Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Zwischen Klischee und Pointe
Mami muss mal raus. von Gill Sims
Zwar gehöre ich nicht zur Zielgruppe, aber da das Buch beim Eisele-Verlag erschienen ist wollte ich mal einen Blick riskieren. Es ist die Fortsetzung von Mami braucht nen Drink, den ich nicht gelesen habe.
Geschrieben ist das Buch in einer Art Tagebuchform, die aber eher an Blog erinnert. Naja!
Anfangs hat mich das Buch nicht überzeugt.
Viele Klischees (die ja zutreffend sein können), einige Gags, die nicht zünden, Leerlauf im Plot.
Es funktioniert für mich erst dann, wenn wichtige Themen behandelt werden. Natürlich mit Humor.
Aber die Wiedereingliederung in den Beruf und Karriere nach mehrjähriger Pause und das ohne viel Verständnis oder Unterstützung des Ehemanns ist nicht einfach. Ellen verschweigt ihre Kinder sogar im Büro.
Schwierig wird es auch, wenn ihr Mann beruflich ins Ausland muss und sie alleine auf die Kinder aufpassen muss, obwohl vereinbart wurde, sich die Pflichten zu teilen.
Die Autorin hat ihre stärksten Momente, wenn sie die Streitereien und Auseinandersetzungen beschreibt. Da steckt viel Energie dahinter und ist glaubwürdig. Hinzu kommt die Ironie, die mal platt, mal gelungen wirkt.
Biermanns Geschichten
Barbara von Wolf Biermann
In Barbara befinden sich eine ganze Reihe von kurzen Texten von Wolf Biermann mit autobiografischen Elementen, oft in der Vergangenheit angesiedelt. Man erfährt so einiges von der DDR und der Theaterwelt der sechziger Jahre.
Stilistisch ist das Buch im typisch spöttischen Biermann-Sound gehalten.
Oft integriert er seine bekannten Gedichte direkt in die Geschichten. Das ist gut gemacht.
Manche Abschnitte haben ernste Hintergründe, zum Beispiel schon in der ersten Story, in der gezeigt wird, wie die Stasi eine junge, alleinerziehende Frau erbarmungslos unter Druck setzt.
Sprachlich kann ich Wolf Biermann nicht zu den ganz Großen der Literatur dazuzählen (ich spreche nicht von seinen Gedichten und Liedertexten), oft wirkt er mit seiner Prosa wie der kleine Bruder von Günter Grass. Die Geschichten funktionieren dennoch, viele zeichnen sich aus durch Authentizität und Witz.
Zu den sehr guten Texten gehört Die Verhaftung der Schuldigen, in der Biermann als Mahnung gegen die schlimme Vergangenheit eine ganz eigenes Denkmal baut.
Amüsant der Text „Seelengeld“, ein Bericht über ein ungewöhnliches Biermannkonzert in den Niederlanden.
Biermann berichtet auch von seinen Begegnungen, zum Beispiel mit der afrikanischen Sängerin Miriam Makeba. Und dann gibt es natürlich auch Anekdoten über Manfred Krug.
Ab und zu gibt es auch langweilige Texte und Wolf Biermanns Angeberei kann nerven. Seine Stärken bleiben die sozialkritischen Passagen, die das Unrecht und die Methoden klar analysierten.
Wolf Biermann war immer eine Reizfigur, klar. Ich bin aber doch entsetzt, wie in den sozialen Medien von nicht gerade wenigen gegen ihn gehetzt wird. Da haben so manche jeden Anstand verloren.
Mir hat das Buch Spaß gemacht!
Der Friseur von Wien
Mozarts Friseur von Wolf Wondratschek
Mozarts Friseur ist ein relativ kurzer Buch ohne große Handlung, aber das macht nichts. Das Buch hat alles was es braucht, um vergnüglich zu sein. Witz, originelle Einfälle, Plaudereien und den Wondratschek-Sound. Der speist sich aus übersprudelnden Satzgebilden, die immer wieder zu überraschen vermögen.
Und das ganze ist gut ausbalanciert und bildet eine Einheit.
Ort der Handlung ist Wien, das prägt das Buch stark.
Im Friseursalon des besagten Friseurs treffen immer wieder schräge Persönlichkeiten ein, Schriftsteller mit Thomas Bernhard-Haaren, (Möchtegern-)Künstler, sogar Mozart persönlich.
Ein weitere obskurer Fall ist ein Kunde, der immer wieder kommt. Er bittet um ein Glas Wasser und schläft dann ein. Auch eine Textilrestauratorin kommt mal. Es ist viel los im Laden. Viele kleine Geschichten reihen sich aneinander.
Den Friseur und seinen Gehilfen Nick und Karotte stört das nicht. Der Friseur hat die Ruhe weg. Er plaudert gerne und hört gerne zu. Das ist wichtiger als das Haareschneiden und so wird der Salon eine kleine Welt für sich.
