Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Alais:
Eine unfassbar spannende Geschichte und leider beängstigend realistisch
Shelter von Ursula Poznanski
Schwer verärgert durch die Begeisterung eines befreundeten Paares für abenteuerliche Theorien beschließt nach einer feucht-fröhlichen Feier eine Gruppe von Studenten und Studentinnen, den Fans von Verschwörungstheorien eine Lektion zu erteilen: Sie möchten selbst eine Verschwörungstheorie erfinden, diese verbreiten und später die Menschen aufklären.
Wie sich sicherlich der eine oder andere Mensch mit Erfahrung mit den sozialen Netzwerken denken kann, bekommen sie jedoch sehr bald ein ziemlich übles „Die-Geister-die-ich-rief“-Problem – das sich noch verschärft, als ein mysteriöser Octavio die Bühne betritt und ihre Theorie zu kapern beginnt …
Poznanskis Sätze fliegen nur so dahin. Die Erzählung zog mich so schnell in ihren Bann, dass ich kaum auf den Schreibstil achten konnte – „flüssig“ ist er somit jedenfalls ganz sicher! Darüber hinaus hat die Autorin einen wunderbar bissigen Humor, der ab und zu den beklemmenden Charakter, den die Geschichte aufgrund ihres Realitätsbezugs für mich hatte, etwas auflockerte.
Die Idee der Verbreitung einer Verschwörungstheorie zu späteren Aufklärungszwecken mag nüchtern betrachtet fürchterlich naiv und – leider im wahrsten Sinne des Wortes – brandgefährlich wirken, aber der Autorin gelingt es sehr gut, die besondere Stimmung zwischen Feierlaune und Verärgerung, aus der dieses gewagte Projekt entstand, zu vermitteln. Ich war sehr gespannt, wie sich dieses Experiment weiterentwickeln würde, und es erfüllt mich mit Entsetzen, wie schnell es außer Kontrolle geriet und Menschen in Gefahr brachte … Besonders beunruhigend, weil eine solche Entwicklung und das Gefährdungspotenzial eben ganz und gar nicht unrealistisch wirken …
So entsteht aus der Erzählung über ein faszinierendes Experiment schnell ein packender Thriller, der mich mit den Handlungsfiguren mitfiebern ließ. Diese Figuren baut die Autorin lebensnah und facettenreich auf und zugleich ist sie sehr gut darin, Misstrauen zu säen – bald waren mir tatsächlich alle Figuren suspekt.
Zum Schluss bietet die Autorin noch einen besonders gruseligen neuen Handlungsort und eine weitere Wendung, die mich ziemlich überraschte. Wenn mir auch dieses Ende nicht hundertprozentig schlüssig erschien, hat mich dieses Buch schlicht und ergreifend begeistert – eine beeindruckende Erzählung, die spannende Unterhaltung bietet und gleichzeitig zum Nachdenken anregt.
Fantastisch (und völlig verrückt)!
The Stranger Times von C. K. McDonnell
"Denn auf einer tiefen Ebene, auch wenn keiner es zugibt, glauben wir doch alle, dass es reine Magie ist – und auf einer noch tieferen Ebene wissen wir, dass man der Magie nicht mit Logik kommen darf, sonst kriegt die Magie nämlich schlechte Laune und hört auf zu funktionieren." (S. 332)
Was für ein Buch! Völlig verrückt, ziemlich schräg, dabei aber auch ziemlich klug, immer wieder irrsinnig komisch und doch eine zusammenhängende, packende Erzählung, die Bekanntes aus dem Fantasybereich neu interpretiert und eine Reihe eigentümlicher Gestalten in einem spannenden Krimiabenteuer zusammenkommen lässt.
