Kunden em pfehlungen
Rezensionen von nessabo:
Ein Werk mit sanfter Unterhaltung und klugen Gedanken
Ja, nein, vielleicht von Doris Knecht
Ich mochte „Die Nachricht“ von Doris Knecht richtig gerne und auch ihr neues Werk reiht sich stilistisch gut ein, wenngleich es auch weniger auf Spannungsmomente und mehr auf persönliche Elemente baut.
Knecht zeigt hier, dass sie eine Meisterin der Autofiktion ist. „Das Leben mit der Erfindung vermischt“ schreibt die Autorin (oder die Protagonistin?) selbst im Text und das trifft es auf den Kopf.
Immer wieder streut sie Überlegungen zu den Figuren ein, über die ein Absatz weiter oben noch ganz normal geschrieben wurde. Was Figur und was Autorin ist, verschwimmt bis zur Unkenntlichkeit. Ich finde das irritierend, aber auf eine gute Art.
Der Text plätschert zwar schon vor sich hin, strotzt aber auch nur so vor kluger Gedanken. Ich bin zwar deutlich jünger als die Protagonistin, finde es aber bereichernd, von einer solchen Figur zu lesen. Einen besonderen Fokus legt die Autorin in ihrem aktuellen Werk auf die Stellung romantischer Paarbeziehungen. Warum richten sich selbst absolut unabhängige, im Leben stehende Frauen in Bezug auf Aussehen und Verhalten plötzlich wieder so stark auf einen Mann ein, der in ihr Leben tritt? Warum gilt die monogame Zweierbeziehung als die unantastbare Königin aller Beziehungen? Und welchen Wert haben andere Lebensentwürfe?
Ich habe die Gedanken als sehr fundiert empfunden. Sie entspringen einem individuellem Umstand, das strukturelle Problem dahinter wird aber stets klar. Nebenbei geht es auch um Themen wie Machtmissbrauch, Sexismus und MeToo. Das Ende der Handlung hat mich sehr zufrieden hinterlassen und ich wünsche mir mehr Bücher wie dieses.
Ein wenig oft wurde mir das Wort „triggern“ abseits seiner eigentlichen Bedeutung verwendet. Das Hörbuch ist sehr passend eingesprochen von Nina Petri, die stimmlich perfekt zur Protagonistin passt. Für mich hätte es noch ein wenig lebhafter sein können und die Abgrenzung zu den anderen Figuren war nicht immer so klar, aber insgesamt empfehle ich auch das Hörbuch.
Der Roman ist ein Plädoyer fürs Alleinsein bei gleichzeitiger Gemeinschaft, die wiederum viel größer gedacht wird als romantische Paarbeziehungen. Eine Versicherung, dass Männer keinesfalls ein Heilversprechen sind und es doch auch okay ist, dass wir den patriarchalen Strukturen zumindest gedanklich manchmal nachgeben. Der Text liefert keine fertigen Antworten zu diesem Thema, ich konnte für mich aber klare Schlussfolgerungen mitnehmen.
4,5 Sterne
Eine unglaublich gut konstruierte Geschichte mit geschickter Spannung und viel Menschlichkeit
Das Geschenk des Meeres von Julia R. Kelly
Mit historischen Romanen habe ich aufgrund ihrer logischerweise älteren Sprache oft meine Probleme. Julia R. Kelly ist mit ihrem Debüt aber ein echtes Highlight gelungen, in dem sie die damalige Zeit authentisch abbildet, das Werk aber sprachlich sehr greifbar belässt. Außerdem ist die Bildsprache des Romans eine, die ihresgleichen sucht.
Ganz zentral für diesen Meeresroman ist seine Stimmung. Gefühlt spielt sich alles im eisigen, chaotischen Winter ab, sodass die Atmosphäre ebenso bedrohlich wie dicht ist. Bemerkenswert fand ich außerdem die Figurenzeichnung: einerseits für die damalige Zeit auf frustrierende Art authentisch (Aus heutiger Sicht sind so einige Handlungen der Frauen wirklich zum Haare raufen!), andererseits mit ganz viel Liebe und Tiefgang. Selbst die kleinste Nebenfigur erhält Vielschichtigkeit, was es den Lesenden unmöglich macht, klare Urteile zu fällen.
