Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Der Hase als Meister von allem
Hasenprosa von Maren Kames
Hasenprosa! Hier zählt weniger die Handlung als die Sprache und der Sprachwitz sowie Einfallsreichtum.
Die Protagonistin streift durch die Zeiten, dabei sind Erinnerungen, an die Mutter, an die Großmutter. Auch mit dem Bruder und dem herzlichen Großvater, der aber auch andere Züge hat, gibt es Passagen.
Familiengeschichte ist zentral im Buch. Es gibt aber auch viele Anspielungen auf Literatur und Musik.
Begleitet wird sie auf ihrer turbulenten Reise von einem Hasen, mit dem sie einige absurde Dialoge führt. Das hat oft Witz. Manchmal steht man als Leser aber auch ratlos davor.
Maren Kames experimentelles Buch ist vermutlich der ungewöhnlichste Text der dieses Jahr auf der Longlist des Deutschen Buchpreis steht.
Spurensuche
Seinetwegen von Zora Del Buono
Zora del Buonos Buch Seinetwegen ist bei C.H.Beck erschienen und sogar auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gekommen.
Es handelt sich um ein autobiografisches Buch, das mit verschiedenen Stilmitteln versucht, den Unfalltod des Vaters zu erklären, Es ist das Buch einer Suche und damit einer Aufarbeitung.
Anfangs hat die Erzählerin nur die Kürzel des Mannes, der den Unfall 1963 verursacht hat, der ihrem Vater das Leben kosten soll, während sie selbst erst wenige Monate alt ist. Der Mann wurde nur zu zwei Monaten Gefängnis und 200 Franken Strafe verurteilt.
Als sie sechzig Jahre später den Namen herausfindet, versucht sie ihn ausfindig zu machen.
Einen großen Teil des Buches nehmen Diskussionen zwischen Zora und ihren Freunden ein. Daher beginnen Kapitel immer wieder mit den Titel „Im Kaffeehaus“. Dabei wird auch erläutert, was es heißt vaterlos aufzuwachsen. Was bei der Nachkriegsgeneration häufig vorkam. Auch von ihren Bekannten ging es manchen so.
Ergänzt wird das Buch von ein paar Fotos der Familie.
Lindas Perspektive
Mein drittes Leben von Daniela Krien
Daniela Kriens bisherige Bücher waren schon großartig, aber Mein drites Leben ist vielleicht ihr bester Roman. Er ist so intensiv, weil man so dicht an den Gedanken und Emotionen der Protagonistin ist. Lindas Perspektive beherrscht das Buch ganz. Durch ihre Distanz erhält sie einen klaren Blick.
Sie hat ihre 17jährige Tochter Sonja durch Unfall verloren und zieht sich völlig in sich selbst zurück.
Sie zieht aufs Land, wo sie sich um einen Hof kümmert. Das führt schließlich zur Trennung von ihrem Mann Richard. Völlig allein, nur mit einem alten Hund, verbringt sie die Tage mit Einnahme von Medikamenten. Sie denkt sogar an Suizid.
Dennoch ist es kein trostloses oder hoffnungsloses Buch, denn die Frage, wie mit der Trauer weiterleben, öffnet auch Hoffnung.
Es gibt auch neue Freundschaften, zum Beispiel zu einer Frau mit einer behinderten Tochter, die Hilfe braucht. Auch ist ihre Beziehung zu Richard gefühlsmäßig noch nicht abgeschlossen.
Dennoch bleibt Linda weiter distanziert zu ihrer Umwelt.
Daniela Krien ist eine kluge Autorin, die jederzeit genau weiß, wie sie den Plot entwickeln kann. Von Anfang bis Ende besitzt der Roman eine soghafte Wirkung.
Mitleiden bei Krankheit des Partners
Toni & Toni von Max Oravin
Es ist durch die Erzählweise, konsequent aus den Gedanken des männlichen Toni heraus, ein sehr dichter Text.
Nach einem Vorfall ist die weibliche Toni krank und verzweifelt. Ihre Kindheit war hart und von Armut geprägt. Jetzt kehren ihre selbstzerstörerischen Züge wieder zu Tage und sie ritzt sich wieder.
Der Österreichischer Schriftsteller Max Oravin zeigt, wie auch der Erzähler durch diese Situation beeinträchtigt ist. Das Zusammenleben ist schwierig, doch er bleibt eng an ihrer Seite.
Der starke Anteil an Zen-Buddhismus und Japanologie, die den Erzähler antreibt, ist ein ungewöhnliches Motiv. Das hilft ihm, Gelassenheit zu wahren. Manchmal ist es für den Leser aber schon anstrengend, diese Passagen zu lesen. Vor allen wegen der eingestreuten japanischen Schriftzeichen.
Literarisch ist das insgesamt gut gemacht und daher gelang das Buch auch auf die Longlist des deutschen Buchpreises.
Tig & Nell, Nell & Tig
Hier kommen wir nicht lebend raus von Margaret Atwood
Von der großartigen kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood gibt es hier noch einmal eine ganz neue, interessante Kurzgeschichtensammlung mit dem Titel Hier kommen wir nicht lebend raus , Originaltitel: Old Babes in the wood.
Das Buch besteht aus 3 Teilen. Im ersten und im dritten Teil geht es um Tig und Nell, die schon lange ein Paar sind.
Es wird das alltägliche Zusammenleben gezeigt. Später, nachdem Tig gestorben ist, wird erzählt, wie Nell als Witwe zurechtkommt und immer wider in Erinnerungen an Tig versinkt. Es ist also zu einem Teil ein Stück Trauerarbeit.