Dabei beginnt alles fast schon normal:
Hannah bricht, tief verletzt von den Affairen ihres Mannes, aus einem behüteten Leben aus und sieht sich plötzlich und wohl zum ersten Mal in ihrem Leben mit schweren Geldsorgen konfrontiert. In großer Verzweiflung, mit hungrigem Magen und wenig Hoffnung bewirbt sie sich auf eine Stelle bei einer kleinen Zeitung. Doch schon der Weg zum Vorstellungsgespräch in der Kirche der Alten Seelen, wo die Zeitung ihren Sitz hat, ist mit Merkwürdigkeiten gepflastert ... Der Beginn eines skurrilen Abenteuers, in dem Hannah ihren Platz in einem überaus merkwürdigen Zeitungsteam findet, das mit einer Reihe ebenso seltsamer, schauriger Verbrechen konfrontiert wird ...
Von Hannah hatte ich, ehrlich gesagt, anfangs nicht viel erwartet. Ich war voller Vorurteile: Der Ausbruch aus ihrer Ehe wirkte auf mich wie die erste eigenständige Tat in ihrem Leben, Hannah selbst kam mir zunächst fürchterlich angepasst und konservativ vor. Aber erstaunlicherweise blühte sie in dem merkwürdigen Umfeld der Zeitung regelrecht auf, zeigte Empathie, Lebensklugheit und Stärke und bot ihrem polternden neuen Chef, der im Umgang alles andere als einfach ist (was noch eine maßlose Untertreibung ist), gerne auch schon mal die Stirn. So wie sie mir immer mehr ans Herz wuchs, verliebte ich mich aber auch noch gleich in eine ganze Reihe der anderen vom Autor geschaffenen Figuren.
Neben diesen teils ziemlich skurrilen und doch überzeugenden Figuren zählten die schlagfertigen Dialoge und die Situationskomik für mich zu den großen Stärken dieses Romans. Ich fühlte mich wunderbar unterhalten, ziehe meinen Hut vor dem Übersetzer André Mumot, der diesen Text in eine so lockere wie elegante deutsche Form übertragen hat, und freue mich auf den nächsten Band, denn dieser Roman stellt erst den ersten Teil einer Trilogie dar ... Dabei ist es dem Autor zum Glück gelungen, genau die richtige Balance zu finden, um die Geschichte dieses ersten Bandes abzurunden und doch Neugier auf den nächsten Band zu wecken.
Kurzum: Ich bin begeistert, werde sicher noch viele Bücher von diesem mir zuvor unbekannten Autor lesen und möchte den Lesern und Leserinnen dieses Bandes zum Schluss noch die Empfehlung mit auf den Weg geben, unbedingt auch die Danksagung am Ende zu lesen - es lohnt sich!
Atmosphärischer Husum-Krimi
Einfach schön hier von Chris Jacobsen
Dieser Roman ist mit so viel Liebe zu Husum geschrieben, dass ich viel Freude hatte, ihn zu lesen (und jetzt unbedingt nach Husum reisen möchte). Eigentlich handelt es sich ja um einen Kriminalroman: Ein Hamburger Hauptkommissar macht (leicht unwillig) Urlaub in seiner Heimatstadt Husum und wird dabei mit einem Mordfall konfrontiert .
.. Die Kriminalhandlung tritt jedoch etwas in den Hintergrund, wichtiger erschien mir die Entwicklung verschiedener Charaktere, die angesichts der Kürze des Buches erstaunlich tiefgründig beschrieben werden.
Mein einziger Kritikpunkt: Das Korrektorat hätte an einigen Stellen etwas sorgfältiger arbeiten können, wobei mich einer der Fehler (eine Wortverwechslung von „Milch“ und „mich“ auf S. 41) zum Schmunzeln brachte, weil er kurz das Genre auf Horrorroman umstellte („man brauchte mich nur zu erhitzen, abzukochen“ ... hehe).
Dabei geht der Autor ansonsten auf ganz wunderbare Weise mit Sprache um und ist ein Meister darin, die Landschaft und verschiedenen Handlungsfiguren (nicht nur Menschen, ganz wunderbare Charaktere sind in diesem Buch auch ein Hund und ein Stier!) so zu beschreiben, dass sie lebendig wirken. Sein Schreibstil hat für mich etwas Künstlerisches und wirkt gleichzeitig locker und sympathisch. Der Roman bietet viel Atmosphäre und einen angenehmen, leisen Humor, der manchmal in wunderbarer Situationskomik mündet.
