Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Iris Tscharf (schurken.blog):
Ein Psychothriller für Gewinner! Unterhaltsam, spannend, gut recherchiert!
Es geht ab auf den Kiez. Doch nur kurz, weil Kilian Kaiser die beiden erfolgreichsten Hamburger Ermittler, Alexander Dornfeld und Daniel Schwarzer, in einer Bar auf St. Pauli aufstöbert. Als Kaiser sie bittet, den Selbstmord seiner Freundin Emilia zu untersuchen, klingt zuerst alles nach Hirngespinsten eines Trauernden.
Doch schon bald stellt sich heraus: Dahinter verbirgt sich ein gefährliches Spiel, das sich im Internet rasant ausbreitet. Immer mehr Selbstmordvideos tauchen unter den Hashtags #thisisforthewinners und #EinSpielfürGewinner auf. Als sich dann auch ein Elfjähriger das Leben nimmt, ist allen klar: Der Spielemacher muss gefunden werden.
Der Thriller entwickelt sich nicht nur zu einem Pageturner, sondern auch zu einer interessanten Entdeckungstour für Leser, die mehr zwischen den Zeilen und in Themen suchen als pure Unterhaltung. Das fängt schon mit der Namensgebung an: "Ein Spiel für Gewinner". Wer gewinnt, wenn man eigentlich durch den eigenen Tod alles verliert? Ansichtssache? Selbst der Name des Spielemachers lässt vieles vermuten, denn auch dieser existierte in der realen Welt und weist Parallelen zum fiktiven Bösewicht auf.
Es sind die kleinen Details, die einen Mehrwert beim Lesen erzeugen: Kleine Winks zur realen Welt, wie zu einer Internet-Challenge namens "Blue Whale Game", das 2016 als Hoax seinen Anfang nahm. Oder auch die Frage, wen man jagt, wenn es eigentlich laut Gesetz keinen Straftäter gibt?
Das macht den Thriller sehr interessant zu lesen. Die beiden Autorinnen haben wirklich sehr gute Recherchearbeit geleistet und dies unterhaltsam in eine spannende Geschichte verpackt.
Auch die Figuren sind teils schillernd, auf alle Fälle aber auf ihre Art außergewöhnlich. Kaiser, der vom Junkie zum Racheengel wird, Alex, der Ermittler, der alleinerziehend ist, dessen Trennungsgrund von seiner Frau aber wiederum ungewöhnlich ist. Lila oder grün gefärbte Haare bei Figuren, die selbst durch dieses ungewöhnliche äußere Erscheinungsbild nichts von ihrer Glaubwürdigkeit einbüßen, im Gegenteil, sie erhalten Kontur.
Und so geht es von Anfang bis zum Ende. Eine Entdeckungstour auf die spannende, unterhaltsame Art für den Leser. Zumindest der Leser ist auf alle Fälle ein Gewinner dieses psychologischen Spiels. Lesetipp!
Klassischer Polizeiroman, der Rassismus in geballter Form zeigt. Schwarz oder weiß?
Darktown von Thomas Mullen
Es ist eine Welt der Weißen, ein System der Weißen, eine Stadt, die von weißen Männern dominiert wird.
Atlanta, 1948. Um die Stimmen der "Schwarzen" zu bekommen, verspricht Bürgermeisterkandidat Hartsfield der Bevölkerung eine "schwarze Polizeieinheit". So kommt Atlanta zur ersten "Negro-Einheit", zu der auch Lucius Boggs, der Sohn des Predigers gehört.
Doch in einem Land, in der Rassismus allgegenwärtig ist, darf man sich nicht vorstellen, dass damit Rassismus abgeschafft wird. Denn selbst schwarze Polizisten werden von ihren weißen Kollegen tagtäglich rassistisch behandelt.
Die "Negro-Streifenpolizisten" werden natürlich separat in einem Keller untergebracht, mit einer eigens für Schwarze bereitgestellten Bibel vereidigt, sie dürfen nur den Dienstboten- oder Hintereingang benutzen, und selbstverständlich dürfen sie keine weißen Bürger verhaften.
Auf den Straßen selbst geht es weiterhin verdammt gewalttätig zu: Nach wie vor verprügeln weiße Polizisten schwarze Bürger wegen Nichtigkeiten, zwingen ihnen bei Verhören gewalttätig Geständnisse ab, erpressen und verjagen sie, und manchmal hat man als Leser das Gefühl, dass einige der Farbigen längst resigniert haben. Das ist erschreckend, weil es verständlich ist, warum sie um jeden Preis nicht auffallen wollen.
