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Rezensionen von Gertraud Kamml, BA:
Die Hyazinthenstimme - Daria Wilke
Die Hyazinthenstimme von Daria Wilke
Wilke, Daria, Die Hyazinthenstimme, Salzburg – Wien 2019:
Einleitung
Der mysteriöse Zar als Schlossherr widmet sich in seiner Internatsschule mit Passion und Leidenschaft der perfektionierten Ausbildung von barocken Kastratenstimmen. Seinen glorifizierten Schützlingen bietet er ideale Ausbildungsbedingungen in einem geheimnisvollen schlossartigen Bauensemble, in der Steiermark.
Die Geschwister Nina und Matteo mit ihrem Schützling Timo geleiten den Leser in eine längst vergangene, fremde Zeit. Sie konfrontieren aber auch sehr anschaulich und detailreich mit der ungeschönten Realität der Wiener Unterwelt.
Dieses Buch ist das Erstlingswerk der Autorin in deutscher Sprache.
Meine persönlichen Eindrücke
Gerade aus meinem Sommerurlaub in das festspielgeschwängerte Salzburg zurückgekehrt, habe ich das Buch, die Hyazinthenstimme in die Hand genommen. Ich begann sofort zu lesen, ohne mich vorher in irgendeiner Weise mit Inhalt, Thematik, Stilistik dieses Buches vertraut gemacht zu haben.
Einige Tage zuvor hörte ich einen Einführungsvortrag zur Neuinszenierung des Idomeneo von Wolfgang Amadeus Mozart, Libretto von Giambattista Varesco nach Antoine Danchets, Textbuch zur Tragédie en musique Idoménee von André Campra, bei den Salzburger Festspielen 2019. Mozart schrieb die Partie des Idamante ursprünglich für Kastratenstimmen. Er schätzte die engelsgleichen, silberfarbenen Knabenstimmen besonders.
Das Buch hat mich augenblicklich in seinen Bann gezogen und ließ mich in eine mir bisher völlig fremde und längst vergangene Welt eintauchen. Die Autorin versteht es geschickt, das Gegenwärtige mit dem Vergangenen zu verweben. Leicht läuft man Gefahr, dass man sich durch diese morbide, süßbittere barocke Welt, wie ein Stück Treibholz im Fluss gleiten lässt. Der Leser ist jedoch gefordert konzentriert zu bleiben, um die feinnuancierten Grenzbereiche aufzuspüren und festzumachen. Die Beschreibungen sind so real, dass oftmals der Eindruck entsteht, dass man das Beschriebene an sich selbst zu fühlen, zumindest zu erahnen glaubt. Auf diese Weise kommt es zu einer Art synästhetischen Wahrnehmung die alle unsere Sinne aktiviert und einen unmittelbar am Geschehen teilhaben lässt.
Die besondere Leistung besteht darin, dass die Autorin niemals in das Kitschige und Klischeehafte abdriftet. Auch die Passagen im „Wiener Dialekt“ fügen sich geschmeidig ein und wirken erfrischend und nicht aufgesetzt.
Die Autorin lässt den Leser den Werdegang des Protagonisten Matteo aktiv miterleben. Sie versteht es, seine Gefühle, sein Bemühen, seine Ängste aber auch sein Selbstbewusstsein für den Leser erfahrbar zu machen.
Zitat:
Matteo sang – und seine Stimme breitete sich in der ganzen Wohnung aus. Manchmal sang er auch am Abend, wenn alle schon da waren. Er sang oben in der Wunderkammer, er machte die Türe zu, aber unten hörte man trotzdem alles.
An einem verschneiten Abend heulte der Krowotenwind draußen wie ein hungriger Wolf: Er rüttelte wütend am Klappfenster der Küche, pfiff frech durch die Spalten der Fensterrahmen und weinte wie ein Kind in den Kaminrohren. Matteo sang unter Aufsicht der Winde in den geschwungenen und bauchigen Gläsern - und die, die in der Küche am Tisch saßen, hörten alles mit. Die Stimme stürzte wie ein mächtiger Wasserfall die dunklen Stufen der hölzernen Treppe hinunter, sie wurde zu einem breiten Fluss; dann zitterte sie, trällerte und wurde zu einem kleinen, klaren Bach. Die italienischen Worte klangen wie eine Engelssprache.
Und die Melodie ließ sich nicht ignorieren.
Das Tier blieb nicht da. Es war auch wie ein Wind geworden, doch es war unmöglich, es in einem Glas einzufangen. Als könnte es weit weg vom Schloss nicht bleiben und müsste immer zurück zu den Fresken und Gemälden, zu den steinernen Sphinxen, die zweideutig lächelten, zu den alten Manuskripten, die in die barocke Zeit führten. Und zu ihnen allen – zum bildhübschen Farinelle, dem eigenwilligen Caffarelli, dem launischen Luigi Marchesi und dem dicken Senesino, zu ihren Stimmen, die himmlisch und süß, sündig und engelhaft waren und ewiges Leben und ewigen Genuss versprachen.
Zitatende.
(Daria Wilke 2019, S. 261-262).
Fazit!
Dieses Buch ist spannend und informativ geschrieben. Es beeindruckt auch durch die Brisanz und Zeitimmanenz der Thematik. Leben wir doch mittlerweile in einer Welt, in der es ähnlich wie im Barock nicht immer einfach ist, die echte und reale Welt von der fiktiven, gekünstelten und stilisierten Welt des World Wide Web zu unterscheiden.
Das Gegenwärtige im Hier und Jetzt vermischt sich mit der Ewigkeit im Äther der Unendlichkeit.
Es ist erstaunlich, wie leicht man aus unserer durchorganisierten, technisierten Welt in eine surreale fiktive barocke Traumwelt entschwinden kann.
Manchmal gerät man als Leser in einen persönlichen Konflikt , welche Welt nun wohl die erstrebenswertere und lebenswertere sei.
Der barocke Zeitgeist des „Mehr Schein als Sein“ ist in unserer gestylten und stilisierten Welt des 21. Jahrhunderts gegenwärtiger als je zuvor und fordert auf, persönliche Schlüsse zu ziehen.
Gertraud Kamml, BA
Rezensorin


