Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Bineira:
Erst kühl, dann melodramatisch
Herz König von Lily King
Lilly King beginnt ihre Geschichte nach Art eines Campusromans. Ein Mädchen Jordan (oder Casey?) zwischen zwei befreundeten Jungs Sam und Yash, wobei sie mit den beiden nacheinander zusammenkommt und die zweite Beziehung mit Yash lange geheim gehalten werden muss, um den Ex Sam nicht zu verstören.
Das war eher merkwürdig als glaubhaft. Nachdem auch Yash ohne Erklärung verschwindet, bricht der Kontakt zwischen Jordan und den Jungs ab.
Zwei Jahrzehnte später ist Jordan verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Außerdem ist sie erfolgreich als Schriftstellerin. Es kommt zu einer Wiederbegegnung mit Sam und Yash, und ab da wird es melodramatisch. Krankheit, Tod, Verlust, Geheimnisse, Erinnerungen, Schuldgefühle, Liebe, alles bietet die Autorin in der zweiten Hälfte des Buches im Übermaß auf. War der erste Teil des Romans noch kühl und distanziert, so driftet das Ganze nun immer mehr ins übertrieben gefühlvolle ab.
Keine der Figuren war mir besonders sympathisch, weder die selbstverliebten Jungs mit ihrem sprunghaften, rücksichtslosen Verhalten noch die unsichere Jordan, die sich soviel hat bieten lassen und auch als Erwachsene immer noch alles für Yash stehen und liegen lässt. Das hat es mir schwer gemacht, in die Geschichte hineinzufinden, obwohl sie aufgrund des angenehmen Schreibstils gut lesbar war.
Die Liebe, die Lüge
Alles Liebe von Ronja von Rönne
Ronja von Rönnes Roman "Alles Liebe" besteht aus fünf Lebensgeschichten, die das Titelthema gemeinsam haben. Es geht um eine Schülerin, die die Krankheit ihrer Freundin dazu benutzt um selbst mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Um die Mutter einer sterbenden Mädchens, die sich in ihrer Einsamkeit in Phantasiewelten flüchtet.
Um die Ehefrau eines Muttersöhnchens, die im Haus der Schwiegermutter wie in einem Gefängnis lebt. Um ein gegensätzliches Künstlerpaar, das die Liebe findet und wieder verliert. Und schließlich um einen jungen Journalisten , der von seiner Kollegin mit unsauberen Methoden an den Rand gedrängt wird.
Ihnen alle gemeinsam ist die Suche nach Liebe, der Wunsch gesehen zu werden. Von Rönne beobachtet sie dabei, beschreibt präzise, scharfsinnig und mit schwarzem Humor ihren Kampf, ihr Scheitern, ihre Hilflosigkeit, sie beurteilt sie aber nicht. Das überlässt sie den Lesern.
Ich bin an sich keine Freundin von Kurzgeschichten. Diese fünf haben mich gepackt und nicht so schnell wieder losgelassen. Zum einen sind sie grandios geschrieben, zum anderen haben die Schicksale der Protagonisten mich angerührt. Sie wirken realistisch und absurd zugleich. Ich war hin- und hergerissen zwischen Mitgefühl und Wut. Wenn ich auch nicht für alle Personen Sympathien hatte, so hat doch keine mich kalt gelassen. Das ist, was gute Literatur ausmacht.
Notizbuch
Tschikago von Alexandra Stahl
Ich bin nicht sicher, ob das Buch als Roman beworben wird. Für mich ist es eine ziemlich ungeordnete Sammlung von Einträgen in Notizbüchern. Die Ich-Erzählerin erwähnt diese Notizbücher auch, die sie immer bei sich trägt. Nur, wie soll ich als Leserin diese Gedanken- und Erinnerungsschnipsel in einen vernünftigen Zusammenhang bringen?
Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit der Kindheit der Ich-Erzählerin.
Die Hauptolle spielen darin ihre eigensinnigen, sympathischen Großeltern. Sie bei ihrem bodenständigen Leben im Fränkischen zu begleiten und den rauen aber warmherzigen Umgang mit der Enkelin zu erleben, hat viele Erinnerungen an meine eigenen Großeltern geweckt. Dazu gehörte auch der Tod des Großvaters. Dieser Teil war trotz des anekdotenhaften Stils gut und flüssig lesbar.