Boggs und sein impulsiver Partner Smith kommen zu einem Unfall. Ein betrunkener Weißer hat einen Laternenpfahl gerammt. Da sie den Fahrer nicht verhaften dürfen, rufen sie eine weiße Streife hinzu.
Ausgerechnet der durch und durch gewaltbereite, rassistische Dunlow ist ihm Dienst und kommt mit seinem neuen Partner, einem Frischling, Rakestraw hinzu. Er lässt den Fahrer straffrei laufen und kümmert sich auch nicht um die junge, schwarze Frau, die scheinbar verprügelt auf dem Beifahrersitz sitzt.
Als die Leiche der jungen Frau auftaucht, bemerkt Boggs, dass sein Bericht gefälscht wurde. Und niemanden interessiert eine tote Schwarze.
Im klassischen Stil entwickelt sich nun die Geschichte weiter. Boggs will den Fall lösen, den Mörder finden, bringt sich dadurch selbst in Gefahr und muss Gesetze übertreten. An seiner Seite kämpft Smith, der sich nicht immer unter Kontrolle hat und auf dessen Hilfe Boggs im weiteren Verlauf angewiesen ist. Auch die Annäherung zwischen einem schwarzen und weißen Polizisten ist vorhersehbar. Die Grenzen überschneiden sich.
Das ist ein klassischer Polizeiroman, der sich deswegen manchmal leider etwas verstaubt anfühlt, auch wenn es zum Setting der 40er Jahre passt.
Nichtsdestotrotz hat Mullen hier einen Roman abgeliefert, der durch das Thema für Schrecken und Bedrängnisgefühle beim Lesen sorgt. Auch wenn die Geschichte einen Zeitabschnitt aus der Vergangenheit zeigt, ist sie (leider) nach wie vor aktuell. Denn die Meldungen in den Medien sind auch heute noch voll von Polizeigewalt gegen die farbige Bevölkerung. Schon das macht den Roman zu einem wichtigen Buch, dem man viele Leser wünscht.
Mullen hat hier wirklich Rassismus in geballter Form geliefert, der wohl jeden Leser zum Nachdenken anregen wird. Dieser Roman ist Rassismus pur und steckt in jedem Detail (die Blicke der Farbigen auf Weiße, die auf Brusthöhe enden, denn alles andere wird als unsittlich eingestuft, z. B.). Diese erschreckende weiße Macht, die in diesem Buch auf jeder einzelnen Seite - von Anfang bis zum Ende - gezeigt wird, liest sich erschreckend, real, und wie ein Mahnmal.
Ein Lesetipp für Leser, die klassische Polizeiromane mögen und an alle, die sich mit Rassismus auseinandersetzen möchten.
Ein politischer Krimi, der unterhält.
Wo Rauch ist von Gudrun Lerchbaum
Der türkischstämmige Journalist Can Toprak ist tot. Angeblich ein anaphylaktischer Schock. Doch Olga Schattenberg glaubt diese Version des Todes nicht. Denn Cans Ex weiß, dass der Journalist brisante Recherchen geführt hat, die mit dem türkischen Geheimdienst und der österreichischen rechten Szene zu tun hatten.
Nun sitzt aber Olga Schattenberg im Rollstuhl. MS. Mitleid erträgt sie aber gar nicht, im Gegenteil, die Frau ist alles andere als zimperlich und fährt auch schon mal absichtlich falsch geparkte Autos an.
Vielleicht passt auch deswegen Kiki so gut zu ihr. Die gerade erst aus dem Gefängnis entlassen wurde und nun bei Olga einen Job gefunden hat. Und Adrian Roth, der Grabredner ist auch mit von der Partie, wenn auch recht unbeholfen und unglücklich er in diesem Fall einbezogen wird. Aber irgendwie scheint Olga ihn in den Bann gezogen zu haben.
Dieses bunte Trio mischt nun ordentlich auf. Und das liest sich sehr unterhaltsam, mit viel Humor und einem Schmunzeln.
Der Hintergrund ist politisch brisant, denn da werden Fäden gesponnen, die es hoffentlich in Wirklich nie geben wird, die aber im Bereich des Möglichen wären. Da wird auch mal angeprangert, Religion und Homosexualität, Steuerung der rechten Szene durch Geheimdienste, Überwachung der Bürger und wer den Mund aufmacht, diese Spielchen aufzudecken droht, wird ausgeschaltet.
