Kunden em pfehlungen
Rezensionen von cosmea:
Schwierige Zeiten
Fünf Winter von James Kestrel
Im Mittelpunkt des mehrfach ausgezeichneten Romans “Fünf Winter“ von James Kestrel steht Joe McGrady, der nach Jahren bei der Armee im Honolulu Police Department tätig ist. Am Tag vor Thanksgiving im Jahr 1941 übernimmt er einen Mordfall. In der Nähe einer Rinderfarm wurde ein grausam ermordeter junger Mann, wenig später auch seine japanische Freundin gefunden.
Der junge Mann ist der Neffe von Admiral Kimmel, die Japanerin die Nichte des japanischen Diplomaten Takahashi Kansei. McGrady folgt der Spur eines Mordverdächtigen mit dem offensichtlich falschen Namen John Smith nach Hongkong, wo er direkt nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour festgenommen wird und in japanische Kriegsgefangenschaft gerät. Der Onkel der jungen Japanerin holt ihn aus dem Gefängnis und versteckt ihn mehrere Jahre bis zur japanischen Kapitulation in seinem Haus in der Nähe von Tokio. Als er nach Honolulu zurückkehrt, verspricht er seinem Retter und der Tochter Sachi, dass er den Täter finden und unschädlich machen wird. McGrady, der all die Jahre als tot galt, bekommt seinen alten Job zurück. Er hat Molly, die Frau die er liebte, an seinen Kollegen verloren, und sein Chef Captain Beamer hatte den ungelösten Fall sofort geschlossen und will nicht, dass er noch einmal aufgerollt wird. McGrady ermittelt eigenmächtig weiter und löst den Fall schließlich.
Es gibt nicht nur sehr viele Handlungsumschwünge, sondern auch viel Personal und viele Schauplätze, bedingt durch das Kriegsgeschehen im Pazifik, das den zeitgeschichtlichen Hintergrund bildet. Es erleichtert das Verständnis, wenn man die wichtigsten historischen Fakten kennt: Japans Kaiser Hirohito auf der Seite der Nazis, der Angriff auf Pearl Harbour mit dem sofortigen Kriegseintritt der USA, die japanische Kapitulation. Es geht um Spionage und die gefährliche Situation von Pazifisten, die ihr Leben riskieren. Der spannende Roman ist Geschichtsbuch und Thriller zugleich mit einer Reihe von grausamen Szenen, die Folter und Mord einschließen. Da ist es für empfindliche Leser sehr wohltuend, dass das Buch auch Liebesgeschichten enthält. Hier gibt es kein schnelles, einfaches Happy End, sondern der Autor thematisiert immer wieder Verlust und Reue und den hohen Preis, den die Menschen in Kriegszeiten zahlen.
Kestrels Roman ist anspruchsvoll, sehr spannend und gut geschrieben und verdient seine hohen Auszeichnungen zu Recht. Eine klare Empfehlung.
Schlimmer geht´s nimmer
Die spürst du nicht von Daniel Glattauer
Nach neun Jahren legt Daniel Glattauer mit “Die spürst du nicht“ einen neuen Roman vor. Die Binders und die Strobl-Marineks mieten ein Haus mit Swimmingpool in der Toskana. Sophie Luise, die 14jährige Tochter der Strobl-Marineks, darf ihre Schulfreundin Aayana, ein somalisches Flüchtlingsmädchen mitnehmen.
Gleich am Anfang des Urlaubs geschieht dann eine Katastrophe, nach der nichts mehr so ist wie vorher. Die Familien geraten in eine Krise, wobei Sophie Luise am meisten unter den Folgen leidet. Sie wird in der Schule ausgegrenzt und gemobbt. Schon bald reicht ein bislang unbekannter Anwalt im Namen der somalischen Familie Klage ein und fordert 200.000 Euro wegen des Schockschadens. Es kommt zum Prozess, der nicht frei von Komik und grotesken Situationen ist. Vor allem Oliver Steinpichler, der Anwalt der Strobl-Marineks, ist immer bemüht, sich in Szene zu setzen. Menschliche Tragödien interessieren ihn nicht.
