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Rezensionen von jori1020:

Ein interessantes Gedankenexperiment

Vorsehung von Liane Moriarty

Eigentlich beginnt alles wie ein ganz normaler Flug, abgesehen von der mehrstündigen Verspätung. Doch plötzlich steht Cherry Lockwood, eine auf den ersten Blick unscheinbare ältere Dame, auf und geht durch die Reihen. Sie offenbart jedem einzelnen Passagier nicht nur den Tag seines Todes, sondern auch die Ursache.

Die Prämisse ist ebenso originell wie verstörend und zwingt einen beim Lesen unweigerlich dazu, über das eigene Leben nachzudenken: Was würde man mit solch einer Prophezeiung anfangen? Genau um diese Frage kreist der Roman, indem er die sehr unterschiedlichen Reaktionen der Mitreisenden nachzeichnet.

Es entfaltet sich eine spannende, stellenweise aber etwas langatmige Geschichte, die sowohl die unmittelbaren Konsequenzen als auch Cherrys Vergangenheit beleuchtet. Manche Themen werden mit Tiefgang verhandelt, manches bleibt an der Oberfläche und durch die häufigen Perspektivwechsel wirken einige Figuren etwas schemenhaft. Doch das Ende entschädigt: geschickt verknüpft, voller überraschender Wendungen und mit Raum für Ungewissheit.

Der Roman liest sich insgesamt leicht und flüssig, verbindet Humor mit ernsten Tönen und wechselt gekonnt zwischen Spannung und Nachdenklichkeit. Sprachlich gibt es viele schöne Passagen, auch wenn die wörtliche Rede manchmal schlicht wirkt. Alles in allem eine kluge und unterhaltsame Geschichte, die allerdings auch mit etwas weniger Umfang nicht an Wirkung verloren hätte.

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Ein Roman wie ein Gedicht

Hundesohn von Ozan Zakariya Keskinkiliç

Mit Hundesohn legt Ozan Zakariya Keskinkılıç ein beeindruckendes Romandebüt vor, das weit über die Grenzen des Genres hinausgeht. Wer bereits seinen Gedichtband Prinzenbad kennt, wird auch hier sofort das lyrische Talent des Autors wiederfinden. Denn dieser Roman ist nicht nur Erzählung, er ist zugleich Gedicht: Ganze Sätze kehren wie Refrains zurück, werden variiert, verschoben, neu gewichtet.

Die Bilder und Metaphern verraten einen Dichter, der seine Sprache meisterhaft beherrscht.

Im Mittelpunkt steht Zakariya, ein junger Deutscher mit türkischen Wurzeln, gefangen in der Sehnsucht und im Begehren nach Hassan, seinem Freund aus Kindertagen, der weit weg von ihm in der Türkei lebt. Diese Sehnsucht lässt ihn Hassan in immer neuen Gestalten wiederfinden: in Männern, die ihm in Berlin und anderswo begegnen. Zwischen Grindr-Chats, Gesprächen mit seiner besten Freundin Pari, Schweigen in der Therapie und dem Lesen von Kafka bewegt sich Zakariya in einem Schwebezustand zwischen Nähe und Ferne, zwischen Begehren und Verlust.

Doch Hundesohn ist keine klassische Liebesgeschichte. Keskinkılıç verhandelt darin zentrale Fragen unserer Gegenwart: Wo liegt Heimat? Was bedeutet Zugehörigkeit? Wie prägen Rassismus, Homophobie und Religion das eigene Leben? Welche Rolle spielen Familie und Freundschaft?
Mit analytischer Schärfe und poetischer Sprachgewalt verbindet Keskinkılıç Intellekt und Emotion und erinnert dabei an Autoren wie Ocean Vuong oder André Aciman.

Hundesohn ist ein außergewöhnlicher Roman, eine Liebesgeschichte von großer sprachlicher Schönheit und ein Buch, auf das man sich unbedingt einlassen sollte.

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