Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Gertie G.:
Eine Leseempfehlung
1942 - Die Tour de France, die keine war von Étienne Bonamy
Mitten im Krieg, im Jahr 1942, findet in Frankreich ein Radrennen zwischen Widerstand und Kollaboration, Schwarzmarkt und Erpressung, persönlichem und politischem Interesse, besetzter und freier Zone statt.
Der französischen Journalist und ehemalige Radrennfahrer Jean Leulliot (1911-1982) stampft gemeinsam mit Günther Kezer, Major der Wehrmacht, ein Radrennen aus dem Boden, das auf sechs Etappen nicht nur durch das besetzte sondern auch durch das freie Frankreich führt.
Dieses Radrennen findet vom 28. September bis zum 4. Oktober statt. 72 Fahrer aus Frankreich, Belgien und Italien unterwerfen sich den Strapazen der 1.650 km, die nicht nur der Strecke, sondern auch dem grässlichen Wetter, dem Fehlen an ordentlichen Unterkünften und Mangel an professioneller Ausrichtung geschuldet sind. Die Fahrer sind zudem nicht ganz freiwillig mit dabei. Émile Idée (1920-2024) wird mit der Gestapo gedroht, falls er die Teilnahme verweigert. Daher wird jede Möglichkeit aufzugeben, genützt. Letztlich kommen gerade einmal 27 Fahrer ins Ziel.
Gewonnen hat übrigens der Belgier François Neuville (1912-1986).
„Vergessen Sie den Circuit, Leulliot. Es wird jetzt alles anders.“ bekommt Jean Leulliot zu hören, als bei den Deutschen vorspricht, um den Termin für den Circuit de France 1943 abzusprechen.
Wie wir aus der Geschichte wissen, ist alles anders geworden.
Meine Meinung:
Dieses Sachbuch, das ein sportliches Ereignis zwischen Widerstand und Kollaboration, Schwarzmarkt und Erpressung, persönlichem und politischem Interesse, besetzter und freier Zone schildert, hat mir sehr gut gefallen.
Worüber ich mich gewundert habe ist, dass kein einziger deutscher Radrennfahrer an dieser Radrundfahrt teilgenommen hat. Ich hätte schon erwartet, dass NS-Deutschland auch ein Team zusammenstellt.
Étienne Bonamy zeichnet ein facettenreiches Bild, das die Rolle des Sports sowie der Presse in jenen Jahren sehr gut einfängt.
Das Radrennen und seine Teilnehmer verschwinden im Dunkel der Geschichte bis Sportjournalist und Autor Étienne Bonamy den letzten noch lebenden Fahrer, Émile Idée (1920-2024) für dieses Buch im Jahr 2020 interviewt hat.
Interessant ist, dass dieses Radrennen auch für diverse Schmuggelfahrten benutzt worden ist. Allerdings hat man nicht nur Lebensmittel, die schon längst rationiert gewesen sind, IN sondern auch Juden AUS dem besetzten Frankreich geschmuggelt haben.
Im Nachwort kann nachgelesen werden, was aus den Protagonisten nach dem Krieg geworden ist. So wird Jean Leulliot wegen Kollaboration mit den Deutschen angeklagt. Er entgeht einer Verurteilung, weil seine Reporterkollegen zu seinen Gunsten aussagen, und wird wenig später zahlreiche Radrennen veranstalten.
Einige Teilnehmer des Circuit de France 1942, wie Sieger François Neuville oder Émile Idée , setzen ihre Karrieren fort und nehmen an zahlreichen Straßenrennen der Nachkriegszeit teil.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Bericht über die Tour der France, die keine war, 5 Sterne.
Unterhaltsam
Weinfluch von Uwe Ittensohn
Dieser achte Krimi rund um KHK Frank Achill und dem Fremdenführer André Sartorius ist für mich der erste aus dieser Reihe. Worum geht’s?
Das kostbarste Ausstellungsstück des Speyerer Museums, eine Weinflasche mit Inhalt aus der römischen Antike, wird auf seiner Reise ins Kunsthistorische Museum in Wien gestohlen.
Nein, nicht gestohlen, sondern regelrecht gekidnappt. Da bei dieser Kommandoaktion zunächst ein Wachmann der Sicherheitsfirma und wenig später sein Kollege im Krankenhaus stirbt, ist der Diebstahl Sache der Kripo Ludwigshafen.
