Kunden em pfehlungen
Rezensionen von isa_mw:
Liebe in verschiedenen Welten
Die zweitgrößte Liebe von Ruth-Maria Thomas
Hohe Erwartungen führen häufig zu großen Enttäuschungen. Ein Satz, der einerseits die Geschichte gut zusammenfasst und außerdem dazu führte, dass ich nach 'Die schönste Version' von Ruth-Maria Thomas ein wenih Sorge vor diesem Roman hatte. Doch im Vergleich zu den Protagonist:innen wurde ich nicht enttäuscht.
Michelle könnte den Traum 'von der unterbezahlten Hotelfachkraft zur Millionärin' leben. Sie weiß, wie man mit wenig Geld und viel Verlust umgeht. In einer Phase der Selbstfindung sucht sie nicht nur sich selbst, sondern findet auch den netten, zugänglichen und scheinbar perfekt zu ihr passenden Henry. Durch ihn lernt sie nicht nur eine tiefe Liebe, sondern auch ein anderes Leben kennen: eine auf den ersten Blick funktionierende Familie, gutes und teures Essen, keine Geldsorgen und Sicherheit.
Doch was bedeutet finanzielle Absicherung, wenn die eigene Vergangenheit plötzlich keine Rolle mehr spielt? Was bedeutet Sicherheit, wenn diese von unsicheren Faktoren abhängt?
Ruth-Maria Thomas erzählt klar, präzise und dabei im richtigen Maße metaphorisch. Das Buch liest sich ebenso schnell, wie man Teil einer Beziehung wird. Doch egal wie intensiv man die Protagonistin kennenlernt - es eröffnen sich von Kapitel zu Kapitel neue Facetten. Man bekommt wichtige und präsente Themen, spannende Charaktere und mitreißende Lebensgeschichten. Eine absolute Leseempfehlung!
Ängste, Wünsche, Zukunft
Mädchen allein zu zweit von Daniela Dröscher
Obwohl ich sonst keine Jugendromane lese, wollte ich nach den sehr überzeugenden Büchern von Daniela Dröscher auch diesem 'Genre' eine Chance geben. 'Mädchen allein zu zweit' erzählt auf eine ehrliche Weiss von einer tiefen Freund:innenschaft, die einen sofort selbst an die Menschen zurückdenken lässt, mit denen man in diesem Alter Zeit verbrachte.
Issa und Grace teilen nicht nur das gemeinsame Anderssein als Töchter alleinerziehender Mütter an einer elitären Schule, sondern auch sehr private Geheimnisse. Eine auf den ersten Blick oberflächliche Geschichte wird dabei zu einer Erzählung, mit denen sich sicherlich viele Menschen identifizieren können. Denn es ist eine Story, welche enorm viele Themen öffnet und so Zugang zu den Personen erlaubt, gleichzeitig jedoch an einigen Stellen für meinen Geschmack ein wenig zu oberflächlich bleibt.
Die ca. 190 Seiten sind schnell gelesen und machen Freude, ohne dass ich mental allzu tief in die Beziehungen und Einzelschicksale involviert wurde.
Ehrlich und schmerzhaft
Dem Meer entgegen von Lidija Hilje
Dieses Buch fällt definitiv in die Kategorie „Hätte ich es gelesen, wenn ich es nicht in der Verlosung gewonnen hätte? Eher nicht.“ Umso glücklicher bin ich, dass es nun doch dazu kam. Lidija Hilje hat in ihrem Roman „Dem Meer entgegen“ viele Themen verbunden, die mich persönlich nur gering bis gar nicht tangieren.
Hinzu kommen Missverständnis oder gar Verständnislosigkeit gegenüber der Hauptprotagonistin Ivona, welche ich nicht nur einmal schütteln und mit einem „Denk doch einfach mal vorher drüber nach“ konfrontieren wollte. Trotz alledem hat mich jedes Kapitel auf eine neue Art und Weise berührt - womöglich, weil ich als Frau mit vielen der Themen, mit denen Ivona zu kämpfen hat, auch bereits meine Erfahrungen habe.