Einfach schön und lesenswert!
Ein herrlich schräges Buch
Instagrammatik von Johannes Schröder
Mit sympathischem Humor und einer unterhaltsamen Erzählung geben die beiden Comedians Herr Schröder, der im „ echten Leben“ auch studierter Deutschlehrer ist, und sein Mitautor Simon Slomma Einblick in einen Schulalltag, der in Zeiten von Corona und Digitalisierung alles andere als alltäglich ist .
..
Für mich war es einfach schön, auf diese humorvolle Weise (ohne erneut in die undankbare Rolle einer Schülerin schlüpfen zu müssen) in die Welt der Schule eintauchen zu können, die so ganz eigen ist und dennoch „aufs Leben“ vorbereiten soll. Einiges erkannte ich wieder – nicht nur aus meiner Schulzeit, sondern auch ganz allgemein den Schrecken einer Tätigkeit im fürchterlich hierarchisch geordneten öffentlichen Dienst und ebenso fürchterlich nervige moderne Managementtrends. Aber natürlich stellt die Pandemie den Schulalltag vor neue Herausforderungen … Corona steht jedoch nicht im Mittelpunkt, Herr Schröder und seine Klasse haben in diesem Buch mit Herausforderungen ganz anderer Art zu kämpfen ...
Herr Schröder als leidtragende Romanfigur ist einfach herrlich - etwas frotzelig, aber auch ein Meister der Selbstironie. Bei den Erwachsenen werden ganz allgemein munter Klischees bedient und gnadenlos auf die Spitze getrieben, während die Schülerinnen und Schüler wesentlich behutsamer, respektvoller beschrieben werden – das fand ich sehr sympathisch.
Aus irgendeinem Grund hatte ich ein anekdotenhaftes Buch erwartet, aber schnell kristallisiert sich eine zusammenhängende Geschichte zum Lachen und Mitfiebern heraus, die ich überraschenderweise ziemlich spannend fand. Dabei werden auch in Romanen ungewohnte Textarten wie WhatsApp-Unterhaltungen, E-Mails oder Bekanntmachungen eingesetzt, was den ohnehin schon leicht schrägen Text zusätzlich auflockert. Es gibt Slapstick-Einlagen, erhebende Momente und spannende Szenen. So liest sich das Buch leicht und mit Genuss!
Ein Wohlfühl-Pageturner mit vielen Büchern, einer kleinen Liebesgeschichte und der Geschichte eines Aufstands
Die letzte Bibliothek der Welt von Freya Sampson
Dieses Buch beginnt bescheiden, still und leise mit June, einer Bibliothekarin, die in ihrer Bücherei vor sich hinträumt, und entwickelte sich im weiteren Verlauf für mich zu einem fesselnden Wohlfühl-Pageturner, den ich gar nicht mehr aus der Hand legen wollte: Angesichts einer drohenden Schließung der Bibliothek beginnt eine bunte Mischung ihrer Stammbesucher:innen, sich zu mobilisieren, die schüchterne June wird vor große Herausforderungen gestellt .
.. und, nein: Dieser Roman mit seinem feinen Humor ist keineswegs so vorhersehbar, wie es nun den Anschein hat, zumindest nicht in allen Punkten ...
Die Erzählung ist eine schöne Liebeserklärung an Büchereien und die Rolle, die sie innerhalb einer Gemeinschaft spielen können – als Stütze und Zufluchtsort für einsame Menschen, Menschen in Not oder einfach nur auf der Suche nach einem ruhigen Ort zum Lernen ...