Die Ermittlungen gestalten sich als äußerst schwierig, denn auch der Leiter des Museums kann keine entsprechende Aussage machen. Und als dann noch ein Erpresserbrief gemeinsam mit einem Wichtigtuer der Versicherung auftaucht, verstrickt sich der Fall im Kompetenzgerangel an dem nicht nur die Kripo Ludwigshafen, das LKA von Rheinland-Pfalz sondern neben der Versicherung auch das LKA Wien beteiligt sind.
Eines ist jedoch allen Beteiligten klar: Diese Aktion ist von Profis geplant und ausgeführt. Doch jeglicher Ermittlungsansatz fehlt. Achill holt seinen Freund Sartorius, der bereits mehrmals als Berater der Polizei in Erscheinung getreten ist, mit ins Boot, denn der kann abseits des engen gesetzlichen Rahmens, der die Polizei unterliegt, Erkundigungen einziehen.
Als Achill wegen eines Fehlschlages vom Fall abgezogen wird und sein Widersacher, der ungeliebte Tom Köhler, die Leitung der SOKO übernimmt, halten Achills Kollegen unter der Führung von KOK Verena Bertling zusammen, um den Fall zu lösen.
Wie es ihnen gelingt, das Objekt der Begierde wieder zu beschaffen und die Täter zu fassen, müsst ihr schon selbst lesen ...
Meine Meinung:
Es ist ja kein großes Geheimnis, dass sich einzelne Abteilungen in der Polizei besser oder weniger gut verstehen und so mancher Vorgesetzter eher seine eigene Reputation im Auge hat als das reibungslose Funktionieren. So sind auch hier kleine oder größere Gehässigkeiten und Intrigen im Spiel, die dann eskalieren als der Wichtigtuer der Versicherung mit seinem präpotenten Auftreten die Stimmung weiter aufheizt. Statt an einem Strang zu ziehen, verzetteln sich die Kolleginnen und Kollegen in einem persönlichen Kleinkrieg, der mit der Enthebung von KHK Achill endet.
Leider hat der Polizeichef Metzger dabei unbedingt ein glückliches Händchen als er Tom Köhler, der eigentlich für Vermögensdelikte zuständig ist, diese komplexe und verantwortungsvolle Aufgabe der Leitung der SOKO überträgt.
Es ist dem unkonventionellen Engagement von Bertling und dem Chef der Kriminaltechnik Trabold sowie der nicht ganz ungefährlichen Aktion von Sartorius zu verdanken, dass der Fall dennoch gelöst werden kann.
Obwohl dieser Krimi der acht einer Reihe ist, lässt er sich auch ohne Vorkenntnisse gut lesen. Lediglich die Andeutungen rund um den Gefängnisaufenthalt von Rita, geben Rätsel auf, die auf die anderen Krimis neugierig machen.
Der Krimi ist angenehm zu lesen und gibt Einblick in die oft mühsame Arbeit der Kriminalbeamten und der Kriminaltechnik.
Eine kleine Anmerkung: Die Phiole (kleines Glasfläschchen) wird mit Viole (Veilchen) verwechselt. Hat da das Korrektorat ausgelassen? Bitte in der nächsten Auflage korrigieren.
Fazit:
Dieser spannende, weil verzwickte Fall, hat mich gut unterhalten, weshalb ich ihn mit 4 Sternen bewerte.
Herrlich skurril!
Das Grab des Webers von Seumas O'Kelly
Mortimer Heir war schon zu Lebzeiten ein ziemliches Ekelpaket. Nun ist er tot und hält mit der Suche nach (s)einer ihm bestimmten Grabstelle nicht nur seine junge Witwe, sondern auch ein ganzes Dorf auf Trab. Zwar hat er schon sein ganzes Leben von diesem Grab fabuliert, doch niemandem verraten, wo dieses genau liegt.
Man kennt wohl den Namen des Dorfes irgendwo in Irland und den dazugehörigen Friedhof, aber die genauen Koordinaten des Grabes sind unbekannt.
Die Witwe, Heirs vierte Ehefrau, reist mit den sterblichen Überresten und zwei Totengräbern also in das Dorf. Nun beginnt ein langes Herumirren von Grab zu Grab, denn die drei alten Männer, die möglicherweise Mortimers Grabstelle kennen, sind sich über den genauen Ort uneins. Im Schatten eines Baums soll das Grab sein. Welcher Baum? Eine Ulme? Oder doch nicht? Mehrmals graben die Totengräber an falscher Stelle.