Ivona kommt in ihre Heimatstadt zurück und wohnt mit ihrem schwerkranken Vater zusammen. Die beiden verbindet vor allem eine Blutsverwandschaft und die Arbeit im gleichen Betrieb, welchen der Vater einst aufbaute und durch schwierige Zeiten manövrierte. Der Generationenkonflikt zeigt sich daran, dass sie laut Ivona in einer „neuen Zeit mit neuen Problemen“ leben, wohingegen der Vater überzeugt ist, jedwede Situationen in der Vergangenheit schon einmal gemeistert zu haben - egal ob Finanzkrise oder gar Kriege. Ivona ist ohnehin unglücklich in diesem Job, da sie als studierte Biologin, welche in ihrem Ort jedoch seit Jahren keine Anstellung findet, von ganz anderen Aufgaben träumt. So bekommt man als Leser:in Einblick in eine Familie, welche nach konservativen Familienvorstellungen zusammenlebt und gleichzeitig völlig aneinander vorbei.
Vordergründiger kämpft Ivona jedoch mit anderen Themen: ihre große Liebe Vlaho, welche sie aus einem zu Beginn unbekannten Grund nach einigen Jahren Ehe aus einem sehr liebevollen Grund verlassen hat, wohnt ebenfalls in der Heimat - glücklich verheiratet mit seiner neuen Frau Marina, welche er ursprünglich als gute Freundin seiner Ex-Frau kennenlernte. Die beiden leben das kroatische Idealleben: Glücklich verheiratet und gesegnet mit zwei Kindern. Doch zeigt sich schnell, dass dieses Leben nicht für alle Personen ideal ist. Aus einer anfänglich beinahe schon krankhaft wirkenden Liebe und Sehnsucht wird durch den Aufbau der Story schnell eine Liebesgeschichte, die mitreißt und schmerzt, obwohl man selbst kein Teil derer ist.
Ganz besonders ist für mich, wie Lidija Hilje es schafft, Probleme der Protagonistin aufzubauen und für die Leser:innen spürbar zu machen. Durch die sehr gelungene und greifbare Darstellung der Beziehungen der einzelnen Personen, kann man sich enorm schnell einfühlen und wird beinahe schon ein Teil des engsten Kreises. Die Hauptthematik des Buches und auch der Trennungsgrund der Protagonistin Ivona von ihrer großen Liebe Vlaho. Ohne diese zu spoilern möchte ich hervorheben, wie gut die Arbeit der Autorin für mich ist: Sie ist in der Lage, ein Thema, mit dem ich selbst noch keine Berührungspunkte hatte und dessen Intensität ich persönlich als Frau mit anderen Idealvorstellungen kein Stück nachvollziehen kann, so darzulegen, dass ich selbst mittrauere und ständig den Tränen nah war. Dieser Fakt hat mich schnell vom Schreibtalent der Autorin überzeugt.
Generell gefiel mir der Schreibstil sehr gut: die Metaphern und Vergleiche passten sehr gut und haben die Stimmung der Situationen im Buch hervorragend übertragen können, ohne dass es zu poetisch wurde. So wurde der Roman mit seinen knapp 400 Seiten ein Buch, welches ich innerhalb weniger Tage lesen konnte und vor allem wollte.
All diese Punkte werden meiner Meinung nach im Cover vereint: eine Frau, die nahbar und zugleich völlig verschlossen und unerreichbar erscheint. Damit ist die Protagonistin Ivona ideal getroffen und künstlerisch passend verewigt.
Mein Fazit: ein Buch, das ich in einer Buchhandlung vermutlich nicht mitgenommen hätte - umso glücklicher bin ich, es gelesen und mich einer Geschichte geöffnet zu haben, deren Bedeutung für mich im Alltag kaum von Bewandtnis ist. Den Punkt Abzug bekommt es von mir, da sich gewisse Themen auch in ihren Ausdrücken wiederholen, wodurch in einigen wenigen Momenten die Glaubwürdigkeit leidet.
Roman mit Thrill
Die Auster von Yael Inokai
Ein Klappentext, welcher wirre Mordspekulationen und Gesellschaftskritik in einem Werk verspricht. Zudem wird auf den 221 Seiten wohl auch die Klassenfrage gestellt - kaum zu glauben, dass es sich hierbei nicht um ein gehetztes und oberflächliches Werk handelt. Die Autorin Yael Inokai hat es geschafft, zermürbende Themen (Trauer, Verlust, Einsamkeit, Armut) in einer schweren Geschichte (Mord, Lügen, Gier) mit fast schon überraschender Leichtigkeit zu formulieren.