Das gibt diesem unterhaltsamen Krimi seine Ernsthaftigkeit zurück. Und doch liest man dieses Buch immer mit einem Schmunzeln. Denn Olga, Kiki und Adrian sind ein ganz besonderes Gespann. Und darf gerne nochmals eingespannt werden, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen.
Brutale, düstere, blutige Revolverstory!
Zum Leben verdammt von Daniel Woodrell
Man sagt, hinter jeder Lüge steckt ein Fünkchen Wahrheit. Und vielleicht gehört zu einem richtig guten Roman auch ein Funke Realität. Denn real ist der Hintergrund zu „Zum Leben verdammt“, der sich um den Sezessionskrieg der Vereinigten Staaten von Amerika dreht. Dieses brutale Stück Zeitgeschichte zeigt nämlich Daniel Woodrell in diesem Buch.
Und dabei geht es nicht zimperlich zu, denn die Revolverstory ist durchsiebt von Kugeln und durchtränkt mit Blut.
Beinahe fängt die Geschichte idyllisch an. Missouri im Jahr 1861, zwischen Hügeln und Tälern, Hickorywäldchen und Hornsträuchern reiten ein paar Jungs mit ihren Pferden umher und atmen frischen Frühlingsduft. Doch das hält nur wenige Zeilen an, dann geht es schon zur Sache, genauer gesagt zu einer Pappel, wo kurz darauf ein Strick mit 13 Wicklungen einen erhängten Familienvater baumeln lässt.
Die Jungs sind nämlich alles andere als junge Reiter, die die Gegend genießen. Die Jungs stecken in yankeeblauen Tarnuniformen und kämpfen unter dem Banner der Schwarzen Fahne für eine Rebellengruppe namens First Kansas Irregulars. Denn hier in Missouri herrscht Krieg. Die Männer des Nordens kämpfen gegen die Männer des Südens.
Ein Mann des Südens ist auch der Ich-Erzähler Jake Roedel, der blindlings seinem Fastbruder Jack Bull folgt.
Es folgt eine Geschichte des Krieges, der Gewalt, der Unmenschlichkeit, des Misstrauens, des Blutes. Freunde werden zu Feinden, Frauen zu Witwen und Kinder zu Waisen. Einen Hauch Menschlichkeit gibt es in Form von Briefen, die Roedel bei sich trägt und seinen Rebellenmitgliedern vorliest. Ein paar geschriebene Worte der Sehnsucht, der Hoffnung, die dieses Gemetzel kurz innehalten lässt, bevor es weiter geht in die nächste Stadt, zum nächsten Blutrausch.
Diese Gewaltspirale steigert sich immer mehr und artet schließlich aus. Irgendwann stellt sich die Frage, wofür man überhaupt kämpft. Ob dieser Kampf jemals ein Ende finden kann. Ob es Freiheit wirklich gibt. Irgendwo. Weiter weg.
Woodrell hat hier ein Stück Zeitgeschichte beeindruckend in eine fiktionale Geschichte verarbeitet, die nüchtern erzählt ist, aber gerade dadurch nachdenklich macht. Wie sinnlos Krieg ist, wird hier bildhaft gezeigt. Es ist kein Wohlfühlroman, sondern eine Revolvergeschichte der Antihelden. Aber die ist richtig gut erzählt. Lesetipp!
Träge, sperrige, spannungslose, sich wiederholende Handlung im atmosphärenlosen 20er-Jahre Setting
Chicago von Mamet David
Mike Hodge, ehemaliger Kampfpilot im Ersten Weltkrieg, arbeitet inzwischen bei der Chicago Tribune. Chicago in den 20er-Jahren wird von den Mafiaclans Al Capone und Dion O'Banions regiert. Es ist zudem die Zeit des Rassismus und der Prohibition.
Verbotenerweise ist Mike in Annie verliebt, eine Irin.
Die wird dann kurzerhand abgemurkst und Mike versinkt in Kummer und Trauer und der Suche nach dem Täter.
Seine Nachforschungen führen ihn zu den Mafiaclans und reichen bis zur IRA.
Nur ist die ganze Story leider sehr sperrig, sehr langatmig, sich ständig wiederholend und total spannungsfrei erzählt.