Meine Meinung:
Die Geschichte wirkt ein wenig absurd und komisch. Doch im streng katholischen Irland werden vermutlich letzte Verfügungen von Verstorbenen, so schwierig oder absurd sie den Hinterbliebenen auch vorkommen, getreulich ausgeführt. Zudem ist die Zeit in der die Geschichte spielt, also Ende des 19. Jahrhunderts, zu berücksichtigen.
Ich habe über diese nur 96 Seiten dünne Geschichte des irischen Dichters und Journalisten Seumas O’Kelly, der 1918 verstorben ist, mehrmals schmunzeln müssen. Ob O’Kellys Hinterbliebene mit seinem Leichnam ähnliches durchmachen mussten?
Sprachlich ist das Buch ein Genuss, was auch an der Übersetzung liegt.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Buch 5 Sterne.
Beste Krimi-Unterhaltung!
Letzter Landler von Herbert Dutzler
Franz Gaspermaier wird in diesem 13. Fall ziemlich gefordert. Da ist zum einen der Trubel in seinem Haus und zum anderen ein Mord während eines Gastspiels des Staatsballetts in Aussee. Dazu kommt Kevin, ein dienstzugeteilter Jungpolizist mit eigenwilligen Ansichten über Frauen und alle jene, die ausländische Wurzeln haben.
Dieser Jungspund vertritt die Manuela, die aktuell in Karenz ist. Blöderweise ist der für Gasperlmaier keine Ent- sondern nur eine Belastung.
Doch der Reihe nach: Die Eltern seiner Schwiegertochter Richelle sind in Bad Aussee zu Besuch. Die Verständigung klappt so lala, sprechen die Kanadier ungefähr so gut Deutsch wie Gasperlmaier Englisch. Gasperlmaiers Ehefrau Christine schupft wie immer den (häuslichen) Laden und bei bodenständiger Kost sowie geistigen Getränken kommt man schnell ins Gespräch. Allerdings scheint der Mord, der sich im Umfeld des Orchesters, das die Aufführungen des Staatsballetts musikalisch umrahmt, ereignet hat, ein willkommener Anlass zu sein, dem anstrengenden Besuchsprogramm für die Gäste zu entfliehen.
Damit hat sich der Gaspermaier ein wenig verkalkuliert, denn statt methodisch und analytisch die Tat aufzuklären, muss er Kevin zügeln, der wie ein Elefant im Porzellanladen herumtappt, Gasperlmaiers liebgewonnenen Dienstwagen schrottet und sich selbst in Gefahr bringt.
Es ist echt zum Haare raufen! Wie soll er da den Täter finden? Zumal sowohl im Orchester als auch in der Balletttruppe nicht alle die Wahrheit sagen und wichtige Details verschweigen.
Meine Meinung:
In seinem 13. Fall bekommt es Gaspermaier mit der Welt von Ballett und klassischer Musik zu tun. Beides ist ihm, der wenn schon Tanzen, lieber sich im Takt eines Landlers bewegt, fremd. Deshalb dauert es zunächst ein wenig, bis er den roten Faden findet. Ich mag ihn ja, den Gasperlmaier, der einerseits ziemlich bauernschlau andererseits ein wenig naiv daherkommt. So ist ihm nicht geläufig, dass Balletttänzer auf Grund der hohen körperlichen Anforderungen häufig zu Appetitzüglern und anderen Substanzen, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, greifen.
Wie immer wird er von seiner Christine und seiner Tochter sowie deren Ehefrau tatkräftig unterstützt. Manchmal wirkt Gaspermaiers Haus wie eine Zweigstelle des Polizeipostens, denn auch der Nachbar, der pensionierte Richter Altmann, weiß die eine oder andere Bemerkung zum Fall anzubringen. Jaja, Gaspermaier ist klar, dass er über seine Ermittlungen nicht sprechen darf. Aber, Bad Aussee ist ohnehin ein Dorf, in dem sich Nachrichten schnell verbreiten.
Gut hat mir das Wiedersehen mit Manuela (inklusive Söhnchen im Tragetuch) sowie Kollegin Emina, die dem Kevin mehrmals (vergeblich) zeigt, wo der Bartl den Most herholt, gefallen.
Wie immer erfahren wir ziemlich unterschwellig einiges über das schöne Salzkammergut und seine Bewohner.
