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Rezensionen von cosmea:
Ukrainische Geschichte
Rote Sirenen von Victoria Belim
Die gebürtige Ukrainerin Victoria Belim erzählt in ihrem autobiografischen Debütroman “Rote Sirenen“ die Geschichte ihrer Familie vor dem Hintergrund von 100 Jahren ukrainischer Geschichte. Sie wanderte als 15jährige mit ihrer Mutter in die USA aus, lebte später mit ihrem Mann in Belgien und kehrte 2014 im Jahr der russischen Annexion der Krim in ihre Heimat zurück.
Sie möchte ihre geliebte Großmutter Valentina wiedersehen und das Schicksal ihres in den 30er Jahren spurlos verschwundenen Urgroßonkels Nikodim aufklären. Ihre Verwandten sind nicht begeistert von diesem Vorhaben, zumal Nikodim in der Familie immer ein Tabuthema war. Victoria will ihre eigenen Wurzeln kennen, ihr Verhältnis zur Heimat klären und trotz aller Widerstände auch vonseiten der Behörden dafür sorgen, dass die Wahrheit endlich ans Licht kommt. Schon der Wunsch, die alten Dokumente einzusehen, wird ihr lange nicht erfüllt. Da gibt es das Hahnenhaus mit den roten Sirenen, auf das der Titel anspielt, lange Zeit Sitz des sowjetischen KGB und anderer staatlicher Organisationen, von der Bevölkerung nach wie vor gefürchtet und gemieden. Von 2014-2019 kehrt Victoria mehrfach in die Ukraine zurück und fördert eine Menge historischer Fakten zutage. So erfährt der Leser von all den kriegerischen Auseinandersetzungen, diversen Säuberungsaktionen und der künstlich von Stalin erzeugten Hungersnot Holodomor, die Millionen Menschenleben kosteten. Vor diesem Hintergrund erscheint es kaum nachvollziehbar, dass es immer noch eine beträchtliche Zahl von Ukrainern gibt, die zu Russland gehören wollen. Im Fall der Autorin geht der Riss durch die eigene Familie. Der Vater war Russe, die Mutter Ukrainerin, und ihr Onkel Wladimir verteidigt die Besetzung der Krim, was zum Zerwürfnis mit seiner Nichte führt.
“Rote Sirenen“ ist ein wichtiges Buch, das zur rechten Zeit kommt, um die aktuellen Ereignisse besser zu verstehen. Einwände habe ich lediglich gegen die Qualität der deutschen Übersetzung. Eine Reihe von Formulierungen sind schon sehr speziell, um es vorsichtig auszudrücken.
Das Leben davor und danach
Das College von Ruth Ware
Die junge Hannah Jones wird als Studentin im renommierten Pelham College in Oxford aufgenommen und durch ihre Wohnungsgenossin April Clarke-Cliveden sofort Teil einer Freundesclique, deren Mittelpunkt die schöne, reiche junge Frau ist. Dazu gehören noch die Freunde Will, Ryan, Hugh und Emily. Am Ende ihres ersten Studienjahres findet Hannah ihre Freundin eines Abends tot in der Wohnung.
Durch ihre Aussage wird der Pförtner John Neville, der Hannah eine Zeit lang wie ein Stalker belästigt hat, zum einzigen Verdächtigen und wegen Mordes verurteilt. Er stirbt nach acht Jahren im Gefängnis, nachdem er bis zum Schluss seine Unschuld beteuert hat. Hannah gerät wieder in den Fokus der Journalisten, von denen einer sie auf neue Verdachtsmomente hinweist. Hannah fühlt sich verunsichert und schuldig und will endlich die Wahrheit herausfinden, obwohl sie damit ihre Ehe mit Will und das Leben ihres ungeborenen Kindes aufs Spiel setzt. Hat sie das Leben eines unschuldigen Mannes zerstört? Sie setzt sich mit allen in Verbindung, die damals Kontakt zu April hatten. Es stellt sich heraus, dass sich mehrere Personen verdächtig verhalten haben und ein Motiv für die Tat hatten, zumal April die Angewohnheit hatte, selbst ihren besten Freunden grausame Streiche zu spielen.
