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Rezensionen von bedard:

Rückblick auf einen ereignisreichen Sommer mit Brüchen

Schwarzer September von Sandro Veronesi

Sandro Veronesis neuestes Werk ist ein Coming-of-Age-Roman, der die Geschichte des zwölfjährigen Gigio erzählt, der den Sommer 1972 mit seiner Familie an der ligurischen Küste verbringt. Sportbegeisterung, die aufregenden Gefühle der beginnenden Pubertät, erste Verliebtheit – das sind die Themen, die Gigio beschäftigen, bevor dramatische private und politische Ereignisse alles verändern.

Veronesi zeichnet ein lebendiges Bild der 1970er-Jahre und eines Sommers, der geprägt ist von Strandtagen, Musik von Cat Stevens und David Bowie sowie der Bedeutung sportlicher Großereignisse wie den Olympischen Spielen in München 1972. Gerade Leser, die diese Zeit selbst erlebt haben, sich für Sport interessieren oder sich in die Gedankenwelt eines Jungen dieses Alters hineinversetzen können, dürften sich hier wiederfinden. Denn Gigios Perspektive ist detailreich und konsequent aus seiner Lebenswelt heraus erzählt – mit vielen Beobachtungen, Interessen und Gedankengängen, die stark an eine klassische „Jungenperspektive“ gebunden sind.

Gigios Hobbys, seine intensive Beschäftigung mit Sport und seine oft sehr spezifischen Gedankengänge waren für mich jedoch schwer nachzuvollziehen, sodass eine echte emotionale Nähe nur selten entstand.

Hinzu kommt, dass sich der Roman viel Zeit für Details und Abschweifungen nimmt, während die dramatischen Ereignisse vergleichsweise knapp behandelt werden. Gerade im Hinblick auf das titelgebende Attentat während der Olympischen Spiele hatte ich mir mehr erhofft. Dieses historische Ereignis bleibt eher ein Randgeschehen, obwohl es großes erzählerisches Potenzial bietet und der Geschichte zusätzliche Intensität hätte verleihen können.

So bleibt „Schwarzer September“ ein atmosphärisch dichter, handwerklich überzeugender Roman, der vor allem durch seine Zeitzeichnung und die konsequente Perspektive punktet. Gleichzeitig ist er aber auch ein Buch, das stark von der Identifikation mit seinem Protagonisten lebt – und genau das hat für mich nur eingeschränkt funktioniert. Dafür gibt es einen Punkt Abzug in der Gesamtbewertung.

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Auf der Suche nach Heimat und Zugehörigkeit

Halber Stein von Iris Wolff

Zur Beerdigung ihrer Großmutter Agneta reist Sine gemeinsam mit ihrem Vater Johann nach Michelsberg in Siebenbürgen. Hier hat sie die Sommer ihrer Kindheit verbracht, bevor ihre Eltern einen Ausbürgerungsantrag stellten. Mit der Rückkehr in das Haus der Großmutter und der erneuten Erkundung der Umgebung kehren auch längst vergessene Erinnerungen zurück.

Sine begegnet Julian, ihrem Freund aus Kindertagen, der das Dorf nie verlassen hat. Gemeinsam besuchen sie vertraute Orte wieder, Sine entdeckt deren Schönheit dabei neu und sie erkennt ihre anhaltende Bedeutung für ihr eigenes Leben.

Sines Reise nach Michelsberg fällt in eine Phase des Umbruchs. Sie hat ihr Studium abgeschlossen, ist zu ihren Eltern zurückgezogen und hat sich bislang eher halbherzig und erfolglos beworben. Der Aufenthalt im Haus der Großmutter gibt ihr den notwendigen Raum zur Reflexion und hilft ihr, Klarheit über ihre Zukunft und anstehende Entscheidungen zu gewinnen.