Fazit:
Auch dieser 13. Fall für Franz Gasperlmaier hat mir sehr gut gefallen, weshalb ich dem Krimi 5 Sterne und eine Leseempfehlung, die die ganze Reihe einschließt, gebe.
Eine Leseempfehlung
Die seltenste Frucht von Gaëlle Bélem
Gaëlle Bélem, die selbst von der lnsel La Réunion stammt, entführt uns in das 19. Jahrhundert, als die Insel noch La Bourbon heißt und Sklaven eine Selbstverständlichkeit zur Bewirtschaftung in der Landwirtschaft zählten.
Sie erzählt, stellvertretend für alle rechtlosen Menschen, die Geschichte des Sklavenjungen Edmond Albius, der dem verwitweten und depressiven Plantagenbesitzer Ferréol Beaumont quasi als „Kuscheltier“ überbracht wird.
Edmond erweist sich als neugierig und wissbegierig, heitert seinen Herrn, der sich lieber mit der Orchideenzucht als mit Menschen beschäftigt, tatsächlich auf.
Als sich die jahrelangen Versuche, der Gewürzvanille eine Frucht abzutrotzen, als Fehlschlag entpuppen, versucht der damals zwölfjährige Edmond auf eigene Faust, das Geheimnis der Befruchtung zu lösen.
In der Tat gelingt das Experiment und der Siegeszug des als Bourbon-Vanille bekannten Gewürzes ist nicht mehr aufzuhalten. Von den Gewinnmargen der Plantagenbesitzer und Kaufleuten, die sich mit der Frucht eine goldene Nase verdienen, hat Edmond (wie die Abertausenden Sklaven, die auf der Insel schuften) genau nichts. Ja, es ist ihm sogar verboten lesen und schreiben zu lernen.
Meine Meinung:
Wenn uns heute der exotische Duft von Vanille in der Nase kitzelt, denkt niemand an die Erzeugung und Herkunft dieses Gewürzes, zumal es gelungen ist, das Aroma künstlich herzustellen, um möglichst viele Süßspeisen damit zu verfeinern. Echte Bourbon-Vanille ist nach wie vor teuer, das sie händisch bestäubt werden muss.
Gaëlle Bélem nimmt uns auf den Triumphzug der Vanille rund um den Globus mit. Zunächst gibt es einen kleinen Exkurs nach Mexiko, dem Ursprung der Vanillepflanze, die eine Orchidee ist. Wir besuchen Pflanzungen in Afrika und Asien, Botanische Gärten in Europa, in denen die kostbare Vanille als Zierpflanze angesehen wird, und verkosten in den zahlreichen Cafés und Adelshaushalten Torten, Eis und Schokoladegetränke.
In diesem sprachgewaltigen Roman zeigt Autorin Gaëlle Bélem wie weiße Plantagenbesitzer das Wissen und die Arbeitskraft ihrer Sklaven brutal ausgenützt haben. Dabei gelingt es ihr, manchmal durchaus ironisch und humorvoll, den mühsamen Alltag der Sklaven ihren Leserinnen und Lesern nahe zu bringen.
Wer nostalgisch-gediegene historische Romane, die penibel recherchiert worden sind, und in exotische welten entführt, liebt, wird hier fündig. Sprachlich ist dieser historische Roman, der auf wahren Begegebenheit beruht ein Leckerbissen.
Die Abbildung der Orchidee Gewürzvanille (Vanilla planifolia) ziert das Cover und bietet einen Eindruck der Schönheit der Pflanze. Den betörenden Duft kann man leider nicht riechen.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Ausflug in die Welt der Vanille, der uns darauf hinweist, wie Wohlstand auf dem Buckel von Sklaven erwirtschaftet worden ist, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Eine Leseempfehlung
Der Jude der Kaiserin von Vladimir Vertlib
Autor Vladimir Vertlib entführt uns mit diesem historischen Roman in das Wien von 1670. Wir befinden uns damit im Barock und mitten in der Gegenreformation. Es regiert Leopold I. (1640-1705), der nach langen Machtkämpfen, die Unsummen an Bestechungsgeldern gekostet haben, auch Deutscher Kaiser ist.