Ruth Ware erzählt die Geschichte auf zwei Zeitebenen, davor und danach, das Jahr vor dem Mord und die zehn Jahre danach bis zur Erzählgegenwart. Charakterisierung, Schauplätze, Dialogführung – all das hat mich wieder überzeugt. Es gibt bis zum Schluss immer neue überraschende Wendungen, so dass der Leser die Auflösung nicht erraten kann. Allerdings fand ich den Roman insgesamt nicht so gelungen wie zum Beispiel “Im dunklen, dunklen Wald“. Hier gibt es durchaus Längen. Neben der Auflösung des Kriminalfalls spielen auch andere Themen eine Rolle wie zum Beispiel die Zuverlässigkeit von Wahrnehmung und Erinnerung, die Auswirkungen der traumatischen Erfahrung auf Hannahs weiteres Leben und die Schuld der Überlebenden, die eindrucksvoll zur Sprache kommen. Mit kleinen Einschränkungen insgesamt eine lohnende Lektüre.
Albtraum in eisiger Wildnis
SCHNEE von Yrsa Sigurdardóttir
Yrsa Sigurardóttirs Thriller “Schnee“ überreden zwei befreundete Ehepaare einen Wanderführer, der irgendwo im isländischen Hochland ein Messgerät ablesen will, sie auf die gefährliche Tour mitten im Winter mitzunehmen. Dann werden die vier Freunde vermisst, und Suchtrupps und Polizei suchen ein großes Gebiet ab.
Schon bald finden sie in der Nähe einer Hütte die erste Leiche im Schnee, in der Hütte selbst zurückgelassene Kleidung und Gegenstände, die den Wanderern gehört haben. Später finden sie noch vier weitere Leichen, wobei der Körper einer unbekannten Frau schon wesentlich länger dort liegen muss.
Drei verschiedene Handlungsstränge auf mehreren Zeitebenen machen den Plot aus. Außer der Gruppe der Freunde ist da noch Hjörvar, der mit dem Kollegen Erlingur auf einer einsamen Radarstation arbeitet und dort unerklärliche Geräusche und übersinnliche Phänomene wahrnimmt. Er und sein Bruder Kolbeinn haben kürzlich ihr Elternhaus an den Polizisten Geiri und seine Frau Jóhanna verkauft. Das Ehepaar hat im Garten einen vergrabenen Kinderschuh gefunden. Kurz vor dem Tod der dementen Mutter erfahren die Brüder, dass sie eine Schwester haben oder hatten. Sie versuchen, das Geheimnis aufzuklären. Jóhanna arbeitet als Freiwillige in einem der Rettungsteams und findet mit ihrem Partner die erste Leiche. Eine andere Zeitebene zeigt eine Woche vor dem Auffinden der Toten die Gruppe der Wanderer und ihre Erlebnisse. Sie sind nicht nur der Unbill des isländischen Winters mit den Schneestürmen und der Dunkelheit ausgesetzt, sondern hören ebenfalls Geräusche und Stimmen vor der Hütte, die sie sich nicht erklären können.
Lange gibt es keine Erklärung für all die Mystery-Elemente in der Geschichte und was sie mit der eigentlichen Handlung zu tun haben. Die Autorin bezieht geschickt das unwirtliche Klima und die raue Landschaft ein, um eine überaus bedrohliche Atmosphäre zu schaffen, bis am Schluss alle Elemente in einem grandiosen Finale mit überraschenden Wendungen zusammengeführt werden. Der Roman liest sich gut und wird vor allem zum Ende hin zunehmend spannender, wobei mich aber die unrealistischen übersinnlichen Elemente ein bisschen stören.
Geheimnisse von Menschen und Büchern
Die Bücher, der Junge und die Nacht von Kai Meyer
Kai Meyers neuer Roman “Die Bücher, der Junge und die Nacht“ umfasst den Zeitraum von 1933 über 1943/44 und 1971 mit einem Ausblick auf das Jahr 1990. Im Jahr 1943 wird die Bücherstadt Leipzig durch Bombenangriffe zerstört. Ein 10jähriger Junge namens Robert Steinfeld hat sein ganzes Leben in einem fensterlosen Zimmer umgeben von Büchern verbracht.
