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Rezensionen von jori1020:
Eindringlicher Blick auf moderne Landwirtschaft
Broder von Dörte Hansen
Dörte Hansen erzählt in ihrem neuen Roman von den Zwillingsbrüdern Broder und Henning, die zwar auf demselben Hof aufgewachsen sind, aber ganz unterschiedliche Wege eingeschlagen haben. Während Henning den Familienbetrieb übernimmt und ihn zu einem modernen Hochleistungsbetrieb ausbaut, wird Broder Tierarzt und kehrt erst nach mehr als zwanzig Jahren wieder in die Nähe seiner Familie zurück.
Ausgerechnet er bekommt nun hautnah mit, welchen Preis der vermeintliche Fortschritt fordert.
Dabei geht es längst nicht nur um Landwirtschaft. Hansen erzählt von Geschwisterrivalität, familiären Erwartungen, alten Dorfstrukturen und der Frage, wie viel Tradition man bewahren kann und wie viel Veränderung notwendig ist. Besonders eindringlich fand ich den Blick auf die Tiere und die Konsequenzen einer immer stärker auf Leistung ausgerichteten Landwirtschaft.
Sprachlich ist der Roman wieder typisch Dörte Hansen: ruhig, präzise und mit vielem, das zwischen den Zeilen steckt. Die Atmosphäre ist allerdings von Beginn an eher bedrückend als behaglich. Gerade das macht die Geschichte für mich so eindringlich. Ein kluger Roman über Familie, Heimat und Landwirtschaft, der auch den eigenen Blick auf unseren Konsum nicht ganz unberührt lässt.
Ein außergewöhnlicher Blick auf Inklusion
Ein ganz normales Wunder von Woody Brown
Woody Brown, Jahrgang 1997, ist der erste nichtsprechende autistische Absolvent der University of California und verleiht mit seinem Debütroman 'Ein ganz normales Wunder' jenen eine Stimme, die oft übersehen werden und am Rand der Gesellschaft stehen.
Der Roman schafft ein eindringliches Porträt einer Tagesstätte für autistische Menschen sowie ihrer Bewohner*innen und Mitarbeitenden.
Ihre Geschichten sind mal traurig, mal komisch, oft tragisch, vor allem aber berührend und menschlich. Sie gehen ans Herz, rütteln auf und eröffnen neue Perspektiven auf den Umgang mit Menschen im Autismus-Spektrum.
Der Roman zeigt eindrucksvoll, wie wichtig Inklusion, Teilhabe und ein offener Blick auf Menschen sind, die in unserer Gesellschaft noch immer zu selten wirklich gesehen werden. So entsteht ein Buch, das nicht nur bewegt, sondern auch die Augen öffnet. Es erzählt von Menschen, die auf den ersten Blick vielleicht anders wirken mögen – und macht zugleich deutlich, wie nah sie jedem von uns in ihren Hoffnungen, Sorgen und Gefühlen sind. Ein ganz besonderes Leseerlebnis!
Zwei Jungs, die man nicht so schnell vergisst
Glasgow Boys von Margaret McDonald
Prekäre Verhältnisse, Jugendliche am Rand der Gesellschaft und Glasgow als raues Setting. Da muss man unweigerlich an Douglas Stuart denken. Ganz leicht ist es sicher nicht, an einen solchen Autor anzuknüpfen, Margaret McDonald gelingt mit Glasgow Boys aber ein durchaus eigenständiger und vor allem sehr berührender Coming-of-Age-Roman, der eine eher jüngere Zielgruppe anspricht.
Im Mittelpunkt stehen Banjo und Finlay, die sich aus einem Jugendwohnheim kennen und deren Leben drei Jahre später ganz unterschiedlich weitergeht. Banjo kommt in eine neue Pflegefamilie und hat vor allem seine Wut nicht wirklich unter Kontrolle, während Finlay zum Studium nach Edinburgh zieht und sich am liebsten von allen Menschen fernhält. Was die beiden verbindet, ist eine gemeinsame Vergangenheit, über die lange nur Andeutungen gemacht werden. In Rückblenden setzt sich nach und nach zusammen, was damals zwischen ihnen passiert ist.