Die Feldzüge gegen die Türken, die Bestechungsgelder, die Bauwut des Kaisers sowie die Kosten der Feierlichkeiten anlässlich seiner Hochzeit mit Infantin Margarita Theresa (1651-1673) von Spanien, die ein ganzes Jahr (!) gedauert haben, haben in dem ohnehin immer klammen Habsburgerreich leere Kassen beschert. Was Leopold nun dringend braucht, ist ein männlicher Erbe. Zu diesem soll ihm Margaritas Leibarzt Pedro de Rojas, der im Gefolge der jungen Spanierin nach Wien gekommen ist, verhelfen. Pedro hat jedoch ein für ihn lebensgefährliches Geheimnis: Er ist ein spanischer Converso, ein konvertierter Jude, der seinen Glauben im Geheimen praktiziert. Zudem wird er von den Wiener Ärzten angefeindet, weil er sich lange Jahre als Feldscher und Chirurg anatomische und praktische Kenntnisse angeeignet hat.
Gemeinsam mit der jüdischen Hebamme versucht Pedro der Kaiserin zu einem lebensfähigen Kind zu verhelfen.
Die erzkatholische Kaiserin, hält, auch auf Grund ihrer spanischen Herkunft, die Juden für die Ursache allem Übels. Sei es das schlechte Wetter, die leeren Kassen oder den fehlenden Nachwuchs. Sie weiß auch durch die Spitzeldienste der Inquisition über Pedro de Rojas Bescheid. Sie bestärkt den Kaiser, alle Juden aus Wien zu vertreiben, nicht ohne zuvor deren Vermögenswerte einzuziehen. 1670/71 ist es dann soweit - die Juden werden aus Wien vertrieben, an Stelle der Synagoge erhebt sich heute die Leopoldskirche und das ehemalige Judenviertel heißt fortan Leopoldstadt und ist der zweite Bezirk von Wien.
Zu einem Thronfolger hat diese barbarische Aktion dem Kaiserpaar nicht verholfen. Nach zahlreichen Schwangerschaften und Fehlgeburten wird die Kaiserin 1673 mit nur 22 Jahren völlig entkräftet sterben. Letztlich wird nur eine Tochter (Maria Antonia 1669-1692) das Erwachsenenalter erreichen.
Meine Meinung:
Wer, so wie ich in der Leopoldstadt aufgewachsen ist, und sich für die Geschichte Österreichs interessiert, wird sich sehr gut in diesem detailreichen historischen Roman auskennen sowie die eine oder andere beschriebene Örtlichkeit kennen. Wie immer, wenn es um Juden geht, wird die eine oder andere Person, solange sie nützlich ist, geduldet. Hier ist es Pedro de Rojas. In der Realität waren es die beiden Frankfurter Bankiers Samuel Oppenheimer und Samson Wertheimer, die als sogenannten Hofjuden, die Kriege und den Ausbau der Wiener Hofburg (Leopoldinischer Trakt) finanzieren „durften“.
Der dynastische Druck, der auf den Gemahlinnen der Monarchen lastet, lässt einen schon ein wenig Mitleid ihnen haben. Eine Entschuldigung für so ein Pogrom soll es aber nicht sein.
Schon damals galt, wenn auch nicht expressis verbis ausgesprochen, sondern praktisch gelebt „Wer ein Jud‘ ist, bestimme ich.“. Dieser Satz wird dann später sowohl dem Wiener Bürgermeister und Antisemiten Karl Lueger als auch Hermann Göring zugeschrieben.
Vladimir Vertlib gelingt sehr gut, die beiden Welten, hier das Leben am Kaiserhof, dort jenes im Ghetto, lebendig darzustellen. Er verbindet in diesem historischen Roman, der hin und wieder auch humorvolle Szenen hat, Leben und Tod, Intrigen und Verrat, mit Hoffnung und Liebe sowie mit tiefer Freundschaft. Interessant ist auch der Einblick in die Geburtshilfe jener Zeit. So werden wir Zeugen eines Disputes zwischen Margarita und der Hebamme Esther über den Gebrauch bzw. Nichtgebrauch des Gebärstuhls.
Fazit:
Mir hat die historische Roman sehr gut gefallen, weshalb ich ihn mit 5 Sternen bewerte.
Gute Krimiunterhaltung!
Polarblut - Tödliches Leuchten von Tuva Bro
Dieser Reihenauftakt führt uns nach Tromsø, in jene norwegische Stadt, die von Touristen aus aller Herren Länder regelrecht gestürmt wird, um das Naturschauspiel der Polarlichter hautnah zu erleben. Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass der örtliche Tourismusmanager von der Polizei verlangt, dass der Mord an Glen Solberg, einem sehr erfolgreichen Anbieter von Touristenfahrten, im Handumdrehen aufgeklärt wird.
