Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Havers:
Dit is' Berlin
Hope Joanna von Horst Evers
Horst Evers kannte ich bisher nur als Kabarettist, gelesen hatte ich noch nichts von ihm. Aber kann einer, dessen Markenzeichen hintergründiger Humor ist, auch Krimi? Ja, er kann, auch wenn das Ergebnis eher als ein etwas schräges Produkt daherkommt.
Das Cover, ganz im Stil des Sozialistischen Realismus des Arbeiter- und Bauernstaats gehalten, hat mich angesprungen und sticht ohne Frage aus der Masse der Neuerscheinungen heraus.
Und dann noch der Titel „Hope Joanna“. Wer da nicht sofort einen Ohrwurm hat und mit den Füßen wippt…
Die Story fängt dann ja auch so, wie man es von einem Krimi gewohnt ist, an. Zwei Tote, gebissen von einer Giftschlange. Dazu ein brisanter Brief aus dem Nachlass plus ein geheimnisvolles Elixier. Und schon sind wir in medias res…ähm…mitten in der Hauptstadt. Und es wird ziemlich schräg und chaotisch, mit viel trockenem Humor in den Dialogen, insbesondere was Berlin und die „arm aber sexy“ Berliner angeht, aber durchaus auch mit gesellschaftskritischen Untertönen, die die aktuelle politischen Lage im Land aufgreifen. Das ist zwar nicht immer ganz hasenrein, aber Kabarett lebt ja bekanntlich von Übertreibungen. Und unterhaltsam ist es auf alle Fälle.
Worauf ich gerne verzichtet hätte, war die übersinnliche Schiene. Das hat meiner Meinung nach nicht gepasst. Aber ansonsten eine coole Story mit pointierten Dialogen und sympathischen Protagonisten.
Von Seethaler bin ich Besseres gewohnt
Die Straße von Robert Seethaler
Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber jetzt ist es passiert! Ich habe ein Buch des Autors, den ich über die Jahre schätzen gelernt habe, entnervt abgebrochen.
Seit Seethaler „Trafikant“ bin ich ein großer Fan des Autors, habe alle seine Romane nicht nur mit großer Freude, sondern auch persönlichem Gewinn gelesen.
Sie haben mich angefasst, weil er immer wieder die grundlegenden Themen der menschlichen Existenz, des Seins, des Miteinanders, in den Mittelpunkt gestellt hat. Absolut gelungen in „Das Café ohne Namen“.
Daran wollte er wohl mit „Die Straße“ anknüpfen, aber meiner Meinung nach ist ihm das hier nicht wirklich gelungen. Zu kurz die Einwürfe der jeweiligen Bewohner, zu wenig Das habe ich leider in diesem Porträt der Straße nicht entdecken können. Zu kurz die jeweiligen Einwürfe, eine Ansammlung von Banalitäten, nichtssagend in ihren Andeutungen einer Gesellschaftskritik.
Und leider lässt auch die (einmal mehr) gewählte Erzählstruktur, ob ihrer kurzen Beiträge und permanent wechselnden Perspektive, ein unbefriedigendes Gefühl zurück, wird der Leserin/dem Leser doch damit nicht nur die Möglichkeit genommen, eine wie auch immer geartete Verbindung zu dem Leben der Sprechenden aufzubauen, ganz zu schweigen davon, eine Vorstellung des Lebensraums dieser Menschen zu bekommen.
Leichte Kratzer an der Oberfläche ohne Empathie und Handlung. Von Seethaler bin ich Besseres gewohnt.
Ein würdiger Nachfolger für Inspektor Morse
Ein unglücklicher Tod von Peter Grainger
„Ein unglücklicher Tod“ ist der Auftaktband der ursprünglich im Eigenverlag veröffentlichten, mittlerweile 17-bändigen Reihe mit DC Smith. Smith ist ein sympathischer Protagonist, ein gewitzter Ermittler mit Vergangenheit, ein Dinosaurier, der in seinem Berufs- und Privatleben nicht nur Erfolge sondern auch Niederlagen zu verbuchen hat.
Verortet ist die Reihe in Norfolk, East Anglia, was der Autor aber nicht zum Anlass nimmt, die Story mit ellenlangen Landschaftsbeschreibungen aufzublähen. Ganz im Gegenteil.
Grainger legt seinen Fokus zum einen auf die akribische Ermittlungsarbeit, zum anderen auf die Beschreibung des Protagonisten, sein zwischenmenschliches Agieren und den moralischen Kompass, der Smith während seiner beruflichen Laufbahn weniger Applaus als vielmehr misstrauische Blicke der Kollegen und Vorgesetzten, samt einer beruflichen Degradierung (die ihn aber weiter nicht kratzt) eingebracht hat.