Die Autorin lässt in ihrer Geschichte viele faszinierende, starke und zuweilen auch etwas kauzige Charaktere verschiedener Altersklassen auftreten. Sie miteinander agieren zu sehen ist eine helle Freude. So hatte ich viele Lieblingsfiguren - die resolute Mrs B, die schroffe Vera oder auch Stanley, ein älterer Herr und typisch britischer Gentleman, der mehr als ein Geheimnis hat. Ausgerechnet June selbst ist mir nicht hundertprozentig sympathisch, da es ihr nicht gelingt, einen Zugang zu Alan Bennett, dem Kater ihrer verstorbenen Mutter zu finden. Das missmutige Gesicht des Katers, wenn ihn wieder einmal eine Nachbarin nach Hause zurückträgt, entwickelte sich zwar fast schon zu einem gelungenen kleinen Running Gag, aber er tat mir auch, auch wenn sich June durchaus Mühe gab, fürchterlich leid. Was ich aber bei June als Romanfigur gut fand, war die Thematisierung von Schüchternheit bei Erwachsenen und die Probleme, die diese für die Betroffenen bewirkt.
Ein besonders wichtiges Thema in diesem Roman ist auch Trauer, der Umgang mit Verlust. Dieser eher schweren Thematik werden aber auch manchmal eine sanfte Heiterkeit und natürlich die für Wohlfühlromane typische Liebesgeschichte entgegengesetzt. Letztere hat mir tatsächlich gefallen, obwohl ich kein Liebesgeschichtenfan bin, viel erhebender war es für mich allerdings, von den Wundern zu lesen, die ein Zusammenhalt unter völlig verschiedenen Menschen bewirkt. Es ist immer wieder schön, wenn Menschen über sich hinauswachsen ...
Ein Mutmachbuch, das nichts beschönigt, aber zeigt, wie sich manchmal trotz Dunkelheit ein Licht erkennen lässt.
Eine bunt schillernde Erzählung am Kreuzungspunkt verschiedener Zeiten und Kulturen
Piccola Sicilia von Daniel Speck
Die Rahmenhandlung in diesem Roman bildet eine Suche nach einem im Zweiten Weltkrieg verschollenen Flugzeug. Dies ist schon spannend genug, doch die eigentliche Faszination übt die Erzählung Joëlles aus, einer geheimnisvollen Fremden, die behauptet, dass einer der damals vermissten Deutschen noch leben könnte – und ihr Vater ist …
Eine zentrale Frage dieses wunderbaren Buches ist für mich, wer und was wir sind und wie wandelbar dieses Ich je nach den äußeren Umständen sein kann, weil wir nicht immer alle Facetten unseres Ichs entwickeln und zeigen können.
In dieser Hinsicht bot der Handlungsort Tunis vor der Besatzung durch die Nazis durch seine Sprachen- und Kulturvielfalt seinen Bewohnern den perfekten Raum, um möglichst viele Seiten ihres Ichs hervorzubringen und so Zufriedenheit und gegenseitigen Respekt zu erlangen. So gleicht dieses literarische Eintauchen in das Tunis vergangener Tage einem verführerischen Potpourri aus verschiedenen Sprachen, Religionen, Bräuchen und Farben, das meine Sehnsucht weckt und am liebsten würde ich gleich dorthin reisen. Aber leider ist es auch, wie der Autor eindrucksvoll zeigt, eine Welt, die durch die Zeit der deutschen Besatzung schweren Schaden nahm …
Von den Romanfiguren stellt sich unter anderem Moritz, Wehrmachtssoldat und Kameramann, der Frage nach dem, was für ein Mensch er ist oder sein möchte, als er im besetzten Tunis plötzlich aus seiner Rolle des Beobachters und Mitmachers heraustritt und eine Entscheidung fällt. Eine Entscheidung, die ihm sein Leben kosten kann …
Die Stärken dieses Buches liegen für mich darin, dass es viele inspirierende Denkansätze bietet, ohne im Geringsten belehrend zu wirken, dass es die Geschichte des Zweiten Weltkriegs aus einem anderen Blickwinkel zeigt und gleichzeitig eine spannende, facettenreiche Geschichte erzählt, in der es um die Liebe, aber nicht nur um die Liebe, sondern auch um die Suche nach dem richtigen Weg im Leben geht, um Menschlichkeit, Zusammenhalt unter den Menschen, zu schnelle Urteile und das Liebenswerte der Menschen mit all ihren Schwächen ... und um eine Frage, die angesichts des Sterbens so vieler Menschen im Mittelmeer und der so absurden wie erschreckenden Klagen gegen engagierte Seenotretter von beklemmender Aktualität ist ...