Ein Unbekannter namens Mercurio befreit ihn buchstäblich in letzter Minute aus den Flammen und bittet ihn, ein bestimmtes Buch aus der Bibliothek zu holen. Einige Monate kümmert sich der Bücherdieb Mercurio um ihn, reist im Land umher und ist immer zur Stelle, wenn wieder eine Stadt bombardiert wird. Der Junge holt dann in seinem Auftrag wertvolle Bücher aus den zerstörten Häusern. Robert hat seinen Vater nie kennengerlernt. Jakob Steinfeld war ein bekannter Buchbinder in Leipzig, der in der Bombennacht umkam. 10 Jahre zuvor hatte er sich in die junge Juli verliebt, die ein Manuskript mit dem Titel “Das Alphabet des Schlafs“ von ihm binden lassen wollte. Jakob und Juli kamen sich näher, bevor Juli spurlos verschwand. Im Jahr 1971 bittet die Bibliothekarin Marie Robert Steinfeld, ihr zu helfen, die Bibliothek des berühmten Verlegers Pallandt aufzulösen. Dabei stößt er auf Spuren seiner Vergangenheit. Robert und Marie gehen zahlreichen Hinweisen nach und treffen Überlebende. Auf diese Weise erhält Robert Informationen zu seiner Identität und kann das Schicksal seiner Eltern aufklären.
Der Roman ist eine Mischung aus Zeit- und Familiengeschichte und liest sich gut. Der Autor fängt die Atmosphäre der Nazizeit ein und liefert anschauliche Schilderungen einer schlimmen Epoche der deutschen Geschichte. Außerdem gibt es zahlreiche Passagen über Sekten und Geheimbünde, Reinkarnationstheorien und allerlei dubiose Praktiken. Insgesamt sehr empfehlenswert.
Familiengeschichten vor historischem Hintergrund
Feldpost von Mechtild Borrmann
Die Anwältin Cara Russo erledigt im Jahr 2000 ihre Weihnachtspost in einem Café in Kassel, als sich eine fremde Frau an ihren Tisch setzt und ihr von ihrer vergeblichen Suche nach einer Frau erzählt, die im Krieg ihre Sachen auf ihrem Bauernhof zurückgelassen hat. Als die Unbekannte plötzlich verschwunden ist, stellt Cara fest, dass sie einen alten Aktenkoffer mit 60 Jahre alten Feldpostbriefen und Dokumente über den Verkauf einer Villa in Kassel zurückgelassen hat.
Neugierig geworden beginnt Cara mit den Nachforschungen und findet heraus, wie alles zusammenhängt.
In Mechtild Borrmanns neuem Roman “Feldpost“ geht es um die Familien Gerhard und Katharina Kuhn und Hermann und Sophia Martens, die Mitte der 30er Jahre noch befreundet sind genauso wie ihre Kinder Adele und Albert Kuhn und Dietlind und Richard Martens. Dann entfernen sie sich voneinander, denn Hermann ist ein Anhänger des Regimes, während Gerhard offen Kritik übt und sich damit in große Gefahr begibt. Die Kuhnts verkaufen ihre Villa zu einem symbolischen Preis an die Martens. Das Ehepaar Kuhnt flieht über Frankreich nach Portugal, während ihre Kinder in Deutschland bleiben, um ihr Studium zu beenden. Auch Richard und Albert bringen sich durch ihre verbotene Liebe in Schwierigkeiten. Albert kommt ins Gefängnis, Richard wird zum Sanitätsdienst an die Front geschickt. Von dort schreibt er jahrelang an Adele gerichtete Liebesbriefe. Die Anwältin trifft Überlebende und rekonstruiert die damaligen Geschehnisse. Alle Informationen hat am Schluss jedoch nur der Leser.
Die Autorin erzählt die Familiengeschichte im Wesentlichen auf zwei Zeitebenen, 1935-1945 und 2000-2001. Dabei legt sie besonderen Wert auf den zeitgenössischen Hintergrund. Es geht um eine große Liebe, aber auch um Verrat, Gier nach Besitz und Mord. Der Leser setzt die allmählich enthüllten Puzzleteile zusammen und genießt die auch sprachlich sehr gelungene Mischung aus Familiengeschichte und Chronik einer Epoche. Sehr empfehlenswert.
