Persönliche Lese- tipps
Markus Renk empfiehlt:
Reise mit zwei Unbekannten
Reise mit zwei Unbekannten von Brisby Zoe
Die Romane Der Hundertjährige,
der aus dem Fenster stieg
und verschwand und Tschick
haben wohl als Grundlage
für dieses Buch gedient,denn
Brisby steckt eine alte Frau,
die trotz ihrer optimistischen
Lebenshaltung sterben will, und
einen vor Liebeskummer depressiven
jungen Mann in einen
Renault Twingo und schickt
sie von Paris nach Brüssel.
Da
die alte Dame vom Seniorenheim
ausgebüxt ist, wird sie
von der Polizei gesucht. Das
Abenteuer beginnt. Ein Buch
voller Lebensweisheiten und
Situationskomik.
Robert Renk empfiehlt:
Der letzte Mensch
Der letzte Mensch von Mary Wollstonecraft Shelley
Was für eine Autorin! Mit
Frankenstein (1818) hat sie nicht
nur den Horrorroman mitbegründet
und genial die Dualität
des technischen Fortschritts
behandelt, nun lernen wir, dass
sie auch für die erste Dystopie
der Weltliteratur verantwortlich
ist! Noch dazu ein Pandemieroman,
denn im 21.
Jahrhundert
breitet sich über Griechenland
eine neue Pest aus – mit
verheerenden Auswirkungen
auf Menschheit, Politik und
Wirtschaft. Mehr up to date
kann man wirklich nicht sein,
wenn man 1797 geboren wurde.
Großartig!
Bogners Abgang
Bogners Abgang von Hans Platzgumer
Ein Unfall in der Innsbrucker
Leopoldstraße, ein verletzter
Fußgänger und eine Fahrerflucht:
Hans Platzgumer setzt
in seinen Romanen gern
existenzielle Fragen in Szene.
In Bogners Abgang dreht sich,
ausgehend von dem nächtlichen
Zusammenstoß, alles um Begriffe
wie Schuld und Einstehen
für persönliches Versagen.
Wird
Bogner, Typ „gescheiterter, sich
unverstanden fühlender Künstler“,
die Verantwortung für sein
Tun übernehmen? Platzgumer
fordert seine Leser*innen zum
Mit- und Nachdenken auf.
Orangen für Dostojewskij
Orangen für Dostojewskij von Michael Dangl
„Was hatte ihm das Schicksal
in den letzten vierundzwanzig
Stunden in die Hände gelegt,
dachte Dostojewskij … Vom
Größten der Musikzunft zu
einer Zusammenarbeit eingeladen“.
Die angedachte Casanova-
Oper hat es nie gegeben,
aber möglich wär’s schon: Hier
trifft der große Schwermütige
jedenfalls auf den großen
Lebenslustigen, Rossini, und die
lichtdurchflutete Serenissima,
Venedig.
Sie werden für ihn
Lebensquell und Jungbrunnen.
Historischer Roman und
Künstlerbiographie in einem:
grandios!
Junischnee
Junischnee von Ljuba Arnautovic
Arnautovic erzählt die Geschichte
ihres Vaters. Eines
Lebens, das von politischen
Verfolgungen und der Suche
nach Liebe und den Wurzeln
geprägt ist. Der Vater ist ein
Kind, das trotz allem überlebt
und dabei wie vergessenes Brot
verhärtet. Nüchtern skizziert
Arnautovic Krieg, Folter, Gulag
und Verschleppung mit Hilfe
von Briefen und Verhören, um
eine Seite weiter mit poetischen
Beschreibungen des Nachkriegs-
Wiens und der russischen
Stadt Kursk zwischen 1900 und
1960 sich in Hirn und Herz zu
brennen.
Robert Renk empfiehlt:
Das Damengambit
Das Damengambit von Walter Tevis
Durch die neue Netflix-Serie
ist die Schach spielende Beth
Harmon jetzt weltweit bekannt.
Der Autor, der sie erfunden
hat, erlebt eine kleine Renaissance.
Und das ist gut so.
Nicht nur, dass er Autor von
sechs Romanen ist, von denen
mehrere hochkarätig verfilmt
wurden (Die Haie der Großstadt
mit Paul Newman, Die Farbe
des Geldes mit Tom Cruise, Der
Mann, der vom Himmel fiel mit
David Bowie), er kann auch
über Schachpartien so schreiben,
dass sie selbst für Nicht-
Schachspieler*innen enorm
spannend zu lesen sind.
Das Verschwinden der Erde
Das Verschwinden der Erde von Julia Phillips
Zwei junge Mädchen verschwinden
spurlos. Die Spurensuche
führt durch vielfältige
Leben von Frauen innerhalb
eines Patriachats, das sich
konstant und doch verschleiert
durch bekannte Sätze und
Taten zeigt. Sensibel und mit
äußerster Spannung streift Julia
Phillips durch die Landschaft
Kamtschatkas und zeigt den
Leser*innen eine durch Rassismus
gespaltene und männerdominierte
Gesellschaft.
Das
komplexe Thema wird in diesem
Buch mit Bedacht und abseits
von simplen Urteilen kraftvoll
beschrieben.
Robert Renk empfiehlt:
Literatur lesen wie ein Kenner
Literatur lesen wie ein Kenner von Hermann Kurzke
Dass ein wahrer Kenner dieses
Buch verfasst hat, daran besteht
kein Zweifel. Kurzke legt Lesenden
am Anfang ein literarisches,
fünfteiliges Besteck in
die Hand. An dieses Schema,
an Texte heranzugehen, hält er
sich strikt. Das macht die Texte
sehr gut vergleichbar, bzw.
einordenbar. Denn auch auf
die historischen Bezüge vergisst
Kurzke nicht.
Es ist auch schön
zu lesen, dass er nicht auf die
Lyrik vergisst. Und dass seine
Literatur bis Dmitry Glukhovsky
(Metro 2033) reicht, ist ja
auch nicht schlecht!
Robert Renk empfiehlt:
Der Fallmeister
Der Fallmeister von Christoph Ransmayr
Was für ein grandioser Wurf,
der wohl in der Zukunft spielt,
sich aber wunderbar archaisch
liest. Ransmayr tippt sprachgenau
in gesellschaftliche
Wunden: Stichwort regionale
Grenzen! Und er schildert eine
private Tragödie, in der der
Ich-Erzähler der Frage nachgeht,
ob sein Vater ein Mörder
ist.
Es ist auch ein Roman über
das Element Wasser, denn der
Vater ist Schleusenwärter, der
Sohn Hydrotechniker und
bei einem schlimmen Schiffsunglück
an der Schleuse ist
wohl nicht alles mit rechten
Dingen zugegangen …
Robert Renk empfiehlt:
Klara und die Sonne
Klara und die Sonne von Kazuo Ishiguro
Der neue Roman des Nobelpreisträgers
wird aus der
Perspektive einer künstliche
Intelligenz erzählt. Klara ist
diese künstliche Intelligenz, sie
soll Kinder auf dem Weg zum
Erwachsenwerden begleiten.
Die Erwartungen, die an sie
gestellt werden, sind nicht zu
erfüllen, denn sie sind menschlich,
und also nicht rational.
Gefühle nach Sinnhaftigkeit
abzuklopfen, ist ebenso sinnlos
wie wunderbar zu lesen, und
Ishiguro macht daraus einen
grandiosen, spannenden und
nachdenklich stimmenden
Roman. Berührend & entlarvend!











