den sozialen Medien kursieren Videos, in denen eine junge Frau, die sich Kessy X nennt, sehr glaubwürdig sein übergriffiges Verhalten anprangert.

Die bereits aufgeheizte Stimmung bekommt noch mehr Zündstoff, als in einem U-Bahntunnel unter dem Alexanderplatz eine entstellte Leiche gefunden wird, denn die Tote hat das gleiche auffällige Tattoo, dass in den Videos auf Kessy’s Unterarm zu sehen ist.

„Im Morgengrauen“ ist der vierte Band rund um die BKA-Ermittler Art Mayer und Nele Tschaikowski. Ich empfehle, die Bücher der Serie in der richtigen Reihenfolge zu lesen, da die Ereignisse über die einzelnen Bände hinweg alle zusammenhängen. Das Wissen über die Hintergründe, Beziehungen und persönlichen Entwicklungen der Protagonisten erhöht den Lesegenuss dieser spannenden Fortsetzung ganz enorm.

Der Schreibstil von Marc Raabe begeistert mich immer wieder aufs Neue. Er hat ein ausgesprochen gutes Händchen für vielschichtig konstruierte Thriller und versteht es ganz ausgezeichnet, die spannenden Ermittlungen und die privaten Angelegenheiten seiner Figuren authentisch und mitreißend darzustellen.

Die Kapitel sind kurz, die Perspektive wechselt ständig - auch hier trifft Marc Raabe genau meinen Geschmack. Besonders der stetige Blickwinkelwechsel gefällt mir, da ich so von den Gedanken, Ansichten und Beweggründen aller Akteure Kenntnis habe und prima mitverfolgen kann, wie jeder Einzelne auf unerwartete Ereignisse reagiert oder Konflikte meistert. Ich kann nicht nur die Kraft, Energie und Leidenschaft spüren, mit der sie ihre Aufgaben bewältigen und sich den immer neuen Herausforderungen stellen, sondern erlebe auch immer wieder ihre innere Zerrissenheit und ihre mentalen Kämpfe mit.

Sehr gut gefallen hat mir, dass die aktuelle Handlung mit der nervenaufreibenden Spurensuche des Öfteren von Rückblenden unterbrochen wird, die in den Wochen vor dem Verschwinden des Kanzlers spielen und Kessys bewegende Geschichte zum Inhalt haben.

Auch die vielen Wendungen sind überzeugend - immer wieder meint man zu wissen, in welche Richtung die Dinge sich entwickeln und dann kommt es doch wieder ganz anders, als man denkt. Außerdem gibt es zahlreiche Nebenhandlungen und nicht eine davon ist überflüssig. Im Gegenteil, sie ergänzen die Haupthandlung perfekt und machen den Thriller lebendiger, komplexer und realistischer.

Am Ende fügt sich alles zu einem großen Ganzen. Ich bekomme über die vier Bände hinweg ein stimmiges Gesamtbild und bleibe zufrieden zurück.

„Im Morgengrauen“ hat mich rundum begeistert - ein abwechslungsreicher, gut durchdachter Thriller, der mit einer temporeichen Handlung und ausdrucksstarken Figuren punktet und dabei einen Sog entwickelt, dem man sich als Leser nicht entziehen kann.

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Spannend, aktuell, temporeich

In den Fängen der Verräter von Tuomas Oskari

Der ehemalige finnische Ministerpräsident Leo Koski hat Finnland und der Politik den Rücken gekehrt und sich mit seiner kleinen Tochter Daniela in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington in einem festungsgleichen Haus regelrecht eingeigelt. Nach den tragischen Ereignissen in Helsinki, die Leo persönlich tief getroffen haben, besteht sein Alltag heute vornehmlich darin, Daniela bestmöglich zu beschützen.

Nur sehr zögerlich leistet er daher einer Einbestellung des Präsidenten Chester Tyler ins Weiße Haus Folge. Während Leo im Vorzimmer des Oval Office darauf wartet, zum Präsidenten vorgelassen zu werden, erhält er die Nachricht auf sein Handy, dass seine Tochter entführt wurde. Die Kidnapper verlangen von Leo, dass er das Vorhaben des Präsidenten, umgehend aus der NATO auszutreten, forciert, ansonsten stirbt Daniela.