Im Mittelteil des Buches lebt die Ich-Erzählerin in Berlin und arbeitet ehrenamtlich mit dementen Menschen in einem Pflegeheim. Sie stellt diese Personen anhand von Szenen und kurzen Dialogen vor, es entstand dabei für mich weder eine Atmosphäre noch eine Beziehung zu den Porträtierten. Die Namen sind ohne bleibenden Eindruck an mir vorüber gerauscht, was ich traurig fand. Teil 3 treibt diesen Notizzettel-Stil auf die Spitze, indem nun auch noch Orte und Zeiten vermischt werden. Ich habe ihn nur überflogen, denn ich war inzwischen einfach zu genervt von dem Buch.
Für mich war das ein anstrengendes und frustrierendes Leseerlebnis.
Leichte Unterhaltung
Au revoir und tschüss von Gudrun Lochte
Was mir zuerst an diesem Buch auffiel, war die sehr schöne Gestaltung und der großzügige Satz. Es ist ein Vergnügen, es in der Hand zu halten.
Inhaltlich hat mich der Roman nicht so für sich eingenommen. Es geht um Caro, die sich seit zwanzig Jahren zwischen Teilzeitjob und Familie aufreibt.
Ihre zwei fast erwachsenen Söhne und auch ihr Ehemann sehen in ihr nur die jederzeit verfügbare Hausfrau und Mutter. Als die Ehe zunehmend auskühlt, entschließt sich Caro, etwas für sich zu tun und bucht gegen den Willen ihres Mannes einen vierwöchigen Sprachkurs in Frankreich. Wird diese Auszeit ihr andere Perspektiven eröffnen? Wird sie danach wieder zurückkehren in den vertrauten Alltagstrott oder findet sie den Mut, auf ganz neuen Wegen zu gehen? Das klang nach einer interessanten und anregenden Lektüre.
In leicht lesbarem Schreibstil erzählt die Autorin Caros Geschichte. Dabei bedient sie alle gängigen Klischees von der gut situierten Familie mit zwei verwöhnten Söhnen, dem lieblosen, auf sich bezogenen Ehemann und dem schicken Eigenheim. Nicht mal der braune Labrador als Familienhund fehlt. Caro selbst ist die geduldige Mutter und Ehefrau, die allen zu Gefallen ist. Ihr zur Seite steht die unabhängige wilde Freundin Holly, bei der sie ihr Herz ausschütten kann und die sie berät. Und dann ist da noch der charmante Französischlehrer Armand, zu dem sich Caro natürlich hingezogen fühlt.
Im Mittelpunkt der Handlung steht Caro mit ihren Sehnsüchten, Zweifeln, Fragen. Die Persönlichkeit der anderen Protagonisten bleibt vage und geht kaum über das bekannte Stereotyp hinaus.
Der Verlauf der Geschichte ist wenig überraschend und fließt sehr ruhig dahin. Die Autorin beschreibt in aller Ausführlichkeit die Schauplätze in Paris und Südfrankreich, dabei zeichnet sie mit rosarotem Stift. Mir war das zu viel des Romantischen, zudem entstanden dadurch Längen.
Mein Fazit: leichte Unterhaltung in einem schönen Gewand
Freiheitsliebe
Querfeldein von Alex Capus
Anfang des 20. Jahrhunderts kehrt Arnold, ein junger Mann aus einem entlegenen Dorf an der deutsch-schweizerischen Grenze, nach langer Wanderschaft zurück nach Hause, um eine Gastwirtschaft zu eröffnen. Der Plan gelingt, und mit der selbstbewussten Betty gründet er eine große Familie. Jahre später lebt nur noch die älteste Tochter Clara bei den Eltern.
Sie ist ebenso freiheitsliebend wie ihre Mutter, findet aber schließlich in dem böhmischen Schmuggler Hermann einen Mann, bei dem sie bleiben möchte. Doch Hermann zieht mit seinem Kaffee- und Zuckerschmuggel den Zorn der gerade an die Macht gekommenen Nationalsozialisten auf sich und wird von ihnen nach Deutschland verschleppt. Können Clara, ihre Eltern und die Dorfbewohner ihn retten?
Alex Capus erzählt in seinem aktuellen Roman eine fiktive Geschichte vor einem realen historischen Hintergrund. Er beschreibt das Lokalkolorit des Schweizer Grenzdorfs anschaulich und mit spürbarer Sympathie. Ich hatte die Szenerie gut vor Augen. Die zum Teil skurrilen Charaktere sind liebevoll und mit Humor gezeichnet. Sie bringen Schwung in die an sich ruhige Geschichte.