Trotz des traurigen Anlasses ist Halber Stein kein deprimierender Roman. Er lebt von einer poetischen, ruhigen Sprache sowie von eindrucksvollen Beschreibungen der landschaftlich reizvollen Region und der inneren Prozesse der Protagonistin. Zwar gibt es einzelne dramatischere Begegnungen, insgesamt bleibt der Roman jedoch zurückhaltend und entfaltet gerade dadurch eine nachhaltige, nachdenklich stimmende Wirkung. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach Heimat, Erinnerung und Zugehörigkeit.

Auch die Geschichte und Kultur der Siebenbürger Sachsen sowie die Situation der ausgebürgerten und in Deutschland oft unwillkommenen Menschen werden sensibel und unaufdringlich in die Handlung eingeflochten, ohne belehrend zu wirken.

Halber Stein ist ein leiser, atmosphärischer Roman, der durch Tiefe, Sprachgefühl und emotionale Ehrlichkeit überzeugt und lange nachhallt.

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Die Freiheit der Tauben

Der letzte Sommer der Tauben von Abbas Khider

Auf dem Dach züchtet der vierzehnjährige Noah Tauben. Gemeinsam mit seinem Onkel Ali kümmert er sich um den Schlag, und jede der Tauben trägt einen Namen: Regenbogen, Tänzer oder Schneeweiß. Noch kreisen sie ruhig über der Stadt – bis der Lärm der Helikopter die Idylle zerschneidet. So beginnt Abbas Khiders neuer Roman.

Mit der Ausrufung des Kalifats gerät Noahs Welt aus den Fugen. Für seine Familie hat das unmittelbare Folgen: Die bunten Kleider aus dem Geschäft seines Vaters müssen Niqabs weichen, auf Verpackungen werden weibliche Figuren geschwärzt und schließlich werden die nicht mehr tolerierten modischen Kleidungsstücke öffentlich verbrannt.

Noch stärker treffen die neuen Regeln die Frauen. Sie müssen sich vollständig verhüllen, dürfen ihre Berufe – mit wenigen Ausnahmen – nicht mehr ausüben und das Haus nur noch in Begleitung verlassen. Mädchen werden zwangsverheiratet und über allem wachen die neuen Machthaber.
Mit dem vierzehnjährigen Noah hat Abbas Khider eine sehr passende Erzählerfigur gewählt. Noah ist jung genug, um noch nicht von festen Überzeugungen geprägt zu sein, aber alt genug, um die Veränderungen um ihn herum wahrzunehmen und zu hinterfragen. Als Junge kann er sich trotz aller Einschränkungen noch vergleichsweise frei bewegen – und wird so zum stillen Beobachter der Veränderungen. Gerade dieser Blick von der Schwelle zum Erwachsenwerden funktioniert hier besonders gut.

Innerhalb der Familie zeigen sich unterschiedliche Reaktionen auf das zunehmend totalitäre Regime – Anpassung, leiser Widerstand oder Resignation –, ohne dass der Roman diese Haltungen ausdrücklich bewertet.
Im Laufe der Handlung verliert Noah nach und nach seine kindliche Naivität. Besonders eindrücklich wird das in Szenen wie der, in der er ein Manuskript seines Onkels versteckt, oder später, als ihn sein Vater zwingt, einen Meineid auf den Koran abzulegen. In solchen Momenten wird deutlich, wie Noah den wenigen Handlungsspielraum nutzt und eigene Entscheidungen trifft.

Der Stil passt gut zu dieser Perspektive. Die vielen kurzen Kapitel wirken fast wie Tagebucheinträge oder Momentaufnahmen einzelner Tage. Gleichzeitig ist Khiders Sprache sehr poetisch und stark bildhaft. Besonders in den Passagen über die Tauben entstehen ruhige, fast lyrische Bilder, die einen starken Kontrast zur zunehmenden Brutalität des Regimes bilden. Gerade dieser Gegensatz verstärkt die Wirkung vieler Szenen.