So auch im Todesfall des ertrunkenen Teenagers, mit dem er beauftragt wird. Eigentlich nur eine Überprüfung, Routine, aber dann entdeckt Smith einen ungewöhnlichen Abdruck auf der Leiche. Gemeinsam mit Watts, einem Anfänger, (Sohn eines ehemaligen von ihm sehr geschätzten Kollegen), der ihn unterstützen soll, beginnt er zu ermitteln. Eine Erkenntnis reiht sich an die nächste, und schließlich landen sie bei einem Verbrechen, das während des bosnischen Genozids begangen wurde und dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen.
Ein sympathischer Protagonist mit Ecken und Kanten, ein klassischer, englischer Polizeiroman, der sich auf die Ermittlungsarbeit konzentriert, die moralischen Konsequenzen, die ein Verbrechen nach sich zieht, betrachtet und auf schmückendes Beiwerk weitestgehend verzichtet.
Kennt und schätzt ihr die Inspektor Morse Romane von Colin Dexter? Dann solltet ihr unbedingt zu Peter Graingers DC Smith Krimis greifen. Nachdrückliche Empfehlung meinerseits!
Wird leider dem brisanten Thema nicht gerecht
In den Fängen der Verräter von Tuomas Oskari
Die Vergangenheit lässt den ehemaligen finnischen Ministerpräsidenten Leo Koski nicht los. Nach dem gewaltsamen Tod seiner Frau hat er sich entschlossen, sein Heimatland zu verlassen und gemeinsam mit seiner kleinen Tochter in Washington ein neues Leben zu beginnen.
Aber trotz aller Sicherheitsmaßnahmen kommt es, nachdem ihn der finnische Botschafter um Hilfe gebeten hat, zum Schlimmsten, was einem Elternteil passieren kann.
Leo soll auf dessen Wunsch hin beim amerikanischen Präsidenten intervenieren, diesen davon abhalten, dessen geplanten amerikanischen Austritt aus der NATO aufzugeben, damit auch zukünftig die Sicherheit Finnlands gewährleistet ist. Widerstrebend lässt er sich darauf ein.
Doch das kreuzt die Pläne der finsteren Mächte (aka der diversen Geheimdienste aus Ost und West), die nicht zimperlich in der Wahl ihrer Mittel sind, um ihre eigene Agenda durchzusetzen und dafür auch nicht vor Mord und Entführung zurückschrecken.
Ein guter Polit-Thriller sollte realistisch sein, zumindest dieses Kriterium hat der Autor erfüllt. Sieht man ja aktuell schon an den Aktionen des amerikanischen Präsidenten, dessen Plänen bezüglich Abzug der amerikanischen Truppen aus Deutschland. Aber das war’s auch schon, denn was Tuomas Oskari aus dieser Ausgangslage macht, ist hanebüchen, orientiert sich zum einen über weite Strecken am Westen-ist-gut-und-Osten ist-böse Narrativ, zum anderen an den Drehbüchern der Actionserien der Streaming-Dienste. Eine sehr einfach gestrickte Handlung, vorhersehbar geplottet und in mehr als simpler Sprache vermittelt, was diesem brisanten Thema nicht gerecht wird, hölzern heruntergeklöppelt ohne jegliche Raffinesse oder überraschende Wendungen. Eine enttäuschende Lektüre und deshalb leider keine Leseempfehlung meinerseits.
Leider „nur“ ein Coffee Table Kochbuch
Dirty Bistro von Max Strohe
Max Strohe kannte ich bisher nur von seinen launigen Spiegel-Kolumnen und seiner Autobiografie „Kochen am offenen Herzen“. Besonders gerne mag ich aber auch dem kreativen Namen seines Restaurants in Berlin: „Speiselokal Tulus Lotrek“, mal so ganz anders benamt als die klassischen Fine Dining Tempel.
Nun ist also sein erstes Kochbuch „Dirty Bistro“ erschienen, auf das ich mich sehr gefreut hatte. Aber bereits beim ersten Durchblättern wich die Freude großer Ernüchterung, sind doch samt und sonders die Hauptzutaten fast aller Rezepte nicht nur sehr kostenintensiv, sondern auch – wenn überhaupt - nur mit immensem Aufwand zu beschaffen, insbesondere dann, wenn man nicht in der Großstadt lebt.