Besonders gut gelungen ist meiner Meinung nach die tragende Hauptfigur. Dorothy ist phasenweise eine etwas unzuverlässige Erzählerin (womit ich üblicherweise meine Probleme habe), doch das wird am Ende sehr einfühlsam und glaubwürdig aufgelöst. Ich war durchgängig absolut bei ihr und habe ihr jede Erzählung geglaubt - damit war ich dann manchmal auch ebenso überrascht wie sie selbst. Die Entwicklung der Figur ist makellos, während trotzdem auch nicht alles auserzählt wird. Sie wird keine moralisch perfekte Protagonistin, sondern eine Figur mit Schmerz und Freude gleichermaßen. Sie überwindet durch einen neuen Schmerz einen noch viel größeren und das war schlicht beeindruckend geschrieben. Ich habe sie unglaublich gern begleitet.
Der Verbund der Dorfgemeinschaft ist in seiner Dynamik außerdem äußerst reizvoll. Dank geschickter Rückblenden baut die Autorin nicht nur eine Spannung auf, die für einen tollen Lesesog sorgt, sondern entwickelt auch das glaubwürdige Bild einer solchen Gemeinschaft. Dabei sind die grundlegenden Aussagen des Romans absolut zeitgemäß: Wenig ist so, wie es scheint und wir sollten miteinander ins Gespräch kommen, statt uns auf unserem ersten Urteil über andere auszuruhen.
Die Autorin schafft es, auch mit wenigen Worten viel zu sagen. Immer wieder webt sie geschickt kleine Details ein, die in ihrer Tragweite für die Figuren enorm sind. Es macht richtig Spaß, gerade auch im Austausch mit anderen, diese Suche nach Handlungssegmenten zu starten. Ich bin völlig geflasht von der Vielzahl der Themen, die die Autorin dadurch in diese zu Beginn einfach erscheinende Geschichte einbaut.
Eine klare Empfehlung für dieses Buch, das in irgendeiner Form ein Familienroman ist, wenn auch nicht auf die typische Weise. Fans von vielschichtigen Figuren und einer melancholischen Bildsprache werden hier sicher auf ihre Kosten kommen. Die Handlung driftet bei allem Drama nie ins Überladene ab und sorgte bei mir gerade zum Ende hin für einen echten Kloß im Hals.
Innovative Idee und guter Auftakt, dann aber mit deutlichen Schwächen
Wedding People (deutsche Ausgabe) von Alison Espach
Ich fand die Figurenkonstellation des Romans wirklich äußerst reizvoll. Zwei Frauen treffen in einem Luxus-Hotel aufeinander. Während die eine ihre minutiös geplante, glamouröse Hochzeit feiern möchte, ist die andere nur für ihren Su!zid gekommen. Leider hat der Roman für mich aber zu sehr an der Oberfläche gekratzt, sodass das Potenzial der Idee für mein Empfinden nicht annähernd ausgeschöpft wurde.
Den trockenen Humor der Geschichte mochte ich wirklich gern, fand ihn im Vergleich zum emotionalen Tiefgang aber schlicht zu dominant. Phoebe ist eine richtig interessante, smarte Figur und wie über sie Depressionen dargestellt werden, hat mir gut gefallen. Dafür kann es gar nicht genug authentische Repräsentation geben! Und doch blieb sie mir bis zum Schluss einfach zu distanziert. Auch die Beziehung zwischen Phoebe und Lila wurde an ihrem Potenzial vorbei geschrieben und neben der zweifelsfrei existierenden humorvollen Ebene habe ich eine emotionale Verbundenheit sehr vermisst.