Ein allwissender Erzähler berichtet über die Ereignisse, ergänzt von Zeitungsartikeln und Kommentaren in den sozialen Medien. Besonders die unangemessenen Postings voller Arroganz und Hass machen deutlich, wie viele Europäer mit dem Thema „Flüchtlinge“ umgehen. Der Autor zeigt in seinem sozialkritischen Roman, dass jede Person eine Geschichte hat, dass die Flüchtlinge nicht nur gute Gründe hatten, aus ihrem Land zu fliehen, sondern auch während der Flucht furchtbare Dinge erlebten, Familienmitglieder verloren. Die Flüchtlinge müssen sichtbar werden, und wir müssen ihnen zuhören und wirklich versuchen, ihnen zu helfen.
Glattauer ist mit diesem Roman ein wichtiges Buch gelungen, nicht ganz frei von Klischees und stellenweise etwas konstruiert, aber dennoch sehr lesbar und sprachlich gelungen. Auf jeden Fall empfehlenswert.
Horowitz und Hawthorne ermitteln auf Alderney
Wenn Worte töten - Kriminalroman (Hawthorne ermittelt 3) von Anthony Horowitz
Im vorliegenden dritten Band einer Reihe schickt der Verleger seinen Autor Anthony Horowitz und den ehemaligen Detective Inspector Daniel Hawthorne zu einem Literaturfestival auf die Kanalinsel Alderney. Sie sollen durch ihre Teilnahme die Vermarktung des nächsten, noch nicht vollendeten Romans vorbereiten.
Horowitz und Hawthorne bilden ein Team, wobei Hawthorne dem Autor Fälle schildert, bei denen er selbst ermittelt hat. Die beiden Männer haben ein ziemlich distanziertes Verhältnis zu einander und mögen sich nicht einmal besonders. Die anderen geladenen Gäste sind eine Kinderbuchautorin, ein bekannter Fernsehkoch mit seiner Assistentin, eine Wahrsagerin, ein Historiker und eine Dichterin, die Gedichte in Cauchois, einem nordfranzösischen Dialekt, vorträgt. Dann wird Charles le Mesurier, der schwerreiche Sponsor des Festivals ermordet aufgefunden. Hawthorne und Horowitz ermitteln sofort in diesem aktuellen Fall. Als später ein zweiter Mord geschieht, kommt Deputy Chief Jonathan Torode mit seiner Assistentin von der Insel Guernsey hinzu. Es zeigt sich, dass hier jeder ein Geheimnis verbirgt und einige nicht die sind, die sie vorgeben zu sein. Hinzukommt, dass die Menschen auf der Insel wegen des geplanten Baus einer Überlandleitung tief zerstritten sind. Da Charles le Mesurier ein Fürsprecher des Projekts ist, könnte der Mörder auch unter seinen Gegnern zu finden sein. Ex-Polizist Hawthorne ist den anderen immer mindestens einen Schritt voraus, weil er gewohnheitsmäßig Details bemerkt, die sonst keiner sieht. Er teilt sein Wissen jedoch nicht einmal mit seinem Partner.
Der Leser folgt der Geschichte mit vielen falschen Fährten gespannt und erlebt in diesem Locked Room Mystery nach dem Vorbild der großen Agatha Christie bis zur Auflösung viele Überraschungen.
Zum Schluss möchte ich noch bemerken, dass ich mich sehr über den deutschen Titel wundere. Welche Worte sollten das wohl sein? Der Originaltitel "A Line To Kill" bezieht sich vielmehr auf die Reihe (!) von zwölf Verdächtigen, die Gegner der Stromtrasse nicht einmal mitgezählt.