Man will ja die Gäste nicht verunsichern.
Das Ermittler-Team rund um Anta Thorsen und Hans Vigeland lässt sich nicht zur Eile drängen, sondern prüft akribisch jede noch so kleine Spur. Noch bevor der Tod von Solberg aufgeklärt werden kann, wird ein zweiter Mann erstochen. Zwei Morde, zwei Waffen, zwei Tatorte, außer den Polarlichtern keine Zeugen - Sind hier zwei Täter zu suchen?
Meine Meinung:
Nachdem mein Mann schon zwei Mal in der Universitätsstadt Tromsø war und wir vielleicht ein paar Tage unseres Sommerurlaubes dort verbringen wollen, war ich sehr neugierig auf dieses Krimi.
Man fröstelt ein wenig ob des beschriebenen Winters mit viel Schnee und der Eiseskälte.
Der Krimi selbst ist gut zu lesen. Die Autorin führt Leser und Ermittler auf zahlreiche Spuren, von denen einige auf das sprichwörtliche Glatteis führen.
Die Ermittler, allen voran Anta Thorsen und Hans Vigeland sind keine einfachen Charaktere. Beide haben jeweils ihren persönlichen Rucksack aus der Vergangenheit und sind quasi auf der Flucht vor derselben zu tragen. Wobei Hans, gequält von nächtlichen Albträumen, sich seiner Familiengeschichte stellen will. Er hat nämlich entdeckt, dass sein Vater ein Kind des nationalsozialistischen Lebensborn war. Ich hoffe, dass dieser Rückblick in die Biografie seines verstorbenen Vaters in nachfolgenden Krimis weiter gesponnen wird.
Ob sich Anta an die Empfehlung des Arztes halten wird, ihre obsessiven Fitnessübungen zu reduzieren? Mit einer überstandenen Herzmuskelentzündung weiter Raubbau am Körper zu betreiben, kann leicht letal enden.
Die Autorin lässt Anta ihrem Kollegen Hans (und uns Lesern) völlig unaufgeregt Informationen über Land und Leute zukommen. So nehmen wir an einer Hundeschlittenfahrt teil. Interessant zu lesen war, dass Anta samische Wurzeln ist, was hier, anders als in anderen Norwegen-Krimis, wenig Rolle spielt.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Krimi, der mich gut unterhalten hat, 4 Sterne.
Beste Krimiunterhaltung!
Mallekatz von Kaspar Panizza
Gambas oder Nordseekrabben? Das ist hier die Frage
Kommissar Steinböck nimmt die Einladung seines Onkel Josef, der sich nun José nennt, ihn auf Mallorca zu besuchen gerne an und begibt sich mit Katze Frau Merkel, die von sich behauptet von der Insel zu stammen, ins sonnige Spanien. Die für drei Monate anberaumte Auszeit nimmt ein plötzliches Ende als Frau Merkel nicht nur Gambas als neue Leibspeise entdeckt, sondern mit Patrick Zöbel einen Toten, der unsauberen Geschäften nachgeht.
Wenig später gibt es zwei weitere Tote, von denen sich einer als Thomas Heuberger, seines Zeichens bayerischer Landtagsabgeordneter und der ander als spanischer Staatsanwalt entpuppt. Nun hat Steinböck zwei seiner Intimfeinde, den Politiker Ferdel Bruchmayr am Telefon sowie Sabine Huso, die nervige Klatschreporterin, an der Backe. Man möge doch diskret ermitteln, meint der Ferdel. Die Öffentlichkeit hat das Recht auf pikante Details, sagt die Husup.
Keine leichte Aufgabe für Steinböck, der nun mit der Katz und seinem mallorquinischen Kollegen Miguel Ferrer, dessen Abteilung chronisch unterbesetzt ist, ermittelt. Als sich dann ein gefundener Laptop als verschlüsselt herausstellt, fliegt Steinböck, mit Billigung von Bruchmayr, seine IT-Spezialistinnen Ilona Hasleitner und Phan Lang Huo ein.
Dass der Ferdel den beiden Damen auch ein fettes Spesenkonto eingerichtet hat, freut nicht die Ermittler, sondern auch die Katz, die sich auf Staatskosten Gambas bis zum Abwinken bestellt ...
