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Rezensionen von yellowdog:
Der Forscher und das Zugkind
Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland von Sarah Brooks
Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland. Bei einem Buch mit so einem Titel verwundert es nicht, dass ständig bemerkenswerte Bilderfluten auf den Leser warten. Es gibt zwar den weiten Blick auf die Umgebung, die der Zug 1899 durchquert, aber durch die räumliche Begrenzung des Zuges hat es auch etwas kammerspielartiges.
Es gibt verschiedenen wichtige Protagonisten, die aber teilweise auch zusammengeführt werden.
Da ist die geheimnisvolle Maria Petrowna, das Zugkind Zhang Weiwei, die im Zug geboren ist und dort dauerhaft lebt und es gibt den Forscher John Grey.
Weiwei ist der Zugführung eigentlich loyal, aber diese ist distanziert und daher ist sie bereit einer jungen Frau, Elena, zu helfen, die als blinder Passagier an Bord ist. Doch Elena ist anders als man denkt.
Es gibt den phantastischen Ansatz im Buch, der es mitbestimmt, zum Beispiel durch die Wesen des Ödlands und einige Phänomene.
Die verschiedenen Figuren geben dem Text unterschiedliche Stimmungen.
Dann eint sie aber auch gemeinsames.
Das halte ich von der Autorin Sarah Brooks für außerordentlich wirkungsvoll gemacht. Sie hat den gesamten Roman geschickt gestaltet.
Es ist auch ein Buch, in das ich wahrscheinlich mehrfach wieder hineinlesen werde.
Juno und Jupiter
Hey guten Morgen, wie geht es dir? von Martina Hefter
Martina Hefter habe ich schon vor Jahren mal live bei einer Bewegungs-Gedicht-Performance gesehen. Auch die Protagonistin dieses Buches, Juno, ist Perfomance-Künstlerin, mittleren Alters. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann Jupiter, der krank ist und im Rollstuhl sitzt. Vermutlich ist es multiple Sklerose.
Ihren Alltag im Schatten dieser Krankheit wird nachvollziehbar gezeigt.
Juno leidet an Schlaflosigkeit. Um sich die Zeit zu vertreiben, chattet sie im Internet mit sogenannten Love-Scammern. Das sind Leute, die Kontakte zu Frauen suchen, um sie um Geld zu betrügen.
Juno macht sich einen Spaß daraus, diese Typen auszutricksen. Doch dann gerät sie mit dem Love-Scammer Beno, der in Nigeria lebt, in eine Art Beziehung. Ihre Gespräche werden immer vertraulicher, aber wie Benos Absichten sind, bleibt dem Leser immer fraglich.
Martina Hefter hat ihren Roman geschickt gemacht, er wirkt realistisch und echt. Junos Gedanken und Empfindungen kann man dicht folgen. Ich halte „Hey Guten Morgen, wie geht es Dir?“ für einen sehr guten Roman!
Kitty Finch
Heim schwimmen von Deborah Levy
Von Deborah Levy habe ich eine Reihe exzellenter Romane gelesen. Heim schwimmen ist überraschenderweise nicht mein Favorit, denn so ganz viel konnte ich mit dem Buch nicht anfangen.
Hauptproblem ist die Fokussierung auf die exzentrische Hauptfigur Kitty Finch, die für mich von Anfang bis Ende rätselhaft geblieben ist.
Gleichzeitig rückt das die anderen Figuren in eher passive, beobachtende Rollen.
Dabei hatten Joe, Isabel, Nina oder Mitchell durchaus Potenzial.
Dennoch gibt es natürlich eine ganze Reihe bemerkenswerter Passagen, die wirklich gut geschrieben sind.
Eine Tierärztin im Südatlantik
Willkommen auf Tuga von Francesca Segal
Woanders ist der Roman mal als gemütlich bezeichnet worden. Das ist wohl zutreffend.
Eine englische Tierärztin zieht auf Tuga de Oro, eine Insel im Südatlantik. Das wirkt so echt und exotisch wie eine Traumschiff-Folge.