Mir hat der Roman gut gefallen, auch wenn er eher konventionell geschrieben ist. Besonders beeindruckt hat mich die gelungene Charakterisierung nicht nur der beiden wichtigsten Protagonisten, sondern auch der anderen Personen. Eine gute Idee ist dabei, dass der Autor selbst als fiktiver Charakter im Roman auftritt und damit den Eindruck erwecken könnte, dass all dies wirklich geschehen ist. Ein gut lesbarer Krimi ohne übertriebene Grausamkeit.
Privatsphäre oder Überwachungsstaat?
Going Zero von Anthony McCarten
In Anthony McCartens neuem Roman arbeitet die Firma Fusion unter Leitung des schwerreichen Social-Media-Moguls Cy Baxter mit der amerikanischen Regierung zusammen, um einen letzten Test der von der Firma entwickelten neuen Software durchzuführen, die dem Schutz des Landes vor terroristischer Bedrohung dienen soll.
Der Betatest mit zehn ausgewählten Bewerbern - fünf Spezialisten, fünf Normalbürgern – soll beweisen, dass mit Hilfe dieser neuen Software jeder zu jeder Zeit an beliebigen Orten aufgespürt werden kann. Auf ein Signal hin sollen die Kandidaten sich unsichtbar machen und für 30 Tage unauffindbar bleiben. Dem Gewinner winken 3 Millionen Dollar. Das ist gar nicht so einfach im Zeitalter von Computern, Smartphones, Kreditkarten, allgegenwärtigen Überwachungskameras, Techniken der Gesichtserkennung etc. Einige Kandidaten werden schon bald aufgespürt, aber die harmlos wirkende Bibliothekarin Kaitlyn Day aus Boston erweist sich als überaus clever und entwischt den Verfolgern immer wieder. Ihr geht es nicht in erster Linie ums Geld. Sie verfolgt ein anderes Ziel. Bald gerät Cy Baxter zunehmend unter Druck und muss verhindern, dass illegale Geschäftspraktiken seiner Firma ans Licht kommen genauso, wie die CIA bestimmte fragwürdige Vorgehensweisen weiterhin geheimhalten will.
Die Geschichte dieses gefährlichen und für einen der Protagonisten tödlichen Kräftemessens wird immer raffinierter mit zahlreichen Handlungsumschwüngen. Das ist spannend zu lesen, wenn einen die zugrundeliegende Thematik interessiert: Was ist mir wichtig? Darf der Schutz der Privatsphäre immer weiter zugunsten der (angeblichen) Sicherheit des Landes vernachlässigt werden? Laufen wir Gefahr, in einem Überwachungsstaat zu landen, wenn immer neue Technologien entwickelt und zugelassen werden, um Menschen in aller Welt in jeder Sekunde ihres Lebens auszuspähen? An welchem Punkt dieser Entwicklung sind wir aktuell bereits angekommen? Auf diese Frage liefert der 2014 von der Dokumentarfilmerin Laura Poitras gedrehte Film Citizenfour eine besorgniserregende Antwort. Sie hat zusammen mit zwei Journalisten den US-amerikanischen Whistleblower Edward Snowden interviewt und macht in ihrem Film öffentlich, dass die NSA und andere Geheimdienste mit Hilfe des nach den Anschlägen vom 11.9.2001 geschaffenen Patriot Act umfangreiche Befugnisse bekamen, täglich Millionen von persönlichen Daten zu sammeln und damit praktisch die gesamte Menschheit unter Generalverdacht zu stellen. Die kafkaesk wirkende Realität in McCartens Roman ist also schon längst nicht mehr Teil einer erdachten Zukunft.
Ich habe diesen sehr gut konstruierten Thriller gern gelesen, auch weil es dem Autor gelingt, Spannung ohne Blutvergießen aufzubauen und den Leser vor allem durch die sorgfältig gezeichneten Charaktere und die überraschenden Wendungen der Handlung zu faszinieren.