Das fängt schon mit den zwei ständig philosophierenden Reportern Mike und Parlow an. Die Gespräche drehen sich im Kreis, die Fragen, die Antworten, alles ein Kreis, der ständig wiederholt und nie endet. Das ist alles andere als interessant zu lesen. Das ist pure Langweile, zumal auch die Sprache ziemlich sperrig daherkommt. Noch dazu führt diese sperrige Sprache zu keinem Gefühl eines 20er-Jahre Settings. Es kommt einfach keine 20er-Jahre-Atmosphäre auf, in die man als Leser eintauchen könnte.
Die einzige interessante Figur, eine Puffmutter namens Peekaboo, kann den Roman auch nicht retten, auch wenn sie wenigstens ein bisschen ein Gefühl für die 20er-Jahre aus Sicht einer Farbigen einbringen kann.
Für mich ist die Buchbeschreibung um Weiten besser als die Story selbst. Sehr schade.
Eine gelungene Coming-of-Age-Story mit Young-Gangsters on Tour im Noir-Stil. Lesetipp!
Dodgers von Beverly Bill
Als die Polizei in die Straße stürmt, ist von einer Sekunde auf die andere alles anders: Der 15-jährige East verliert sein Crackhaus, das er mit ein paar Ghettojungs seit zwei Jahren bewacht hat, während vor seinen Augen ein Mädchen durch einen Schuss sein Leben verliert.
Von seinem Boss Fin bekommt er einen neuen Auftrag, einen tödlichen, einen Auftragsmord.
East muss mit dem Möchtegern-Witzbold Michael Wilson, dem schlauen Walter und seinem Ist-mir-alles-scheißegal-Bruder Ty einen Zeugen umbringen. Dazu müssen die vier afroamerikanischen Jungs 3000 Kilometer quer durch die USA bis nach Wisconsin fahren.
Auf der Fahrt läuft alles schief, was so schief laufen kann. Die Jungs sind zum Teil selbst daran schuld, denn zum ersten Mal in der großen weiten Welt außerhalb von The Boxes, gibt es eine Menge zu sehen und zu entdecken. Die bunten Lichter Las Vegas, die Kälte des Hinterlandes, ein Telefonhäuschen, …
Was wie ein Roadtrip beginnt, entpuppt sich dann doch als Coming-Of-Age-Story, denn besonders East lernt viel während der Fahrt und man spürt beim Lesen diese innere Hin- und Hergerissenheit, eines Jungen, der nach seinem Weg, seinen Platz im Leben, nach richtig und falsch sucht.
Obwohl East ein Gangmitglied ist, der kein Problem damit hat, seine Waffe auch zu nutzen, spürt man den kleinen unschuldigen Jungen in ihn, der die Welt nur aus der Gangsterperspektive sieht und sich doch nach einem ganz normalen Leben sehnt.
Das macht das Buch dann doch emotional zu lesen, denn als Leser wünscht man East einen Ausweg. Doch Bill Beverly schreibt im Noir-Stil und Noir heißt auch, dass Happyends unerreichbar sind, denn das Leben spielt üble Spiele.
Ein sehr gelungener Coming-of-Age-Roman im Noir-Stil, der Young-Gangsters on Tour schickt und den Leser an der Seite von East im Lebenssumpf versinken lässt. Lesetipp für Noir-Fans und Coming-of-Age-Leser!
Ein rasanter Pageturner über den schlimmsten Albtraum, den eine Mutter durchleben kann
Ohne Spur von Haylen Beck
Silver Water klingt ja richtig niedlich, entspannend und hat von all dem nichts. Silver Water ist ein böser Ort mit heruntergekommenen Häusern, verbarrikadierten Fenstern und einem richtig fiesen Sheriff. Wer kann, meidet den Ort.
Genau hier wird Audra Kinney vom Sheriff angehalten. Ihre beiden Kinder sitzen im Auto, während Sheriff Whiteside die Mutter verhaftet.
Deputy Collins holt die Kinder ab, bringt sie an einen "sicheren Ort", während Audra auch an einen "sicheren Ort" verfrachtet wird, nämlich direkt in die Zelle. Als sie nach ihren Kindern fragt, fragt Whiteside zurück: "Was für Kinder?"
Der Albtraum beginnt. Für die Mutter und für die Kinder. Denn niemand glaubt ihr, dass der Sheriff ihre Kinder entführt hat, schlimmer: Alle glauben, dass Audra selbst ihre Kinder irgendwo in der Wüste verscharrt hat.
