Kunden em pfehlungen
Rezensionen von katl2:
Leise Worte mit großer Wirkung
Die Liste der Lebenden von Stefan Kutzenberger
Der schlichte, beinahe etwas skizzenhafte Cover verbirgt, welch starke Geschichte sich hinter diesem verbirgt.
Nach dem größten Schiffsunglück des 19. Jahrhunderts, dem Brand und anschließendem Untergang der "Austria" treibt Henriette Wulff allein auf einer Holztür auf den erbarmungslosen Wogen des Meeres.
In Gedanken ist sie dabei aber Meilenweit weg, bei ihrem Freund, Hans Christian Andersen, bekannt für seine wunderschönen, aber unendlich traurigen Märchen.
Dieselbe Melancholie fängt auch der Autor Stefan Kutzenberger ein. Sie ist das Grundgerüst, auf dem diese Geschichte steht, die dieses Buch zu etwas ganz Besonderem macht.
Als Briefdialog verfasst berichten Henriette und Andersen abwechselnd von ihren Gedanken und Gefühlen: zu dem Unglück, zu den politischen Turbulenzen der Zeit, die Hoffnung, welche Amerika damals für die Menschen noch verkörperte, bis hin zu ihren Emotionen und Wünschen.
Meilenweit getrennt treffen sich ihre Gedanken und weben eine fiktive Geschichte mitten hinein in die wahren Begebenheiten der Zeit. Denn all dies, das Schiffsunglück, die Protagonisten, den freundschaftlichen Briefwechsel davor. Das alles gab es wirklich. Nur dieser letzte Gedankenaustausch, in seiner mutigen Verletzlichkeit, den gab es nicht.
"Die Liste der Lebenden" gab es, gibt es immer noch, doch wie Anderson es richtig erkannte, braucht es Mut, diese zu lesen. Denn mit der Gewissheit stirbt auch die Hoffnung.
Es ist ein unglaublich berührendes Buch und ein Muss für all jene, die historische Begebenheiten in Romanform gegossen lieben. Doch trotz seiner wenig anmutenden Seiten dauert es, dieses Buch zu lesen. Denn die Geschichte fordert die Zeit ein, die sie braucht, um anzukommen und verstanden zu werden.
Zwischen Spannung und Humor
Die Reise ans Ende der Geschichte von Kristof Magnusson
Der eiserne Vorhang fällt und die Welt, diese unerschütterliche Weltordnung, die die letzten Jahrzehnte geprägt hatte, brach zusammen. Wie ein Luftballon nach einem Kontakt mit einer Nadelspitze. Oder einem Kaktus. Von einem Tag auf den anderen war nichts mehr wie zuvor. Aus zwei Teilen Deutschlands wurde einer, zumindest formell die Grenze, die Europa durchschnitten hatte, war verschwunden und die UdSSR war nicht mehr da.
In dieser Zeit, die gleichermaßen geprägt war von einem Gefühl der Freiheit sowie der Unsicherheit. Mit einem Schlag ist alles anders und keiner weiß, wie es weitergehen wird.
Als Vertreter dieser beiden polarisierenden Gefühle stellt Kristof Magnusson seine Charaktere Jakob Dreiser und Dieter Germeshausen vor.
Jakob Dreiser, der unbekümmerte Dichter, liebt es zu reden, über Gott und die Welt, über alles und jeden. Er besitzt die Gabe, ein Vertrauen in der Gesprächsbasis aufzubauen, die Menschen vertrauen ihm alles an. Aber mit der enormen Freiheit, die plötzlich entstanden ist, fällt für ihn auch die Spannung, das Risiko, der Nervenkitzel, den Rede Reise begleitete. Mit anderen Worte, das schillernde Leben, bekam einen schalen Geschmack der Langeweile.
Dieter Germeshausen hingegen ist ein alter Vertreter des Systems. Als Mitglied des deutschen Geheimdienstes lebte er von diesen Grenzen, von den Geheimnissen und Intrigen. Sein Arbeitsbereich fällt gemeinsam mit den Blockaden zusammen. Nicht nur seine Arbeit, sein aufgebautes Netzwerk, sein gesamter Lebensinhalt.
Dieter trifft auf Jakob und mit einem Mal fasst er einen Entschluss: der Dichter wäre der perfekte Spion, ein letztes Aufbäumen seinerseits, bevor die Welt sich komplett ändert, um ihn zurückzulassen.
„Aber nur, weil es eine komische Vorstellung ist, kann man das ja trotzdem ernst nehmen.“*
Mit leichter, sarkastischer Sprache erzählt Kristof Magnusson die Geschichte zweier Männer, die die Wirren dieser Zeit durchleben, mit so unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten und dennoch dieselbe Reise antreten. Es ist ein wunderbar unterhaltsames Buch, immer offen für Überraschungen. Gehalten in trockener Sprache, und die Seiten laufen unter den Fingern dahin, auch wenn der Spannungsbogen eher flach gehalten wird. Die Geschichte lebt durch die komisch überzeichneten Figuren, die trotz ihrer Skurrilität ein gewisses Maß an Liebenswürdigkeit besitzen und somit ihren Platz im Herzen der Leserinnen und Leser behaupten.
„Die Reise ans Ende der Geschichte“ ist definitiv kein James Bond oder John le Carré, aber die Anspielungen sind dennoch erkennbar und gepaart mit dieser trockenen Sprache ein absoluter Lesegenuss.
*dieses Zitat wurde direkt aus dem Buch entnommen



