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Rezensionen von bedard:

Gut konstruiert und wendungsreich

Ein ungezähmtes Tier von Joël Dicker

Der mittlerweile achte Roman von Joël Dicker ist ähnlich aufgebaut wie seine bisherigen Bücher. Im Mittelpunkt stehen zwei Paare: Sophie und Arped Braun, verheiratet, zwei Kinder, Anwältin und Banker. Karine und Greg Liegean, Verkäuferin und Polizist. Zwei Familien mit unterschiedlichen Lebensstilen, mit ihren jeweiligen Geheimnissen, die sich anfreunden.

Sophie feiert demnächst ihren vierzigsten Geburtstag und scheint alles zu haben, was als erstrebenswert gilt. Doch wie immer bei Joël Dicker ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Am 2. Juli 2022 findet ein minutiös geplanter, spektakulärer Raubüberfall auf einen Juwelier statt. Dieser Überfall ist der Zeitmesser in dem Roman.

In Zeitsprüngen nähert sich der Autor in teils sehr kurzen Kapiteln aus unterschiedlichen Blickwinkeln der Auflösung. Mal spielt die Handlung kurz vor dem Raub, mal danach und sie geht sogar um Jahre zurück in die Vergangenheit.
Nach bekanntem Muster hat Joël Dicker einen sehr spannenden, wendungsreichen Roman geschrieben, der sehr angenehm zu lesen ist.

Vielleicht nicht sein bestes Buch, aber trotzdem sehr clever konstruiert. Für mich verdient der Roman damit immer noch eine klare Leseempfehlung.

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Der Schein muss gewahrt werden

Bis die Sonne scheint von Christian Schünemann

1983 steht die Konfirmation des Erzählers Daniel Hormann bevor, außerdem freut er sich auf den anstehenden Schüleraustausch. Doch dann bekommt er zufällig mit, dass seine Eltern kurz vor der Pleite stehen und seine materiellen Wünsche wohl nicht erfüllbar sind.

Die Atmosphäre der 1980er Jahre in einer Kleinstadt in der BRD wird sehr authentisch anhand vieler kleiner Details vermittelt.

Die Musik, Fernsehshows, Autos und Kleidung und natürlich der Wunsch, nach außen den Schein zu wahren. Darin sind Daniels Eltern wahre Meister. Obwohl ihnen buchstäblich das Wasser bis zum Hals steht, ignorieren sie ihre finanzielle Situation hartnäckig. Selbst die Großmütter sollen nicht mitbekommen, wie es wirklich um sie steht. In einem weiten Bogen zurück in die Vergangenheit geht es auch um deren Geschichte, das Kennenlernen der Eltern und schließlich die unaufhaltsame Abwärtsspirale. Fern jeder Realität weigern sich Daniels Eltern aber, sich mit den Gegebenheiten abzufinden.

Anders als die mir bisher bekannten Kriminalromane des Autors handelt es sich hier um eine Familiengeschichte. Trotz der zeitlichen Sprünge lässt sich der autofiktionale Roman sehr gut lesen und weckt Erinnerungen an die 1980er Jahre. Insbesondere, dass um jeden Preis der Schein gewahrt werden musste und Wohlstandssymbole sehr wichtig waren.

„Bis die Sonne scheint“ ist kein Wohlfühlroman, aber eine durchaus realistische Familiengeschichte mit tragischen, aber auch humorvollen Elementen.

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Der Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit

Dunkle Momente von Elisa Hoven

Der Roman „Dunkle Momente“ erzählt die fiktive Geschichte der Strafverteidigerin Eva Herbergen, die nach einer langen Karriere ihre Anwaltszulassung zurückgeben will. Vor etlichen Jahren hat sie aus privaten Gründen einem vermeintlichen Routinefall nicht die Aufmerksamkeit geschenkt, die vielleicht vonnöten gewesen wäre.

Für die katastrophalen Folgen trägt sie zwar keine Verantwortung, trotzdem haben Schuldgefühle ihr weiteres Handeln als Strafverteidigerin bestimmt. Um für ihre Mandant:innen die bestmögliche Lösung herbeizuführen, überschreitet sie dabei die Grenzen einer üblichen Mandatswahrnehmung.