Auffällig ist außerdem, dass der Schauplatz bewusst unbestimmt bleibt. Es geht weniger um ein konkretes Land als um die Mechanismen eines religiös legitimierten totalitären Regimes. Auf gut 200 Seiten zeigt Khider, wie eine solche Herrschaft Familien, Nachbarschaften und schließlich ganze Gesellschaften verändern und zerstören kann. Der Ton bleibt dabei meist nüchtern und beobachtend – wodurch die Gewalt der Ereignisse umso eindringlicher wirkt.

Bis zu einem gewissen Punkt – vor allem in den Szenen mit Onkel Ali – wirkt der Ton sogar etwas leichter und stellenweise humorvoll. Spätestens bei den öffentlichen Bestrafungsszenen kippt die Stimmung jedoch deutlich.

Sehr gelungen ist das offene Ende. Es bleibt unklar, ob Noah einfach an einer Hoffnung festhält oder ob sich tatsächlich eine Veränderung abzeichnet. Beides bleibt möglich – und gerade diese Ambivalenz macht den Schluss so überzeugend.

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Verlorenheit

Onigiri von Yuko Kuhn

Im Mittelpunkt von Yuko Kuhns Debütroman steht die Ich-Erzählerin Aki, die mit ihrer 70jährigen dementen Mutter Keiko noch einmal gemeinsam in deren Geburtsort Kobe in Japan reist. Keikos hochbetagte Mutter ist vor einiger Zeit gestorben und Aki hofft, dass die bekannten Orte und der bewusste Abschied Erinnerungen bei Keiko wecken und sie selbst mehr über ihre japanischen Wurzeln herausfindet.

Das Unterfangen ist mutig, denn die Beziehung zwischen Aki und Keiko ist weder eng noch frei von Belastungen. Kindheit und Jugend haben Spuren bei Aki und ihrem Bruder Kento bis in deren Erwachsenenleben hinterlassen:
Aki wächst in mehrfacher Hinsicht zwischen zwei Kulturen auf. Sie lebt in Deutschland bei ihrer japanischen Mutter, hat aber einen deutschen Vater, der die Familie bereits sehr früh verlassen hat. Beide Eltern sind psychisch belastet, der Vater hat nach einem Suizidversuch einen längeren Psychiatrieaufenthalt hinter sich. Während Keiko den Kindern materiell wenig bieten kann, sind Akis deutsche Großeltern sehr wohlhabend. Die Kinder werden bei ihren Besuchen mit Geschenken überhäuft. Die emotionale Wärme, nach der Aki sich sehnt, bekommt sie in keiner dieser Welten in ausreichendem Maße.

Der fragmentarische Erzählstil und die Vielzahl der behandelten Themen erfordern gerade zu Beginn etwas Konzentration. Müsste man einen Oberbegriff für das Hauptthema wählen, dann wäre es wohl die Verlorenheit.

Keiko kommt in der freiwillig gewählten deutschen Heimat nicht an. Aber auch in Japan fühlt sie sich mit den starren Regeln nach der zunächst erfahrenen Freiheit in Deutschland nicht mehr heimisch. Sie schätzt die Direktheit der Deutschen, ist aber selbst nicht in der Lage, über ihre Gefühle und Bedürfnisse offen zu sprechen. Aki erinnert sich, dass sie ihre Mutter niemals hat weinen sehen.

Auch nach vielen Jahren in Deutschland hat Keiko keine Freunde, weder japanische noch deutsche. Die Esskultur in ihrem Haushalt bleibt strikt japanisch, die Titel gebenden Onigiri stehen symbolisch für weitaus mehr als nur ein Nahrungsmittel. In diesem Fall ist die Bezeichnung Soulfood absolut zutreffend.

Die spätere beginnende Demenz und die damit verbundenen Momente der Orientierungslosigkeit sowie die schwindenden Erinnerungen sind wieder eine andere Form der Verlorenheit. Das betrifft nicht nur Keiko selbst, sondern auch die Hilflosigkeit und Überforderung, die Aki empfindet, wenn sie die Veränderungen bei ihrer Mutter wahrnimmt.