Meine Meinung:
Autor Kaspar Panizza ist wieder eine herrliche Fortsetzung gelungen! Schmunzeln musste ich, dass das Alleinstellungsmerkmal Steinböcks, die Katz zu verstehen bzw. mit ihr Dialoge zu führen, langsam bröckelt. Neben der Vietnamesin Phan Lang Huo, kann auch Peggy Trendler, Gerichtsmedizinerin und Spusi hier auf der Insel in Personalunion, Frau Merkel verstehen.
Zu Beginn erhalten wir ein Personenverzeichnis, das sowohl die lang gedienten Protagonisten als auch die in diesem Krimi auftretenden mallorquinischen Newcomer beinhaltet. Mallorca, die liebste (?) Ferieninsel der Deutschen ist fest in der Hand der deutsch sprechenden Community, zu der auch der eine oder andere Schweizer und Österreicher zählt. Ein solches Alpen-Duo stolpert buchstäblich durch die Ermittlungen.
Fazit:
Beste Krimi-Unterhaltung, die Lust auf Gambas oder Nordseekrabben macht, ich gerne 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Hat mich leider nicht überzeugt
Eigerduell von Irène Mürner
Dieser Krimi ist der dritte Reihe rund um die Schweizer Kriminalbeamtin Megan Jäger und ihre Tante Ida. Worum geht’s?
Die beiden Extrembergsteigerinnen Arielle von Känel und Victoria Adler matchen sich seit langem um den Titel der weltbesten Speed-Queen unter den Gipfelköniginnen. Kurz bevor Arielle den aktuellen Rekord in der Eigernordwand, der von Victoria gehalten wird, brechen kann, liegt Arielle tot am Fuße des Niesen.
Recht bald ist klar, dass hier jemand nachgeholfen hat. Auf Grund ihres Egoismus‘ hat sich die Tote zahlreiche Feinde gemacht. Die gilt es nun aufzusuchen und den Täter oder die Täterin zu finden.
Je tiefer Megan Jäger in den Fall einsteigt, desto komplexer wird er. Megan ist Halbkenianerin, weshalb sie die Liebe der Schweizer Bevölkerung für Berge und Schnee nicht so ganz versteht, wird von ihrer Tante Ida bei ihren Ermittlungen unterstützt. Recht bald eröffnet sich nicht nur ein Abgrund aus Neid, verletztem Stolz und tödlichem Ehrgeiz, sondern neben Victoria Adler eine Reihe weiterer Personen, die alle Grund haben, Arielle zu hassen. Als dann wenig später eine zweite Leiche am Niesen gefunden wird, muss sich Megan fragen, wen oder was sie zunächst übersehen hat.
Meine Meinung:
Ich gebe ja Autorinnen und Autoren gerne ein zweite Chance, wenn mich das erste Buch nicht ganz so gepackt hat. Nach dem ersten Fall (Mord im Tropenhaus) habe ich nun den dritten Teil der Reihe rund um Megan Jäger gelesen. Nach wie vor fehlen mir Informationen zu den Protagonisten. Wieso und warum lebt Megan, die Tochter eines Schweizers und einer Kenianerin hier im Kanton Bern? Auch die Irritation, dass Megan alleine ermitteln darf/soll/muss, hat sich nicht gelegt. Wo bleibt das Vier-Augen-Prinzip? Und gilt sie wegen ihrer Verwandtschaft mit einer Verdächtigen nicht als befangen? Nun, ich kenne die Usancen und Vorschriften in der Schweiz nicht.
Geschickt lässt Autorin Irène Mürner ihre Ermittlerin über den Fanatismus, den manche BergsteigerInnen an den Tag legen, philosophieren. Ja, das gefällt mir ebenso, wie die Beschreibung von Land und Leuten. Zugegeben, über den Niesen hätte ich noch gerne mehr erfahren.
Nicht alle Charaktere sind ähnlich ausführlich angelegt. Der Schreibstil ist angenehm zu lesen.
Ich habe recht schnell herausgefunden, wer bzw. was für den Tod der Arielle verantwortlich ist.
Fazit:
Ich gebe diesem Schweizer Bergkrimi, der mich nicht ganz gepackt hat, gute 3 Sterne.
Hat noch etwas Luft nach oben
Tödliches Wien von Katja Wilhelm
Dieser Krimi soll Auftakt einer neuen Reihe aus Wien sein. Worum geht’s?