Wondratschek und wie er die Weit sah
Erde und Papier von Wolf Wondratschek
Das neue Buch von Wolf Wondratschek macht wirklich Spaß, weil es eine ganze reihe originelle, essayistische Texte versammelt. Thematisch ist viel zu finden, oft stehen Persönlichkeiten aus der Welt der Kunst, Musik, Film, Literatur oder des Boxens im Mittelpunkt.
Wondratscheks Einschätzungen sind klar subjektiv gehalten, lassen eigene Gedanken, Zustimmung oder Skepsis zu.
Darin unterscheidet der Autor sich von anderen Essayisten, die behauptend schreiben und keinen Spielraum für den Leser lassen. Das ist in der Naturwissenschaft meinetwegen okay, aber bei kulturwissenschaftlichen Themen sollte man Objektivität nicht vortäuschen.
Wie Wolf Wondratscheks es macht, liegt ganz auf meiner Linie. Da auch noch der typische, manchmal spöttische Wondratschek-Ton dazukommt, wird es nie langweilig.
Das Geheimnis der Keiko Ishida
Rainbirds von Goenawan Clarissa
Es ist erst ein paar Jahre her, als Indonesien Partnerland der Frankfurter Buchmesse war. Viele indonesische Bücher erschienen in deutscher Übersetzung und einiges habe ich davon gelesen.
Man merkte schnell wie reichhaltig und vielfältig diese Literatur ist. Auch Clarissa Goenawans Debütroman Rainbirds ist ein überraschendes Buch, denn es ist einem Stil geschrieben, der stark an moderne japanische Literatur erinnert und tatsächlich ist die Handlung auch in Japan angelegt.
Der Student Ren Ishida reist aus Anlass des Todes seiner älteren Schwester Keiko von Tokio nach Akakawa, einer abgelegene Stadt.
Offenbar war es ein Mord. Ishida merkt aber auch, dass er nicht viel über seine Schwester weiß, die sich von der Familie entfernt hatte. Es gab wohl mal einen Familienstreit, der Keiko weggehen hat lassen ohne je zurückzukehren. Ein Familiengeheimnis, dass Ishida nicht kennt.
Ishida schlüpft unmerklich in die Rolle seiner Schwester, indem er ihre Lehrerstelle annimmt und er kümmert sich um eine Schülerin, die aus der Spur zu sein scheint.
Der Roman baut langsam, aber sicher Atmosphäre auf. Streckenweise finde ich die Handlung nicht ganz so zwingend wie erhofft, aber es entwickelt sich langsam. Schließlich wird man auch über die Vergangenheit und was passierte mehr erfahren. Der Roman ist überwiegend in einem einfachen Stil gehalten, der gut lesbar ist. Es gibt auch poetische Momente, z.B. in den Kapitelüberschriften.
Man darf gespannt sein, was von Clarissa Goenawan noch folgen wird. Ich hoffe auf weitere Veröffentlichungen.
Tief im Spessart
Zornfried von Jörg-Uwe Albig
Der Bremer Autor und Journalist Jörg-Uwe Albig thematisiert in seinem schmalen Roman Zornfried den Umgang des Journalismus mit den neuen Rechten. Einerseits kann ich etwas damit anfangen, dass Albig das Verhalten dieser Leute auf den Boden holt und ihr lächerliches Auftreten zeigt, aber für harmlos sollte man sie auch nicht halten.
Zum Beispiel Reichsbürger sind offen gewaltbereit, andere auf versteckte Art auch.
Es bleibt ein Versagen der Presse und die Hauptfigur, der Icherzähler, der Journalist Jan Brock und andere Reporter stehen dem Verhalten der neurechten Bewegungen irgendwie hilflos entgegen.
Immerhin fährt Jan zur Burg Zornfried, die mitten im Wald liegt und in der rechte Denker wie der Burgherr Hartmut Freiherr von Schierling einen merkwürdigen Lebensstil pflegt. Junge Neonazis machen hier Übungen. Auch der Dichter Storm Linné lebt auf der Burg und produziert fleißig grauenvolle martialische Gedichte, die Jörg-Uwe Albig in pathetischen Ton nachbildet.
Ich würde das Buch nicht als Satire abtun, einige Verhaltensweisen sind sehr realistisch.
Der Roman hat gute Ansätze, macht aber zu wenig um wirklich eine Wirkung zu entfalten.
Zwischen Begeisterung und leichter Enttäuschung
An den Ufern der Seine von Agnès Poirier
Das mächtige Buch ist nicht schlecht. aber teilweise ist es auch ein großes Namedropping, ohne das zeitgeschichtliche Ereignisse entsprechend vertieft werden.
Es gibt ein paar Schriftsteller, die als Fixsterne das Buch durchziehen: Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Alber Camus.
Picasso taucht auch viel auf.
Samuel Beckett auch. Miles Davis trifft Juliette Greco etc. Vieles ist schon sehr bekannt.