Und die Kinder? Die kämpfen draußen gegen die Großen, denn man hat schlimmes mit ihnen vor.
Trotz des wirklich ernsten Themas liest sich der Thriller rasant und kurzweilig. Er geht nicht zu sehr in die Tiefe, so dass man ihn als Unterhaltungsthriller einstufen kann. Als Leser galoppiert man durch die Seiten, wird von Anfang an mit der erschreckenden Story mitgerissen und bis zum Ende gefesselt.
Auch der Hintergrund der Familie ist interessant, denn Audra hat schon eine schwierige Ehe hinter sich und flüchtet nicht umsonst vor dieser Familie. Trotz all dem ist es kein Thriller, der einen im Herz berührt, sondern ein Thriller, der für unterhaltsame Lesestunden sorgt und einen durch den rasanten Aufbau bis zum Ende nicht mehr loslässt.
Ein Lesetipp für Thrillerliebhaber für verregnete Herbsttage!
Romeo und Julia als schweizerisches Krimikammerspiel
Quittengrab von Gabriela Kasperski
Danz Weisz liegt im Koma. Der Autor wurde im Zürcher Schauspielhaus zusammengeschlagen. Da die Lesung so ein richtiges Spektakel ist, schließt Commissario Meier eine schiefgelaufene PR-Kampagne dahinter nicht aus. Doch dann tauchen terroristische Videobotschaften im Internet auf und da der Autor jüdische Wurzeln hat, zieht die Kantonspolizei Zürich Oberland auch eine rechtsradikale Tat nicht aus.
Doch der Fall wird noch verworrener. Im Publikum sitzen alte Jugendfreunde des Autors und auch der Literaturkritiker Lippert, der Weisz Texte seit jeher verreisst, wird in der Nähe gesichtet. Verdächtige, wohin man schaut.
Doch eigentlich ist das gar nicht Meiers Fall. Er unterstützt nur seine Kollegin Beanie, denn er selbst muss klären, ob die aufgetauchten Babyknochen keltischen Ursprungs sind oder jünger. Und da Meier nicht überall sein kann, übernimmt seine Freundin Zita die Nachforschungen in Weisz' Umfeld in London, während er einen auf alleinerziehenden vollberufstätigen Papa macht, das ihn natürlich nicht ganz so leicht gelingt. So neben den Jobs.
Anfangs fordert die Autorin ihre Leser wirklich heraus. Da gibt es viele Figuren. Massenweise. Und alle haben ihren Auftritt, ihre Szenen, die wechseln, wechseln, wechseln. Als Leser ist man bald genauso verwirrt wie die Polizisten von dem undurchsichtigen Fall.
Doch irgendwann, wenn man durchhält, blickt man bei den vielen Figuren doch durch und wird belohnt mit einer ungewöhnlichen Geschichte, die an Romeo und Julia erinnert. Nur auf schweizerische Art, denn der Humor fehlt hier wirklich nicht. Die Truppe ist so eigen, dass man sich bald wie in einer großen Familie fühlt. Und da werden alte Geheimnisse und Verbindungen ausgegraben, die am Ende alle zusammenlaufen. Und das macht beim Lesen Spaß, man muss nur den Anfang durchhalten. Es zahlt sich aus. Am Ende gibt es wie bei jedem großen Spektakel eine Zugabe: Es wird verraten, welche Kinder das Fundament für den Weltfrieden sind. Wenn sie überleben.
Unzensierter Spiegel unserer Zeit in einen stellenweise derben Thriller gepackt. Lesetipp!
Feinde von Susanne Saygin
In Köln werden zwei Getötete in morbider Stellung gefunden. Schnell stellt sich heraus, dass es sich um zwei Roma-Jungs handelt, die vom Arbeiterstrich gekommen sind. Doch die anderen Roma schweigen.
Der 46-jährige Can Arat bringt einen Jungen dazu, doch auszupacken. Gemeinsam mit seiner Chefin sind sie einem Menschenhandel auf der Spur, der in politisch hohe Kreise reicht und kaum Aussicht bietet, den Schuldigen zu bestrafen.
Doch Can lässt sich nicht einschüchtern und ermittelt privat weiter. Dazu fährt er bis nach Bulgarien, die Route der Roma-Arbeiterstrichjungen.