In diese Rahmenhandlung eingebettet sind neun Fälle, die auf Basis real stattgefundener Verbrechen und anschließender Strafverfahren konstruiert wurden. Dabei wird weniger die eigentliche Anklage und das anschließende Verfahren dargestellt, das Hauptaugenmerk wird auf die Vorgeschichte und die Motive gelenkt. Was auf den ersten Blick eindeutig scheint, sieht durch einen Twist in der Handlung plötzlich ganz anders aus.

Der Roman ist in einfacher, klarer Sprache verfasst und lässt sich problemlos auch für juristische Laien lesen. Trotzdem vermittelt die Autorin einen guten Einblick in juristische Fragestellungen, die nicht unbedingt allgemein bekannt sind. Dieses neu erworbene Wissen kann dazu beitragen, Unmut und Unverständnis über die Rechtsprechung vorzubeugen.
Opfer und Täter, Schuld und Unschuld, das sind keine Gegensätze mehr, da gibt es Überschneidungen. Und Recht und Gerechtigkeit sind keinesfalls deckungsgleich.
Das ist durchaus spannend zu lesen, das Buch regt zum Nachdenken und Hinterfragen eigener Positionen an und eignet sich damit besonders als Diskussionsgrundlage mit anderen Lesenden.

Die Rahmenhandlung um Eva Herbergen fand ich weniger gelungen, sie wirkte zu konstruiert auf mich. Die Fälle hätten gut für sich alleine stehen können, das hätte auch die Möglichkeit zu längeren Lesepausen eröffnet. Obwohl mir fast alle zugrundeliegenden Straftaten und Verfahren bereits bekannt waren, ist mir die Aneinanderreihung nach dem fünften Fall zu viel geworden.

Trotz dieser Kritikpunkte würde ich den Roman weiterempfehlen, weil mir die Auswahl und Darstellung der Fälle gefallen hat und sich der Roman gut lesen lässt.

Positiv hervorzuheben ist das gelungene Cover, das man aber erst nach Beendigung des Romans richtig zu würdigen weiß.

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Unterhaltsamer Einblick in den Alltag der Langzeitpflege

Das Herz kennt keine Demenz von Jim Ayag

In leichtem Ton berichtet Jim Ayag von seinem Werdegang und schildert den Alltag im Pflegeheim. Auf Umwegen hat er die Altenpflege als seine Berufung entdeckt, obwohl er genau diesen Berufszweig für sich immer als unvorstellbares Tätigkeitsfeld abgelehnt hat. Damit nicht genug, ausgerechnet die Arbeit mit dementen Menschen liegt ihm besonders am Herzen.

Anhand vieler Einzelbeispiele vermittelt er ein stimmiges Bild von den Menschen und Situationen, mit denen er zu tun hat. Frau Tippelkamp ist der Name, den er für alle Bewohnerinnen verwendet, obwohl es sich nicht um eine einzelne Person handelt.

Jim Ayag verschweigt nicht, dass es auch unangenehme und schwierige Situationen gibt, aber er betont die Anteile, die meist nicht gesehen werden. Altenpflege ist eben nicht nur Körperpflege, es gibt viele berührende Momente, auch wenn der Zeitdruck enorm ist.

Wichtig ist, die Menschen mit ihrer Biografie und in ihrer aktuellen Verfassung ernst zu nehmen und Mitgefühl zu haben. Er gibt etliche Beispiele, die im Umgang mit dementen Menschen aus Unwissenheit zu Problemen führen, die es nicht geben müsste. So ist es nicht notwendig, in Erzählungen Fehler zu korrigieren oder ständig zu widersprechen. Damit verunsichert man einen desorientierten Menschen zusätzlich. Gerade Angehörigen fällt es aber schwer, das zu akzeptieren.

Neben der Schilderung der Arbeit mit den zu Pflegenden wirbt Jim Ayag auch für ein anderes Miteinander der Beschäftigten in der Pflege. Gegenseitige Wertschätzung der unterschiedlichen Professionen sowie der geleisteten Arbeit der Kolleg:innen müssen an die Stelle von Geringschätzung und Abwertung treten.

Die Überalterung der Gesellschaft mit der sicheren Zunahme von pflegebedürftigen und dementen Menschen wird zu einem riesigen Problem in der Betreuung führen, wenn nicht aktiv gegengesteuert wird. Ein anderes Bewusstsein und mehr Wertschätzung für Menschen am Ende des Lebens ist eine zentrale Forderung in diesem Buch.

