Kunden em pfehlungen
Rezensionen von askyfullofpages:
Trauer hat viele Gesichter
Trauer ist das Ding mit Federn von Max Porter
Triggerwarnung: Das Buch behandelt Tod, Trauer und den Verlust der Mutter. Bitte schaut beim Lesen gut auf euch.
Was für eine wundervolle Idee, eine Krähe als Trauerbegleiterin einziehen zu lassen!
Mit „Trauer ist das Ding mit Federn“ ist Max Porter ein außergewöhnliches Buch gelungen. Irgendwo zwischen traurig und herrlich skurril.
Eine so vielseitige Geschichte, die berührt, eigenwillig ist und einen zum Schmunzeln bringt.
Ein Papa und seine Söhne haben die Mama verloren. Was macht man, wenn die Wohnung voller Erinnerungen ist? Wenn sich die Welt weiterdreht, obwohl sie für einen selbst stehen geblieben ist, und der Alltag nur mehr unwirklich erscheint?
Plötzlich zieht eine Krähe ein, ein ungebetener Gast. Sie ist laut. Sie ist frech. Sie ist unberechenbar. Und sie hat nicht vor, so schnell wieder auszuziehen. Sie bleibt so lange, wie die Familie sie braucht.
Erzählt wird abwechselnd aus der Perspektive von Dad, den Jungs und der Krähe. Ich habe noch nie so einen Schreibstil gelesen. Er ist ganz eigen. Ungewohnt. Für mich aber sehr gelungen und er hat mir richtig gut gefallen. Das Buch brilliert durch raffinierte Wortspiele und eigensinnige Anspielungen.
Am interessantesten ist natürlich die Krähe. Sie ist ein unglaublich talentierter Tausendsassa. Krawallmacherin. Trösterin. Therapeutin. Für mich persönlich steht sie für die Trauer selbst, die ungefragt einzieht und sich auch nicht so schnell wieder vertreiben lässt. Max Porter beschreibt sie als Freundin, die einen das Unaussprechliche sagen lässt.
Das Buch zeigt, dass jeder auf unterschiedliche Art und Weise trauert. Der Papa verarbeitet die Trauer ganz anders als seine Söhne. Und doch muss jeder für sich den eigenen Weg finden. Trauer kommt in Wellen und ist nie ganz abgeschlossen. Max Porter sagt, Trauer sei so individuell wie ein Fingerabdruck. Das trifft es für mich genau.
Ich glaube, nach einem Verlust ist man nie mehr derselbe Mensch wie davor. Es gibt ein Davor und ein Danach. Da der Tod meiner Mama jetzt ein halbes Jahr her ist, kann ich sagen, dass ich das Buch sehr interessant und absolut lesenswert finde. Bei einem ganz frischen Verlust ist es aber vielleicht noch nicht das Richtige. Mit etwas Abstand kann es dafür umso mehr geben.
Eine ganz klare Leseempfehlung für alle, die außergewöhnliche Bücher lieben und sich mit dem Thema Trauer auf eine ganz neue Art auseinandersetzen möchten.
Vielen herzlichen Dank an Kein & Aber für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt davon wie immer unbeeinflusst.
Der Riss ist spürbar
Tamara, bei Licht betrachtet von Sarah Meyer-Dietrich
Triggerwarnung: Das Buch behandelt Suizid, den Verlust der Mutter und andere belastende Themen. Bitte schaut beim Lesen gut auf euch.
Wow, was für ein gewaltiges Buch!
Mit „Tamara, bei Licht betrachtet“ ist Sarah Meyer-Dietrich ein wirklich imposanter Roman gelungen. Die Themen reichen vom Strukturwandel und Bergbau im Ruhrgebiet über den Mauerfall, Mutterschaft, Herkunft und Trauer bis hin zu Zerrissenheit und Selbstverlust.
Marie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter Paula ein ruhiges Familienleben. Als sich ihre Mutter Tamara das Leben nimmt, wird Marie mit einer Vergangenheit konfrontiert, der sie sich eigentlich nicht stellen wollte.
Der Liebe wegen zieht Tamara zu Peter nach Gelsenkirchen, wo die beiden mit ihrer Tochter Marie in einer Zechensiedlung leben. Peter ist Kumpel, wie schon sein Vater vor ihm. Tamara dagegen ist Künstlerin und hält es dort kaum aus. Immer wieder fliegt sie für Tage oder längere Zeit nach Berlin.