Erwartet hatte ich aufgepeppte Gerichte aus der klassischen Bistro-Küche, gerne auch noch mit besonderen Strohe typischen Twists, die innerhalb eines akzeptablen Zeitrahmens zu realisieren sind. Keine Frage, die Rezepte sind ausgefallen, innovativ und überraschend, allerdings nur eingeschränkt für Menschen mit einer Fisch-und/oder Krustentier-Allergie geeignet. Dazu kommt, dass die Zubereitungen auch für erfahrene Hobbyköche und –köchinnen selbst dann, wenn man die Zutaten beschaffen konnte, extrem zeitintensiv und deshalb leider nicht alltagstauglich sind. Schade.
Mein Fazit: „Dirty Bistro“ ist ein repräsentatives Coffee Table Book mit schönen Bildern und netten Geschichten für Strohe-Fans bzw. Fans von Köchen, die aus der Reihe tanzen. In unserem Haushalt wird es sich aber wohl aus den oben genannten Gründen keinen festen Platz im Küchenregal erobern, in dem die regelmäßig genutzten Kochbücher stehen.
Langatmige Mogelpackung
Home Before Dark von Eva Björg Ægisdóttir
Die „Mörderisches Island“ Reihe habe ich mit Ausnahme von Band 4 „Verlassen“ sehr gerne gelesen, und gerade deshalb hätte ich gewarnt sein sollen, denn genau das, was ich bei diesem kritisiert habe, treibt die Autorin in „Home Before Dark“ auf die Spitze.
Aber first things first. 1977, zehn Jahre sind vergangen, seit Kristin (Stina) spurlos verschwunden ist.
Und noch immer leidet die Familie, insbesondere ihre Schwester Marsibil (Marsi), unter dem Verlust, insbesondere, da offenbar niemand, weder die Eltern noch die Polizei, großes Interesse daran hatte, diesem Vermisstenfall nachzugehen. Was ist damals geschehen? Und hat der geheimnisvolle Brieffreund Marsis, mit dem sie damals im Namen der Schwester, etwas mit dem Verschwinden dieser zu tun? Hat er sie während seines angekündigten Besuchs getötet? Diese Fragen stellt sich Marsi und lässt die damaligen Ereignisse während des Besuchs bei ihren Eltern Revue passieren. Marsibil und Kristin, 1977 und 1967, zwei Zeitebenen, zwei ich abwechselnde Perspektiven, die Licht ins Dunkel bringen sollen.
Gelabelt ist „Home Before Dark“ als Psychothriller, wird als „atemberaubender Nordic Noir“ bezeichnet, was natürlich hohe Erwartungen weckt. Aber leider werden diese nicht erfüllt. Anstelle eines Thrillers bekommt man das Porträt einer dysfunktionalen Familie, in der jede/r bemüht ist, die Realität auszublenden bzw. zu verleugnen. Über 300 Seiten nichtssagende Nabelschauen und Wiederholungen, durch die man sich durchquälen muss, in denen die Handlung auf der Stelle tritt, bevor das letzte Viertel an den Haaren herbeigezogenen Erklärungen gewidmet ist, die leider durch die Vielzahl unglaubwürdiger Twists ad absurdum geführt werden.
Fazit: Eine langatmige Mogelpackung, über weite Strecken ermüdend, die die Erwartungen nicht erfüllt und mit „Nordic Noir“ noch nicht einmal in Ansätzen etwas zu tun hat. Das Einzige, was gelungen ist, sind die Naturbeschreibungen, aber das ist definitiv zu wenig, als das man „Home Before Dark“ als gelungenen Thriller bezeichnen bzw. empfehlen könnte.
Der blanke Horror
Yesteryear von Caro Claire Burke
Wir kennen es aus den Sozialen Medien: Das Bild eines weitläufigen, irgendwo im Nirgendwo gelegenen Bauernhofs, der aussieht, als wäre er das Top-Objekt aus dem Verkaufsprospekt des Immobilienmaklers. Die heimelige Küche auf dem Land, deren Einrichtung blitzt und blinkt, in der die junge, bildhübsche Hausfrau mit Rüschenschürze Brote backt und/oder Mahlzeiten aus dem selbstangebauten Gemüse für ihre Großfamilie zubereitet.
Um sie herum eine vielköpfige Kinderschar und der gutaussehende „Pater familias“. Eine harmonische Familie, die die „alten“ Werte lebt und in der alle glücklich und zufrieden sind. Aber ist das wirklich so?
Zeigen die Reels der „Tradwives“ deren Realität oder lediglich ihr gefaktes Leben für die Millionen Follower, das sich in klingender Münze auszahlen soll? Und was macht das auf lange Sicht mit den Beteiligten, insbesondere mit den Kindern? Wie wirkt sich dieses permanente „Vorführen“ auf deren Entwicklung aus?