Gerade diese beiden Figuren haben mich schnell für sich eingenommen. McDonald erzählt sehr empathisch von ihrer Wut, ihrer Einsamkeit und ihrem Schwierigkeiten, anderen zu vertrauen und Nähe zuzulassen, ohne sie dabei auf ihre Vergangenheit zu reduzieren. Besonders interessant fand ich die Perspektive zweier Jugendlicher, die im Heim- und Pflegesystem aufgewachsen sind und deren Erfahrungen sie auch Jahre später noch begleiten. Dazu kommen Themen wie familiäre Konflikte, Gewalt, Krankheit und Queerness, die sich erstaunlich selbstverständlich in die Geschichte einfügen.
Sprachlich hat mir der Roman ebenfalls sehr gut gefallen. Die klare, direkte Sprache passt hervorragend zu den Figuren und dem Setting. Besonders Banjos Dialekt, der auch in der Übersetzung wunderbar funktioniert, verleiht ihm noch einmal eine ganz eigene Stimme. Überhaupt schafft es McDonald, die unterschiedlichen Charaktere sehr glaubwürdig zu zeichnen. Man versteht ihre Handlungen, selbst wenn man sie nicht immer gutheißen kann.
Lediglich gegen Ende wurde mir emotional etwas zu dick aufgetragen. Nach all dem, was Banjo und Finlay erlebt haben, gönnt man ihnen natürlich jedes bisschen Glück. Die Entwicklung war mir dann aber doch stellenweise zu glatt und zu versöhnlich. Ein bisschen weniger Kitsch und etwas mehr Ambivalenz hätten dem Roman meiner Meinung nach gutgetan.
Trotzdem bleibt vor allem eines: Ich habe Banjo und Finlay sehr gerne begleitet und ihre Geschichte hat mich wirklich berührt. Glasgow Boys erzählt davon, wie prägend fehlende Geborgenheit sein kann, aber auch davon, wie wichtig es ist, Menschen zu haben, die einen nicht auf das reduzieren, was einem widerfahren ist. Eine eindringliche und lesenswerte Coming-of-Age-Geschichte.
25 letzte Sommer-Vibes aus Amerika
Theo in Golden von Allen Levi
Hach, was kann man nicht für ein wunderbar harmonisches Leben mit all seinen Mitmenschen führen, wenn man diesen offenherzig, interessiert und großzügig gegenübertritt. Davon handeln die ersten 400 Seiten des 480 Seiten starken 'Theo in Golden', dem „internationalen Bestsellerphänomen“, wie der Piper Verlag die deutsche Übersetzung bewirbt.
Theo, oder besser gesagt Mr. Theo, wie er im Roman genannt werden möchte, ist 86 Jahre alt und lässt sein bisheriges Leben in New York hinter sich, um sich in der kleinen, fiktiven Stadt Golden in den amerikanischen Südstaaten niederzulassen. Warum er das tut, bleibt zunächst eines der Geheimnisse des Romans. Ebenso die Frage, woher eigentlich sein offenbar beträchtliches Vermögen stammt. Theo beginnt nämlich, den Menschen von Golden kleinere und größere Zuwendungen zukommen zu lassen. Meist kauft er Portraits, die er in einer Bar entdeckt, und schenkt sie kurzerhand den darauf abgebildeten Personen. So schließen ihn die Beschenkten schnell ins Herz und erzählen ihm gefühlt innerhalb kürzester Zeit ihre intimsten Wünsche, Sorgen und Lebensgeschichten. Theo hat für alle ein offenes Ohr, ist bald mit halb Golden bestens befreundet und natürlich glücklicher denn je.
Wortreich werden Begegnungen und Lebensgeschichten ausgebreitet, die sich für mich über weite Strecken eher langatmig als berührend angefühlt haben. Vieles hat mich dabei an '25 letzte Sommer' von Stephan Schäfer erinnert. Die Handlung, die Dialoge, eigentlich vieles an diesem Roman wirkte auf mich leider wenig authentisch. Lediglich die Erzählungen des Buchhändlers aus seiner Zeit im Vietnamkrieg gingen mir wirklich ans Herz.
Ja, und als man dann fast vollständig von der Feel-Good-Stimmung eingelullt wurde und sich schon auf ein harmonisches Ende einstellt, kommt doch noch einmal Bewegung in die Geschichte und es wird tatsächlich spannend. Leider fand ich dann aber auch die Auflösung ziemlich konstruiert und nicht sonderlich glaubwürdig.
Vielleicht ist 'Theo in Golden' einfach nicht das richtige Buch für mich gewesen. Wer '25 letzte Sommer' geliebt hat und sich nach noch mehr amerikanischem Wohlfühl- und Lebensweisheiten-Flair sehnt, könnte hier durchaus auf seine Kosten kommen. Für mich war es leider eher ein zäher als ein goldener Roman.