Dabei werden neben psychischer Gesundheit auch einige andere ernste Themen behandelt wie der Tod einer Beziehungsperson oder unfreiwillige Kinderlosigkeit. Und auch den Ansatz einer Sozialkritik mit dem satirischen Blick auf reiche Menschen mochte ich. Doch es fehlte mir einfach der Spark. Mit überspitzten Figuren habe ich in einer Satire kein Problem, doch das ist es irgendwie nicht, was der Roman primär vorgibt zu sein. Ihm fehlt meiner Meinung nach eine gesunde Balance zwischen ernstem Tiefgang und auflockernden Elementen.
Streckenweise ist „Wedding People“ sicherlich gute Unterhaltung und einige Male habe ich dank des gut geschriebenen Humors geschmunzelt. Aber dann gab es auch Phasen, in denen ich quergelesen habe, weil es mir zu platt und langatmig war. So ganz wusste ich bis zum Schluss nicht, wo die Geschichte eigentlich hinmöchte. Wahrscheinlich waren meine Erwartungen aufgrund des Marketings für dieses Buch auch einfach hoch angesetzt. Für einen lockeren oder packenden Summer-Read würde ich das Buch nicht wirklich empfehlen.
2,5 Sterne
Eine gewaltvolle, poetische Geschichte mit bedingter Empfehlung
Aue von Becky Manawatu
Das Buch kann auf jeden Fall ein absoluter 5-Sterne-Read sein, die Geschichte hat großes Potenzial. Für mich war es aufgrund persönlicher Präferenzen leider nicht so, das sollte andere aber wirklich nicht von der Lektüre abhalten. In jedem Fall hat mir die Geschichte ab etwa der Hälfte deutlich besser gefallen.
Der Anfang tröpfelte ein wenig zu sehr vor sich hin und ich habe verhältnismäßig lange gebraucht, um alle Figuren einordnen zu können.
Ich mochte das Eintauchen in diese neuseeländische Māori-Geschichte grundlegend gern, auch die Struktur mit ihren verschiedenen Erzählperspektiven und den sich langsam entfaltenden Verbindungen zwischen den Figuren hat mir gut gefallen. Die indigene Sprache fand ich sinnvoll und lehrreich eingesetzt.
Sprachlich greift Manawatu immer wieder zu poetischen Ausführungen, die mir persönlich einfach nicht so gefallen. Ich kann Poesie nicht greifen und nur selten verstehen, weshalb mir an diesen Stellen immer der Kontakt zum Text verlorengeht. Trotzdem finde ich die Poesie maßvoll eingesetzt, sodass sich der Roman nach ein wenig Eingewöhnungszeit gut lesen ließ.
Bemerkenswert ist die sprachliche Wandelbarkeit der Autorin: Die drei erzählenden Figuren haben jeweils eine unterscheidbare, eigene Sprache. Doch so handwerklich gut ich das auch finde, hatte ich phasenweise meine Schwierigkeiten damit. Vor allem die sehr kindliche Sprache von Ari fand ich anstrengend. An dieser Stelle möchte ich aber nochmal betonen, dass das einfach meine persönliche Präferenz ist und dass ich gleichzeitig absolut sehe, wie gut und authentisch diese Figur geschrieben ist. Seine gutmütige und ungefilterte Sicht auf die Dinge, die in seinem Leben so grausam sind, hat mich nämlich auch wirklich berührt.
Ein weiterer Punkt, weswegen ich die Geschichte nicht so genießen konnte, wie ich es gewollt habe, ist die unermessliche Gewalt und das damit einhergehende Leid. Ich reagiere extrem sensibel auf Gewaltschilderungen (gegen Menschen und Tiere gleichermaßen), weshalb ich einige hochgelobte Bücher gar nicht erst anfasse. Hier wurde ich wiederholt kalt erwischt. Ich bin mir ganz sicher, dass die Stärke des Buches unter anderem in diesen Schilderungen liegt, wenn mensch sich darauf einlassen kann. Das Rohe sowie parallel der Zusammenhalt dagegen sind in jedem Fall emotionalisierend. Und ich mag emotionale Tiefe enorm, für mich gehört sie untrennbar zu guter Literatur. Nur mit expliziter, wiederholter Gewalt kann ich nicht gut umgehen, sodass ich mich dann von der Geschichte distanzieren und den Kontakt immer wieder neu suchen muss.