Im Spiel ist nichts von Dauer
Morgen, morgen und wieder morgen von Gabrielle Zevin
In Gabrielle Zevins neuem Roman “Morgen, morgen und wieder morgen“ geht es im Kern um Spiele, ihre Entwicklung und Vermarktung, aber auch um Freundschaft und Liebe und Verbindungen, die ein Leben lang halten. Sadie Green und Sam Masur lernen sich im Krankenhaus als Kinder kennen, als Sam sich schwerverletzt von einem Unfall erholen muss, bei dem seine Mutter starb.
Sadie besucht ihre krebskranke ältere Schwester Alice. Sadie verbringt mehr als 600 Stunden mit Sam, bringt ihn wieder zum Sprechen und spielt vor allem immer wieder Super Mario mit ihm. Dann kommt es durch eine Intrige der eifersüchtigen Alice zum Bruch. Nach Jahren treffen sich Sadie und Sam als Studenten in Cambridge wieder und nähern sich einander wieder an. Ihre Leidenschaft gilt noch immer Spielen, und sie beschließen, zusammen ein Spiel zu entwickeln. Dieses wird ein großer Erfolg, und sie gründen die Firma Unfair Games. Außer Sadie und Sam spielen noch Sadies Dozent Dov Mizrah, mit dem sie eine problematische Beziehung hat und Marx Watanabe, ein Schauspielstudent aus reichem Haus, mit dem Sam die Wohnung teilt, eine Rolle.
Die aus wechselnder Perspektive erzählte Geschichte erstreckt sich über viele Jahre, zeichnet Rivalitäten und Konflikte nach und beschreibt die alles überstrahlende Kraft der Freundschaft. Mich hat dieser hochgelobte Roman nicht begeistert, weil mir die Welt der Spieleentwicklung mit all den Fachtermini zu fern ist und ich mit den Charakteren nicht richtig warm wurde. Außerdem mochte ich die Sprache der deutschen Version nicht. Hunderte von englischen und schlecht eingedeutschten Ausdrücken führen zu einem für Laien weitgehend unverständlichen Kauderwelsch. Gefallen hat mir die titelgebende zentrale Idee nach dem Shakespeare-Zitat aus dem berühmten Monolog von Macbeth („Tomorrow, and tomorrow and tomorrow…“), die zeigt, was Spiele so attraktiv macht: Hier kannst du immer wieder einen Neustart wagen und hast die Chance zu gewinnen, so lange du weiterspielst. Kein Verlust ist von Dauer, nichts ist endgültig, niemals. Du hast die Möglichkeit einer unendlichen Wiedergeburt und einer unendlichen Erlösung (S. 471), die das Leben nicht bietet.
Ein Ort fürs Verstecken gemacht
Wolfskinder von Vera Buck
Jakobsleiter ist ein Ort hoch in den Bergen, weit entfernt von der nächsten Ortschaft. Dort lebt seit vielen Jahren die religiöse Gemeinschaft der Täufer mit ihrem Anführer Isaiah, der den anderen weismacht, dass unten im Dorf das Böse lauert. Sie wollen mit der modernen Welt nichts zu tun haben und bleiben unter sich.
Schweigen ist hier das oberste Gebot. Die Journalistin Smilla hat in dieser Gegend zehn Jahre zuvor ihre Freundin Juli beim Campen zuletzt gesehen. Sie hat nie aufgehört, nach ihr zu suchen und sich schuldig zu fühlen. Sie sammelt alle Fälle von Frauen, die hier im Laufe der Jahre verschwunden sind und nutzt ihr Volontariat zu weiteren Recherchen. Dann verschwindet Rebekka, ein Mädchen aus der Siedlung, befreundet mit Jesse, der ebenfalls dort lebt. Wenig später wird auch Laura Bender, die Lehrerin der Dorfschule vermisst, als sie in die Berge aufbricht, um nach Rebekka zu suchen. Eines Tages begegnet Smilla ein verwahrlostes, stummes Mädchen namens Edith, das der Freundin Juli verblüffend ähnlichsieht. Ist Edith Julis Tochter? Lebt Juli am Ende noch? Im Unterschied zu Jesse und Rebekka darf die kleine Edith nicht einmal zur Schule gehen. Als durch Smillas Fund eines Videos im Archiv ihres Arbeitgebers die Medien aufmerksam werden, wird endlich auch die Polizei aktiv.