Ein Haus voller Erinnerungen
Alleinruhelage von Eva Menasse
Was zunächst wie die Geschichte eines Wochenendhauses klingt, wird bei Eva Menasses 'Alleinruhelage' schnell zu einer vielschichtigen Erzählung über Abschied, Beziehungen, Heimat und die Frage, was von einem vergangenen Leben eigentlich bleibt. Die namenlose Ich-Erzählerin steht nach dem Ende ihrer Ehe vor der Entscheidung, sich endgültig von dem Haus in Brandenburg zu trennen, das sie gemeinsam mit ihrem damaligen Mann nach der Wende gekauft und über Jahre hinweg renoviert hat.
Beim Ausräumen kommen nicht nur allerlei kuriose Hinterlassenschaften zum Vorschein, sondern vor allem Erinnerungen an die Familie, vergangene Lieben, Konflikte und Neuanfänge.
Besonders gelungen ist dabei die besondere Erzählweise. Die Protagonistin spricht das Haus immer wieder direkt an und lässt sich von einer Erinnerung zur nächsten treiben. So entsteht ein mäandernder Gedankenstrom, der gelegentlich assoziativ von einem Gedanken zum nächsten übergeht und gerade dadurch sehr lebensnah wirkt. Menasse verbindet dabei Melancholie und Nachdenklichkeit mit einem feinen, teilweise wunderbar trockenen Humor. Gerade die Episoden rund um die Renovierung und die beiden polnischen Handwerker Alla und Bolek sorgen für einige amüsante Momente.
Überhaupt lebt der Roman weniger von einer großen Handlung als von Beobachtungen, Erinnerungen und den Gedanken seiner Protagonistin. Dabei geht es um das Ende einer Ehe, Familie und das Älterwerden, aber auch um Fremdsein, Heimat und die deutsch-deutsche Geschichte. Besonders interessant fand ich den Blick einer Österreicherin auf das Leben in Ostdeutschland und die damit verbundenen Erfahrungen von Zugehörigkeit und Ablehnung.
Nicht alles hat mich dabei gleichermaßen überzeugt. An manchen Stellen verliert sich die Erzählerin etwas in ihren Gedankengängen, und auch einige politische Ausführungen waren mir persönlich etwas zu ausführlich. Gleichzeitig ist gerade diese Abschweifung Teil des besonderen Erzähltons des Romans.
Insgesamt hat mir 'Alleinruhelage' vor allem sprachlich sehr gut gefallen. Eva Menasse erzählt klug, pointiert und mit einem wunderbaren Gespür für die kleinen Absurditäten des Lebens. Ein ruhiger, melancholischer und zugleich humorvoller Roman über das Loslassen und darüber, dass manche Orte eben doch viel mehr sind als nur Häuser.
Eines meiner Highlights in diesem Sommer
Der Betrachter von Judith Fanto
Für mich ist dieses Buch definitiv eines der Highlights in diesem Sommer. Selten habe ich eine Geschichte gelesen, die so bedrückend und gleichzeitig so eindrücklich und atmosphärisch von einem dunklen Kapitel der Vergangenheit erzählt. Besonders mitreißend fand ich, wie Fanto die einzelnen Figuren und ihre Veränderungen zeichnet und zeigt, wie diese auch die Dynamik innerhalb der Freundesgruppe beeinflussen.
Insbesondere Béla ist mir dabei als Leser ans Herz gewachsen.
Eine intensive und nachhallende Geschichte, die mich sehr berührt hat. Ein ganz tolles Buch, das auf jeden Fall eine hohe Platzierung in den Bestsellerlisten verdient hätte!
Was wäre, wenn man sich selbst begegnet?
Popóm von Johanna Sebauer
Stell dir vor, du stehst nichtsahnend eines Abends an der Kasse eines Kiosks – und plötzlich siehst du dich selbst. Er sieht anders aus, ist zwanzig Jahre älter als du, und trotzdem bist du dir sicher: Das bist du. Genau das passiert Hendrik Popóm, dem titelgebenden Protagonisten, der eines Tages seinem älteren Ich begegnet.
Die Romanidee wirkte auf mich zunächst ziemlich schräg. Nachdem mich Johanna Sebauers Debütroman Nincshof jedoch so begeistert hatte, wollte ich auch diesem Roman eine Chance geben – und wurde nicht enttäuscht.