Mich haben etliche Beispiele und Forderungen in diesem Buch sehr nachdenklich gestimmt, bei anderen musste ich lachen, weil ich ähnliche Situationen erlebt habe.

Als Einstieg in das Thema und für Angehörige, die betroffen sind, kann ich dieses Buch uneingeschränkt empfehlen. Es ist kein wissenschaftliches, trockenes Sachbuch, sondern ein leicht lesbarer Einblick eines Praktikers in den Alltag der Langzeitpflege.

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Leben in einer fiktiven Kleinstadt von 1935 -1945. Konnte mich nicht ganz überzeugen.

Ginsterburg von Arno Frank

Der fiktive Ort Ginsterburg und die dort lebenden Menschen stehen exemplarisch für eine nicht sonderlich bemerkenswerte Kleinstadt während der NS-Zeit. Die Handlung wird in Zeitsprüngen erzählt: 1935, 1940 und 1945. Im Mittelpunkt stehen die verwitwete Buchhändlerin Merle und ihr Sohn Lothar, der Journalist Eugen und dessen Familie und der Blumengroßhändler Otto Gürckel sowie dessen Zwillingssöhne Bruno und Knut.

Der Roman beschreibt den Alltag in Ginsterburg mit den politischen, gesellschaftlichen und ideologischen Veränderungen: Während Merle und Eugen dem neuen Gedankengut durchaus kritisch gegenüberstehen, gehört Otto eindeutig zu den Gewinnern. Schnell ist er in der Partei aufgestiegen, profitiert wirtschaftlich im großen Stil und wird schließlich Kreisleiter. Ohne Otto geht in Ginsterburg gar nichts mehr. Seine beiden Söhne tragen früh und voller Inbrunst die braune Uniform, sie terrorisieren ihre Umgebung. Besonders der sensible Lothar hat unter ihnen zu leiden. Doch auch er findet schließlich Gefallen an den Unternehmungen der Hitlerjugend, kann seinen Traum, Pilot zu werden, verwirklichen und wird für herausragende Verdienste ausgezeichnet.

In Ginsterburg scheinen die Menschen lange Zeit relativ unberührt von den politischen Geschehnissen und dem Krieg zu sein. Es wird ausgeblendet, man laviert sich so durch, passt schon auf, wer was hören darf, aber es lehnt sich niemand auf. Wenn man nicht sowieso begeistert von der neuen Zeit ist oder profitiert.
Jüdische Mitbürger sind zwar plötzlich nicht mehr da, aber das scheint kein großes Thema zu sein. Und schließlich treffen die Bomben auch Ginsterburg.

Die Verfolgung Homosexueller, Euthanasie und Vernichtung sogenannten unwerten Lebens, die Verfolgung von Roma und Sinti – all das fließt unterschwellig in den Roman ein.

Nach Beendigung des Romans bin ich zwiegespalten. Einerseits ist es dem Autor wirklich gut gelungen, diese fiktive Kleinstadt mit ihren Bewohner:innen darzustellen. Gerade diejenigen, die keine Nationalsozialisten waren, haben geschwiegen und nicht Stellung bezogen. Deshalb fällt es schwer, hier Sympathieträger zu finden. Mit dem Wissen von heute sind viele der beiläufig und nur kurz gestreiften Szenen unfassbar grausam und erschreckend.
Auf der anderen Seite gibt es die Nationalsozialist:innen, deren Charakterzeichnung mir etwas zu plakativ war. Berechnend, auf den eigenen Vorteil bedacht, kalt und brutal. Das gilt für beide Geschlechter und jedes Alter.
Insgesamt habe ich zu den Charakteren wenig Zugang gefunden. Berührt hat mich eigentlich nur Uta, die über den fast sicheren Tod ihres jüdischen Ehemannes langsam den Verstand verloren hat.
Und ich habe einen Hinweis vermisst, dass zumindest zwei Charaktere nicht ausschließlich fiktiv sind, sondern zumindest ihre Rolle während des Krieges real ist. Dieser Umstand hat mich irritiert.