Und was sagt der Erfolg eines solchen nach rückwärts gerichteten Formats, das traditionelle und religiös geprägte Werte, vor allem im Hinblick auf Geschlechterrollen und Mutterschaft, ohne kritisches Hinterfragen in die Welt schickt, über den Zustand der jeweiligen Gesellschaft aus?
Das sind einige der Fragen, die mir bei der Lektüre von Caro Claire Burkes „Yesteryear“ in den Sinn kamen. Mich hat dieser Roman nicht unterhalten. Er hat mich gefordert, war anstrengend zu lesen, hat zum Nachdenken genötigt. Und nein, das war weder eine Satire noch ein Thriller, sondern in erster Linie der blanke Horror.
Zuviel Drumherumgerede killt die Interessante Ausgangssituation
Ein guter Blick fürs Böse von Elizabeth Arnott
Eine kalifornische Vorstadt in den späten Sechzigern. Drei Frauen, deren Ehemänner als Serienmörder entlarvt und verurteilt wurden. Das Getuschel der Nachbarn hinter vorgehaltener Hand, die Zweifel an deren Ahnungslosigkeit haben, während selbst Beverly, Elsie und Margot sich immer wieder fragen, wie sie die Anzeichen übersehen konnten.
Kann man mit diesen Selbstvorwürfen, dieser Schuld, diesem Stigma weiterleben?
Sie können, weil sie müssen, denn das Leben geht weiter. Beverly kümmert sich um ihre beiden Kinder, archiviert aber gleichzeitig Zeitungsausschnitte über gewaltsame Übergriffe auf Frauen, Elsie legt den Fokus (vergeblich) auf ihre berufliche Karriere in einer Nachrichtenredaktion und Margot betäubt ihre Schuldgefühle mit Alkohol und wechselnden Männerbekanntschaften.
Doch dann häufen sich in den Nachrichten Meldungen über junge Frauen die eines gewaltsamen Todes gestorben sind, und ja, es scheint, als würde einmal mehr ein Serienmörder sein Unwesen treiben. Die Polizei tappt im Dunkeln, hat weder Plan noch Verdächtige, ist aber gleichzeitig auch blind für die Hinweise, die Beverly ihrem Polizisten-Lover gibt.
Wäre das nicht eine perfekte Ausgangslage für das Freundinnen-Trio, um den Mörder zu stellen? Wer, wenn nicht sie, können das Böse erkennen, sind prädestiniert dafür, den Täter zu entlarven und sich damit auch von peinigenden Schuldgefühlen zu befreien? Und so entschließen sie sich (auf Initiative von Beverly), den Täter ausfindig zu machen und seiner gerechten Strafe zuzuführen.
„Ein guter Blick fürs Böse“ wird zwar vordergründig als Kriminalroman vermarktet, versucht aber über weite Strecken einen feministisch geprägten Blick zurück in die Zeit eines beginnenden gesellschaftlichen Wandels zu werfen, in der die drei Frauen die ihnen zugedachten Rollen - zumindest in Ansätzen - in Frage stellen. Auch und gerade dann, wenn man ihnen Steine in den Weg legt. Und ja, ich scheue mich, das Buch als historischen Roman zu bezeichnen, denn dafür hätte es meiner Meinung eine intensivere Sicht auf die gesamt gesellschaftlichen Veränderungen im Kalifornien der sechziger Jahre bedurft.
Arnott baut die Story langsam auf, zu langsam für meinen Geschmack, kreist immer wieder um die Themen Geschlechterrollen, Freundschaft, aber auch Schuld und Sühne, was leider insbesondere in der ersten Hälfte zu Lasten der Spannung geht. Hier hätte sie straffen können und sollen, was dem Tempo durchaus zuträglich gewesen wäre, insbesondere weil die Anzahl der Verdächtigen sehr übersichtlich ist. Und auch die Konzentration auf die Charakterisierung der drei Frauen war dem Spannungsfaktor nicht wirklich zuträglich, hat sich wiederholt und meine Geduld überstrapaziert, so dass ich mich stellenweise fast schon zum Weiterlesen zwingen musste. Von einem Kriminalroman erwarte ich mir mehr: Mehr Tempo, mehr Action, mehr Spannung. Und vor allem weniger Drumherumgerede.
Interessante Ausgangslage, die Erwartungen weckt
Giftiger Grund von Thomas Knüwer
Eigentlich kann er atmosphärisch erzählen, der Herr Knüwer, hat er ja bereits mit seinem preisgekrönten Vorgänger „Das Haus, in dem Gudelia stirbt“ bewiesen, in dem er tief in die Psyche seiner Hauptfigur eintaucht. So auch meine Erwartung an „Giftiger Grund“.