Capus' Schreibstil ist leichtfüßig und feinsinnig. Auch als das Geschehen ins Dramatische wechselt, wird der Roman nicht zu schwer. Der Autor schafft es, eine gedankliche Distanz aufzubauen, die wie ein Schutzschild gegen die Bedrohung wirkt.
Mir hat es Spaß gemacht, das Buch zu lesen.
Alle Menschen sind verschieden
Konfetti im Kopf von Doreen Aldugan
Doreen Aldugan will mit ihrem Buch über ADHS aufklären und so Verständnis für die Besonderheiten neurodivergenter Menschen wecken. Sie ist selbst betroffen und arbeitet als ADHS-Coach. Das Buch richtet sich an Kinder und ihre Bezugspersonen.
Zunächst wird anschaulich erklärt, was ADHS überhaupt ist.
Dann folgen viele alltägliche Situationen, in denen sich Symptome zeigen können. Parallel dazu gibt die Autorin leicht umsetzbare Tipps, wie man damit umgehen und sich das Leben erleichtern kann.
Der empathische, leicht verständliche Schreibstil trägt dazu bei, dass sich Betroffene, die sonst oft kritisiert werden, verstanden und angenommen fühlen. Dazu bietet das Buch eine Fülle an praktikablen Hilfestellungen in allen möglichen Kontexten.
Co-Autorin Emily Claire Völker hat das Thema kongenial in Bilder umgesetzt. Die Konfettimaschine steht für den Arbeitsablauf im Gehirn und prägt sich schnell ein. Ebenso unterstreichen die anderen Illustrationen eindrucksvoll und detailverliebt den Text.
Mit diesem Buch können von. ADHS betroffene Kinder sicher einige ihrer Stigmata auflösen. Ihnen und ihren Bezugspersonen wird hier auf spielerische Art konkrete Unterstützung in kritischen Phasen gegeben. Die Autorin wirbt darüber hinaus mit viel Herz für mehr Verständnis und stellt auch explizit die Stärken neurodivergenter Menschen heraus. Eine unbedingte Leseempfehlung für jeden.
Ausführliche Informationen und viele gute Tipps
FamilienFIRE und andere Triggertage - Wie du weich landest, wenn du in alte Beziehungsmuster zurückfällst. von Elisabeth Mestekämper
Elisabeth Mestekämper ist Psychologin und will mit ihrem Buch "Familien Fire und andere Triggertage" Menschen, die unter ungesunden Familiendynamiken leiden, dabei helfen, diese zu überwinden.
Dazu erläutert sie zunächst die psychologischen Grundlagen von Bindung, Co-Regulation, Nervensystem und Trauma.
Dann wendet sie sich der Familiensituation zu und beleuchtet Routinen, Rituale, Loyalitätskonflikte, Trauer. Zwischendurch sind immer wieder Reflexionsfragen eingestreut, so dass man das Gelesene auf die eigene Situation anwenden kann. Personalisierte Fallgeschichten verdeutlichen zudem die theoretischen Aussagen.
Den größten Teil des Buches machen die praktischen Tools aus. Untertitelt in fünf thematische Bereiche stellt Frau Mestekämper 30 Werkzeuge vor, mit denen man sich in belastenden Situationen selbst helfen kann.
Das können beispielsweise Schreib- oder Atemübungen, Gesprächstechniken und Imaginationen sein. Auch ein Erste-Hilfe-Koffer mit Methoden zur Stabilisierung des Nervensystems in besonders belastenden Momenten ist dabei.
Die Autorin hat ein anspruchsvolles Buch geschrieben. Sie bemüht sich zwar um eine verständliche Sprache, jedoch ist insbesondere der theoretische Teil sehr komplex und für mein Dafürhalten für Laien zu tief gehend. Der praktische Teil ist zugänglicher, und die Übungen sind gut nachvollziehbar.
Insgesamt enthält das Buch viele gute Tipps und Hinweise; wer sich darüber hinaus eingehend mit den psychologischen Grundlagen der familiären Bindung beschäftigen möchte, findet darin ausführliche, wissenschaftlich fundierte Informationen.
Ein spezielles Leseerlebnis
Die Straße von Robert Seethaler
Dieses Buch lässt mich unschlüssig zurück. Auf der einen Seite habe ich Robert Seethalers typischen klaren Schreibstil genossen, gleichzeitig waren mir die Momentaufnahmen einer Straße zu zerrissen, um ihnen ganz folgen zu können.