Eine uneingeschränkte Empfehlung für dieses Buch auszusprechen fällt mir schwer. Das Thema ist hochaktuell und es lassen sich durchaus Parallelen aufzeigen. Der Roman ist auch gut geschrieben und die Zeitsprünge sind gut gewählt. Trotzdem habe ich mir bei den Charakteren mehr Tiefe und Entwicklung erhofft. Und tatsächlich sind mir die Verbrechen der Nationalsozialisten zu leise und unterschwellig in die Handlung eingeflossen. Gut informierte Leser:innen werden die Hinweise verstehen, aber das sollte nicht vorausgesetzt werden.

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Übersichtlicher, umfassender Ratgeber, besonders für Neueinsteiger:innen

Ordnung für immer von Gunda Borgeest; Petra Thorbrietz

Der neue Ratgeber von Stiftung Warentest verspricht auf seinem Cover Aufräumroutinen, die glücklich machen und im Titel Ordnung für immer.
Tatsächlich beinhaltet das Buch nicht nur einen kurzen Überblick, welche positiven Auswirkungen ein ordentlicher, nicht überfrachteter Haushalt auf das ganze Leben hat.

Natürlich gibt es die detaillierten Tipps und Anleitungen zum kurzfristigen Ausmisten, Ordnen und langfristigen Aufrechterhalten des gewünschten Zustandes. Darüber hinaus wird aber sehr ausführlich die Psychologie der Ordnung behandelt. Wer sich also intensiver mit dem Thema befassen möchte, kommt hier auf seine Kosten. Allen anderen ist diese Auseinandersetzung vielleicht zu ausführlich. Abschließend gibt es eine Reihe von Tests, Tipps und Tabellen, die in erster Linie helfen sollen, Routinen und langfristige Erfolge sicherzustellen. Dazu gehört auch die Umsetzung in einem Haushalt mit mehreren Personen, insbesondere bei Familien mit kleinen Kindern. Allerdings ist dieser Bereich relativ kurz abgehandelt.

Empfehlen würde ich den sehr übersichtlichen, umfassenden Ratgeber Menschen, die sich intensiv mit dem Thema befassen möchten und dabei eine klare Struktur mit hilfreichen Tabellen und Anleitungen bevorzugen. Allerdings sollte auch ein tiefergehendes Interesse an den Ursachen vorliegen, da diesem Thema viel Raum gewidmet ist. Enttäuscht werden vermutlich Leser:innen sein, die sich wirklich neue Strategien erhoffen, da vieles bereits bekannt ist.

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Debüt mit Licht und Schatten

Das Parfüm des Todes von Katniss Hsiao

Yang Ning lebt in Taipeh und arbeitet als Tatortreinigerin. Nach einem dramatischen Ereignis in ihrem Leben hat sie ihren außergewöhnlich ausgeprägten Geruchssinn verloren. Nur der intensive und abstoßende Geruch des Todes lässt ihn vorübergehend zurückkehren. Als sie eines Nachts alleine in dem Büro der Agentur ist, nimmt sie ohne Rücksprache einen Auftrag an und führt ihn sofort alleine durch.

Nichtsahnend, dass sie Spuren eines gewaltsamen Todes vernichtet und ins Visier der Polizei gerät. Sie beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, um sich zu entlasten.

Das schöne Cover und die Inhaltsbeschreibung versprechen einen spannenden Thriller, der eine Mischung aus Patrick Süskinds „Parfum“ und Thomas Harris' „Das Schweigen der Lämmer“ erwarten lässt. Tatsächlich finden sich etliche Elemente daraus auch in diesem Debütroman. Dazu gehören sehr detaillierte Informationen zu den verschiedenen Komponenten, die einen Duft ausmachen und die Bedeutung des menschlichen Geruchs für die soziale Akzeptanz. Hier sind deutliche Parallelen zu Süskind erkennbar. Auch Hannibal Lecter findet seine Entsprechung in dem älteren Cheng Chunjin, einem begnadigten Serienmörder, der Yang Ning leitet, ohne dabei seine Bedrohlichkeit zu verlieren. Hier findet ein ähnliches Katz- und Mausspiel wie im Schweigen der Lämmer statt.
Trotz des interessanten Schauplatzes, einer sehr speziellen Hauptprotagonistin und einem letzten Endes gut konstruierten Plot konnte mich der Roman nicht restlos überzeugen. Das liegt zum einen an den realistischen, sehr detaillierten Beschreibungen der Tatorte, die mir zu extrem waren. Zudem hatte ich trotz des am Ende des Romans angefügten Personenverzeichnisses anfangs Schwierigkeiten, die Namen richtig zuzuordnen. Auch die Charaktere sind mir lange Zeit fremd geblieben. Erst im letzten Drittel habe ich einen wirklichen Zugang zu dem Roman und vor allem zu dem Schreibstil der Autorin gefunden, der deutlich anspruchsvoller ist als in dem Genre üblich.