Tamara verschwindet immer häufiger und immer länger nach Berlin. Marie hat entsetzliche Angst, dass auch ihrem Vater unter Tage etwas passiert und er nicht mehr zu ihr zurückkommt. Dass auch er sie alleine lässt. Gleichzeitig schließt im Ruhrgebiet eine Zeche nach der anderen.
Der Mauerfall wird schließlich zum Wendepunkt. Für Tamara als Künstlerin bedeutet er unglaublich viel, für die Familie ist er der endgültige Riss. Tamara kommt nicht mehr zurück. Wie so viele Kinder glaubt Marie, dass sie schuld daran ist, und hat ihr Leben lang das Gefühl, von ihrer Mutter verlassen worden zu sein.
Nach Tamaras Tod ist Marie, wie schon ihr ganzes Leben lang, hin- und hergerissen zwischen Trauer, Wut und Sehnsucht. Sie macht sich auf die Suche nach Antworten und will verstehen, wer ihre Mutter wirklich war. Dabei hinterfragt sie auch ihre eigene Rolle als Mutter und entdeckt Seiten an sich, die sie stark an Tamara erinnern.
Die Beziehung zwischen Tamara und Marie ist unglaublich schwierig. Tamara entscheidet sich für ihre Freiheit, Marie sehnt sich nach ihrer Mama, nach Bindung und Nähe. Als sie erwachsen ist und zu ihr nach Berlin zieht, hat sie große Hoffnung. Doch auch dort bleibt diese Nähe aus.
Man merkt immer wieder, wie gehemmt Marie ist, bei ihrer Mama genauso wie bei ihrem Papa. Sie hat so viele Wünsche und Bedürfnisse, die sie ganz intensiv spürt, ist zu diesem Zeitpunkt aber nicht in der Lage, sie zu äußern. Unter den Folgen dessen, was unausgesprochen bleibt, leidet sie noch lange.
Tamara ist mit ganzem Herzen Künstlerin. Für sie ist Gelsenkirchen zu klein. Sie braucht das Gefühl, am Puls der Zeit zu sein. Gerade während und nach dem Mauerfall, als sich Berlin so sehr verändert, ist ihr Drang nach Freiheit nicht mehr aufzuhalten. Familie, Partnerschaft und Mutterschaft sind für sie eine solche Beschneidung ihres Freigeistes, dass sie sich mit der Zeit einfach für sich selbst entscheidet.
Sehr interessant fand ich Maries kindlichen Gedanken, dass den Kumpeln unter Tage nichts passiert, solange sie die Klötzchen aufeinanderstapelt und der Turm nicht umfällt. Solche Gedanken kenne ich von mir selbst aus meiner Kindheit, mit so etwas Kleinem alles unter Kontrolle halten zu wollen.
Ein Lichtblick in Maries Leben sind Fatih und Thilo, die mit ihrer Tochter Ela in Berlin neben Tamara wohnen. Bei ihnen erlebt Marie, wie Familie im besten Sinne sein kann. Sie fühlt sich bei ihnen angenommen und geborgen und kann mit ihnen über alles reden. Auch da ist ganz klar spürbar, wie sehr sie sich gewünscht hätte, dass Tamara sich um sie bemüht und um ihre Liebe, um eine Beziehung und Bindung kämpft.
Und dann ist da noch Maries Papa. Er tut sich schwer, über Gefühle zu sprechen, aber er ist immer da. Jahrelang war Marie verletzt und gekränkt. Erst nach langer Zeit erkennt sie, dass eigentlich er es war, der sie nie im Stich gelassen hat und ihr immer wieder mit offenen Armen begegnet ist.
Die Beziehung von Paula zu ihrer Oma hat mich wahnsinnig berührt. Die beiden haben sich sehr gut verstanden und Paula war die Leidtragende der schwierigen Beziehung zwischen Tamara und Marie. Marie wollte nämlich nie, dass Paula überhaupt Zeit mit Tamara verbringt.
Der Roman zeigt, wie sehr uns unsere Eltern prägen und wie leicht man sich selbst verlieren kann, wenn man ein Leben lang auf Liebe, Nähe und Bindung wartet. Das Ende trägt eine wichtige Botschaft. Da meine Mama selbst erst vor einem halben Jahr gestorben ist und auch unsere Beziehung nicht gerade leicht war, hat mich das Buch zutiefst berührt.
