Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Leporello Stöger

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von minúscula:

"Im Innergebirg war es normal, verrückt zu sein"

Sie wollen uns erzählen von Birgit Birnbacher

Das Cover, flirrendes Licht unter Bäumen, zusammengesetzt aus unzähligen Punkten, ist herausragend und passt zum Thema und Stil von Birgit Birnbachers Roman "Sie wollen uns erzählen".

Ozzy, seine Mutter Annegret (genannt Ann), seine Großmutter Zäzilia, verbindet der Eigensinn und die aus heutiger Sicht neurodivergente Denk- und Wahrnehmungsweise, medizinisch beim Kind als ADHS klassifiziert.

Der assoziative, prägnante Stil und der spannende Auftakt haben mich anfangs gepackt, leider war die Geschichte später weniger einfallsreich und recht vorhersehbar.

Protagonistin Ann, getrennt lebende Sozialwissenschaftlerin, projiziert äußerst unsympathisch ihren Selbsthass in alle anderen - die Bildungsberaterin zu neurotypisch, ihre Schwester zu dopaminsüchtig (und auch tatsächlich klischeehaft dargestellt) - und bewertet deren Kleidung und Aussehen, einschließlich der vermeintlich fehlenden Hautpflege. Überkontrollierend und ängstlich, benachteiligt durch systemische Misogynie, repräsentiert sie leider eine nicht untypische Ausprägung von ADHS bei intelligenten Müttern.

Ozzy, der neunjährige Sohn mit ADHS, soll unbedingt aufs Gymnasium - und die Großmutter wird alt und vergesslich. Ein Sturm zieht auch noch auf. Aber eigentlich passiert nicht viel, auch wenn die Beziehung zwischen Ann und Ozzy, der sich als Held erweisen darf, ein bisschen weiterentwickelt.

Vielleicht empfehlenswert für Menschen, die noch keinerlei Vorstellung vom Familienleben mit ADHS haben und einen literarischen Zugang suchen.

Vielen Dank an vorablesen.de und den Zsolnay-Verlag für den Buchgewinn (welcher mit der Verpflichtung zur Rezension verbunden ist). Einen Extrastern vergebe ich für das Cover und einen weiteren für das Motto "The wilderness is gathering / all its children back again" (Leonard Cohen).

im Shop ansehen weitere Rezensionen von minúscula

Magisch

Mr. Saitos reisendes Kino von Annette Bjergfeldt

Durch das rosa Cover und die über fünfhundert Seiten hätte ich mich fast abschrecken lassen. Der Klappentext klang fast schon übermäßig skurril, aber überzeugte mich, die Leseprobe zu lesen - selten habe ich so einen Wälzer dann so schön dahinfließen sehen.

"Eine Liebesgeschichte in sieben Wellen" ist das maritime Motto des Romans, der aus Carmelitas, genannt Lita, Perspektive erzählt wird.

Ihre Mutter Fabiola, als Findelkind im Kloster aufgewachsen und von Tango und Schuhen fasziniert, bekommt sie mit siebzehn. Zehn Jahre später müssen beide aus Buenos Aires fliehen und stranden auf Upper Puffin Island in einem Seemannsheim. Die kleine Gemeinde wird ihre Heimat, die gehörlose Oona Litas Freundin. Der zweite Weltkrieg und seine Auswirkungen überschatten die Geschichte. Der Wanderkinobesitzer Mister Saito bringt nicht nur Abwechslung in das Leben an dem abgelegenen Ort, sondern begeistert die Freundinnen auch für das Kino.

Die Charaktere sind auf humorvolle Weise leicht überzeichnet, ihr Eigensinn mir oft sympathisch, und die Geschichte abwechslungsreich und mit den passenden glücklichen Zufällen. Der Stil, durch scheinbar beiläufige Beobachtungen wichtiges nebenbei zu erzählen, spricht mich an.

Das Ende finde ich jedoch übermäßig übertrieben und kitschig, wofür es Abzüge gibt.

Ein interessantes Detail: ich habe durch einen spanischen Ausdruck im Buch noch eine Sonderregel beim Vos-Imperativ gelernt, nämlich dass der Akzent erhalten bleibt, wenn ein Pronomen angehängt wird, auch wenn er für die Betonung nicht nötig wäre.

Vielen Dank an den HarperCollins-Verlag und "vorablesen.de" für das Rezensionsexemplar.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von minúscula

Zäh wie ein langer Winter

Wintern von Kari Leibowitz

Kari Leibowitz' Buch "Wintern" ist eine Mischung aus erzählendem Sachbuch und Reisebericht, das Strategien gegen den "Winterblues" vermitteln will.

