Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Verena:
Geniale Idee, die zunehmend unsichtbar wird
Mit anderen Augen von Jane Tara
„Mit anderen Augen“ beginnt vielversprechend: Tilda Finch, Anfang 50, bemerkt, dass Teile ihres Körpers verschwinden. Sie hat die „Unsichtbarkeitskrankheit“, die v.a. Frauen in ihrem Alter betrifft. Die Idee funktioniert zunächst richtig gut als märchenhafte, zugleich aber greifbare Metapher für ein reales gesellschaftliches Phänomen: das Übersehen- und Nicht-(mehr)-Ernstgenommenwerden von Frauen, im Beruf, im Alltag, im medizinischen Kontext.
Der packende Einstieg macht Hoffnung auf eine kluge Auseinandersetzung mit Patriarchat, Sexismus und strukturellen Ungleichheiten.
Zunächst hat mich die Geschichte komplett abgeholt: Tildas Situation ist absurd und zugleich plausibel, man verfolgt gespannt ihren Kampf gegen das Verschwinden. Doch statt die Metapher zu vertiefen, verliert sich der Roman in zu vielen Figuren und Handlungssträngen, die meist oberflächlich bleiben. Auch inhaltlich kippt die Geschichte: Aus der vielversprechenden Gesellschaftskritik wird eine vereinfachte, teils plakative Botschaft. Komplexe strukturelle Probleme werden individualisiert, statt Ursachen zu hinterfragen. Der Fokus liegt plötzlich auf Selbstoptimierung, „richtig“ sehen, meditieren, Mindset ändern. Das wirkt streckenweise wie ein Selbsthilferatgeber/Lifestylecoach und wird dem wichtigen Thema nicht gerecht.
Besonders irritierend fand ich den Umgang mit Wissen: Medizinische Stimmen treten in den Hintergrund, alternative Ansätze dominieren. Gleichzeitig wird Tilda zur Heldin, die im Gegensatz zu den anderen Frauen den „Schlüssel“ findet. Gesellschaftliche Ursachen geraten dabei völlig aus dem Blick. Fast alle Frauenfiguren leben zudem privilegiert; können sich die heilende „Selbstoptimierung“ leisten. Tiefere Konflikte wie toxische Beziehungen werden nur angerissen. Problematisch ist zudem die Botschaft, Tilda ermögliche Toms Gaslighting durch ihr Verhalten.
Am Ende bleibt für mich ein zwiespältiger Eindruck: ein Roman mit origineller Idee und starkem Anfang, der jedoch an Tiefe verliert und zu einer Art Ratgeber wandelt. Die Themen sind wichtig und bieten Diskussionsstoff, aber ich hätte mir eine deutlich differenziertere Umsetzung gewünscht.
Atmosphärisch & düster
Kala von Colin Walsh
Mit Kala legt Colin Walsh ein wirklich starkes Debüt vor, das mich vor allem durch seine dichte Atmosphäre und die gelungene Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart überzeugt hat. Die Geschichte rund um das Verschwinden von Kala und das Wiedersehen der alten Clique hat mich schnell in ihren Bann gezogen.
Was für mich besonders herausgestochen ist, war die Stimmung: Diese bedrückende Kleinstadtatmosphäre, das Gefühl, dass die Vergangenheit nie ganz ruht – das war unglaublich greifbar. Auch sprachlich bzw. bildlich ist der Roman sehr stark, viele Szenen konnte ich mir mühelos vorstellen. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Stoff auch als Verfilmung funktionieren würde.
Die Spannung war für mich definitiv gegeben, was bei einem Thriller natürlich essenziell ist. Auch wenn ich ab einem gewissen Punkt eine ziemlich klare Vermutung hatte, in welche Richtung sich die Auflösung entwickelt, blieb die Geschichte für mich durchgehend fesselnd und emotional aufgeladen.
Bei den Figuren bin ich ein bisschen zwiegespalten: Teilweise waren sie sehr tief und vielschichtig gezeichnet, dann gab es aber auch Momente, in denen sie etwas stereotyp wirkten. Hier hätte ich mir noch etwas mehr Feinarbeit gewünscht, um dieses Niveau konsequent zu halten.
Insgesamt hat mir Kala wirklich gut gefallen und ich finde es beeindruckend, wie gelungen dieser Roman für ein Debüt ist. Für ein absolutes Highlight hat mir persönlich noch das gewisse Etwas gefehlt – aber es ist definitiv ein Buch, das im Kopf bleibt und Lust auf mehr von Colin Walsh macht.
Erzählung auf Abstand
Grüne Welle von Esther Schüttpelz
Zu „Grüne Welle“ gibt es viele begeisterte Stimmen, aber ich habe ich damit leider eher schwergetan.