Eine Leseempfehlung auszusprechen fällt mir ausgesprochen schwer. Über weite Strecken konnte mich der Roman nicht fesseln, aber ich kann mir aufgrund des Schreibstils im letzten Drittel durchaus vorstellen, ein weiteres Buch der Autorin zu lesen. Ich würde gerne 3,5 Sterne geben, da das nicht möglich ist, runde ich hier auf drei ab.

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Von der Zweckgemeinschaft zur Wahlfamilie auf Zeit

Wohnverwandtschaften von Isabel Bogdan

Constanze ist Zahnärztin und hat sich gerade von ihrem Freund getrennt, weil sie noch nicht bereit ist, sich endgültig festzulegen. Weil sie in Hamburg keine Wohnung findet, greift sie zu einer ungewöhnlichen Notlösung und zieht in eine WG.
Jörg, der Wohnungseigentümer, ist 68 und trauert seiner verstorbenen Frau nach.

Um eine große Reise zu finanzieren, hat er zwei Zimmer bereits an Anke, eine 53jährige Schauspielerin ohne Engagement und Murat, einen IT-Experten vermietet. Er war es auch, der Constanzes Wohnungsgesuch gelesen und seine Mitbewohner:innen überredet hat, sie in die Wohnung aufzunehmen. Besonders Anke tut sich schwer damit, eine weitere Frau in dem eingespielten WG-Alltag zu akzeptieren.
Bindeglied in dieser ungewöhnlichen WG ist eindeutig der immer gutgelaunte, fürs leibliche Wohl zuständige Murat. Aus dem selbst angebauten Gemüse zaubert er die gemeinsamen Mahlzeiten der vier Bewohner:innen. Er schafft es auch, dass die eher konservative Constanze etwas lockerer wird und es gar nicht mehr so wichtig findet, schnell eine eigene Wohnung zu finden. Aber natürlich bleibt es nicht so unbeschwert, denn Anke hat zunehmend auch finanzielle Probleme und Jörg wird nach einer OP immer vergesslicher.

Zwei Jahre lang begleitet man diese vier Menschen, die der Zufall zu einer Gemeinschaft zusammengefügt hat. Es gibt die gemeinsamen Szenen, in denen aus der Sicht aller erzählt wird. Meist sind es aber Szenen aus der Sicht der einzelnen WG-Mitglieder, die auch stilistisch so beschrieben sind, dass die Charaktere sich deutlich unterscheiden und ihre aktuellen Gedanken, Gefühle und Sorgen fühlbar werden.
Jörg, der so große Pläne hat und seiner geliebten Brigitte nachtrauert. Der dann immer mehr vergisst, als Journalist Worte nicht findet und schließlich zunehmend Hilfe benötigt.
Murat, der das Leben liebt und genießen will, ein bisschen oberflächlich wirkt und von den Veränderungen emotional doch am meisten mitgenommen wird.
Anke, die leidet, weil sie aufgrund ihres Alters keine Engagements bekommt und dann doch neue Perspektiven für sich findet. Gleichzeitig aber auch die ist, die lange Zeit die größte Last in der WG trägt.
Constanze, die eher spröde und ein bisschen spießig ist. In der WG taut sie auf, wird Teil dieser Gemeinschaft aus Menschen, die sie normalerweise wohl so nie in ihr Leben gelassen hätte.

Trotz des durchaus ernsten Hintergrundes liest sich Wohnverwandtschaften leicht und unterhaltsam, ein Buch, das auch Hoffnung macht. Der zweite Roman der Autorin, den ich gelesen habe, wird sicher nicht mein letzter von ihr sein. Eindeutige Leseempfehlung!