Auch in Akis Lebensgeschichte spielt die Verlorenheit eine zentrale Rolle. Sie bewegt sich in Deutschland in mehrerer Hinsicht in sehr unterschiedlichen Welten, ist aber nirgendwo richtig Zuhause. Als Jugendliche wünscht sie sich eine „normale“ Mutter, die so ist wie die Mütter ihrer Freundinnen. Gleichzeitig gibt es ein umgekehrtes Mutter-Tochter-Verhältnis, wenn Aki Sorgeaufgaben für ihre Mutter übernimmt, weil diese in Düsternis versinkt.

Zuhause lebt Aki auch in guten Phasen der Mutter in der japanischen Kultur, außerhalb aber in der deutschen. Sie möchte dazu gehören, erfährt aber rassistische Ausgrenzung.

Die Reise mit ihrer Mutter nach Kobe ist für Aki auch deshalb wichtig, weil sie mehr über ihre eigene Familiengeschichte und ihre japanischen Wurzeln erfahren muss.

Am Ende ist zwar nicht alles gut, aber der Blick auf Vergangenheit und Gegenwart ist ein bisschen versöhnlicher geworden.

Ein sehr lesenswerter Roman!

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Erschreckend realistische Politsatire

Das Geschenk von Gaea Schoeters

Nach dem großen Erfolg ihres Romans Trophäe hat Gaea Schroeter mit ihrem neuen, nur 138 Seiten umfassenden Buch eine Politsatire veröffentlicht, die angelehnt ist an eine wahre Begebenheit:

Als Reaktion auf die europäische Kritik an Botswanas Regulierung der Elefantenbestände durch Abschuss forderte der damalige Präsident Mokgweetsi Masisi im Jahr 2024 die Bundesregierung auf, 20.

000 afrikanische Elefanten aufzunehmen. Zugleich wehrte er sich gegen die neokoloniale Bevormundung.

Im Roman tauchen eines Morgens aus heiterem Himmel Elefanten vor dem Bundeskanzleramt in Berlin auf. Erst nur einzelne, dann werden immer mehr gesichtet. Zunächst weiß niemand, woher sie kommen. Der fiktive Bundeskanzler Winkler erfährt aber bald, dass es sich um ein Geschenk der botswanischen Regierung handelt. Sollten Tiere getötet werden, wird sofort Ersatz geliefert. Zunächst fallen die Reaktionen der Bevölkerung eher positiv aus. Doch bald kommt es zu ersten Konflikten und Unfällen, die Elefanten fressen nicht nur viel, sie scheiden auch entsprechend viel aus.
Das Problem beschäftigt schließlich das gesamte Bundeskabinett, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten werden hin- und hergeschoben. Alles vor dem Hintergrund, dass sich die rechte Opposition das Versagen der Regierung zu Nutze macht. Schließlich wird eine Elefantenbeauftragte eingesetzt, die das Problem entweder lösen soll oder im Falle des Scheiterns die Verantwortung tragen muss.

Die erste Hälfte dieses Romans unterhält mit vielen Seitenhieben auf den Politikbetrieb und auf unschwer zu identifizierende Bundesländer und deren Regierende, die Sonderrechte für sich beanspruchen, wenn es um die Verteilung von Lasten geht. Sehr nah an der Realität ist auch der Umgang mit Frauen und deren Rolle im politischen Machtzentrum.
In der zweiten Hälfte sind die Auswirkungen politischer Entscheidungen deutlicher spürbar. Entscheidungen, die wider besseren Wissens getroffen werden und nur auf kurzfristige nationale Lösungen ohne Rücksicht auf Nachbarn oder globale Konsequenzen zielen. Am Ende steht der fiktive Kanzler vor der Entscheidung, ob er die moralisch richtige Entscheidung trifft, dafür aber seine Wiederwahl gefährdet.