Leo, von dem die finnische Staatsführung und die gesamte EU erwarten, dass er den Präsidenten eines Besseren belehrt und den Austritt der USA aus der NATO unbedingt verhindert, steckt damit in einer grausamen Zwickmühle - um Daniela zu retten, muss er sein Vaterland verraten. Die sowieso schon fatale Situation läuft völlig aus dem Ruder, als Chester Tyler während des Treffens mit Leo vergiftet zusammenbricht…

„In den Fängen der Verräter“ ist der dritte Teil der „Leo-Koski-Reihe“ - Tuomas Oskari wartet auch diesmal wieder mit einer raffiniert gestrickten Geschichte auf, die mein Kopfkino schon nach wenigen Seiten auf Hochtouren laufen lassen hat. Der Autor versteht es sehr gut, die vielfältigen Situationen greifbar darzustellen, so dass es mir ganz leicht gefallen ist, in die Handlung einzutauchen und mit den Akteuren mitzufiebern.

Durch seine Arbeit als Journalist und Auslandskorrespondent kennt Tuomas Oskari sich in der Welt der Politik sehr gut aus und verfügt über jede Menge interessantes Hintergrundwissen, so dass er seine Thriller ganz nah an der Realität spielen lassen kann. Mit einem möglichen Austritt der USA aus der NATO stellt er ein genauso aktuelles wie brisantes Thema in den Mittelpunkt und lässt seine Leser miterleben, welche Auswirkungen ein US-Rückzug hinter den Kulissen und gleichzeitig für die Welt haben könnte.

Die Handlung bietet alles, was einen Politthriller so richtig spannend macht: kriminelle Machenschaften lenken den politischen Alltag. Es werden Intrigen gesponnen und moralische Grenzen überschritten. Globale Verwicklungen sorgen dabei genauso für ein lebhaftes und abwechslungsreiches Geschehen wie das zwielichtige Gerangel von Sicherheitsbehörden und Geheimdiensten. Die zum Teil dramatischen Entwicklungen - Tuomas Oskari scheut sich nicht, seinen Protagonisten an den Rand der Belastbarkeit zu drängen - verleihen der ohnehin schon fesselnden Handlung dabei noch zusätzliche Spannung. Noch vor ein paar Jahren hätte ich ein Szenario, wie der Autor es hier schildert, als reine Fiktion wahrgenommen, mittlerweile kann ich mir allerdings gut vorstellen, dass die Dinge in Washington ähnlich ablaufen könnten.

Besonders gut gefallen hat mir, dass Tuomas Oskari die politischen Aspekte und Wirren sehr anschaulich und auch für Laien verständlich erläutert, so dass man alles auch ohne einschlägige Kenntnisse bestens mitverfolgen kann.

Vermisst habe ich dagegen die psychologische Tiefe und die emotionale Kraft, die mich im ersten Band der Reihe so begeistert haben. Die Ansichten der Charaktere, ihre inneren Konflikte und Widersprüche werden hier bei Weitem nicht so überzeugend dargestellt, wie in „Tage voller Zorn“.

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Als wäre die Zeit stehen geblieben

Gesternwelten von Annie Bertram

In ihrem Bildband, „Gesternwelten - Memoiren des Verfalls“ präsentiert die Fotokünstlerin Annie Bertram großformatige Fotos von Lost Places und lädt den Betrachter ein, der faszinierenden Magie nachzuspüren, den diese verlassenen Orte ausstrahlen.

Annie Bertram wartet in diesem Band mit unterschiedlichen Themenbereichen auf.