Sebauer gelingt es erneut, aus einer ungewöhnlichen Prämisse einen mitreißenden, witzigen und zugleich nachdenklich stimmenden Roman zu machen. Mit ihrer ganz eigenen Sprache entwickelt sie ein Gedankenexperiment, dem man sich kaum entziehen kann. Immer wieder wirft der Roman philosophische Fragen nach Identität, Schicksal und den Entscheidungen auf, die unser Leben prägen, ohne dabei jemals belehrend zu wirken.
Besonders gelungen sind auch diesmal die Figuren. Sie sind eigenwillig, liebenswert und so lebensnah gezeichnet, dass man ihnen nur allzu gern durch die Geschichte folgt. Immer wieder ertappt man sich bei dem Gedanken: Ja, genauso könnte es tatsächlich passieren.
Je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Metapher und realistischer Fiktion. Und am Ende bleibt dieses wunderbare Gefühl zurück, dass die verrückteste Idee vielleicht doch gar nicht so unmöglich ist. Fast glaubt man, irgendwo da draußen könnte tatsächlich ein zweites Ich herumlaufen – und man ist ihm bisher nur noch nicht begegnet.
Die Schatten der Vergangenheit
Wirf einen Schatten von Elena Fischer
Nach ihrem Debütroman Paradise Garden, der eher im urbanen Milieu spielte, führt Elena Fischer ihren neuen Roman Wirf einen Schatten nun hinaus aufs Land. Schauplatz ist ein kleines Bergdorf, in dem Joseph weit abseits jeglicher Zivilisation den Hof seiner Eltern weiterführt.
Sein Leben ist nicht nur körperlich entbehrungsreich, auch persönlich lastet vieles auf ihm.
Mehrere Schicksalsschläge sowie der Weggang seiner Frau Lis und des gemeinsamen Sohnes Samuel haben tiefe Spuren hinterlassen. Als alles zunehmend aussichtslos erscheint, tritt Birdie in sein Leben und stößt eine Entwicklung an, die neue Seiten an Joseph freilegt und seinem Dasein eine unerwartete Richtung gibt.
In Rückblenden, die sich mit der Gegenwartshandlung abwechseln, erfahren wir nach und nach mehr über Josephs Vergangenheit. Einzelne Erlebnisse und Brüche fügen sich dabei Stück für Stück zu einem Gesamtbild zusammen.
Was besonders hervorsticht, ist das große sprachliche Talent der Autorin. Immer wieder finden sich wunderbare Formulierungen, die eine dichte, eindringliche Atmosphäre schaffen und einen tief in diese raue Welt hineinziehen. Dadurch verzeiht man auch eher, dass manche Entwicklungen etwas abrupt wirken und nicht jede Veränderung der Figuren vollständig nachvollziehbar erscheint.
Wirf einen Schatten ist ein sprachgewaltiger, atmosphärischer Roman über Verlust, Einsamkeit und die Möglichkeit eines Neuanfangs – und ein Buch, das in Erinnerung bleibt.
Ganz anders als erwartet
Die Auster von Yael Inokai
Selten hat mich ein Klappentext so in die Irre geführt wie bei diesem Roman. Gerechnet hatte ich mit einer atmosphärisch dichten, vielleicht auch humorvoll angehauchten Kriminalgeschichte, einem Kammerspiel im Mikrokosmos eines Kaufhauses. Bekommen habe ich etwas völlig anderes. Vielleicht lag es an meinen Erwartungen, ganz sicher aber auch am literarisch anspruchsvollen und stellenweise recht vertrackten Aufbau, dass mich das Buch am Ende eher ratlos als begeistert zurückgelassen hat.
Im Mittelpunkt steht die 73-jährige Leonora Bloch, die seit 45 Jahren als Reinigungskraft für Dr. Bronstett, den Geschäftsführer eines Berliner Nobelkaufhauses arbeitet. Eines Morgens findet sie ihren Arbeitgeber tot in seiner Wohnung. Nach einer kurzen Befragung durch die Polizei beginnt Leonora, auf eigene Faust Nachforschungen im Umfeld des Verstorbenen anzustellen. Gleichzeitig wird sie von dessen Tochter gebeten, auch noch die Trauerfeier zu organisieren.