Ein wunderbares Buch zum Immer-wieder-lesen, mit einem poetisch schlichten und zugleich bildhaften, eleganten Schreibstil und bemerkenswerten Stellen, die immer wieder zum Innezuhalten und Nachdenken einladen!
Über die finstere Seite der Magie
Dark Palace - Zehn Jahre musst du opfern.Bd.1 von Vic James
Vic James hat für ihren Roman eine düstere Welt geschaffen, die nah genug an unserer eigenen Erfahrungswelt liegt, um Identifizierungsmöglichkeiten zu bieten, und doch völlig anders ist. Sie ist bestimmt durch das „Geschick“, eine Form von Magie, die jedoch nur wenige, die sogenannten Ebenbürtigen, besitzen.
Dieses Geschick ist von Ebenbürtigen zu Ebenbürtigen unterschiedlich ausgeprägt und verleiht diesen eine gefährliche Macht. So muss in dieser Welt jeder Geschicklose eine zehnjährige Sklavenzeit im Dienste der Ebenbürtigen absolvieren …
Die Autorin überzeugte mich bereits im Prolog, der Erzählung einer Flucht, durch ihre mitreißende Erzählweise. Ganz schnell fieberte ich mit den Figuren mit, obwohl mir diese in diesen Zeilen zum ersten Mal begegneten. Diese Faszination für die Handlungspersonen zog sich für mich durch das ganze Buch und dennoch hatte ich, bedingt durch die Wahl der Erzählung in der dritten Person, das Gefühl, dass mir die wahren Gefühle und Beweggründe der Personen oft verborgen blieben. Gerade das fand ich sehr spannend, denn die Autorin ist eine wahre Meisterin darin, vielschichtige Charaktere zu schaffen, die betörend und rätselhaft wirken, denen man einfach alles zutraut und die sich glücklicherweise auch nicht stupide in „die Guten“ und „die Bösen“ einteilen lassen …
Besonders geheimnisumwittert und dadurch herrlich unheimlich sind die ebenbürtigen Brüder Gavar, Silyen und Jenner Jardine. Noch mehr gefiel mir jedoch die Darstellung der geschicklosen Renie, ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, das ganz allein in einer Sklavenstadt lebt und dort nach Kräften versucht, die Welt weniger trostlos zu gestalten - ein bisschen erinnerte sie mich mit ihrer Energie trotz aller widrigen Umstände an Pippi Langstrumpf, nur dass Renies Welt sehr viel grauer aussieht ... Noch viele weitere interessante Charaktere wären erwähnenswert, denn die Handlung in diesem Roman ruht nicht nur auf den Schultern einiger weniger Figuren.
Die Romanwelt, zu der auch ganz nebenbei Informationen über ihre Geschichte und die Entwicklung in anderen Ländern eingeflochten werden, wird meines Erachtens sehr stimmig und leider sehr realistisch dargestellt. Wenn man bedenkt, wie lange sich auch ohne das „Geschick“ mit seinen grauenvollen Möglichkeiten, anderen Menschen Schaden zuzufügen, in Europa beispielsweise die Leibeigenschaft hielt, ist es leider nicht verwunderlich und ich finde es auch verständlich, dass die meisten Geschicklosen nicht den Mut finden, sich gegen die Sklavenzeit auflehnen ... Umso mehr hat es mich gefreut, dass im Zentrum der Handlung unter anderem eine kleine Gruppe von Menschen steht, die dennoch keineswegs gewillt sind, dieses Gesellschaftssystem einfach hinzunehmen, denn „keine Magie ist mächtiger als der Geist des Menschen“ (S. 269) …
Diese Zweiteilung der Welt in Geschicklose und Ebenbürtige wird auch durch die beiden Handlungsorte Millmoor und Kyneston, zwei im Übrigen jeder auf seine Art sehr beeindruckende Kulissen, widergespiegelt. Während Kyneston das schillernde Anwesen der Jardines, einer vermögenden, leicht gruseligen Familie Ebenbürtiger, darstellt, bildet Millmoor eine düstere Fabriklandschaft, in der die Sklaven schwere körperliche Arbeit leisten müssen.