Den Anfang machen Paläste und Villen, deren einstige Pracht trotz des Verfalls immer noch zu erahnen ist. Die Bilder der Ruinen haben einen ganz besonderen Charme, sie erzählen Geschichten, die ohne Worte auskommen. Es geht weiter mit Kirchen und Klöstern, deren ehemalige Erhabenheit immer noch präsent ist und beim Betrachten ein ehrfürchtiges Schaudern auslöst. Dann folgen Friedhöfe und Ruhestätten, die wie verwilderte Gärten wirken und eine märchenhaft-geheimnisvolle Atmosphäre ausstrahlen. Danach gibt es unterschiedliche Wracks zu bestaunen, die verrottet, zerfleddert und überwuchert wie gestrandete Überbleibsel aus einer fernen Zeit in der Landschaft ausharren. Der letzte Abschnitt widmet sich verwunschenen Rückzugsorten, die vermoost und efeuumrankt eine faszinierende Anziehungskraft ausüben. Erstaunlich, wie die Natur ihr Terrain zurückerobert.

Ich bin Seite um Seite beeindruckt von der Fülle und Vielfalt und kann mich gar nicht sattsehen an der Schönheit der vergangenen Lebenswelten. Es ist einfach großartig, wie die vielen Details von Annie Bertram eingefangen und ins richtige Licht gerückt wurden. Meine Augen wandern über die Fotos und bleiben immer wieder an den vielen Kleinigkeiten hängen, die wie Splitter aus vergangenen Zeiten auf mich wirken. Welches Schicksal hat die ehemaligen Bewohner wohl getroffen? Wohin sind sie so überstürzt verschwunden? Warum wurden so viele persönliche Gegenstände einfach zurückgelassen? Beim Betrachten der ausnahmslos sehr gelungenen Aufnahmen spürt man durchweg, dass an diesen vom Leben verlassenen Orten noch immer eine Seele wohnt. Zu gerne würde ich den Geheimnissen lauschen, die die alten Mauern zu erzählen haben.

„Gesternwelten - Memoiren des Verfalls“ ist ein qualitativ sehr hochwertiger Bildband mit beeindruckenden Fotos, die man immer wieder gerne anschaut. Ich habe die magische Entdeckungsreise zu den unterschiedlichen Lost Places sehr genossen.

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Aufwühlend, unterhaltsam, bereichernd.

Solange ein Streichholz brennt von Christian Huber

Die Karriere der Kölner Fernsehjournalistin Alina Alev will einfach nicht in Schwung kommen. Alina ist überzeugt davon, bei einem kurzfristig anberaumten Meeting ihre Kündigung zu bekommen. Doch das Gegenteil ist der Fall, sie erhält unerwartet die Chance, an einem neuen Projekt mitzuarbeiten. Sie soll eine Reportage zum Thema Obdachlosigkeit erstellen.

Dafür sucht sie jemanden, der auf der Straße lebt und den sie einige Zeit durch den Alltag begleiten kann. Eine Sozialarbeiterin empfiehlt ihr, den Mittdreißiger Bohm anzusprechen. Alina macht Bohm ausfindig, erklärt ihm ihr Vorhaben und bietet ihm für seine Mitwirkung tausend Euro an. Doch Bohm wimmelt sie ab. Als das Schicksal ihm kurz darauf einmal mehr ein Bein stellt, ändert er jedoch seine Meinung…

In seinem Roman „Solange ein Streichholz brennt“ beleuchtet Christian Huber den Alltag zweier Menschen, deren Lebenswelten auf den ersten Blick total unterschiedlich sind, bei näherem Hinsehen allerdings frappierende Ähnlichkeiten aufweisen. Mit Alina und Bohm lässt der Autor zwei einsame Seelen aufeinandertreffen, die auf verschiedene Weise mit der Bitternis des Lebens konfrontiert werden.

Christian Huber hat ein sehr gutes Händchen für Figurenzeichnung. Sowohl Alina wie auch Bohm kommen absolut echt und menschlich rüber. Sie handeln entsprechend ihren Eigenarten, treffen logische Entscheidungen und machen eine glaubwürdige Entwicklung durch. Die beiden kommen im stetigen Wechsel zu Wort, so dass man intensiv an ihren Gedanken und Emotionen teilhaben kann und dadurch nicht nur versteht, wie sie ticken, sondern auch ihre innere Zerrissenheit und ihre mentalen Kämpfe miterlebt.