Der Autor hat sich etwas getraut in seinem neuen Roman.
Er geht eine Straße irgendwo in einer Stadt und zu irgendeiner Zeit entlang. Ein Jahr lang begleitet er die Bewohner und hält ihr Leben in kleinen Passagen fest. Wir lesen Episoden, Briefe und Behördenschriftstücke, lauschen Gesprächen, Gebeten und Erinnerungen. Es geht um unerfüllte Liebe, Einsamkeit, Armut, Krankheit, Alter, Tod, Fremdenfeindlichkeit, Missgunst, Mut, Angst, Wut, Willkür. Nur manchmal blitzen Mitgefühl und Nächstenliebe kurz auf.
Viele der fortlaufenden Textstücke - allesamt ohne Überschrift - konnte ich nach und nach den Protagonisten zuordnen, einiges blieb für mich im Dunkeln. Keine Frage, das Buch verlangt seinen Lesern einiges an Konzentration ab. Die gesamte Handlung ist von einer dicken Schicht Melancholie und Resignation überzogen. Dieses Gefühl war beim Lesen so realistisch, dass ich aufpassen musste, damit es mich nicht runterzieht.
Mein Fazit: Mich hat das Buch wegen seiner Eindringlichkeit und dem virtuosen Sprachgebrauch beeindruckt. Im Vergleich zu anderen Romanen von Seethaler ist es mir jedoch zu düster, und der experimentelle Schreibstil ist nicht ganz meine Sache.
Leichte Unterhaltung
Mirabellentage von Martina Bogdahn
Ich kenne Martina Bogdahns ersten Roman "Mühlensommer" nicht und bin daher ohne große Erwartungen an dieses Buch heran gegangen.
Die Geschichte spielt in einem kleinen Ort in Bayern. Anna, Mitte 50, ist seit vielen Jahren Haushälterin des Pfarrers Josef. Sie hat ihr gesamtes Leben dieser Aufgabe und der Gemeinde gewidmet.
Als Josef überraschend stirbt, wird Anna nicht nur mit seinem unkonventionellen Bestattungswunsch konfrontiert. Sie muss auch dem neuen jungen Pfarrer Fridtjof beim Eingewöhnen helfen. Und sie muss sich darüber klar werden, wie es für sie weitergehen soll.
Die Eckdaten des Romans liessen auf eine stimmungsvolle Geschichte mit tieferen Gedanken hoffen. Atmosphärisch waren die Beschreibungen des Dorflebens und der Natur durchaus. Doch die Erzählung blieb im Seichten hängen. In der Gegenwart passierte lange Zeit nur Alltägliches. Dafür erinnerte Anna sich an vergangene Episoden im Dorf bis zurück in ihre Jugend. Diese Histörchen waren anfangs noch ganz amüsant, wurden aber mit der Zeit immer platter und trugen oft auch nichts Erhellendes zu der aktuellen Situation bei. Sie verlangsamten und zerfaserten den ohnehin stockenden Erzählfluss noch zusätzlich. Am Ende wurde alles ganz schnell aufgelöst. Komplexere Gedanken zu dem Thema "Bruch in der Lebensmitte" oder "Neuanfang" habe ich gänzlich vermisst.
Mein Fazit: Eine sehr leichte und trotzdem zähe Lektüre.
Schade um die schöne Idee
Zwei in einem Bild von Morgan Pager
Das Cover des Buches hat mir nicht zugesagt, aber aufgrund des Klappentextes stand es schon länger auf meiner Wunschliste. Die Thematik ist so ungewöhnlich und verheißungsvoll, daraus hätte man eine tolle Geschichte weben können. Der Anfang war auch noch einigermaßen interessant: die Atmosphäre im Museum, das heimliche Leben in den Bildern und die von Kunst faszinierte Claire ergaben einen stimmigen Auftakt.
Doch schon bald ärgerte mich der aufgesetzte Schreibstil der Autorin, und die Geschichte wollte einfach nicht in Gang kommen. Die Protagonisten blieben für mich blass, ihre Motive haben mich nicht überzeugt. Die verschiedenen Handlungsfäden wirkten nicht zu Ende gedacht, es war kein Spannungsbogen erkennbar, Konflikte blieben an der Oberfläche.
Ich habe das Buch ab der Mitte nur noch quergelesen, weil es mir zu mühsam war und es mich nicht mehr interessiert hat. Sehr schade um die schöne Idee.