Susanne Saygin hat mit "Feinde" nicht nur einen spannenden, erschreckenden Thriller geschrieben, der - bis auf ein paar Stellen der Nebensächlichkeiten, die die Handlung etwas stocken lassen - unterhaltsam zu lesen ist, sondern greift mit diesem Buch wirklich heiße Eisen an.
Denn zwischen den Zeilen steckt wahnsinnig viel Kritik und die tretet nach allen Seiten aus. Die Rechten kommen verständlicherweise nicht gut weg, sie werden als hirnlose Schlägertypen in Chinohosen gezeigt. Aber auch die Linken bekommen einiges vor dem Bug: Denn Saygin zeigt, dass es mit Gutmenschentum nicht getan ist, dass das Problem der Migration- und Flüchtlingspolitik hausgemacht und gewollt ist , und viel tiefer sitzt. Dass EU-Subventionen die Armut fördern und überhaupt, dass wir alle mal nachdenken und genauer hinsehen sollten. Denn wenn sich zwei streiten, freut sich bekanntlich der Dritte. Und der macht aus Armut richtig viel Kohle. Hier in "Feinde" sind es die Roma, die auf der Strecke bleiben oder tot auf dieser Balkanroute aufgefunden werden. Oder eben in Köln.
Ein sehr mutiges Buch über ein absolut wichtiges Thema, das tief blicken lässt und so einiges erklärt. Und dazu noch sehr unterhaltsam zu lesen, denn dieser Can ist eine coole Socke, könnte man sagen. Und dass er auf Alleingang macht, macht ihn noch sympathischer. Dazu noch diese unzensierte Sprache zwischendurch (seine Chefin Simone wird als "Kampflesbe" bezeichnet, die Roma als "Zigeunersoße", Can selbst als "Kanake") macht diesen Thriller erschreckend lebendig und etwas derb zu lesen.
Für mich das wahrscheinlich wichtigste Buch des Jahres im Krimiregal. Lesen!
Hardboiled-Crime mit trockenem Humor
Dann sei wenigstens vorsichtig von Ross Thomas
Ross Thomas ist einer der richtig großen Hardboiled-Klassiker-Autoren. Mit seiner McCorkle & Padillo - Reihe und Wu & Durant -Reihe konnte er schon einige Leser, auch mich, sehr überzeugen.
In "Dann sei wenigstens vorsichtig" geht es weniger politisch zu als anfangs vermutet, denn hier wird im Umfeld eines Politikers schmutzige, familiäre Wäsche gewaschen.
Der Ich-Erzähler Decatur "Deke" Lucas ist ein typischer Hardboiled-Antiheld. Eigentlich ist er Historiker, doch hauptsächlich - zumindest zwischendurch - als Bundesschnüffler unterwegs. Einen Schnüffeljob bekommt er nun auch von dem meistgefürchtesten Mann Washingtons: dem Kolumnisten Frank Size. Der hat über den Senator Robert Ames geschrieben, in dem er ihn der Bestechung bezichtigt. Auch wenn es ihm normalerweise ziemlich egal ist, ob seine Kolumnen der Wahrheit entsprechen oder nicht, dieser Fall hier macht ihn neugierig. Denn der Senator hätte das Geld keinesfalls nötig. Also soll Deke herausfinden, was dahinter steckt.
Hardboiled macht sich nun Deke daran, herauszufinden, was dahinter steckt. Blöd nur, dass seine Zeugen in Rauch aufgehen oder durchlöchert auf dem Asphalt liegen. Deke, der bei diesen Morden selbst Zeuge ist, nimmt das ziemlich gelassen hin. Total ausgekochter Typ, dieser Deke, der natürlich viel trinkt und eine seltsame Nicht-Beziehung führt!
Doch Ross Thomas wäscht hier nicht politisch schmutzige Wäsche, vielleicht nur etwas am Rande, sondern fasst eher familiäre alte Unterwäsche an. Und die haben ziemlich viele Fäden, die erst gegen Ende aufgelöst werden und teilweise ziemlich viel Dreck mit sich ziehen. All das erzählt er in Hardboiled-Manier und würzt mit trockenem Humor die Handlung. Das liest sich gut, wenn auch nicht ganz so gut wie die oben erwähnten Reihen, aber Krimi-Insider werden diesen Hardboiled-Polit-Presse-Krimi mit Genuss lesen.
Ross Thomas ist eine Größe für sich. Und diese Größe darf in keinem Krimi-Liebhaber-Regal fehlen. Ein Krimitipp für Krimi-Insider!