Lügen, Geheimnisse und Schuld
Als die Welt zerbrach von John Boyne
John Boynes Roman “Als die Welt zerbrach“ schließt inhaltlich und personell an “Der Junge im gestreiften Pyjama“ an und erzählt Gretels Leben auf mehreren Zeitebenen. Gretel floh nach Kriegsende mit ihrer Mutter aus Polen, zunächst nach Frankreich, wo sie ihre Herkunft nicht lange verbergen konnten.
Nach dem Tod der Mutter wandert Gretel nach Australien aus. Aber auch dort ist sie nicht sicher, weil ihr ein ihr bekannter ehemaliger Nazi mit neuer Identität schaden könnte genauso wie sie ihm. Sie war als 12jährige in den Soldaten verliebt, der ihrem Vater, dem Lagerleiter von Ausschwitz, unterstellt war. Danach ging sie nach London, wo sie den Historiker Edgar Fernby heiratete, einen Sohn aufzog und seit Jahrzehnten in einer Wohnung in einem Villenviertel lebt. Inzwischen ist sie 91 Jahre alt. Dann zieht eines Tages eine Familie mit einem 9jährigen Sohn ein, und alles wird anders. Das Ehepaar streitet häufig lautstark, und Mutter und Sohn haben immer wieder neue Verletzungen. Für Gretel stellt sich die Frage, ob sie wieder wegsieht und verdrängt wie in Ausschwitz, wo sie erst spät verstand, was da passierte, oder ob sie versucht, den Jungen und seine Mutter zu schützen. Gibt sie jetzt ihre Deckung auf und stellt sich erstmalig ihrer Vergangenheit, die sie ein Leben lang verdrängt hat? Sie war ein 12jähriges Mädchen und hat keine Verbrechen begangen, gesteht sich aber inzwischen eine Mitschuld am Tod des jüngeren Bruders Bruno ein.
In diesem Roman über ein wichtiges Thema geht es immer wieder um die Frage der Schuld. Man kann die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, aber wie lebt man damit? Gretel ist traumatisiert und beschädigt, und hat sich nur ihrem Mann Edgar offenbart, ansonsten geschwiegen, gelogen, verdrängt… Dieses nicht ganz einfach zu lesende Buch lässt den Leser nicht kalt, verlangt aber einiges an Aufmerksamkeit und Geduld. Es ist dennoch eine empfehlenswerte Lektüre, die eigentlich die Kenntnis des Vorgängers voraussetzt.
Die Geschichten, die wir erzählen
Unsre verschwundenen Herzen von Celeste Ng
Celeste Ngs neuer Roman “Unsre verschwundenen Herzen“ spielt in den USA in der nahen Zukunft. Das PACT (Preserving American Culture and Traditions Act) genannte Gesetz beendete 10 Jahre zuvor eine schwere Krise, die viele Menschen in den Ruin trieb. Man gab Asien, vor allem China die Schuld an allen Krisen und Fehlentwicklungen.
Per Gesetz wird die amerikanische Kultur geschützt und alle subversiven Elemente sollen ausgemerzt werden. Eine große Zahl von Büchern verschwindet, chinesische Straßennamen werden geändert, und die Bürger tragen demonstrativ die amerikanische Flagge als Abzeichen. Um Kinder vor schädlichen unamerikanischen Einflüssen zu schützen, werden Familien auseinandergerissen und die Kinder unter neuem Namen an unbekanntem Ort in Pflegefamilien und Heime verfrachtet. Dieses Schicksal droht auch dem 9jährigen Noah Gardner, genannt Bird, weil seine Mutter Margaret Min die Tochter chinesischer Einwanderer ist. Sie hat einen Gedichtband veröffentlicht, aus dem das Gedicht „All our Missing Hearts“ stammt, das zum Schlachtruf einer Protestbewegung gegen PACT geworden ist. Um ihre Familie zu schützen, verschwindet Margaret spurlos. 3 Jahre später schickt sie ihrem geliebten Sohn eine Zeichnung, und Bird macht sich auf die Suche. Der Roman erzählt seine Odyssee und die Szenen von Diskriminierung und Gewalt, deren Zeuge bzw. Opfer der nicht wie ein reinrassiger Amerikaner aussehende Junge wird.