Ich kann euch dieses Buch von Herzen empfehlen, vor allem wenn ihr euch gerne mit schwierigen Mutter-Tochter-Beziehungen befasst.
Vielen herzlichen Dank an HarperCollins für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt davon wie immer unbeeinflusst.
Wenn plötzlich alles fremd erscheint
Mondblau von Fatma Mittler-Solak
Wow, das war ein richtig starkes Debüt!
Mit „Mondblau“ ist Fatma Mittler-Solak ein unglaublich berührender Roman gelungen, der sich wahnsinnig gut liest. Sie erzählt von Herkunft, Mutterschaft und Freundschaft und von dem Druck, allen Erwartungen gerecht werden zu wollen.
Die Geschichte handelt von Ayla.
Ihre beste Freundin Victoria spielt eine große Rolle in ihrem Leben, doch die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Ayla wächst in einem strengen türkischen Elternhaus auf und möchte mit einem Einser-Abitur und einem Jurastudium glänzen. Sie will allen beweisen, dass Kinder, Karriere und ein perfektes Leben zusammenpassen.
Ayla bekommt mit 42 ihr viertes Kind und rutscht danach in eine postpartale Depression. Die drei Großen kommen ganz nach dem Papa, nur das Baby sieht aus wie sie. Ayla kann keine Bindung zu ihm aufbauen und ist sich sicher, dass es gar nicht ihr Kind ist.
Genau in dieser schweren Zeit merkt sie, wie weit sie und Victoria sich voneinander entfernt haben. Sie weiß kaum noch, was im Leben ihrer Freundin los ist, und wird das Gefühl nicht los, dass Victoria ihr etwas verheimlicht.
Ayla hat mich beim Lesen sehr beschäftigt. Schon als Kind fühlt sie sich neben Victoria minderwertig und dieses Gefühl begleitet sie ihr ganzes Leben. Aus Bewunderung wird mit der Zeit Neid. Victorias Leben verfolgt sie fast nur noch über Instagram und was sie dort sieht, macht sie eifersüchtig. Immer mehr steigert sie sich in ihre Gedanken und Fantasien hinein.
Der Druck, unter dem Ayla steht, hat auch viel mit ihrer Herkunft zu tun. Ihre Eltern sind mit vielen Träumen und Wünschen für ein besseres Leben nach Deutschland gekommen und Ayla will ihnen beweisen, dass sich das gelohnt hat. Doch beruflich verläuft ihr Leben ganz anders, als sie es sich einmal vorgestellt hat.
Ganz viele Frauen erleben nach der Geburt einen Babyblues, doch bei manchen wird daraus mehr. Die Autorin beschreibt sehr eindringlich, wie die postpartale Depression Ayla immer mehr im Griff hat. Sie schafft es kaum noch aus dem Bett und kann sich weder um die größeren Kinder noch um das Baby kümmern.
Mit der Zeit gerät sie in eine richtige Ausnahmesituation, die sich für mich immer mehr in Richtung einer postpartalen Psychose entwickelt hat. Das war wirklich gut beschrieben und hat mich sehr bewegt.
Auch die Beziehung zu ihrem Mann ist nicht einfach. Er übernimmt die Basics, kümmert sich um die Kinder und das Baby und bringt sie zu seiner Mutter. Gleichzeitig macht er Ayla ständig ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht funktioniert, und zeigt kaum Verständnis für ihre Situation. Liebevoll wirkt die Ehe auf mich nicht und die große Liebe scheint es für beide nicht zu sein.
Er wollte kein viertes Kind, Ayla aber schon. Gerade diese Situation hat mir sehr zu denken gegeben. Ich finde, wenn er kein Kind mehr möchte, muss er auch selbst Verantwortung dafür übernehmen, dass er keines mehr bekommt. Schließlich hat er diese Entscheidung für sich und sein Leben getroffen. Das kann man natürlich auch anders sehen, aber ich bin für mich zu diesem Schluss gekommen.
„Mondblau“ zeigt, wie man sich selbst verlieren kann, wenn man versucht, es allen recht zu machen. Oft ist es gar nicht nur der Druck von außen, sondern vor allem der, den man sich selbst macht. Ayla jagt einem perfekten, idealisierten Bild von sich hinterher, das sie nie erreichen kann.
Eine ganz klare Leseempfehlung für alle, die sich gerne mit Themen wie Mutterschaft, Herkunft, Freundschaft und postpartaler Depression auseinandersetzen.