Die Autorin erzählt die von Anfang bis Ende spannende Geschichte aus sechs verschiedenen Perspektiven – Smilla, Laura, Jesse, Rebekka, Edith und Isaiah - und baut von Anfang an eine düstere, bedrohliche Atmosphäre von ständig lauernder Gefahr auf, so dass der Leser sich auf die Aufdeckung schlimmster Verbrechen gefasst macht. Einiges ahnt oder errät man, aber insgesamt birgt die Auflösung große Überraschungen. Die Charakterisierung der Figuren ist sehr gelungen, nicht zuletzt die des von Jesse geretteten und gezähmten Wolfs Freigeist, der keine unwesentliche Rolle im finalen Showdown spielt. Auch sprachlich ist der Roman durchweg gelungen. Ein erstaunliches, empfehlenswertes Thrillerdebüt.
Der mysteriöse weiße Felsen
Der weiße Fels von Anna Hope
Anna Hopes neuer Roman “Der weiße Fels“ erzählt von vier namenlosen Protagonisten, die alle eine Verbindung zu dem legendären weißen Felsen im Meer haben, der dem Ort San Blas in der Provinz Nayorit in Mexiko vorgelagert ist. Nach der Wixárika-Legende liegt hier der Ursprung der Welt und allen Lebens.
Die vier Geschichten erstrecken sich über einen Zeitraum von fast 250 Jahren. Im Corona-Jahr 2020 fährt eine Schriftstellerin mit ihrem Mann und ihrer dreijährigen Tochter, begleitet von einem Schamanen und weiteren Reisenden aus verschiedenen Ländern, in einem Van zu dem heiligen Felsen, um Opfer zu bringen als Dank für ihren mit Hilfe eines Rituals endlich erfüllten Kinderwunsch. Die zweite Episode betrifft einen berühmten Sänger, der vor der Polizei und seinen Fans flieht. Es handelt sich offensichtlich um Jim Morrison von The Doors. In der dritten Geschichte geht es um zwei Mädchen aus dem Stamm der Yoemi, die im Jahr 1907 von Soldaten aus ihrem Bergdorf entführt und als Sklavinnen verkauft werden sollen. Im Jahr 1775 erleidet ein spanischer Marineooffizier, der im Auftrag seines Königs die amerikanische Westküste erforschen und Kalifornien kartieren soll, einen Zusammenbruch. Er wird verhaftet und eingesperrt.
Der Berührungspunkt der vier Episoden ist der heilige Felsen. Allerdings sind sie nur locker verknüpft und nicht alle gleich gut gelungen, was die Charakterisierung der Figuren und die Handlungselemente betrifft. Die Schriftstellerin – hier sind autobiografische Elemente erkennbar – will ein Buch über die Geschichte des Felsens und der Region schreiben. Sie ist sich nicht sicher, ob es nicht auch eine Form der Aneignung ist, wenn sie durch eine Veröffentlichung die Verbrechen der Kolonialmächte mit all dem von ihnen verursachten Leid zum eigenen Vorteil verwertet, wie die Vorfahren Land, Bodenschätze und Kultur der indigenen Völker skrupellos ausgeschlachtet haben. Die Schriftstellerin befindet sich in mehrfacher Hinsicht in der Krise: ihre Ehe ist am Ende, weil ihr Mann sie immer wieder betrügt, und angesichts des Klimawandels sieht sie auch die größere Welt als unrettbar verloren an, was bedeutet, dass ihre geliebte Tochter vielleicht keine Zukunft hat.
Mich hat der ungewöhnliche Roman weniger überzeugt als “Was wir sind“. Für mich ist er ein interessantes, aber nicht ganz gelungenes Experiment, weil die vier Geschichten und ihr Personal nur lose verknüpft sind und der Roman kein richtiges Ende hat.