Die Auflösung der Familienbeziehungen, die Erkenntnisse zur Vergangenheit und die sich auf und ab wiegende Spannung haben mir gut gefallen. Am Ende konnte ich die Geschichte auch nicht mehr aus der Hand legen. Doch ein angenehmer Read war es für mich aus obigen Gründen leider nicht. Ich empfehle das Buch trotzdem für alle Menschen, die mit Gewaltschilderungen und Poesie keine Probleme haben, denn dann ist es ein vielschichtiges und tiefgängiges Werk.
TW: (tödliche) Gewalt gegen Menschen und Tiere, Fehlgeburt, Unfalltod, Drogenmissbrauch, (Nennung von) Vergewaltigung
Wunderschöne Coming of Age Geschichte mit viel Tiefgang
Himmel ohne Ende von Julia Engelmann
Was für ein wunder-wunderschönes Romandebüt von Julia Engelmann! Obwohl die Autorin ja kein unbeschriebenes Blatt ist, kannte ich ihr Schreiben bislang noch nicht, bleibe nun aber sehr an ihrem Werk interessiert.
Denn Engelmann hat hier eine sanfte Geschichte geschrieben, die zwar vordergründig wie eine Jugendgeschichte erscheint, in ihrem Tiefgang aber so einiger Erwachsenenliteratur den Rang abläuft.
Charlie ist eine Protagonistin, die uns nah ranlässt - zu Beginn vor allem an das Dunkle in ihrem Leben. Depressionen werden hier zwar als Ursache nicht ausgesprochen, ich sehe da aber mindestens sehr viele Parallelen.
Mit ihren Gedanken rund um den eigenen Platz im Leben geht viel Einsamkeit einher - nicht zuletzt, weil sie nicht unbedingt die beliebteste Mitschülerin ist und sich ihre einzige Freundin überraschend von ihr abwendet. Diese Umstände werden von einer 15-Jährigen beschrieben, haben aber eine Tragweite für Menschen jeglichen Alters.
Was ich besonders herausheben möchte, ist die klare und zugleich ehrliche Sprache, die phasenweise regelrecht schmerzhaft melancholisch ist. Ich finde es auch bemerkenswert, wie die Autorin es geschafft hat, die jugendliche Charlie sprachlich so authentisch abzubilden, ohne dass ich es als „jugendlich“ einstufen würde. Der Roman liest sich unglaublich gut und wartet mit subtilen Spannungsmomenten auf, die aber keinem überspitzten Drama entspringen, sondern sehr aus dem Leben gegriffen sind.
Auch die Figurenzeichnung selbst finde ich großartig. Rebellische Teenie-Aspekte treffen hier auf Unsicherheiten und ehrliche Freude. Kornelius aka Pommes ist ein wunderbar sanfter männlicher Nebencharakter, der seine eigenen ernsten Struggle hat und jegliche Männlichkeitsbilder pulverisiert. Er ist eine enorm wichtige Person für Charlie und doch - und das hat mich sehr gefreut - fühlt es sich nie wie eine Rettung an. Die Erkenntnisse über zwischenmenschliche Beziehungen und das Leben selbst sind ehrlich und ich habe sie nie als plakativ empfunden.
Eine klare Kritik habe ich jedoch. Ich verstehe, aus welchem Grund Meerschweinchen Markus Teil der Handlung ist (Einzeltier Markus trifft auf mutmaßliche Einzelkämpferin Charlie). Doch ich finde es so schade, welches falsche Bild hier immer wieder besonders von Nagetieren und Kaninchen vermittelt wird. Diese sind (abgesehen von Hamstern) NIEMALS Einzeltiere - Verhaltensauffälligkeiten haben Gründe und die können behandelt werden. Abgesehen davon haben sie weder etwas in einem Käfig verloren noch in den Händen eines Menschen bei dessen freizeitlichen Aktivitäten. Es sind weder Kuscheltiere noch Spielzeuge und auf den Trope hätte ich liebend gern verzichtet.