Die Situation der Sklaven hat mich überrascht – angesichts der Macht der Ebenbürtigen, der Rechtlosigkeit der Geschicklosen und meiner eigenen Erfahrungen in der Arbeitswelt hätte ich noch deutlich mehr Machtmissbrauch erwartet. Zwar kommt es in der Tat immer wieder zu schrecklichen Misshandlungen, doch ähnelt die Situation der Sklaven erschreckenderweise oft auch einfach der Situation einiger unterdrückter Arbeitnehmer in unserer Welt – ich könnte mir vorstellen, dass das durchaus so gewollt ist …
Die Erzählweise war für mich als Fan alter Klassiker mit zahlreichen Beschreibungen anfangs ein bisschen gewöhnungsbedürftig – die Autorin konzentriert sich auf Highlights und lässt manches im Unklaren und im Geheimnisvollen. Dies regt natürlich dazu an, in Lesepausen immer wieder über das Buch nachzudenken und die wildesten Theorien zu entwickeln – und dieser Effekt gefiel mir schließlich sogar richtig gut. Auch hat es mich sehr beeindruckt, wie es Vic James gelingt, in wenigen Sätzen beispielsweise die ganze Tragödie eines schädigenden Vater-Sohn-Verhältnisse darzustellen, das fand ich einfach brillant!
Für das Ende hatte ich mir zwar etwas anderes erhofft, aber ich muss der Autorin zugestehen, dass sie auch hier ihre Erzählkunst unter Beweis und gute Weichen für die Folgebände stellt, die ich nun mit Spannung erwarte …
Ein bärenstarker Roman mit überraschenden Wendungen, ernsten Themen und herzergreifenden Momenten
Kleine Stadt der großen Träume von Backman Fredrik
In dem kleinen, von Dunkelheit, Kälte und Arbeitslosigkeit geprägten Ort Björnstadt (von schwedisch „björn“ = der Bär) spielt Eishockey eine zentrale Rolle. So richten viele Björnstädter ihre Hoffnung auf die Eishockey-Juniorenmannschaft, deren Erfolg ihnen die Auswahl ihrer kleinen Stadt als Standort für ein neues Leistungszentrum und somit die Schaffung von Arbeitsplätzen sichern könnte.
Doch ist es wirklich das, was ein Eishockeyklub hervorbringen sollte: bärenstarke „Jungs, die nie verlieren“ (S. 37)? Nicht nur der ältere Eishockeytrainer Sune stellt sich diese Frage, denn bald geschieht etwas Schreckliches, das den Zusammenhalt der Björnstädter auf die Probe stellen wird …
Was auf den ersten Blick wie ein Eishockeyroman wirkt, ist eher das vielschichtige Portrait einer kleinen Stadt und ihrer Einwohner in einer Krise, die zum Teil das Beste, zum Teil aber auch das Schlechteste in den Menschen hervorbringt. Mich hat in diesem ersten Buch, das ich von diesem Autor lese, besonders beeindruckt, dass es Backman gelungen ist, dem Leser durch seine Schilderung eine Vielzahl von Romanfiguren nahezubringen und gleichzeitig vermeidet er Klischees und steckt er seine Figuren selten in Schubladen. Die Menschen in diesem Roman entwickeln sich weiter und es kommt zu wunderbaren Szenen, in denen Einzelne über sich hinauswachsen. Auch wenn der Autor realistisch bleibt, sehr ernste, bedrückende Themen auf glaubwürdige und sensible Weise behandelt und kein Heile-Welt-Blümchenland zeichnet, enthält dieses Buch auch viele wunderbare Momente voller Hoffnung. Dabei verpackt Backman diese ergreifenden Momente manchmal in ganz kleine Textabschnitte – das fand ich sehr beeindruckend.