Die berührende Geschichte beschreibt aktuelle Tendenzen, ja sogar Geschehnisse, die es in der Vergangenheit bereits gegeben hat: Kinder aus indigenen Familien wurden zum Beispiel in Kanada und Australien von ihren Familien getrennt, ggf. auch getötet, wie die noch immer auf dem Gelände ehemaliger Heime in Kanada gefundenen Massengräber beweisen. Unter Trump wurden an der amerikanisch-mexikanischen Grenze Eltern von ihren Kindern getrennt, und Trump bezeichnete diese Einwanderer als „bad hombres“. Die aktuelle Pandemie war für ihn „the China Flu.“
Ng zeigt in ihrem Buch, dass wir den Menschen nicht mit Misstrauen und Furcht begegnen sollten, sondern mit Liebe und Empathie. Sie rühmt die Macht der Worte, die Rolle der Bücher. Bibliotheken werden bei ihr zu einem Ort der Zuflucht und der Begegnung. Die Geschichten, die wir uns erzählen, sind wichtig. Mir gefällt die Figur des Jungen und das Porträt dieser Mutter-Kind-Beziehung sehr. Ein sehr empfehlenswerter Roman.
Leid und Schuld
Der Sturm von Jane Harper
Kieran Elliott kommt nach 12 Jahren in seinen Heimatort Evelyn Bay an der tasmanischen Küste zurück, um seiner Mutter bei einem Umzug zu helfen. Er wird begleitet von seiner Freundin Mia und der kleinen Tochter Audrey. Hier hatte sich damals während eines furchtbaren Sturms ein Unglück ereignet, bei dem Kierans älterer Bruder Finn genauso ums Leben kam wie Toby, der Bruder seines Freundes Sean.
Außerdem verschwand damals Gabby Birch, 14, die jüngere Schwester von Olivia, die ebenfalls zu dem Freundeskreis gehört. Der Polizist Chris Renn, inzwischen Sergeant, ist immer noch in der Polizeistation tätig. Kaum ist Kieran in seinem Heimatort angekommen, wird eine junge Frau tot am Strand gefunden. Bronte Laidler war die Mitbewohnerin von Olivia Birch. Kieran ist in Evelyn Bay nicht willkommen, weil man ihm die Schuld am Tod der beiden Männer gibt. Aus diesem Grund ist auch sein Verhältnis zu seiner Mutter gespannt. Keiner im Ort hat die damalige Tragödie vergessen, und vor allem die Angehörigen der Toten und des verschwundenen Mädchens trauern noch immer. Im Verlauf der Ermittlungen kommen immer mehr Details aus der Vergangenheit ans Licht. Die Polizei will wissen, was damals wirklich geschah und gleichzeitig den aktuellen Mordfall aufklären.
Ich kenne die drei Vorgänger dieses Romans, die allesamt spannender waren und Landschaft und Klima in viel stärkerem Umfang einbezogen. Hier geht es immer nur um die eine kleine Bucht mit den drei eisernen Statuen, die bei Flut im Wasser verschwinden, sowie den Eingängen zu den beiden Höhlen mit dem Labyrinth von Gängen im Inneren. “Der Sturm“ hat mich enttäuscht, nicht zuletzt wegen der schlechten Qualität der Übersetzung und der erheblichen Zahl von Fehlern, die ein sorgfältiges Lektorat hätte ausmerzen können.
Ein raffinierter Plot
Die rätselhaften Honjin-Morde von Seishi Yokomizo
Mit “Die rätselhaften Honjin-Morde“ des vor gut 40 Jahren verstorbenen in Japan berühmten Autors Seishi Yokomizo liegt endlich die deutsche Übersetzung eines Kriminalromans vor, der bereits 1946 als Serie und 1973 als Buch existierte. Der Autor hat gründlich recherchiert, eine Menge Material zusammengetragen und Zeugen befragt.
Als Ich—Erzähler ist er Teil der Geschichte und wendet sich immer wieder direkt an den Leser, um sicherzustellen, dass seine Hinweise verstanden werden.