Nichtsdestotrotz bekommt dieses Debüt von mir eine makellose Bewertung, weil es mich gefesselt und emotional bewegt hat. Große Empfehlung für eine sanfte Sommerlektüre mit ein bisschen Tränenpotenzial.
Ein fein beobachteter, stiller Roman über Selbstfindung - mit all ihrem Schmerzhaften und Schönen
Blaue Tage von Tatjana von der Beek
Als ich gelesen habe, dass es bei „Blaue Tage“ eine queere Storyline gibt, war ich sehr vorfreudig auf den Roman. Und er hat mich mit seiner stillen Beobachtungsgabe auch überzeugt, obwohl vielleicht besser vor der Lektüre klar sein sollte, dass es sich hier nicht um ein dramagetriebenes Werk handelt.
In diesem Kammerspiel befinden sich die beiden Schwestern Leo und Emma zusammen mit ihren Partnern und ihrem Vater 10 Tage lang auf einem Katamaran (ja, ich musste googeln, wie so etwas aussieht). Während der Vater in den vergangenen zwei Jahren eher mit Abwesenheit glänzte und die Beziehung zu seinen Töchtern entsprechend auf wackeligen Beinen steht, haben Leo und Emma ganz andere private Hürden, die sich zudem gegenseitig verstärken. Emma möchte nämlich unbedingt ein Kind mit Onur, doch scheint es nicht zu klappen. Karl wiederum möchte ein Kind mit Leo, deren innere Entwicklung wir als Lesende direkt miterleben dürfen.
Es kracht nicht in diesem Roman, die Konflikte sind unterschwellig, werden jedoch zeitnah adressiert. Gerade auch das Innenleben des Vaters hat mich überzeugt. Wer großes Familiendrama sucht, wird hier nicht fündig. Stattdessen beobachtet der Roman sehr fein die Dynamiken innerhalb von Familien und Beziehungen. Das macht ihn eher leise und das Lesen vielleicht etwas langsamer, doch eben auch sehr lebensnah.
Leo empfand ich als eine so unglaublich authentische Figur in ihren Reflexionen zur Kinderfrage und der eigenen Sexualität. Dank so mancher popkulturellen Referenz könnten wir nämlich denken, dass ein inneres Coming-Out mit einem großen Knall passiert, dabei ist es oft so viel subtiler und auch durchaus von ambivalenten Gefühlen begleitet. Auch die eigene Entscheidung zu Kindern, insbesondere eine gegen sie, wird wohl in den seltensten Fällen leichtfertig gefällt. Ich habe Leos Emotionen regelrecht greifen können und denke, dass der Roman gerade auch für Late Bloomers richtig heilsam sein kann.
Was mich beim Lesen etwas angestrengt hat, waren die Fachbegriffe zu Booten und zum Segeln. Ein kleines Glossar am Ende hätte mir hier gut gefallen, da es schon recht viel Raum einnimmt. Außerdem lebt die Geschichte durchaus relevant von ihren Leerstellen, die wir entweder selbst füllen oder akzeptieren müssen. Und nicht zuletzt hätte ich die Skipperin Alex gern noch etwas vielschichtiger kennengelernt - aber sie gehört natürlich auch nicht zur zentralen Familie, wenngleich sie auch eine enorm wichtige Rolle spielt.
Abgesehen davon ist „Blaue Tage“ ein sensibler, kurzer Roman über das Finden des eigenen Weges fern von gesellschaftlichen Normen und Erwartungen.
Eines der besten und unterhaltsamsten Hörbücher!
Single Mom Supper Club von Jacinta Nandi
Jacinta Nandi kannte ich zuvor nur von ihren kurzen Texten im Missy Magazine, die ich bereits sehr mochte. Und das Hörbuch zu „Single Mom Supper Club“ ist wirklich eines der besten, die ich je gehört habe! Britta Steffenhagen ist eine fantastische Sprecherin, die es wie kaum eine andere geschafft hat, den vielen Single Moms einen Charakter zu verleihen.