Ein herzliches Dankeschön an die Frankfurter Verlagsanstalt für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt davon wie immer unbeeinflusst.
Verbotene Liebe
Love's Anatomy von Anna Hensel
Fast wie in alten Zeiten! Dieses Hörbuch hat mich direkt zurück in meine eigene Zeit in der Klinik versetzt. Eine Romanze hatte ich dort zwar nicht, beobachtet habe ich aber so einiges.
Mit „Love's Anatomy“ ist Anna Hensel eine mitreißende Romance mit einem wirklich sehr guten Hospital-Setting gelungen.
Dazu kommen Enemies to Lovers und eine verbotene Liebe zwischen Oberarzt und Assistenzärztin. Die Autorin ist selbst Ärztin, und man merkt, dass sie weiß, wovon sie schreibt. Der Klinikalltag hat für mich wunderbar funktioniert. Als ehemalige Kollegin kann ich sagen, dass das Ganze sehr realistisch dargestellt ist.
Wir begleiten Leevke, eine junge Assistenzärztin, die seit einem Unfall große Probleme mit ihrer Hand hat. Ausgerechnet in der Unfallchirurgie eines Hamburger Klinikums muss sie sich nun beweisen. Dort hat sie es nicht nur mit dem rauen Umgangston in einer männerdominierten Abteilung zu tun, sondern auch mit ihrem überaus anziehenden Oberarzt Veith. Und gerade vor ihm will sie keine Schwäche zeigen.
Ein ganz großes Kompliment möchte ich Victoria Schätzle machen, die das bei Argon erschienene Hörbuch großartig eingesprochen hat. Leevkes Innenleben und ihre Verzweiflung, sich auf ihre eigene Hand nicht mehr verlassen zu können, konnte man richtig spüren.
Mir hat es wirklich sehr viel Spaß gemacht, dieses Hörbuch zu hören. Es hat mich in Erinnerungen schwelgen lassen und mich super unterhalten.
Wer Romance mit ein wenig Spice mag und gerne in den Klinikalltag eintaucht, dem kann ich „Love's Anatomy“ von ganzem Herzen empfehlen.
Ich habe das Hörbuch als Rezensionsexemplar von Argon und der Autorin erhalten. Meine Meinung bleibt davon wie immer unbeeinflusst.
Verkehrte Welt
Flustered and Falling von Natascha Behr
Triggerwarnung: Das Buch behandelt Alkoholkonsum, Erbrechen, aufdringliches Verhalten und sexuelle Inhalte.
Was für eine wundervolle Geschichte!
Mit „Flustered and Falling“ ist Natascha Behr ein äußerst feinfühliger Young-Adult-Roman gelungen. Neben den großen Gefühlen greift sie auch weitere ernste Themen auf.
Wie etwa Alkohol und aufdringliches Verhalten. Und sie zeigt, dass man sich gewissen Problemen stellen muss.
Die 16-jährige Amber ist zum ersten Mal verliebt und steht plötzlich zwischen zwei Jungen: Nathan, von dem sie schon lange träumt, und dem arroganten, schlagfertigen Jorah.
Das Cover ist für mich ein absolutes Highlight. Die Autorin hat es selbst gemalt und gestaltet. Sie steckt unglaublich viel Liebe ins Detail. Auf ihrem Instagram-Kanal nimmt sie einen sogar mit in den Entstehungsprozess. Es ist wirklich schön zu sehen, wie viel Herzblut in diesem Buch steckt.
Natascha ist ein so warmherziger Mensch, und das passt wunderbar zu ihrem Buch. Sie schreibt sehr einfühlsam und zeichnet ihre Figuren fein und liebevoll. Dabei hat die Geschichte genau die Tiefe, die es braucht.
Auch wenn ich selbst nicht mehr ganz zur Zielgruppe gehöre, hat mir das Buch wirklich sehr gut gefallen. Wer Love Triangles, Enemies to Lovers, erste Liebe und Schulgeschichten mag, dem kann ich „Flustered and Falling“ von ganzem Herzen empfehlen.
Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar von der Autorin erhalten. Meine Meinung bleibt davon wie immer unbeeinflusst.
Verkehrte Welt
Bellende Katzen von Eka Kurniawan
Triggerwarnung: Das Buch behandelt Tod und eine sehr strenge religiöse Erziehung. Es enthält außerdem eine derbe Sprache und teils ekelerregende Szenen.