Mir gefällt, dass ein genau definierter Zeitabschnitt gewählt wird. 1940 bis 1950.
Ob die frühen vierziger Jahre aber magisch waren, wie der Untertitel des Buches behauptet, ist zweifelhaft. Wie sich die Schriftsteller und Künstler aber dann nach 1945 entwickeln ist es sicher.
Je nach Erwartung kann man von dem Buch begeistert oder leicht enttäuscht sein. Ich finde mich da irgendwo in der Mitte wieder.
Der Tafelteil mit den gut gewählten Fotos ist noch erwähnenswert.
Erhellende Erklärungsansätze
Umkämpfte Zone von Ines Geipel
Ines Geipels Buch Umkämpfte Zone, mit den sprechenden Untertitel Mein Bruder, der Osten und der Hass ist alles andere als ein emotionsloses Sachbuch. Ausgehend vom Tod ihres jüngeren Bruders Robbie setzt sie ihre Familiengeschichte in den Kontext der Geschichte Deutschlands, insbesondere des Ostens und dem Aufschwung der AfD.
Dadurch wird es ein sehr privates Buch. Und die Autorin spricht klare Worte.
Eine Reizfigur ist der Vater, der über viele Jahre lang für den Osten spionierte und ein extremer Mensch war. Zwischen Ines und Robbie gab es unterschiedliche Auffassungen darüber, wie die Vergangenheit zu verarbeiten sei. Während Ines aufbegehrte, bevorzugte ihr Bruder die Form der positiven Verdrängung. Beides sind schwere Wege, die Beschädigungen nach sich ziehen. Ines ist schließlich 1989 in den Westen geflohen. Die Vergangenheitsbewältigung bleibt ein Thema.
Ines Geipel analysiert auf deutliche Art die Fremdenfeindlichkeit des Ostens.
Ines Geipels Erklärungsansätze über den Zustand des Landes empfinde ich als erhellend und nachvollziehbar.
literarisch bemerkenswert
Vor der Flut von Corinna T. Sievers
Die Geschichte wird erzählt von einer Frau, die einen exzessiven promiskuitiven Lebensstil führt. Sie ist Zahnärztin auf einer Insel und verheiratet. Doch ihr Mann hat sich schon früh in der Ehe körperlich von ihr zurückgezogen. Das hat sie anscheinend so verletzt, dass sie offen immer wieder mit anderen Männern schläft, aber dennoch seit 25 Jahren mit ihrem Mann zusammenlebt.
Ihr Zusammenleben ist jedoch nur eine Mischung aus Zweckgemeinschaft und kühler Ehehölle.
Corinna T.Sievers hat ihren Roman auf einen Text aufgebaut, den sie beim Ingeborg Bachmann-Preis gelesen hat und dessen Radikalität wurde heftig diskutiert.
Sprachlich ist der Text gut gemacht mit einer eigenwilligen Erzählweise, streckenweise auf der Oberfläche sehr sachlich, doch die Emotionalität der Frau wird in manchen Szenen sichtbar. Da mündet es in depressive Phasen, denn, wie sie selbst sagt, mit ihrem Mann Hovard gibt es nichts zu lachen. Die Folgen sind vereinzelte selbstzerstörerische Tendenzen, z.B. bleibt sie einmal mit dem Auto auf einer eisigen Strecke im Schnee stecken und tut nichts, um sich zu retten.
Ihre Lebensweise fordert einen Tribut.
Wegen den vielen expliziten Beschreibungen wirkt der Text penetrant.
Andere Textpassagen zeigen die raue Insellandschaft und erzeugen Atmosphäre.
Die Autorin ist ausdrucksstark! Ein Buch, wie man es nicht oft liest!
Zu viele Katzen
Vor der Flut von Corinna T. Sievers
Tom Cox´Alles für die Katz ist ein amüsantes Buch, natürlich ohne großen Anspruch an literarische Qualitäten. Der Autor berichtet von seiner lebenslangen Liebe zu Katzen und denen vielen, die er hatte. Wie er die verschiedenen Charaktere der überwiegend eigenwilligen Katzen beschreibt ist eindrucksvoll.
Die meisten haben einen ausgeprägte Persönlichkeit, im guten wie im schlechten. Und dabei spielt auch immer eine Rolle, wie die Beziehung zwischen ihm und der jeweiligen Katze ist. Das ist nicht selten komplex.
Zwischendurch gibt es zur Auflockerung Auszüge aus dem Katzenwörterbuch.
Ab und zu gibt es auch kulturelle Anspielungen auf Literatur, Musik und Film, z.B. Friedhof der Kuscheltiere von Stephen King, Shaft von Isaac Hayes, Die Selbstmordschwestern, Nightmare on Elm Street , T.S.Eliot oder „Crouching Puma, Hidden Bear“, dabei denkt man an den Ang Lee-Film, etc.
Natürlich ist das Buch harmlos, aber als Seelenmassage für Zwischendurch wirklich gut geeignet.