Stilistisch wirkt der Roman altmodisch, aber nicht übel. Am Anfang wird Charlotte Walkers Jugend erzählt, ihre Charaktereigenschaften werden erläutert und doch wird sie für mich nicht wirklich eine glaubwürdige Protagonistin.
Auf Tuga kann Charlotte sich relativ schnell in die Inselgemeinschaft einfügen, da sei als Tierärztin akzeptiert wird.
Ein wenig Romantik gibt es auch.
Aber ich hätte mir doch bessere Beschreibung der Natur der Insel und der Bewohnerschaft gewünscht.
Das ganze soll eine Trilogie werden. Also kann sich das Ganze vielleicht noch steigern.
Für mich war es nicht das richtige Buch, aber es gibt sicher eine Leserschaft, die den Roman wohlwollend aufnehmen wird.Schließlich liest sich der Roman so vorhersehbar wie flüssig, also für ein entspanntes Lesen geeignet.
Bleib dir treu
Stay True von Hua Hsu
Bleib dir treu
Stay true erzählt nicht nur über eine Freundschaft sondern auch vom Lebensgefühl der zweiten Einwanderergeneration in die USA. Die Eltern des Erzählers sind in den sechziger Jahren eingewandert, er wurde 1977 geboren und der amerikanische Lifestyle Kaliforniens wurde ihm selbstverständlich.
Ihm ist Musik wichtig, vor allen Nirwana, auch David Bowie und Queen.
Im Studium lernt er Ken kennen, der ebenfalls asiatischer Herkunft ist.
Kens plötzlicher Tod veranlasst Hua die Zeit und Geschehnisse tiefgründig zu reflektieren.
Einige Fotos reichern das Buch an.
Es ist ein interessantes Buch!
Geschichten des Alltags
Fremder Champagner von Martina Berscheid
Ein Band mit Kurzgeschichten. Die erste ist eine originelle Geschichte um die Phantasie einer Frau.
Auch die zweite Geschichte hat was. Es geht um zwei Familien im Urlaub. Wieder ist die Perspektive ganz bei einer Frau und ihrer Gefühlswelt.
Diese Art der Perspektive behält die Autorin bei, auch wenn die Geschichte „Passwort“ von einem Mann erzählt wird.
Er und seine Freundin geraten in eine Krise, er beginnt ihren Laptop auszuspionieren und erfährt unerwartetes.
Unbedingt erwähnenswert auch “Die Besuche meiner Mutter“. Ein Höhepunkt ist dann noch die Geschichte Der Schmerz.
Es folgen viele ähnliche Stories. Das wird mit der Zeit gleichförmig, doch damit hält die Autorin auch ein gewisses Niveau, dass sie nie über- oder unterschreitet.
Martina Berscheid überzeugt mit Geschichten des Alltags, die ihre Erschütterungen haben.
Tough
Wer findet das Opfer von Ross Macdonald
Mit Wer findet das Opfer (find a Victim) kann man Ross MacDonald wiederentdecken oder vielleicht auch zum ersten Mal lesen.
Es ist der fünfte Teil der Reihe um den Privatdetektiv Lew Archer.
Archer ist ein Prototyp des toughen Ermittlers, der sich nie einschüchtern lässt und stets selbstbewusst auftritt.
Außerdem fällt es ihm nicht schwer, immer einen ironisch-zynischen Spruch zu finden. Viele Dialoge sind davon geprägt.
Der Plot beginnt mit Tempo, das auch weiterhin einigermaßen gehalten wird. Es gibt vielleicht ein paar Kampfszenen zu viel.
Es ist ein relativ harter Krimi, für seine Zeit. Das Buch wurde 1954 geschrieben.
Man muss es entsprechend einordnen, gerade auch vom Frauenbild.
Der Krimifall selbst reicht nur knapp über Durchschnitt raus. Aber man muss es sicher nicht bereuen, diesen Roman zu lesen.
Die Suche nach Grace
In den Farben des Dunkels von Chris Whitaker
In den Farben des Dunkels ist ein emotional berührender Roman.
Das liegt zum großen Teil in der Figurengestaltung und -entwicklung.
Die Hauptfiguren Patch und Saint werden beim Lesen für den Leser lebendig.