Dann gibt es noch den Mittelteil mit eigenständigen Shortstorys.
Da ist zum Beispiel eine dabei, in dem Atwood in einer Seance auf George Orwell trifft und mit ihm verschiedene Themen diskutiert. Das war sehr amüsant. Der Höhepunkt des Bandes ist dann die relativ lange Erzählung Meine böse Mutter. Dieser Text ist originell und amüsant.
Aber auch die Tig und Nell-Texte haben trotz ein er gewissen Zurückhaltung und Melancholie etwas besonderes an sich und es dürfte sich lohnen, sich ein zweites mal mit ihnen zu beschäftigen.
Marta
Das Verschwinden der Welt von Lin Hierse
Lin Hierses erstes Buch war großartig, daher durfte man gespannt sein, auf ihren ersten rein fiktionalen Roman.
Es ist ein teilweise rätselhaftes Buch, durchaus interessant und manches ist nicht schlecht formuliert.
Einige Nebenfiguren sind gut gemacht. Doch mit der Hauptfigur Marta kann man sich schwertun.
So ganz verstehe ich sie nicht.
Insgesamt muss man sagen, dass „Das Verschwinden der Welt“ nicht ganz so ein starkes Buch ist wie Lin Hierses Erstling „Wovon wir träumen“.
Von Permafrost und Spechtmenschen
Plasmatropfen von Joshua Groß
Plasmatropfen ist eine moderne, sehr konzentrierte Prosa, die manchmal kalt und seelenlos wirkt. Sie ist das aber nicht durchgehend.
Im Mittelpunkt steht die Malerin Helen. Eigentlich sollte sie eine Ausstellung in einem Museum haben, doch da gab es einen Einbruch und alle Bilder wurden gestohlen.
Dann gibt es noch Helens Freund Lenell, der schlimme Depressionen hat.
Die Beziehung ist daher nicht einfach.
Dem Autor gelingt es ganz auf seine eigene Art, die Zustände des Malens als auch der Depressionen zu zeigen.
Es gibt viel bizarres im Buch, zum Beispiel Helen im Permafrost oder Lenells Begegnung mit einem Spechtmensch, die sich zu einer Beziehung ausgestaltet.
Es gibt zum Teil bemerkenswerte Beschreibungen. Der Autor wagt einiges.
Es ist ein Buch, auf das man sich einlassen muss.
gnadenlos
Das Ende von Eddy von Édouard Louis
Dieses jetzt neu aufgelegte Buch begründete den inzwischen beträchtlichen Ruhm des Autors Edouard Louis und gilt als bedeutendes Werk über einen Zustand. Es ist autofiktional im Sinne von Annie Ernaux gehalten. Der junge Eddy wird schon als Kind in der Schule gemobbt und teilweise wird er auch in der Familie ausgegrenzt.
Der Vater ist ein rauer Typ, der keinen Zugang zu seinem sensiblen Sohn hat, die Mutter schwankt zwischen hilflos und gleichgültig. In späteren Büchern wird sich der Autor noch ganz den Eltern widmen, doch auch schon hier haben sie ihre Kapitel.
Es ist aber die ganze Gesellschaftsschicht im dörflichen Frankreich, die sich so intolerant verhält.
Erst ganz am Schluß des Buches öffnet sich Eddy eine Chance.
Dass Edouard Louis das so gnadenlos erkennt und beschreibt, verleiht dem Buch die hohe Wirkung.
Carla und Samuel
Wenn du nicht wärst von Maja Peter
Die Schweizer Autorin Maja Peter bietet mit ihrem Roman Wenn Du nicht wärst die geschichte einer Beziehung eines Paares mittleren Alters. Es überrascht, wie stark sinnlich der Text ist. Es gibt viele Szene, in denen Erotik und Sex die Hauptrolle spielen.
Angesiedelt ist der Roman zudem im Theatermilieu.
Das gibt zusätzliche eine Note für einen eigenständigen, weichen Erzählton.
Ein große Handlung weiterhin gibt es kaum. Man hätte da vielleicht noch etwas mehr machen können. So bleibt der Text zu sehr im vagen.
Ein politisches Coming-of-Age
Egal war gestern von Jörg Isermeyer
Finn ist Schüler, sein Vater Lehrer. An der Schule entsteht immer mehr eine rechte Stimmung, die sich in Schikanen gegen Menschen mit Migrationshintergrund und andersdenkende entwickelt.
Finns Vater fängt an, öffentlich dagegen zu protestieren. Dadurch wird er für manche zum Nestbeschmutzer. Auch Finn bekommt das zu spüren.
Das Jugendbuch beschreibt den Prozess, wie sich die Situation allmählich verschlimmert. Aus anfänglichen Pöbeleien werden massive Drohungen.
Damit eingehend wird auch Finns Entwicklung beschrieben. Er nimmt deutlicher wahr, wie sich die politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge ergeben.
Jörg Isermeyer zeigt das anhand verschiedenster Einflüsse und damit erreicht er ein Gesamtbild. Am wichtigsten ist vielleicht, dass deutlich gemacht wird, das Widerstand und Zivilcourage zeigen auch einen Preis einfordert. Für die Familie wird die andauernde Bedrohungslage schließlich zu viel, aber Finn hat gelernt, dass er für das einstehen muss, an das er glaubt.
Großartig, dass ein Roman das so in einer Gesamtheit deutlich machen kann.