Es war für mich überaus faszinierend zu beobachten, wie die anfängliche Distanz zwischen Alina und Bohm schrumpft und das Band zwischen ihnen immer fester wird. Christian Huber schildert die Annäherung dieser augenscheinlich sehr unterschiedlichen Menschen mit ganz viel Gefühl - ein Knistern hier, ein Funken da, Zuneigung flammt auf, dann wieder auf beiden Seiten abwiegeln und leugnen. Doch als Leser spürt man lange bevor die Protagonisten es wahrhaben wollen, dass der Zug längst ins Rollen gekommen und nicht mehr zu stoppen ist.

„Solange ein Streichholz brennt“ ist nicht nur eine mitreißende Liebesgeschichte, sondern hat auch eine gute Portion Gesellschaftskritik im Gepäck. Dass das Leben auf der Straße kein Zuckerschlecken ist und es in der Medienbranche knallhart und skrupellos zugeht, ist landläufig bekannt. Doch wie lebt es sich, wenn ein sowieso schon schwieriger Alltag durch mangelnde Wertschätzung noch unerträglicher wird? Christian Huber ermöglicht dem Leser einen intensiven Einblick in zwei Welten, in denen ein respektloses und erniedrigendes Verhalten oft üblicher Usus ist. Darüber hinaus zeigt er, wie schnell eine plötzliche Instabilität oder ein Schicksalsschlag ein Leben komplett aus der Bahn werfen kann. Sehr gut gefallen hat mir, dass der Autor ein gutes Gespür für die richtige Dosierung hat - die gesellschaftlichen Probleme werden mit dem nötigen Ernst dargestellt, überlagern bzw. erdrücken die Liebesgeschichte aber nicht.

Begeistert hat mich, wie das Streichholz in Szene gesetzt wird. Es ist nicht nur titelgebend und auf dem Cover abgebildet, es spielt auch im Verlauf der Handlung eine wichtige Rolle. Die Symbolkraft ist toll. Im Leben ist es wie bei einem herunterbrennenden Streichholz - irgendwann ist da nur noch Schmerz, wenn man nicht loslässt; wenn man Vergangenes nicht hinter sich lässt.

Das Ende der Geschichte habe ich als sehr gelungen empfunden - nicht rosarot, aber voller Hoffnung und mit der Möglichkeit, neue Wege zu gehen.

„Solange ein Streichholz brennt“ ist einfach großartig. Ein Roman, der aufwühlend, unterhaltsam und bereichernd ist. Eine Geschichte, die mich begeistert hat, weil sie nicht nur mit Worten, sondern mit ganz viel Gefühl erzählt wird.

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Ich bleibe zwiegespalten zurück

Darkly von Marisha Pessl

Die 17-jährige Dia Gannon kann es nicht glauben - obwohl es über sechshunderttausend Bewerber gab, ist sie eine von sieben Jugendlichen, die von der Louisiana Veda Stiftung für ein Sommerpraktikum ausgewählt wurden. In London angekommen, wird allerdings schnell klar, dass es hier nicht um gewöhnliche Bürotätigkeiten und das Erfassen von Daten geht, denn Dia und ihre Mitstreiter werden statt in die Geschäftsräume der Stiftung auf eine abgelegene Insel gebracht - die Insel, auf der Louisiana Veda ihre begnadeten Darkly-Spiele entwickelt und hergestellt hat.

Louisiana Veda war die Gründerin der Brettspielfirma „Darkly“ und eine brillante Erfinderin von perfekt ausgetüftelten Spielen. Eine absolute Legende. Auch zig Jahre nach ihrem Tod haben ihre genialen Brettspiele eine riesige Fangemeinde. Originale werden in Auktionshäusern für Millionen Dollar gehandelt.