Trotzdem spielt Eishockey in diesem Roman natürlich eine gewisse Rolle. Wer jedoch wie ich kein Sportfan ist, sollte sich davon nicht abschrecken lassen! Auch wenn Eishockey als äußerst brutale Sportart dargestellt wird und ich nach dem Lesen dieses Romans mit Sicherheit kein Eishockeyfan geworden bin, sind die mitreißenden Spielbeschreibungen Backmans sehr lesenswert.
Aber ich habe den Eindruck, dass es Backman eigentlich eher darum geht, wie wir Menschen miteinander umgehen. Und da er ein Autor zu sein scheint, der sich besonders gut in andere Menschen einfühlen kann und viel über die Mechanismen des menschlichen Zusammenlebens nachgedacht hat, empfand ich seinen Roman als bereichernd – manchmal nachdenklich leise, manchmal eher aktionsbetont, vor allem aber sehr vielschichtig und fesselnd.
Herzergreifend und erschreckend aktuell - nichts für Schubladendenker
Als die Träume in den Himmel stiegen von Laura McVeigh
In der Transsibirischen Eisenbahn, auf der längsten Bahnstrecke der Welt, die zwei Kontinente miteinander verbindet, sitzt Samar, ein junges Mädchen, das mit seiner Familie aus Kabul flüchten musste. In Rückblicken erfahren wir ihre Geschichte ?
Von Anfang für sich eingenommen hat mich der ansprechende Schreibstil der Autorin.
Wie eine geschickte Dichterin findet Laura McVeigh die richtigen Worte, um die Bilder aus den mir völlig fremden Erlebniswelten für mich lebendig werden zu lassen. Dabei bleiben ihre schönen, geschliffenen Sätze schlicht, ihr Schreibstil überfordert nicht, sie nimmt jeden mit ? und der Übersetzerin Susanne Goga-Klinkenberg, der diese hervorragende Übertragung ins Deutsche gelungen ist, gebührt ein ganz großes Lob!
In erzählerischer Hinsicht jedoch führt Laura McVeigh ihre Leser aus ihrer Komfortzone, in der sie sich gemütlich zurücklehnen und mit angemessener Betroffenheit vom Leid anderer lesen, heraus und gibt ihnen das Gefühl, selbst betroffen zu sein. Das ist brutal und sehr mutig, da es sicherlich nicht jedem gefällt, stellt aber einen genialen Schachzug dar ? ich kann mich nicht erinnern, jemals beim Lesen eines Buches so viel geweint zu haben ?
Dies und die authentisch wirkenden Schilderungen, die sicherlich darauf zurückzuführen sind, dass Laura McVeigh die Thematik gut kennt, da sie als Menschenrechtsaktivistin in viele Länder gereist ist, sorgen dafür, dass das Buch sehr lange nachwirkt. Der Wirklichkeitsbezug ist schließlich auch beängstigend ? die Zustände in Flüchtlingslagern, die Verwundbarkeit der Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen ihr Zuhause verloren haben, und die vielen verschiedenen Gefahren, mit denen sie konfrontiert sind, werden beklemmend realistisch dargestellt.
Gleichzeitig hat mich die Autorin doch auch immer wieder mit wunderschönen Textstellen verzaubert, beispielsweise als die Mutter in einem Bergdorf, das zunehmend unter die Schreckensherrschaft der Taliban gerät, ihre Familie mit Gedichten und Geschichten zu trösten versucht ? ?und unsere Phantasie flog mit ihr hoch in den Himmel. Dies war etwas, das sie uns nicht nehmen konnten [?]? (S. 138)
Ein wunderbares Buch für alle, die sich beim Lesen gerne etwas herausfordern lassen ? herzergreifend erzählt und erschreckend aktuell.