Was wären wir ohne den Trost der Bücher?
Die Bibliothek der Hoffnung von Kate Thompson
“Die Bibliothek der Hoffnung“ ist ein historischer Roman über das letzte Jahr des Zweiten Weltkriegs in London. In der noch nicht fertiggestellten U-Bahnstation Bethnal Green finden die Menschen Zuflucht vor den deutschen Fliegerbomben. Es gibt Schlafkojen für 5000 Menschen, aber auch einen Kindergarten, ein Café, ein Theater und ärztliche Versorgung.
Vor allem aber hat die Bibliothekarin der zerstörten oberirdischen Bibliothek Tausende von Büchern gerettet und in dem Tunnel eine Leihbibliothek eingerichtet. Clara Button und ihre Freundin Ruby Monroe helfen den Menschen, den Mut und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht zu verlieren. Sie stärken ihr Durchhaltevermögen und sind gleichzeitig so etwas wie Sozialarbeiterinnen und Kummerkastentanten, weil sie zuhören und Trost spenden, wenn die Menschen mit ihrem Schmerz und ihrer Trauer zu ihnen kommen. Clara und Ruby müssen ebenfalls schmerzliche Verlusterfahrungen verarbeiten und begegnen den Menschen mit viel Empathie. Dabei müssen sie sich immer wieder gegen die Einmischungen ihres arroganten Vorgesetzten wehren, der das Büchersortiment zensiert, so dass Frauen nicht auf „dumme“ Gedanken kommen und den unteren sozialen Schichten den Zugang zur Bibliothek verwehren will.
Die Geschichte wird mit kapitelweise wechselnden Überschriften „Clara“ und „Ruby“ erzählt, sodass die Perspektive und Lebensumstände der beiden Freundinnen zur Sprache kommen. Ich habe diesen auf Tatsachen beruhenden, sehr warmherzig geschriebenen Roman gern gelesen, auch wenn er nicht frei von Längen ist. Seine Botschaft spricht begeisterte Leser/innen besonders an: Bücher können dein Leben retten oder zumindest entscheidend verändern. Sie sollten jedem ungeachtet seiner Herkunft und Bildung zugänglich sein. Dabei ist dieser Roman kein Wohlfühlbuch, in dem einfach nur alles am Ende gut wird. Die Autorin schildert auch Kriegsgräuel und die Verbrechen in den Konzentrationslagern gut informiert und authentisch. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.
Young Mungo wird zum Mann
Young Mungo von Douglas Stuart
Mungo Hamilton, 15 wächst in den 90er Jahren in einem verarmten Arbeiterviertel im East End von Glasgow in einer kaputten Familie auf. Seine Mutter Maureen genannt Mo-Maw ist Alkoholikerin und verschwindet immer wieder unangekündigt für Tage oder Wochen auf der Suche nach Alkoholexzessen oder Männerbekanntschaften, ohne einen Gedanken an ihren vaterlosen Nachwuchs zu verschwenden.
Mungos ein Jahr ältere Schwester Jodie kümmert sich verantwortungsbewusst um ihn, während sein fünf Jahre älterer Bruder Hamish genannt Ha-Ha, der gewalttätige Anführer der Prodders, einer protestantischen Jugendgang, einen Mann aus ihm machen will, indem er ihn zur Teilnahme an lebensgefährlichen Auseinandersetzungen mit den katholischen Fenians zwingen will, denn Mungo ist zu hübsch, zu zart und schüchtern. Eines Tages lernt Mungo den etwas älteren James Jamieson aus dem Haus gegenüber kennen, der Tauben in einem Taubenschlag in der Nähe hält. Die Beiden kommen sich näher, verlieben sich schließlich in einander. Damit bricht Mungo ein doppeltes Tabu: Homosexualität wird genauso wenig toleriert wie der Umgang von Protestanten mit Katholiken. In einem zweiten Handlungsstrang schickt Maureen ihren Sohn mit zwei Männern, die sie flüchtig von ihren Treffen bei den Anonymen Alkoholikern kennt, auf einen Ausflug in die schottische Wildnis und bringt ihn damit in Lebensgefahr. Auch Hamish wird aktiv und will mit äußerster Gewaltanwendung der Freundschaft zwischen Jamie und Mungo ein Ende setzen.