Ihr Einsatz von Akzenten und Stimmvarianz ist schlicht bemerkenswert. Ich kann immer schwer einschätzen, ob mir das Buch beim Lesen genauso viel Freude bereitet hätte, aber das Hörbuch war ein absoluter Genuss!
Nandi hat hier eine episodenhafte Satire geschrieben, die einige Wahrheiten enthält - ohne diese aber je klar auszuformulieren. Die Perspektiven der kurzen Kapitel wechseln zwischen den verschiedenen Müttern, der grundlegende Ton bleibt aber vergleichbar. Die Autorin ist einfach witzig und das schlägt sich in ihren Figuren nieder. Die Frauen geraten über diverse Themen auf eine trockene, nüchterne und zugleich ernsthafte Art aneinander, die ich äußerst unterhaltsam finde.
Themen wie Rassismus, inklusive Sprache, AfD im Osten sowie Ostfeindlichkeit, Ungleichheit bei Care-Arbeit, das deutsche Steuersystem, Klassismus und natürlich Feminismus spielen eine Rolle. Manche Aussagen sind klar, aber meistens bleibt das endgültige Urteil den Lesenden vorbehalten. Einige Szenen darf mensch auch wirklich nicht so ernst nehmen (Ist ein bisschen Koks okay, wenn die Mutter gerade auf ihre Kinder aufpasst?), denn Nandi arbeitet oft mit einer extremen Überspitzung. Für mich war immer klar, wie ich die Szenen zu verstehen habe, sodass mich die skurrile Ernsthaftigkeit ihrer Figuren in diesen Situationen oft hat schallend lachen lassen.
Ich finde nicht, dass der Roman den Anspruch hat, besonders gesellschaftskritisch zu sein. Auf einige Dinge weist die Autorin mit ihrer ironischen Art auf jeden Fall hin, doch ich verstehe die Geschichte vor allem als äußerst unterhaltsame, kurzweilige Impulsgeberin. Und über so einige Dinge können wir schließlich nur noch lachen, weil wir sonst über sie weinen müssten. Große Empfehlung für diesen Roman und seine Autorin!
Psychologisch fesselnd und sehr unterhaltsam
Schattengrünes Tal von Kristina Hauff
Ich mag Filme wie „Nur ein kleiner Gefallen“ und „Gone Girl“ recht gern, weil ich in meinen Vermutungen gern überrascht werde. Literarisch fällt „Schattengrünes Tal“ für mich in die gleiche Kategorie, an der es sicher auch Grundlegendes zu kritisieren gibt, die mich aber einfach gut unterhält.
Das Buch hat mich gepackt und ich hatte endlich mal wieder einen richtigen Lese-Flow.
Die Autorin wird auf dem Klappentext als „Meisterin des psychologischen Kammerspiels“ betitelt und ich würde mich dem anschließen. Die Geschichte hat mich mit ihren wechselnden Perspektiven, teils rasant im Tempo, absolut getrieben und ich wollte das Buch nicht aus der Hand legen. Dass wir hier, wie auch in den vergleichbaren Filmen, eine unheimliche und irgendwie verquere Frauenfigur haben, kann grundsätzlich kritisiert werden. Ich bin da hin- und hergerissen. Auf der einen Seite finde ich die Figur spannend geschrieben, mag auf der anderen Seite aber nicht, dass der Stereotyp der „verrückten Frau“ dadurch immer weiter verfestigt wird.
Wenn ich die grundlegende Kritik aber mal außen vor lasse (und danach ist mir gerade), dann finde ich die Handlung überwiegend genial geschrieben. Es bleibt über weite Strecken hinweg spannend und ich habe mehrfach mitgeraten. Manchmal lag ich richtig mit meiner Vermutung und manchmal falsch. Da ich Krimis und auch Thriller ingesamt nicht gern lese, sind diese thrillerhaften Elemente genau mein richtiges Maß.