Stilistisch und inhaltlich hat mir der Roman sehr gefallen. Die treffenden Beobachtungen zum Regierungshandeln und die fundierten Kenntnisse über afrikanische Elefanten sind beeindruckend.

Klare Leseempfehlung!

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Liebenswert unangepasstes Mädchen rebelliert gegen die Realität

Durch das Raue zu den Sternen von Christopher Kloeble


Die dreizehnjährige Arkadia Fink wird von allen Moll genannt und weiß sehr genau, was sie will. Sie möchte berühmt werden, auf einer Bühne stehen und singen. Und sie weiß auch, wie sie das schaffen kann. Sie muss in den berühmten Knabenchor aufgenommen werden, für den neue Talente in ihrer Dorfschule gesucht werden.

Es stört sie nicht, dass sie bei aller Begabung die Grundvoraussetzung nicht erfüllen kann. Ein großer öffentlicher Auftritt wird ihre Mutter zurückholen, die vor fast neun Monaten nur kurz weggegangen ist, das weiß Arkadia sicher.
Denn die Liebe zur Musik hat Mutter und Tochter seit jeher verbunden. Schon als kleines Kind war Arkadia dabei, wenn ihre Mutter komponierte. Von ihr hat sie die Überzeugung übernommen, dass Beethoven eine Frau war, eine große Tondichterin. In dem bayrischen Dorf stießen diese Ideen nur auf Unverständnis. Auch Arkadias Vater, der die Familie kaum mit seinem Verdienst als Schreiner ernähren kann, hatte damit Probleme. Hinzu kamen die ungewöhnlichen und nicht immer ungefährlichen Unternehmungen, die die Mutter mit Arkadia durchgeführt hat.

Der Roman wird konsequent aus der Sicht von Arkadia erzählt. Sie ist eigensinnig, widerspenstig, geht über eigene und fremde Grenzen, aber sie hat auch einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Für ihr Ziel arbeitet sie verbissen, sie stiehlt und betrügt. Wenn es sein muss, haut sie auch zu. Respekt vor Autoritäten hat sie nicht, den muss man sich bei ihr verdienen. Arkadia ist ein bisschen anarchisch, eine Grenzgängerin. Aber hinter der Fassade ist sie ein Mädchen, das sehr verletzlich ist. Sie lässt niemanden so richtig an sich heran, seit ihre Mutter kurz weggegangen ist. Ihr Vater ist auch keine Hilfe, er arbeitet nicht mehr und weint nur noch in der Werkstatt.

Arkadia schafft es tatsächlich, zu den Chorproben zugelassen zu werden. Aber der Weg auf die große Bühne ist nicht so leicht, wie sie ihn sich vorgestellt hat. Sehr anschaulich wird der Druck beschrieben, dem schon Kinder hinter den Kulissen ausgesetzt sind. Die Proben sind hart, der Ton gegenüber den Kindern ist zumindest Anfang der 1990er verächtlich. Mit der Aussicht auf den großen Auftritt wächst der Konkurrenzdruck unter den Kindern und die Anforderungen und destruktive Kritik des Chorleiters steigen über ein akzeptables Maß hinaus. Außerdem erfüllt Arkadia das entscheidende Kriterium natürlich immer noch nicht. Sie ist und bleibt ein Mädchen.

Mich hat dieser Roman um dieses unangepasste, verletzliche Mädchen sehr beeindruckt. Die Sichtweise einer Dreizehnjährigen ist auch sprachlich absolut glaubwürdig umgesetzt, ohne für ältere Erwachsene zu kindisch zu klingen. Neben der Entwicklungsgeschichte des Mädchens steht die Musik im Vordergrund, insbesondere der Chorgesang. Es ist deutlich zu spüren, dass der Autor über ein sehr profundes Wissen verfügt. Die Benachteiligung von Frauen wird sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Ohne persönliche Erfahrung mit Chorgesang habe ich viel dazu gelernt.