Dabei gibt es trotzdem genügend Raum für die Erzählungen aus dem Leben einer Frau, die schon weit mehr als diese Dinge kennengelernt hat.
Leonora ist seit Ewigkeiten (oder auch: 45 Jahren) Reinigungskraft - sowohl in Kauf- und Bürohäusern als auch beim Leiter des Kaufhauses Dr. Bronstett privat. Obwohl sie niemals mehr als drei Sätze gewechselt haben, lernte sie in dieser Zeit ihren Arbeitgeber auf verschiedenste Weisen kennen. Kein Wunder also, dass sie nach einem Mord an ihm Einblicke hat, die anderen Personen gänzlich vorenthalten bleiben. Oder vor denen sich diese verschließen.
Ohne das Buch zu einem Thriller und einer reinen Ermittlungsgeschichte zu machen, erzählt Yael Inokai vom Leben der Protagonistin Leonora, welche mit über 70 Jahren als Reinigungskraft bei einem Großverdiener zwischen Altersarmut und Einsamkeit sowie Reichtum und erzwungener Gesellschaft pendelt.
Selten lernte man als Leser:in eine:n Protagonist:in auf derart wenigen Seiten so gut kennen und wird gleichzeitig Teil einer mitreißenden und vielschichtigen Geschichte.
Der Titel sowie das Cover geben keinerlei Anhaltspunkte dafür, was man als Leser:in erwarten kann. Hat man die Seiten dann aber verschlungen, so passen beide Bestandteile plötzlich wunderbar zusammen und zur Geschichte - ein Buch, welches zum Lesen zwischen den (gesellschaftlichen) Zeilen einlädt und Einblicke in ein Leben ermöglicht, welches so viel vielschichtiger ist, als es für die meisten Menschen aussieht.
Weitere Bücher von Yael Inokai stehen nach „Die Auster“ nun auf meiner Wunschliste.
Ungewiss und klar
Zeit der Monster von Şeyda Kurt
Mein erstes Buch von Seyda Kurt. Es wird nicht mein letztes bleiben! Aus unterschiedlichen Perspektiven begleiten wir Menschen eines Viertels durch eine dystopische Zeit des Umbruchs. In einer geordneten Katastrophe soll eine Art Revolution gestartet werden, welche die Menschen aufweckt und eine neue Form der Solidarität und Klarheit erschafft.
Dabei stehen für alle Protagonist:innen ganz andere Ziele im Fokus. Gesellschaftlicher und Klimawandel sowie Pandemien und eine übergreifende Unzufriedenheit scheinen Realtität für die Bewohnenden des Viertels zu sein. Während des Lesens wird schnell klar: allzu viel trennt uns von einer solchen Lage nicht. So wird aus der dystopischen Geschichte sehr schnell ein Werk, dessen Inhalte nicht allzu fern von unser aller täglichen Realtität scheint.
Parallel dazu erinnert die Autorin durch geschichtliche Hintergründe daran, wie viele Menschen die Orte, die für uns so selbstverständlich und festgefahren erscheinen, in der Vergangenheit schon geprägt und verändert haben. Besonders gut wird dargestellt, auf welchen Eben Kriege, Raubzüge und Kolonialismus das Leben beeinflussen. Wem gehört ein Ort? Wer bestimmt über dessen Schicksal? Welche Rolle spielt ein Individuum? Das Buch beantwortet viele Fragen und lässt noch mehr offen. Als Leser:in durchlebt man eine Vielzahl an Emotionen. Immer wieder ist man überzeugt, die Quintessenz des Buches verstanden zu haben, ehe man eines besseren belehrt wird und die Weite des Buches kaum zu greifen kriegt. Und das alles auf nicht einmal 300 Seiten.
Das Cover ermöglicht Spekulationen, nimmt dabei jedoch keine Inhalte vorweg. Klar ist: es wird kalt und dennoch menschlich.
Zusammengefasst: spannend und ruhig, offen und geschlossen, dystopisch und mutmachend zugleich. Ich habe es gern gelesen, auch wenn ich mit Fragen zurückbleibe.