Der Einstieg hat mir richtig gut gefallen. Leonora ist eine ungewöhnliche Protagonistin und die ersten Kapitel versprechen einen ebenso eigenwilligen wie spannenden Kriminalroman. Doch je weiter die Geschichte fortschreitet, desto mehr entfernt sie sich vom eigentlichen Fall. Stattdessen rücken Erinnerungen an vergangene Zeiten, Gerüchte und zwischenmenschliche Beobachtungen in den Mittelpunkt. Das ist literarisch durchaus reizvoll, ließ mich aber zunehmend den roten Faden vermissen. Die Auflösung empfand ich schließlich als recht abstrus und nur bedingt nachvollziehbar.
Sprachlich gibt es dagegen wenig auszusetzen. Yael Inokai schreibt präzise, literarisch anspruchsvoll und mit vielen feinen Zwischentönen. Vieles spielt sich zwischen den Zeilen ab, lebt von Andeutungen und unausgesprochenen Gedanken. Genau das macht den Roman interessant, verlangt den Leser*innen aber auch einiges ab. Mir blieb diese Distanz letztlich etwas zu groß, sodass ich emotional nie richtig in die Geschichte hineingefunden habe.
Wer Freude an literarisch anspruchsvollen Romanen hat, die sich klassischen Genregrenzen entziehen und mehr Fragen aufwerfen als beantworten, wird an diesem Buch vermutlich Gefallen finden. Wer hingegen – so wie ich – einen atmosphärischen Kriminalroman erwartet, sollte sich darauf einstellen, etwas völlig anderes zu bekommen.
Eine berührende Spurensuche
Ist doch schön hier von Miriam Burdelski
Das Motiv ist kein neues: Eine Protagonistin begibt sich auf die Spuren ihrer eigenen Familiengeschichte, reist in die ehemalige Heimat ihrer Vorfahren und versucht dort, Familiengeheimnisse zu ergründen. Das kennen wir aus der jüngeren Vergangenheit unter anderem aus 'Elbland' von Christina Rikl oder 'Die Verlorene' von Miriam Georg.
Auch Miriam Burdelskis Romandebüt 'Ist doch schön hier' greift dieses Motiv auf und erzählt daraus eine ebenso berührende wie atmosphärische Geschichte.
Im Mittelpunkt steht Liesel, die Anfang zwanzig ist und versucht, ihr Leben neu zu ordnen. Auf der Suche nach ihren familiären Wurzeln macht sie sich gemeinsam mit ihrer demenzkranken Großmutter Emmi und Jasha, einem Mitarbeiter des Pflegeheims, auf den Weg nach Ostpreußen, in Emmis alte Heimat. Auf diesem ungewöhnlichen Roadtrip vermischen sich Emmis verblassende Erinnerungen an Flucht und Vertreibung im Jahr 1945 mit der Gegenwart. Liesel versucht dabei, die Traumata und verschwiegenen Geheimnisse aufzudecken, die sich über drei Generationen von Frauen ziehen – bis ein Anruf alles verändert.
Mich hat der Roman schon im Vorfeld sehr interessiert, da auch meine Großeltern aus dem ehemaligen Ostpreußen stammen. Umso mehr hat es mich gefreut, dass das Buch meine Erwartungen erfüllen konnte.
Besonders lebt der Roman von seinen Figuren, die ich vom ersten Moment an ins Herz geschlossen habe. Vor allem der Umgang von Liesel und Jasha mit Emmis Demenz ist unglaublich einfühlsam erzählt. Daraus entstehen viele berührende, aber auch überraschend humorvolle Momente. Mal musste ich schmunzeln, wenn Emmi mit ihrer ganz eigenen Logik auf die Welt blickt, mal schlucken, wenn ihre Erinnerungen an Flucht, Verlust und unerfüllte Träume wieder an die Oberfläche kommen. Das Buch ist eine echte Gefühlsachterbahn und hat mir mehr als einmal Tränen in die Augen getrieben.
Auch atmosphärisch konnte mich der Roman vollkommen überzeugen. Beim Lesen spürt man förmlich die Weite der Landschaft, hört das Rauschen der Birkenalleen und meint den Flügelschlag der Störche über den Feldern wahrzunehmen. Für meinen Geschmack hätte es die ein oder andere recht abrupt wirkende Wendung gar nicht gebraucht, die den Roman stellenweise etwas überladen wirkt, dennoch fügt sich am Ende alles zu einer schlüssigen und stimmigen Auflösung zusammen.
'Ist doch schön hier' ist ein warmherziger und bewegender Roman über Erinnerung, Familie und die Frage, wie sehr die Vergangenheit unser heutiges Leben prägt. Für mich eine absolute Leseempfehlung und ein Highlight dieses Bücher-Sommers.