Hier nun der Einstieg in die Story mit dem Lost Place, der vergessenen und verratzten Tankstelle.
irgendwo im Nirgendwo. Natürlich ein passender Hintergrund, wobei sich allerdings beim Lesen zunehmend herausstellt, dass dies nur eine vernachlässigbare Klammer ist, die die Geschichte, die er zu erzählen hat, zusammenhält.
Drei Akteure: Joran, der frisch entlassene Häftling, verurteilt für eine Straftat, die bei genauerem Hinsehen einen unglücklichen Hintergrund hat. Charu, die – ja, was ist sie eigentlich – Influencerin, Fotografin, die ihren Social Media Account mit Fotos von verlassenen, zerfallenden Gebäuden füllt. Und Edda, ein kleines Mädchen, das Nacht für Nacht die Tankstelle aufsucht...
Wir lernen diese drei Personen kennen, tauchen häppchenweise, aber leider auch recht oberflächlich, in ihre persönlichen Geschichten ein, bis sich ihre Wege kreuzen.
Knüwer macht das ziemlich geschickt. Die Perspektivwechsel bringen Abwechslung, generieren durch die alternierenden Kapitel Tempo, machen neugierig und lassen die Leserinnen Vermutungen über den Fortgang der Story anstellen.
Allerdings ist meiner Meinung nach die Ausgangslage dieser Geschichte, die als „psychologischer Kriminalroman“ vermarktet wird, wesentlich interessanter als das Endergebnis, das sich in konventionellem Friede, Freude, Eierkuchen auflöst und leider den Eindruck erweckt, als hätten wir es hier eher mit einem Schreibversuch des Autors, als mit einer fein ausgearbeiteten Erzählung zu tun, die es mit „Gudelia“ aufnehmen kann.
Fazit: Interessante Idee, mittelmäßig ausgeführt. Erwartungen nicht erfüllt.
Debüt mit Schwächen
Kala von Colin Walsh
Es sind hohe Erwartungen, die die Besprechungen in den Kultur-Rubriken der irischen und englischen Medien für Colin Walsh wecken, wenn sie reihum sein Debüt mit den literarischen Thrillern der großartigen Tana French oder mit Donna Tartts Ausnahmewerk „Die geheime Geschichte“ vergleichen. Das macht neugierig, insbesondere dann, wenn man die beiden genannten Autorinnen kennt und schätzt.
2003. Sommer in Kinlough. Die sechs Teenager Kala, Aoife, Helen, Aiden, Joe und Mush genießen den Sommer. Riskante Wettrennen, heimliche Pints, die ersten Küsse. Doch dann verschwindet am 3. November die furchtlose Kala, nach außen furchtlos, aber im Inneren eine verletzte und zutiefst verunsicherte Seele. Niemand weiß, wo sie abgeblieben ist, und plötzlich ist nichts ist mehr wie zuvor. Die Jahre vergehen, und die Freunde zerstreuen sich in alle Himmelsrichtungen. Anlässlich einer Hochzeit treffen sich 2018 drei von ihnen wieder in ihrer Heimatstadt: Mush, der Kinlough nie verlassen hat, Helen, die mittlerweile in Kanada lebt, und Joe, der auf eine Karriere als Musiker zurückblicken kann. Man trifft sich, die alte Vertrautheit stellt sich wieder ein. Doch dann werden in einer Baugrube die sterblichen Überreste Kalas gefunden und fast zeitgleich verschwinden wieder zwei Teenager, die beiden Schwestern Donna und Marie. Ängste werden wach, alte Erinnerungen an die Ereignisse rund um Kalas Verschwinden gelangen wieder an die Oberfläche. Was ist vor fünfzehn Jahren geschehen? Und wer ist dafür verantwortlich?
Erwachsenwerden, Freundschaften, Familiengeheimnissen, Gehen, Bleiben und Zurückkommen, das sind die Themen, die Walsh in seinem Debüt behandelt und in zwei Zeitebenen aus Sicht von Mush, Helen und Joe Revue passieren lässt. Es überlappt sich, dreht sich im Kreis und wird wiederholt, so dass man sich fragt, wann er endlich auf den Punkt kommt. Auch wenn die Charakterisierungen überwiegend als gelungen gelobt werden, kann ich dem nur bedingt zustimmen, denn vieles, auch was die Storyline angeht, habe ich so oder so ähnlich schon weitaus besser gelesen und überrascht deshalb nicht. Langer Rede kurzer Sinn, der Vergleich mit Frech und Tartt hinkt und hat meine hohen Erwartungen leider nicht erfüllt. Schade!