Die Ausgangssituation an sich ist aber schonmal sehr catchy: eine Frau fährt nachts nach einem Kinobesuch nach Hause, kommt durch eine Umleitung vom Weg ab, fährt aber immer weiter und weiter.
Als Leser:in ist man allein im Auto mit der namenlosen Protagonistin und ihrer Gedankenwelt. Ein vielversprechender Beginn. Wovon fährt sie davon? Wo will sie hin?
Sprachlich empfand ich die vielen langen Schachtelsätze eher bremsend als vertiefend. Mehr Sinn hätte diese Satzstruktur für ich ergeben, wenn der Text konsequent als Stream of Consciousness verfasst worden wäre. So war es mir stellenweise ein bisschen zu konstruiert und hat eher dazu beigetragen, die Distanz zum Text zu verstärken. (Ich fühle mich direkt ein bisschen mies das zu schreiben, weil ich selbst oft zu Schachtelsätzen neige.)
Inhaltlich geht es spannend los, aber dann plätschert der an sich sehr kurze Roman über weite Strecken vor sich hin. Man versteht früh, worauf es hinausläuft, was grundsätzlich nicht stört, aber auch hier half mir die Distanz zum Text nicht. Gerade weil ich parallel einen anderen Roman mit ähnlicher Thematik gelesen habe, der emotional deutlich zugänglicher erzählt war, fiel mir das hier besonders auf.
Etwas mehr Fahrt bringen dann allerdings die beiden jungen Anhalterinnen in die Geschichte, die die Protagonistin mitnimmt. Hier war ich zum ersten Mal die Distanz verloren, vielleicht auch, weil die Frau sich nicht mehr nur passiv treiben lassen kann (wenn natürlich das stete Weiterfahren auch schon eine aktive Entscheidung gegen das Nachhause Fahren ist).
Beim Ende bin ich mir nicht ganz sicher, wie ich es deuten soll. Einerseits lässt es viel Raum für Interpretation, andererseits verstärkt es aber auch das Gefühl, nie so ganz in die Geschichte hineingefunden zu haben.
Mehr als nur ein Mehrgenerationenroman
Real Americans von Rachel Khong
„Real Americans“ von Rachel Khong ist ja wohl eines der Hype-Bücher des Jahres und ich muss zugeben, auch mich hat’s total geflasht. Ich war von Anfang an drin in dieser Geschichte, die zunächst wie ein klassischer Mehrgenerationenroman wirkt, sich dann aber zu etwas deutlich Größerem entwickelt.
Wir beginnen in New York City an Silvester 1999: Lily Chen ist 22, Tochter chinesischer Einwanderer und schlägt sich als unbezahlte Praktikantin durch. Als sie Matthew kennenlernt prallen zwei völlig unterschiedliche Lebenswelten aufeinander, denn er ist nicht nur der Neffe ihres Chefs, sondern auch Teil einer äußerst wohlhabenden Familie. Mehr als zwanzig Jahre später lebt Lilys Sohn Nick mit ihr auf einer abgelegenen Insel. Er spürt, dass ihm ein Teil seiner Geschichte fehlt, doch seine Mutter hält sich bedeckt. Dennoch schafft es Nick nach und nach, das Geheimnis aufzudecken, die Motivation seiner Mutter, aber auch die seiner Großmutter, zu verstehen.
Die Familiengeschichte an sich ist schon super interessant; es geht um Herkunft, soziale Unterschiede, Migration, Identität und auch die Frage, wie sehr unsere Familien unser Leben prägen. Aber der Roman ist eben noch mehr. Nach und nach kristallisiert sich eine weitere Ebene heraus und die Fragen, mit denen Nick, Lily und auch May konfrontiert sind, erhalten eine ethische Dimension.
Ich will nicht spoilern, deshalb kann ich nur sagen, dass der Roman diese Fragen darüber, was uns zu dem macht, wer wir sind, sehr klug erörtert. Natur, Umwelt, Herkunft, gezielte Entscheidungen, den Einfluss der Wissenschaft – all diese Punkte arbeitet Rachel Khong nicht nur beispielhaft ab, sondern bettet sie authentisch in die Handlungen, Entscheidungen und Leben ihrer Figuren ein.
Dadurch erhalten viele Aspekte des Romans im Laufe der Geschichte eine zweite Bedeutung. Dinge, Informationen, die zunächst nebensächlich wirken, entfalten später eine Art Metaebene. Es zieht sich von der ersten Seite an ein roter Faden durch den Roman, den man teilweise erst viel später wirklich erkennt. Das ist geschickt konstruiert wirkt aber gleichzeitig nicht künstlich, was ein Kunststück für sich ist.