Das Ende finde ich persönlich im Vergleich zur vorherigen Handlung recht schwach. Es fällt schon deutlich ab und ist für mich schlicht zu versöhnlich und rund geschrieben. Ein paar mehr Ecken hätte es ruhig haben dürfen. Daniela hat mich in ihrer Zeichnung manchmal etwas wütend gemacht - auch explizit für sie, denn ich lese hier gewisse psychologische Störungsbilder heraus, für die sie in mehrerlei Hinsicht Unterstützung verdient hätte.
Wer einen stimmungsvollen, düsteren und psychologisch verstrickten Roman sucht, ist hier wirklich gut beraten. Wer sich über „verrückte“ Frauenfiguren, die scheinbar alle mühelos um den Finger wickeln können, eher aufregt (was ich sehr verständlich finde), wird hier eher weniger Freude haben. Für mich hat es gerade total gepasst und ich möchte diese explizite Kritik bereitwillig ausblenden, weil mich der Roman aus einer kleinen Leseflaute geholt hat. Für das etwas schwache Ende ziehe ich ein wenig von der Wertung ab.
4,5 Sterne
Brutal, schonungslos, fragmentarisch - in der Umsetzung aber nicht mein Fall
Hero von Katie Buckley
Ganz an den Anfang möchte ich den dringenden Rat stellen, sich hier gar nicht vom Klappentext leiten zu lassen. Mir hat der nämlich eine Beziehungsgeschichte suggeriert, die irgendwie linear fortschreitet. Das ist „Hero“ aber überhaupt nicht! Stattdessen ist es ein Werk, das fragmentarisch Erfahrungen sowie Überlegungen der Protagonistin aneinanderreiht - rasche Themensprünge und stilistische Wechsel inklusive.
Ich präferiere ganz klar figurengetriebene Geschichten. Und obwohl Hero hier als Erzählerin ganz klar im Zentrum steht, habe ich am Ende kein wirkliches Gefühl zu ihr. Sie erzählt aus ihrer Vergangenheit, listet teilweise schonungslos und brutal ehrlich ihre Erfahrungen mit Männern auf. Kernaussage: Vor patriarchaler Prägung sind selbst Green Flags nicht gefeit und diese sind sowieso schonmal selten.
Eine wichtige Aussage und ich mochte die brutale Nüchternheit, mit der durchaus gewaltvolle Themen hier transportiert werden. Genau aus diesem Grund sollten das Buch eigentlich vor allem cis Männer lesen, denn ich fand es am Ende primär bedrückend. Eine Empowerment-Story ist es für mich vielleicht phasenweise, aber keinesfalls im Gesamten.
Stilistisch ist der Roman eher experimentell: Wechsel zwischen dritter und zweiter Person Singular (wobei ich dieses Element tatsächlich sinnvoll fand, da die thematisierten Männer ansonsten weitgehend anonym und damit ununterscheidbar bleiben), viele Metaphern, direkte Rede ohne Interpunktionszeichen. Meins ist das definitiv nicht, weil für mich durch zu viele stilistische Elemente die Nähe zu den Figuren verloren geht.
Vorrangig bin ich wahrscheinlich enttäuscht, weil der Klappentext so gut klang. Aber es gibt keine Liebesgeschichte und keine ernsthaft greifbare Figureninteraktion, stattdessen teilweise schwer verständliche Ausschweifungen. Andere Passagen fand ich wiederum enorm eindrücklich und mochte die schonungslose Ehrlichkeit mancher Nebenfiguren in ihrem Blick auf patriarchale Strukturen. FLINTA wird das Buch sicher berühren und bedrücken, deshalb weiß ich nicht so recht, ob ich es so richtig empfehlen kann, weil erfahrungsgemäß eher wenige cis Männer zu solcher Literatur greifen - obwohl besonders ihnen die Augen geöffnet werden müssten. Und ich persönlich kann schlicht nicht wirklich viel für mich aus der Geschichte mitnehmen, außer Wut und Frustration über die Verhältnisse. Trotz einiger guter Gedanken, manche davon auch augenöffnend, bleibe ich also eher unzufrieden zurück.