Kenzo Ichiyanagi, der älteste Sohn der Witwe Itoko, will im Alter von 40 Jahren endlich heiraten. Seine Auserwählte, die junge Lehrerin Katsuko, wird jedoch wegen ihrer bäuerlichen Herkunft von der Familie zunächst abgelehnt. Kenzo setzt sich durch und bereitet die Hochzeit auf dem Anwesen der reichen und angesehenen Familie vor. In der Hochzeitsnacht sind jedoch plötzlich Schreie zu hören und jemand spielt die Koto. Als sich Angehörige Zugang zum Schlafzimmer der Brautleute verschaffen, bietet sich ihnen ein furchtbarer Anblick. Die Eheleute liegen in ihrem Blut auf dem Bett. Das Besondere daran ist, dass es keine Hinweise auf einen Eindringling gibt, auch nicht wie dieser das von innen verschlossene Zimmer verlassen hat. Ginzo, der Onkel der Braut, ruft den befreundeten Privatdetektiv Kosuke Kindaichi zu Hilfe. Diesem gelingt es schließlich, den Tathergang zu rekonstruieren und das Rätsel des Locked Room Murder Mystery zu lösen. Dem Leser gelingt das mit Sicherheit nicht. Da gibt es falsche Fährten und Verdächtige wie den heruntergekommenen Mann mit den drei Fingern, der vor der Tat im Dorf gesehen wurde und der sich ausdrücklich nach der Adresse der Familie erkundigt hatte.
Der Autor schreibt einen Roman in einem traditionellen Genre, zeichnet aber auch ein Porträt von komplizierten Familienstrukturen und äußert sich kritisch zu gesellschaftlichen Verhältnissen. Trotz des geringen Umfangs erhält der Leser ausreichende Informationen über die beteiligten Personen und den Schauplatz. Ich habe den spannenden Roman gern gelesen.
Die Monster sind mitten unter uns
Das siebte Mädchen von Stacy Willingham
In Stacy Willinghams Debütroman “Das siebte Mädchen“ geht es um entführte und ermordete Mädchen 20 Jahre zuvor und in der Gegenwart. Chloe Davis, 32, ist Psychologin in Baton Rouge und ist noch immer schwer traumatisiert durch das, was sie mit 12 Jahren erlebte. Damals verschwanden innerhalb kurzer Zeit sechs junge Mädchen.
Ausgerechnet Chloe fand Beweismaterial im Kleiderschrank und übergab es der Polizei und machte belastende Aussagen, die zur Verhaftung und Verurteilung ihres Vaters führten. Ihr Vater gestand die Taten, und die Familie zerbrach. Die Mutter unternahm einen Selbstmordversuch und lebt seitdem als Pflegefall im Heim. Chloe blieb nur der drei Jahre ältere Bruder Cooper. Dann werden wieder zwei Mädchen ermordet. Gibt es einen Nachahmungstäter, oder sitzt der Falsche seit 20 Jahren im Gefängnis? Das zweite Mädchen verschwand nach ihrem ersten Gesprächstermin bei Chloe. Chloe mit ihrer komplizierten Vorgeschichte gerät in den Fokus der Polizei, aber niemand glaubt ihr, wenn sie Verdächtige nennt. Sie ist mit Daniel Briggs verlobt und will in Kürze heiraten. Auch Daniels Schwester Sophie verschwand vor 20 Jahren. Aaron Jansen, ein Reporter, interviewt Chloe und kommt ihr näher. Chloe wird seit der Tragödie in ihrer Kindheit von Ängsten und Albträumen gequält und vertraut eigentlich niemand mehr. Sie überlebt nur mit Hilfe von Medikamenten. Als die Tochter ihrer Freundin verschwindet, greift sie massiv in die Ermittlungen ein und geht verschiedenen Verdachtsmomenten nach.
Der mit einigen Längen erzählte Thriller ist von der Plotidee her nicht neu und hat viele überraschende Wendungen, nicht alle plausibel. Ich habe die Auflösung frühzeitig erraten, die Geschichte dennoch bis zum traurigen Ende verfolgt. Der Roman hat mir weniger gut gefallen, als ich erwartet hatte.