Vor knapp vierzig Jahren wurde der Prototyp des Darkly-Spiels „Walküre“ samt Anleitung gestohlen. „Walküre“ ist ein überaus gefährliches Spiel, das nie veröffentlicht werden sollte, daher hat Louisiana Veda in ihrem Testament verfügt, dass der Dieb aufgespürt und zur Rechenschaft gezogen werden muss und das Spiel unbedingt vernichtet werden soll.

Obwohl die mit der Suche beauftragte Kanzlei über die Jahrzehnte hinweg alle Ecken der Welt durchkämmt hat, blieb das Spiel verschwunden - bis es vor einigen Monaten wieder aufgetaucht ist und im Verborgenen von Jugendlichen gespielt wird. Da „Walküre“ bereits ein erstes Opfer gefordert hat - der 15-jährige George Glenfell hat das Spiel gewonnen und ist seit dem spurlos verschwunden - begeben sich Dia und die anderen Praktikanten auf eine äußerst gefahrenvolle Mission, denn sie müssen das Spiel bis zum Ende spielen, um den Täter dingfest zu machen und die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Marisha Pessl hat mich mit diesem Thriller für junge Leser ab 12 Jahre von der ersten Seite an fest im Griff gehabt. Schon die Ausschreibung für das Sommerpraktikum mit der verstörenden Bewerbungsfrage („Wofür würden Sie töten?“) und der unbedingten Anforderung, ein Tückling sein zu müssen, hat mein Kopfkino auf Hochtouren rotieren lassen. Ich war sofort neugierig auf alles - die ominösen Darkly-Spiele, deren geniale Schöpferin, die dubios wirkende Stiftung, die Mitglieder in der Gruppe um Dia.

Die Autorin versteht es ganz ausgezeichnet, diese anfängliche Spannung auf einem hohen Level zu halten, indem sie immer nur kleine Andeutungen macht und Hintergründe nur häppchenweise preisgibt. Geschickt befeuert sie die Sogwirkung der Geschichte mit diversen Überraschungen, immer neuen Wendungen, rätselhaften Hinweisen, abstrusen Theorien und einigen Ungereimtheiten, so dass ich mit hoher Geschwindigkeit durch das Buch gerauscht bin, immer begierig darauf zu erfahren, was als nächstes auf die Teenager zukommt und welche Wahrheit hinter allem steckt.

Auch die gruselige Atmosphäre hat mich begeistert. Alles wirkt sehr düster. Die nebelverhangene Insel, die alte Fabrik und auch die verfallene Villa sorgen für einen schaurigen Touch. Man hat ständig das Gefühl, dass hinter den trüben Fenstern eine Bedrohung lauert. Auch Dias Umfeld ist schwer zu durchschauen. Immer wieder fragt man sich: Wer meint es ehrlich? Wer ist gefährlich?

Nicht so gut gefallen hat mir die Charakterdarstellung. Ich hätte mir gewünscht, dass die unterschiedlichen Eigenschaften der Teenager deutlicher hervorgehoben werden und sie mehr entsprechend ihren Eigenarten agieren. Das Zusammenspiel wäre viel lebhafter geworden. Selbst Dia, die mich am Anfang mit ihrem altmodischen Typus so fasziniert hat, wird im Verlauf der Handlung immer blasser. Ja, Dia erfüllt ihre Aufgabe als Hauptfigur, sie ist gewieft und mutig, sie besteht die Abenteuer, es Spaß macht, ihr zu folgen und gemeinsam mit ihr die Rätsel zu lösen. Dennoch haben mir ihre außergewöhnliche Ausstrahlung und ihre charmante Selbstironie vom Beginn der Geschichte gefehlt.

Als sehr gut gelungen habe ich die Aufmachung des Buches empfunden. Nicht nur das Cover verdient ein großes Lob, auch die Idee, die eigentliche Handlung durch informative Zeitungsausschnitte, Fotos und Briefe zu ergänzen, finde ich großartig.

Alles in Allem bleibe ich etwas zwiegespalten zurück. Eine spannende Geschichte, die mit einer herrlich schaurigen Atmosphäre punkten kann, die aber durch nur halbgar ausgearbeitete Charaktere hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben ist. Daher 3,5/5.

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