Ein wirklich wilder Ritt!
Mit „Bellende Katzen“ erzählt der indonesische Autor Eka Kurniawan die Geschichte eines Jungen, der sich gegen die strenge religiöse Erziehung seines Vaters auflehnt und sich nichts sehnlicher wünscht als Freiheit.
Aus dem Indonesischen übersetzt hat den Roman Sabine Müller.
Sato Reang liebt es, bis spät in die Nacht Fußball zu spielen. Er möchte lieber frech und frei sein als das fromme Kind, das sein streng religiöser Vater von ihm erwartet. Seine Nachmittage soll er lieber betend in der Moschee verbringen, statt mit seinen Freunden Spaß zu haben. Denn laut Sato wollen Erwachsene einfach nicht, dass Kinder Spaß haben. Doch mit seiner Beschneidung endet für ihn die unbeschwerte Kindheit, und von nun an soll er seine religiösen Pflichten erfüllen.
Ausgerechnet mit Jamal, dem frömmsten Jungen der Schule, soll er sich auf Wunsch seines Vaters anfreunden. Sato hat aber keinerlei Interesse an einer Freundschaft. Er setzt sich zum Ziel, auch ihn zum Ungehorsam anzustiften.
Die Botschaft des im Unionsverlag erschienenen Romans „Bellende Katzen“ finde ich wichtig. Das Buch zeigt, wie sehr strenge Regeln und ein kontrollierender Vater einem Kind die Unbeschwertheit nehmen können. Und es zeigt, wie aus der großen Sehnsucht nach Freiheit eine ausgewachsene Rebellion werden kann, die schwerwiegende Folgen hat. Gleichzeitig stellt es die Frage, ob man nicht doch ein Stück weit wie die eigenen Eltern wird, obwohl man sie ablehnt. Und wie schwer es ist, seinen eigenen Weg zu finden und zu gehen.
Ich hätte mir das Buch allerdings mit weniger derber Sprache gewünscht, denn sie hat mir den Lesegenuss etwas genommen. Auch den Humor, den viele Kritiker:innen loben, habe ich leider nicht gefunden.
Wer sich für Bücher aus anderen Kulturen interessiert, mit derber Sprache gut umgehen kann und gerne provokante Literatur liest, sollte sich unbedingt selbst ein Bild machen.
Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar vom Unionsverlag erhalten. Meine Meinung bleibt davon wie immer unbeeinflusst.
Liebe ist grenzenlos
Judith und Hamnet von Maggie O'Farrell
Triggerwarnung: Das Buch behandelt Krankheit, den Tod eines Kindes, Trauer und häusliche Gewalt.
Was für ein grandioser Roman, der mich immer wieder zu Tränen gerührt hat!
Mit „Judith und Hamnet“ ist Maggie O'Farrell ein unglaublich berührender Roman gelungen, der die Geschichte von William Shakespeares Familie erzählt.
Im Mittelpunkt steht aber nicht der berühmte Dichter, sondern seine geliebte Frau Agnes.
Agnes liebt den Wald und die Heilkräuter. Sie ist eine ganz besondere Frau und spürt, was in den Menschen vorgeht. Als sie den jungen Lateinlehrer das erste Mal sieht, weiß sie sofort, dass er es sein wird. Später haben die beiden drei Kinder, darunter die Zwillinge Judith und Hamnet, die eine ganz besondere Verbindung haben. Weil Agnes ahnt, dass es ihrem Mann in London viel besser ergehen wird, redet sie ihm gut zu, dorthin zu gehen. Seither verbringt er viel Zeit beim Theater. Dann bricht im Heimatort der Familie die Pest aus und plötzlich ist die ganze Familie in Lebensgefahr.
Das Innenleben von Agnes ist beim Lesen unmittelbar spürbar. Ihre schier unendliche Trauer hat mich zutiefst berührt und mir ehrlich gesagt das Herz gebrochen. Für mich war dieser immense Verlust kaum auszuhalten. Umso entsetzlicher ist es, dass Eltern auch im wirklichen Leben ihre Kinder verlieren. So erging es unter anderem Shakespeare und seiner Frau.