Für den Leser ist die zeitliche Orientierung nicht einfach, denn er muss die Geschehnisse „Im Januar davor“ von denen „Im Mai danach“ gedanklich trennen. Die beiden Handlungsstränge werden erst am Ende zusammengeführt. Der Roman erzählt eine Liebesgeschichte, aber er enthält so viele brutale und derbe Szenen, dass es auch wegen teilweise drastischer Formulierungen schwer zu ertragen ist. Allein das halbwegs hoffnungsvolle Ende versöhnt den Leser mit dieser Darstellung eines homophoben, extrem gewaltbereiten Milieus, das durch Margaret Thatchers Stilllegung der schottischen Schwerindustrie seiner Existenzgrundlage beraubt wurde. Ein ungewöhnlicher Roman, nicht frei von Redundanzen und Längen, aber sicher lesenswert.
Das Leben sichtbar und verständlich machen
Das glückliche Geheimnis von Arno Geiger
In „Das glückliche Geheimnis“ erzählt Arno Geiger, dass er etwa 25 Jahre lang fast jede Woche einmal frühmorgens durch Wien zog und Paper-Container durchsuchte. Er fand große Mengen von Büchern, die er teilweise las, zum Teil weiterverkaufte, in Auktionshäusern, wenn sie wertvoll waren, oder auf Flohmärkten.
Er fand auch alte Druckgrafiken, Brief-Konvolute Tagebücher, alte Postkarten und historische Wertpapiere. Anfangs war er als Schriftsteller weder erfolgreich noch bekannt und bestritt damit seinen Lebensunterhalt. Er setzte seine Runden aber auch noch fort, als er sein Roman „Es geht uns gut“ 2005 mit mehreren Buchpreisen ausgezeichnet wurde. Inzwischen schämte er sich nicht mehr dafür, obwohl das Risiko, erkannt zu werden, inzwischen erheblich gestiegen war. Ein Schriftsteller, der kopfüber in riesigen Container hängt und sein Tagewerk verdreckt und oft verletzt beendet, ist schon ungewöhnlich. Dass er sein glückliches Geheimnis nun öffentlich macht, bedeutet das Ende dieser Tätigkeit. Er betrachtet diese Phase seines Lebens als abgeschlossen.
Was hat ihm dieses jahrzehntelange „Containern“ gebracht? Durch die Lektüre von Tausenden von Briefen und unzähligen Tagebüchern erhält er Einblick in verschiedene Milieus, lernt nicht nur private Schicksale, sondern die Menschen allgemein und auch sich selbst besser kennen. Er erweitert seinen Horizont und hat eine nie versiegende Inspirationsquelle. Müll ist also nicht nur ein wiederverwertbarer Rohstoff, sondern auch eine kulturelle Ressource.
Neben seiner sehr speziellen Abfallverwertung behandelt der Autor auch eine Reihe anderer Themen. Der Leser erfährt, wie lang der Weg bis zum erfolgreichen Schriftsteller war. Der Autor porträtiert seine Eltern und sein Verhältnis zu ihnen und schreibt sehr detailliert über seine Frauengeschichten, nicht nur über die Beziehung zu K., der Liebe seines Lebens. Diese Passagen finde ich weniger gelungen, vor allem überwiegend entbehrlich. Ansonsten habe ich das Buch gern gelesen, vor allem wegen der gehaltvollen Umsetzung seines Anspruchs, in der Literatur das Leben sichtbar und verständlich zu machen. Nicht sein bestes Buch, aber lesenswert.