Die promovierte Psychologin bezeichnet sich als "Wintermindset-Expertin", ihre Doktorarbeit stammt jedoch aus dem Bereich der Arzt-Patienten-Kommunikation.

So zieht sie insbesondere Forschung über den Nocebo-Effekt heran, um den Einfluss negativer Erwartungen zu erläutern - der sogenannte Noceboeffekt soll unerwünschte Medikamentenwirkungen durch deren Erwartung erklären, jedoch ist diese Forschung mit vielen methodischen Problemen behaftet - unterschiedliche, unerkannte Stoffwechselempfindlichkeit kann z. B. durchaus auch ursächlich sein.

Genauso könnte die Erwartung, dass es einem im Winter schlechter geht, auch in der Erfahrung begründet sein, und beispielsweise genetische Unterschiede im circadianen Rhythmus die tatsächliche Ursache sein. Diese finden leider keinerlei Erwähnung im Buch, obwohl die Autorin selbst nebenbei bemerkt, an einer Schlafphasenstörung und Hypersomnie zu leiden, worauf aber kaum eingegangen wird.

Andere physiologische Themen (z. B. die positive Wirkung warmer Bäder) werden dagegen äußerst ausschweifend behandelt. Manche Argumente werden lang und breit ausgewälzt, teils auch an verschiedenen Stellen wiedeholt, so dass die Lektüre zäh war.

Positiv hervorheben möchte ich die Betonung der Rahmenbedingungen (z. B. Räumen von Radwegen) für eine gute Wintererfahrung, deren Schaffung den Kommunen obliegt.

Ein paar gute Ideen habe ich zwar gefunden, aber das meiste war mir nicht neu, die Reisegeschichten eher langweilig, ich musste mich wie durch einen zu langen Winter durch das Buch quälen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von minúscula

Unterhaltsam, aber kein Highlight

Die drei Leben der Cate Kay von Kate Fagan

Cate Kay hatte in ihrem Leben schon zwei andere Namen, unter einem davon wurde sie berühmt und lebt nun unerkannt, entscheidet sich aber nun, einen autobiographischen Rückblick (engl. memoir) zu veröffentlichen. Diesen ergänzt sie mit den Perspektiven anderer Beteiligter.

Ein nicht verarbeitetes Trauma, sowie Lügen und Manipulation durch andere bestimmten die Lebensgeschichte der Protagonistin.

Sozial benachteiligt aufgewachsen, kam sie zu Ruhm und Erfolg, aber brauchte lange, um ihre Vergangenheit aufzuarbeiten.

"Die drei Leben der Cate Kay" besticht zwar durch manch spritzigen Dialog und die komplexe Struktur mit mehreren Perspektiven und Zeitebenen.

Die Handlung selbst ist jedoch eher unrealistisch und teilweise vorhersehbar. Es wirkt so, als wünsche sich die Autorin selbst eine Verfilmung ihres Romans - für mich leider kein Pluspunkt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von minúscula

Lebenswege in der Alltagsapokalypse

Weißes Licht von Eric Puchner

"Weißes Licht" von Eric Puchner ließ mich sehr ambivalent zurück - ich fand den Roman einerseits in Abschnitten szenisch und literarisch beeindruckend, auch die Naturbeschreibungen sprachen mich an, dann wieder war ich genervt vom Pathos der inneren Dialoge, deren Gemeinplätze so übertrieben amerikanisch waren und gar nicht zu den Charakteren passten.

Insbesondere manche weiblichen Charakteren zugeschriebene Reflektion sagt eigentlich nur etwas über die Selbstbezogenheit des männlichen Autors aus.

Letztendlich geht es für mich in diesem Roman auch um Männlichkeitsrituale und die Unfähigkeit zu trauern.

Leider ist die Übersetzung an einigen Stellen schlecht bis falsch, z. B. "Treibgase" (gemeint müssen Treibhausgase sein), "Kletterstudio" (vermutlich wörtliche Übersetzung von "climbing gym", auf deutsch heißt es aber Kletterhalle), "Wildlife Biologe" (es heißt Wildbiologe), das hätte spätestens dem Lektorat auffallen müssen.

2,5 von 5 Sternen. Insgesamt literarisch teilweise interessant, inhaltlich aber zu bedrückend und negativ.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von minúscula

Schatten und Klischees

Schattengrünes Tal von Kristina Hauff

Ein heruntergekommenes Familienhotel in einer fiktiven Kleinstadt im Nordschwarzwald, in dem eine geheimnisvolle Fremde, Daniela, absteigt und bald anfängt, gegen die hilfsbereite Einheimische Lisa, Tochter des Hotelbesitzers, zu intrigieren... was wird das? Kein Thriller, auch nicht wirklich ein Liebesroman.