Der im Piper Verlag erschienene Roman „Judith und Hamnet“ ist für mich ein ganz besonderes Buch, dessen Thematik mich unglaublich bewegt hat. Schlimm fand ich, wie Agnes von ihrem Umfeld gesehen wird. Sie wird als nahezu verrückt dargestellt. Das ist zwar sehr gut beschrieben, hat mich aber trotzdem sehr geschmerzt. Beim Verlust des Kindes habe ich wirklich Rotz und Wasser geweint. Das Buch zeigt aber auch, wie schwer es für ein Paar sein kann, nach so einem Verlust wieder zueinanderzufinden. Trauer verläuft sehr unterschiedlich und kann eine Partnerschaft auf eine harte Probe stellen.
Gleichzeitig lässt die Geschichte erahnen, wie viel von Shakespeares eigenem Schmerz in seine Werke eingeflossen sein könnte.
Unter Berücksichtigung der Triggerwarnung kann ich „Judith und Hamnet“ allen von Herzen empfehlen, die äußerst bewegende Familiengeschichten mögen.
Eine Riesenknuddelei
Das Knuddelwuddel von Nastja Holtfreter
Was für ein wundervolles Buch!
Mit „Das Knuddelwuddel“ hat Nastja Holtfreter ein wahnsinnig tolles Bilderbuch erschaffen, das eine wunderbare Botschaft vermittelt.
Das Knuddelwuddel ist anders als die anderen Monster. Während sie brüllen und ihre spitzen Zähne fletschen, liebt das Knuddelwuddel es zu knuddeln.
Die Monster wollen testen, wer von ihnen am furchterregendsten ist. Dann stehen sie plötzlich einem riesigen Bären gegenüber.
Die Autorin hat das Buch nicht nur geschrieben, sondern auch selbst illustriert. Für mich ist das einfach sensationell! Die Illustrationen sind zuckersüß, ansprechend und absolut kindgerecht. Und das Knuddelwuddel selbst finde ich wahnsinnig süß ???? Ein herzallerliebstes Monsterchen ????
Das Bilderbuch hat eine ganz besondere Botschaft, die für mich wichtiger ist denn je. Es braucht großen Mut, sich als Einzige oder Einziger anders zu verhalten als die Gruppe und, statt gemein zu sein, anderen mit Liebe, Respekt und Freundlichkeit zu begegnen. Man muss sich nicht mit anderen gegen jemanden zusammenschließen und gemeinsam gemein sein. Ob das Knuddelwuddel mit seiner liebevollen, warmherzigen Art vielleicht sogar einen Freund findet?
Ich kann „Das Knuddelwuddel“ für Kinder ab 3 Jahren wärmstens empfehlen, weil es auf liebevolle Art zeigt, wie viel Freundlichkeit bewirken kann, und Kindern Mut macht, ihren eigenen Weg zu gehen. Von mir gibt es eine absolute Leseempfehlung!
Der Kreislauf des Lebens
Deutsches Kind von Melanie Levensohn
Triggerwarnung: Das Buch behandelt die gewaltsame Trennung von Mutter und Kind und einige weitere schwere Themen.
Wow, was für ein unglaublich berührendes Buch! Als Mama hat es mir beim Lesen das Herz zerrissen.
Mit „Deutsches Kind“ ist Melanie Levensohn ein sehr bewegender, für mich hochemotionaler Roman gelungen, der sich hervorragend lesen lässt.
Er erzählt von einem kaum bekannten Kapitel der deutsch-französischen Nachkriegsgeschichte und von Scham, Schweigen und dem Verlust der eigenen Herkunft.
Die Geschichte wird in zwei Erzählsträngen erzählt. Zum einen begleiten wir Liese. Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist unglaublich hart. Not, Hunger und tiefste Armut prägen den Alltag. Vieles liegt in Trümmern. Unzählige Männer sind gefallen oder noch in Kriegsgefangenschaft. Frauen haben auch unter der Besatzung Angst, vergewaltigt zu werden. Lieses Mutter, früher eine lebenslustige Frau, ist durch den Krieg völlig verhärtet. Ihr Mann ist immer noch nicht zurück und sie muss extrem viel arbeiten, um ihre beiden Töchter durchzubringen. Als bei ihnen der französische Soldat Michel einquartiert wird, verlieben sich die noch minderjährige Liese und er ineinander und bald ist Liese schwanger. Michel wird versetzt. Ihr Sohn Johannes, den sie liebevoll Jolli nennt, wird ihr weggenommen und in Frankreich zur Adoption freigegeben.