Gut lesbar, reizvolle Ausgangslage und interessante Figuren - aber zu wenig auserzählt
Ungebetene Gäste von Ayelet Gundar-Goshen
Zum Hörbuch:
Milena Karas ist eine tolle Sprecherin, die hier die verschiedenen Figuren wirklich sehr greifbar umgesetzt hat. Sie hat den einzelnen Charaktere richtig Leben eingehaucht, weshalb ich ein gutes und verständliches Hörerlebnis hatte. Das Werk ist mit seinen vielen Figuren sowie den rasch wechselnden Perspektiven auf der komplexeren Seite.
Und doch hatte ich keine Probleme, der Sprecherin zu folgen.
Zum Buch selbst:
Während mir „Löwen wecken“, das ich erst kurz vor diesem Roman gelesen habe, noch zu lang war, schien mir „Ungebetene Gäste“ fast zu kurz zu sein. Obwohl ich die Länge grundsätzlich ausreichend fand, hat die Autorin für mich zu viele Handlungsstränge nicht zu Ende geführt und thematisch vielleicht ein wenig zu viel gewollt.
Wie bei all ihren Büchern, spielt Ayelet Gundar-Goshen auch hier wieder mit der vermeintlichen Klarheit, was unser menschliches Urteilsvermögen angeht. Die Figurenzeichnung gefiel mir deutlich besser als in ihrem früheren Roman. Sie sind mir zwar wieder überwiegend unsympathisch und wiederholt fand ich ihre Handlungen einfach nur erschütternd, aber zumindest waren sie nicht so platt ekelhaft geschrieben. Besonders im Mittelteil, der mich zu Beginn allerdings auch erstmal verwirrte, bekommen wir ein deutlich vielschichtigeres Bild der Haupt- sowie einiger Nebenfiguren.
Gleichzeitig verschwinden andere Nebenfiguren aus dem ersten Teil völlig von der Bildfläche und werden im kurzen dritten Teil noch einmal aufgewärmt. Neue Figuren tauchen zwischendrin auf, während sich mir am Ende nicht immer ganz erschloss, warum sie wichtig waren. Auch das ein oder andere Klischee wird bedient, die Kommunikation zwischen den Figuren ist meist katastrophal.
Trotzdem hat mir gefallen, wie fein die Autorin mit unserer Sympathie und Empathie spielt - dafür hat sie schon wirklich ein ausgesprochenes Talent. Die Figuren sind zwischendrin so unangenehm, dass ich kaum weiterlesen wollte, und doch bringe ich einige Kapitel weiter Mitgefühl für sie auf. Auch das Thema Schuld/Schuldgefühle sowie der Rassismus weißer Israelis werden wieder behandelt. So einige Sätze waren für mich richtige Banger - etwa dazu, wie gut Persönlichkeitsrechte verschiedener Gruppen beim Veröffentlichen von Fotos geachtet werden.
Doch auch, wenn mir dieser Roman in Bezug auf Lesefluss und Figurenzeichnung gut gefallen hat, gehe ich ernüchtert aus dem Buch. Das Ende ist super offen, so viel bleibt auch einfach ungesagt oder wird kurz vor Schluss noch einmal angeschnitten. Ich habe außerdem meine Schwierigkeiten damit, wenn so gar keine Figur nahbar und mir sympathisch ist, auch wenn ich moralisch graue Figuren durchaus schätze.
Definitiv eine spannende Autorin mit einem guten Repertoire an Überraschungsmomenten im Kleinen. Doch ich muss auch hier wieder sagen, dass mir einiges zu konstruiert war, die moralische Ebene an einigen Stellen zu forciert. Ich habe mir vom Klappentext wieder so viel erhofft und bin nun nicht vollends zufrieden. Es ist dennoch alles andere als ein schlechtes Buch und Fans der Autorin kommen hier ganz sicher auf ihre Kosten. Bei 1-2 weiteren Werken bin auch ich neugierig, werde mir aber erstmal ein bisschen Abstand gönnen, da zwischen den Büchern schon eine gewisse Ähnlichkeit besteht.