Für Literatur sind die Dialoge und Handlungen jedoch eher zu gewöhnlich. Die Erfolge der Manipulatorin sind übermäßig, ihre Figur bleibt platt und klischeehaft. Auch Lisas Ehemann Simon erscheint eher blass und etwas stereotyp, obwohl er als Förster einen interessanten Beruf ausübt - was jedoch teilweise unglaubwürdig dargestellt wird.

Die Unterwerfung unter eine dominante Vaterfigur vor dem Hintergrund einer Abweichungen nicht tolerierenden Kleinstadtgesellschaft sind nicht unglaubwürdig, die rasante Entwicklung mancher Personen dann schon eher.

Das Hörbuch war zum Nebenbeihören auf erhöhter Geschwindigkeit jedoch ganz unterhaltsam, wenn auch manchmal vorhersehbar.

Das Ende und die - ebenfalls eher unrealistische - Tiergeschichte, die jedoch ein gewisses literarisches Flair vermittelt - stimmen mich versöhnlicher - 2,5 Sterne.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von minúscula

Überkonstruiertes Drama

Die Probe von Katie Kitamura

Der Roman beginnt mit dem vermeintlichen Auftritt eines Hochstaplers: Die Erzählerin, eine berühmte Schauspielerin, trifft sich mit Xavier, einem anscheinend aufdringlichen Fan in einem Restaurant. Unerwartet kommt auch noch ihr Mann herein, nur um schnell zu verschwinden, als er sie sieht. Ihr fällt auf, dass ihr Mann Xavier sehr ähnelt, und dass dieser ihre Gesten offenbar gekonnt imitiert.

.. ein fesselder Einstieg in einen kurzen psychologischen Roman - der sich dann ganz anders entwickelt als erwartet.

Die namenlose Schauspierin hat Schwierigkeiten mit ihrem gerade geprobten Stück, was sich dann aber als Erfolg herausstellt - Parallelen zu ihrem Leben werden deutlich und es verschwimmt die Grenze zwischen Realität und Fiktion. Ohne zu spoilern ist es schwer zu kritisieren.

Fazit: Hochgradig konstruiert, teils ermüdend, literarisch bestimmt wertvoll - mich hat das Buch gerade nicht abgeholt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von minúscula

Drollig, repetitiv, pseudofeministisch

Hustle von Julia Bähr

Angesiedelt im heutigen München, greift der Roman die massiven sozialen Unterschiede auf, die Auswirkung kapitalistischer Ausbeutung, insbesondere die Folgen extrem hoher Mieten für Bewohner und Stadt.

Andererseits feiert er die Anpassung an Konsumnormen, und sei es mittels unangepasster bis krimineller Methoden, die natürlich nur den "Reichen und/oder Bösen" schaden.

Dazu passt das Titelbild der übertrieben geschminkten, leicht blondierten und arrogant dreinschauenden Protagonistin Leonie (die vom Aussehen her auffallend der Autorin ähnelt, die in München studiert und die Jounalistenschule besucht hat).

Anfangs fesseln die kreativen und witzigen Ideen, zum Beispiel Leonies skurriles Hobby, Schleimpilze zu suchen, als Hausorganismen zu halten und mit ihnen Experimente durchzuführen, oder ihre Rachepläne.

Jedoch wiederholen sich die immer gleichen Themen bald mit geringer Variation, so dass der Roman deutliche Längen aufweist. Auch entwickeln sich die Figuren nicht sehr weiter, oder Entwicklungen erscheinen unwahrscheinlich abrupt. Die München-Klischees sind darüber hinaus auch bald ausgelutscht, die Zoologenklischees auch nicht besser, Leonies Arbeitsalltag an der Realität vorbei. Dass München durchaus auch alternativere Szenen hat, wird leider nur am Rande gestreift - die Nebenstränge von Kollegen Lam, sowie dem Sammlungsdiebstahl, führen leider nirgendwohin - schade.

Das Korrektorat hat auch geschlafen, an einer Stelle sind die Gattungsnamen kleingeschrieben.

Fazit: Der "Blurb" von Alena Schröder ist irreführend, eher selbst ein "Hustle" - zwar ist das Buch schnell wegzulesen und eine unterhaltsame Hommage an Freund:innenschaft, jedoch auch eine fragwürdige an den pseudofemistischen Egotrip.

Vielen Dank an den pola-Verlag und "vorablesen.de" für das kostenlose Rezensionsexemplar.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von minúscula