Zum anderen erfahren wir, was aus Johannes geworden ist. Viele Jahrzehnte später lebt er als Winzer im Napa Valley, wo Dürre und Brände den Weinbau bedrohen. Vor seinem 80. Geburtstag bittet er seine Enkelin Maya, nach Deutschland zu fliegen. Dort soll sie herausfinden, was aus seiner Mutter geworden ist.
Die Reportage „Frankreichs deutsche Kinder“ von Anja Unger hat Melanie Levensohn so berührt, dass sie den Entschluss fasste, einen Roman zu diesem Thema zu schreiben. Kinder von deutschen Müttern und französischen Soldaten galten als illegitim. Zwischen 1946 und 1951 wurden rund 1.500 von ihnen ihren Müttern entrissen und nach Frankreich gebracht. Die Vorstellung war, das gebeutelte Land so schnell wieder zu bevölkern. Dieser sogenannte „Kindertransfer“, der für mich ein brutaler Kinderraub war, wurde lange geheim gehalten. Erst seit 2010 können ehemalige Besatzungskinder ihre Akten einsehen und nach ihren Müttern suchen.
Das Buch ist für mich ganz toll ausbalanciert. Zu Beginn hat mich Lieses Geschichte viel mehr interessiert. Doch das Hin und Her zwischen den beiden Erzählsträngen hat mir so gut gefallen, dass ich das Buch in einem Rutsch gelesen habe.
Ich finde, dass die Autorin sehr gut herausgearbeitet hat, dass einen einschneidende Erlebnisse nie ganz loslassen. Und wie wichtig die eigenen Wurzeln sind. Spannend finde ich auch die Brände im Napa Valley. Damit kommt das Thema Klimawandel auf und dass wir uns in Zukunft auf neue Gegebenheiten einstellen müssen.
Im Grunde ist alles miteinander verbunden. Wie ein Kreislauf. Für mich ist das eine wunderschöne Botschaft.
Unter Berücksichtigung der Triggerwarnung kann ich „Deutsches Kind“ allen von Herzen empfehlen, die bewegende, ja zutiefst berührende Familiengeschichten mögen.
Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar erhalten. Meine Meinung bleibt davon wie immer unbeeinflusst.
Wieso fällt alles nach unten?
Nase & Weis - Wieso falle ich eigentlich immer nach unten? von Michael Engler
Warum fällt eigentlich alles nach unten?
Neugier.
Freundschaft.
Wissen.
Das ist ein richtig interessantes Bilderbuch!
Mit Nase & Weis ist Michael Engler ein richtig tolles, sehr interessantes und lehrreiches Bilderbuch für Kinder ab 4 Jahren gelungen. Die wunderschönen Illustrationen von Martina Matos vermitteln das Wissen sehr kindgerecht und anschaulich.
Als Basis dieser Geschichte dient die Freundschaft zwischen Maus und Eisbär. Gemeinsam erkunden sie die Wissenschaft und beschäftigen sich mit Isaac Newton, Hypothesen und auch Fehlern. Zum Beispiel widmen sich die beiden dem Thema Schwerkraft. Und ich muss sagen, das wird ganz toll erklärt, sodass es wirklich jeder verstehen kann.
Die Illustrationen von Martina Matos sind absolut zauberhaft. Sie setzt das Geschriebene auf eine ganz tolle Art und Weise um, selbsterklärend und mit viel Liebe zum Detail. Das trägt sehr zum Verständnis bei und macht nicht nur Kindern, sondern auch Erwachsenen Spaß.
Die Botschaft des Buches ist für mich: Neugier lohnt sich. Wer Fragen stellt und Dinge ausprobiert, kann die Welt ein Stück besser verstehen. Auch ein Experiment, das schiefgeht, bringt einen weiter. Und ganz nebenbei schwingt auch das Thema Freundschaft ordentlich mit, denn gemeinsam forscht es sich einfach viel schöner.
Nase & Weis ist für mich ein wirklich wunderbar geschriebenes und gestaltetes Sachbilderbuch, das ich allen Eltern sowie Pädagoginnen und Pädagogen in Kindergarten und Volksschule sehr empfehlen kann. Das Wissen ist sehr verständlich aufbereitet, und es geht um etwas, das Kinder wirklich brennend interessiert. Von mir gibt es eine absolute Leseempfehlung!
Vielen lieben Dank an LovelyBooks und den Baumhaus Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt davon wie immer unbeeinflusst.