Major Cornelius Metz kehrt nach einer persönlichen Krise zur Mordkommission Wien zurück. Er leitet die Soko Reha, ein Team von Außenseitern und Missliebigen im Wiener Polizeidienst, bestehend aus Metz, Hilde Attensam und Kevin Wiesinger, dem IT-Wunderknaben, der immer dort etwas findet, wo andere längst aufgegeben hat.
Zunächst hat man wenig zu tun. Dann wird eine Frau bei einer Müllsammelstelle mit einer Flasche erschlagen. Man teilt ihnen diesen Fall zu, weil hier wenige Lorbeeren zu ernten sind.
Als wenig später in einem der Nobelbezirke eine Ärztin und Forscherin getötet wird, muss Metz mit der höchst ehrgeizigen jüngsten Chefinspektorin Wiens, Nezren Güren, die Fälle tauschen. Denn Güren ist nicht nur türkischstämmig und eine Frau, sondern lebt mit einer Szene-Gastronomin zusammen, was im verknöcherten Gehirn von Hofrat Leo Katzinger, ein NoGo ist. Er traut ihr die Ermittlung in der Haute Volée von Wien nicht zu. Da muss Cornelius Metz her, der aus sehr gutem Haus stammt (O-Ton Katzinger).
Als dann weitere Personen scheinbar wahllos getötet, ja, nicht nur getötet, sondern regelrecht hingerichtet werden, befiehlt Katzinger, die Zusammenarbeit unter der Leitung von Nezren Gören.
Recht bald kommt Kevin dahinter, dass alle Opfer eigentlich Täter waren, die von der Justiz nicht verurteilt worden sind. Die Spuren führen nicht nur zu einem kleinen privaten Tierheim sondern vor allem in Tiefe menschliche Abgründe. Ist hier ein Rächer im Namen des Tierschutzes am Werk?
Wenig später ist Hilde Attensam, die 1,80 m große Polizistin mit der kurzen Lunte, im Fokus von Güren und wird als ideale Verdächtige, sie hat Kontakt zu dem privaten Tierheim, vom Dienst suspendiert. Metz und Wiesinger nehmen dies persönlich, pfeifen auf die Zusammenarbeit und entdecken einen Mitspieler in diesem perfiden Spiel, der sein eigenes, tödliches Süppchen kocht.
Der Täter scheint den Ermittlern immer ein, zwei Schritte voraus zu sein, weshalb sich bald die Frage nach einem Maulwurf in der Kriminalpolizei stellt.
Meine Meinung:
Zunächst habe ich gedacht, einen ähnlich humorvollen Krimi, wie die französische Reihe „Kommando Abstellgleis“ von Sophie Hénaff zu bekommen. Doch bald ist klar, dass es sich hier um eine todernste Angelegenheit handelt, in der wenig so ist, wie es scheint. Zahlreiche Querverbindungen schlummern im Verborgenen, die Kevin aus dem Dunkeln der Archive ausgräbt. Zudem scheint es höheren Orts eine besondere Clique zu geben, die ihre eigene Rolle spielen
„Das Einzige, was noch schwerer aufzufinden war als ein Mensch, der nicht gefunden werden wollte, war ein ehemaliger Polizist, der dem System abgeschworen hatte.“
Was höchst ungewöhnlich ist, dass sich das Trio Metz, Attensam und Wiesinger immer noch siezt. Innerhalb der „Firma“ wie Insider die diversen Teams in der Polizei nennen, ist es eigentlich üblich, sich zu duzen. Nun ja, den Hofrat oder Polizeipräsidenten vielleicht nicht.
Die Autorin spielt mit ihren Lesern Katz-und-Maus, weshalb die Geschichte nicht ganz auserzählt wirkt. Aber es soll ja eine Fortsetzung geben.
Die Charaktere haben alle so ihre Ecken und Kanten. Nicht alle Personalakten sind blütenweiß, so gilt der Görens Mitarbeiter Lukic als Kameradenschwein.
Mein Eindruck ist, dass dieser Krimi überall spielen könnte, da kaum Wiener Örtlichkeiten genannt.
Fazit:
Dieser Reihenauftakt ist gespickt mit Andeutungen und hat noch ein wenig Luft nach oben, weshalb er 3 Sterne erhält.