Die Handlung beginnt in den Siebzigern. Patch und Saint sind Kinder, und Außenseiter. Dann wird Patch verletzt und entführt, weil er ein Mädchen von den Entführer rettete.
In seiner Gefangenschaft befindet sich auch ein Mädchen, Grace, das ihm Trost gibt.
Patch lässt das Erlebnis auch nach seiner Befreiung nicht los. Von Saint hat er sich entfernt. Als er älter wird, sucht er nach Grace, mit allen Mitteln.
Saint leidet darunter. Chris Whitaker wird beiden Figuren gerecht. Und er kann auch Nebenfiguren gut gestalten, zum Beispiel Misty, das Mädchen das Patch damals gerettet hatte. Sie kommt auch nicht los davon.
Die Jahre vergehen. Patch gerät auf schiefe Wege und Saint wird Polizistin.
Als Leser weiß man auch nicht so recht. Gab es Grace wirklich, oder hat Patch sie sich in seiner Not eingebildet?
Ich denke, dass der Autor recht weit geht mit dem psychologischen Aspekt, der seine Figuren so sehr beeinflusst. Aber es ist glaubhaft. Ein so gewaltiges Ereignis, prägt die betroffenen.
Es passiert noch viel in dem Buch, das trotz seines Umfangs vielleicht etwas überfrachtet ist.
Das Buch hat eine Intensität, die man erst einmal aushalten muss, aber es ist ein Leseerlebnis!
gehen oder bleiben?
Lass uns doch noch etwas bleiben von Lionel Shriver
Lionel Shriver hat ein originelles Buch geschrieben über das Thema selbstbestimmtes Sterben. Das geht sie in diversen Variationen durch.
Mir gefällt der Originaltitel „Should We Stay Or Should We Go“ besser als der deutsche.
Das englische Ehepaar Kay und Cyril Wilkinson beschließen, sich nach ihrem 80 Lebensjahr zu töten, um Krankheit oder Demenz zu entgehen.
Ein Pakt, der in mittleren Jahren geschlossen, noch unverbindlich klingt, wird schließlich konkret.
Aber bei Kay schleichen sich Zweifel ein.
Lionel Shriver weicht dann von einem konventionellen Erzählen ab. Es wird ein Buch mit vielen Verästelungen. In den folgenden Kapiteln spielt sie mögliche Situationen durch. Kay zieht es nicht durch, während Cyril stirbt, dann auch andersrum und die Autorin spinnt aus, wie es mit ihnen weitergeht. Schließlich wird es mit diesen Alternativwelten immer abgedrehter, weicht vom realistischen ab, aber überwiegend ist es stimmig und überzeugend. Es bleibt gut lesbar.
Und vielleicht der stärkste Aspekt: bei all dem zeigt Lionel Shriver auch die Nähe des Paars. Und die Zeit spielt eine Rolle. Es ist die Zeit des Brexit und die der Pandemie. Dadurch entsteht nebenbei auch eine gesellschaftliche Analyse.
Lionel Shriver hat wieder bewiesen, was für eine geschickte Autorin sie ist.
Geschichten von den Mietern im Erdgeschoss
Dünne Wände von Sidik Fofana
Dünne Wände ist episodenhaft aufgebaut und vermittelt durch die verschiedenen Anschnitte einen Gesamtblick auf das Leben in Harlem der heutigen Zeit.
Besonders den Abschnitt um Ms. Dallas, der in einer Schule handelt, finde ich stark. Der Autor ist selber Lehrer und weiß Bescheid, wie es im Unterricht ablaufen kann.
Die Episoden sind locker durch die Figuren miteinander verbunden.
An der deutschen Übersetzung habe ich leise Zweifel, wobei das auch schwere Aufgabe war. Die Umgangssprache wird schon getroffen, doch etwas geht in der Übersetzung verloren.
Was aber dennoch gut transportiert wird, sind die Gedanken, Hoffnungen, Zweifel und Sehnsüchte der jungen Protagonisten.
Die letzten Worte hat dann aber ein alter Mann, der Tag für Tag mit seinem Schachspiel an der Straße sitzt und das ist sehr originell.