Für mich war „Real Americans“ eine echte Überraschung und ich kann’s nur wärmstens weiterempfehlen.
Die Macht der Entscheidung
Die Namen von Florence Knapp
„Die Namen“ von Florence Knapp ist direkt ein Jahreshighlight, so sehr hat mich der Roman gepackt. Er ist auf sehr spezifische Weise character driven und entfaltet seine Wirkung aus einer einzigen Entscheidung heraus.
Getroffen wird diese im Jahr 1987: Cora ist auf dem Weg zum Amt, um die Geburt ihres Sohnes anzumelden und ihm dadurch auch endlich seinen Namen zu geben.
Offiziell steht nur einer zur Auswahl, denn ihr Mann Gordon, ein angesehener Arzt, erwartet, dass der Junge wie seit Generationen nach dem Vater benannt wird. Die große Schwester Maia möchte ihren Bruder Bear nennen. Cora selbst findet Julian schön, in der Hoffnung, dass ihr Sohn damit zu einer eigenständigen Persönlichkeit heranwachsen kann. Aus diesen drei Namensmöglichkeiten entwickelt der Roman drei Versionen eines Lebens.
Liegt es am Namen, dem, wofür sie stehen; ist es Schicksal oder warum entfalten wir uns so, wie wir es letztlich tun? Oder ist es völlig egal, wie wir heißen und es sind ganz andere Dinge, die unsere Leben lenken? „Die Namen“ macht deutlich, wie prägend Kindheit ist und wie einzelne, einschneidende Ereignisse eine ganze Biografie formen können.
Florence Knapp zeichnet die Figur Gordon/Julian/Bear auf außergewöhnliche Weise. In allen drei Perspektiven bleibt etwas Verbindendes, und doch fühlt sich jede Version der Figur eigenständig an. Gleiches gilt für Cora und Maia, deren Entwicklungen ebenso eindrücklich erzählt werden.
Nicht unerwähnt bleiben darf jedoch der Vater, dessen Einfluss auf die Familie größer ist als jeder Name. Die Gewalt, die er ausübt, schwebt über allem.
Und genau hier liegt auch mein einziger, aber leider nicht kleiner Kritikpunkt: die fehlende Triggerwarnung. Im Roman wird häusliche Gewalt brutal und detailreich geschildert. Darauf ist man nach dem Klappentext nicht vorbereitet und ich kann nicht nachvollziehen, warum hier auf eine Triggerwarnung verzichtet wurde.
Ich möchte „Die Namen“ ausdrücklich empfehlen, es ist ein hervorragender Roman, aber man sollte wissen, welches zentrale Thema dem Roman zugrunde liegt, bevor man es liest.
Grandios!
Ich, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman
Ich habe kein TikTok, bin aber ehrlich froh, dass Leser:innen mithilfe der Plattform dieses grandiose Buch wieder aus der Versenkung geholt haben. 1995 wurde der Roman der belgischen Autorin Jacqueline Harpman erstmals veröffentlicht. Die englische Übersetzung (mein Französisch reicht leider nicht mehr für ganze Romane) hat mich letztes Jahr schon regelrecht umgehauen und ich find’s großartig, dass nun auch eine deutsche Version erscheint.
Dystopien sind nach meiner Masterarbeit sozusagen mein Fachgebiet. Nachdem jahrelang gefühlt jede:r einen dystopischen Roman schreiben und veröffentlichen wollte, war aber leider auch entsprechend viel Mittelmaß dabei. Ich habe also wirklich enttäuschende Werke aus dem Genre gelesen und war eine Zeit lang beinahe übersättigt.
„Ich, die ich Männer nicht kannte“ hat meine Lust auf Dystopien wieder geweckt, so gelungen ist der kurze Roman. Die Ausgangslage ist sofort beklemmend: Tief unter der Erde werden neununddreißig Frauen gefangen gehalten. Die Erinnerungen an ihr früheres Leben sind größtenteils verschwunden, sie leben ohne Zeitgefühl, bewacht von schweigenden Männern. Dann verschwinden eines Tages die Wachen, die Tür steht offen, die Freiheit scheint greifbar, aber keine weiß, was sie außerhalb des Käfigs erwarten wird Erzählt wird der Roman aus der Ich-Perspektive der Jüngsten unter ihnen, die nichts anderes kennt als Gefangenschaft.
Heraus kommt ein fantastischer dystopischer Roman. So schmal und trotzdem faszinierend nuanciert, vielschichtig und eindringlich. So viel psychologische Tiefe auf so wenigen Seiten. Harpmans Sprache ist poetisch und klar zugleich, und es ist einfach schön zu sehen, dass dieses beeindruckende Werk dank der Neuübersetzung nun noch einmal viele neue Leser:innen finden wird.