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Die hohen Erwartungen wurden leider nicht ganz erfüllt

Aus dem Haus von Miriam Böttger

Der Klappentext und die ersten Seiten dieses autofiktionalen Romans haben eine humorvolle Auseinandersetzung mit familiären Beziehungen versprochen. Tatsächlich gibt es diese Momente auch immer wieder, aber über weite Strecken begegnet man einer dreiköpfigen Familie, in der die stets schwarzsehende, missmutige Mutter die dominierende Rolle spielt.

Und natürlich das HAUS, im Text immer großgeschrieben, das vermeintlich die Ursache des andauernden Familienunglücks ist.

Nach einer glücklichen Phase an der Bergstraße zieht die Familie wegen einer Beförderung des Vaters zurück nach Kassel. Doch der Karrieresprung des Vaters und der Bau des immerhin 300 qm großen Hauses wird von der Mutter als größtes Unglück abgetan. Kassel ist in jeder Hinsicht furchtbar, das HAUS ebenfalls. Die Familie schottet sich ab, soziale Kontakte, insbesondere zur eigenen Verwandtschaft, werden vermieden. Trotzdem zieht es später die erwachsene Tochter ungewöhnlich häufig für Besuche dorthin zurück. Die Versuche, das HAUS zu verkaufen, bleiben jahrelang erfolglos. Als es wider Erwarten doch klappt mit einem zudem äußerst zufriedenstellenden Verkaufspreis, tun sich die Eltern der Ich-Erzählerin extrem schwer loszulassen. Die telefonischen Lageberichte, die die Tochter vom Vater einholt, lassen nichts Gutes erwarten. Und nach dem Umzug wird das HAUS und die Vergangenheit im Rückblick glorifiziert. Dafür ist die neue Wohnung jetzt eine Zumutung.

Obwohl der Schreibstil und auch einzelne feine Charakterzeichnungen durchaus überzeugen, auf Dauer fehlt den wiederkehrenden Beschreibungen des Unglücks die Perspektive. Da helfen auch die gelungenen skurrilen Szenen und die nachdenklich stimmenden Beschreibungen von missglückten Versöhnungsversuchen nicht, die vermutlich die meisten Lesenden so oder so ähnlich selbst erlebt haben.

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Sinnsuche

Juli, August, September von Olga Grjasnowa

Lou lebt mit ihrem zweiten Ehemann Sergej, einem Pianisten und genau wie sie jüdischen Glaubens, und der fünfjährigen Tochter Rosa in Berlin. Als Rosa bei einer Freundin die Geschichte von Anne Frank vorgelesen bekommt, reagiert sie zutiefst verstört. Lou stellt sich und ihrem Mann daraufhin die Frage, wieso Religion in der Erziehung der Tochter bisher keine wirkliche Rolle gespielt hat.

Doch Sergej lässt sich nicht auf das Thema ein und Lou insistiert nicht.
Als ihre Mutter sie auffordert, gemeinsam zum 90. Geburtstag der Großtante nach Gran Canaria zu reisen, lehnt Lou zunächst ab. Nach wiederholter Aufforderung lässt sie sich aber schließlich widerwillig zu dem großen Familientreffen überreden. Gemeinsam mit Mutter und Tochter, aber ohne Ehemann, nimmt sie an dem lebhaften, konfliktbeladenen Ereignis teil. Doch die erhofften Antworten auf ihre offenen Fragen erhält sie nicht. Deshalb reist sie alleine nach Israel, in der Hoffnung, dort Klarheit über sich und ihr Leben zu gewinnen.

Der Roman ist leicht lesbar und flüssig geschrieben, trotzdem konnte mich das Buch nicht völlig überzeugen. Die Charaktere sind fast schon ein bisschen zu plakativ gezeichnet, dadurch aber gut vorstellbar. Die Hauptprotagonistin steckt nach einem schweren Schicksalsschlag in einer Sinnkrise, die Beziehung zu ihrem Ehemann stagniert, das Verhältnis innerhalb des Großfamiliengeflechts ist auch schwierig. Für 200 Seiten sind das vielleicht einfach zu viele Themen, um sie ausreichend zu vertiefen. Ich bin zwar nicht enttäuscht, aber auch nicht begeistert. Deshalb gibt es von mir nur eine eingeschränkte Leseempfehlung.

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