Ein humorvolles, unterhaltsames und tiefgründiges Buch, mit einer liebenswerten Hauptfigur, die ich nicht so schnell vergessen werde.

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Gesellschaft der Zukunft?

Gesellschaftsspiel von Dora Zwickau

Die Schwestern Isabelle und Annika sowie ihre Tante Dagmar verbinden zunächst nur wenige Gemeinsamkeiten. Als Gabi, deren Mutter beziehungsweise Schwester, einen Schlaganfall erleidet und im Sterben liegt, müssen sich die drei Frauen notgedrungen zusammenfinden.

Annika lebt in den USA und ist aufgrund der zunehmenden Ausländerfeindlichkeit und rassistischen Tendenzen in Deutschland sehr kritisch gegenüber ihrem Heimatland.

Isabelle ist Lehrerin und alleinerziehende Mutter. Sie ist engagiert, aber auch ständig am Limit durch die Mehrfachbelastungen. Dagmar lehrt an der Uni Soziologie, hat aber in lebenspraktischen Belangen ausgesprochene Defizite.

In die emotional schwierige Situation platzt die Meldung über ein Experiment, das ausgerechnet in ihrer Stadt Weimar stattfinden soll. Der amerikanische Tech-Milliardär und Spiele-Erfinder „Double Z“ hat die geschichtsträchtige Stadt im Osten Deutschlands auserkoren, um ein neues Gesellschaftsmodell per App zu testen. Die BewohnerInnen bestimmen direkt über die App Syndicate mit, schwerfällige Entscheidungsprozesse fallen weg. Eine ganze Stadt wird zum Testfall für die Gesellschaft der Zukunft.

Die Reaktion der drei Frauen fällt ganz unterschiedlich aus. Annika bleibt zunächst eher emotionslos, auch wenn ihr Freund Wang absolut begeistert ist. Dagmar versucht die Idee mit ihrem sozialwissenschaftlichen Hintergrund in allen Facetten zu durchdringen und Isabelle setzt sich gemeinsam mit ihren Schülern mit der App auseinander.

Stilistisch ist der hochaktuelle Roman nicht ganz einfach zu fassen. Das eigentlich emotional belastende Familiengeschehen rückt ein bisschen zu sehr in die Hintergrund. Hinzu kommen die eingestreuten Social Media Posts, die zwar gut zu dem Thema des Romans passen, den Lesefluss aber unterbrechen und bewusst stören.

Trotz einiger Schwächen ist der Roman empfehlenswert aufgrund seiner aktuellen Thematik. Es ist zwar Fiktion, aber erschreckend realistisch und die Handlung regt definitiv zum Nachdenken an.

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Unterhaltsamer zweiter Band der Hamburg-Krimi Reihe

Bittere Nacht von Nikolas Kuhl; Stefan Sandrock

„Bittere Nacht“ ist der zweite Teil der Reihe um das Ermittlerteam Juha Karhonen und Lucas Adisa. Es ist aber nicht erforderlich, zuvor den ersten Band gelesen zu haben, da die Fälle in sich abgeschlossen sind.

Gerade erst neu in der Mordkommission beim LKA Hamburg müssen sie jetzt in einem Fall ermitteln, der sich schnell als Serie entpuppt.

Unterstützung erhalten sie dabei u.a. von Selma, die als einzige Frau im Team einen wohltuenden Kontrapunkt setzt.

Der Krimi ist unterhaltsam, aber nicht allzu eingängig geschrieben. Die ausführlichen Charakterbeschreibungen und privaten Hintergründe der Hauptprotagonisten sind einerseits gelungen und glaubwürdig, andererseits insbesondere im Mittelteil etwas zu bestimmend auf Kosten der Spannung. Gerade rechtzeitig wird dann aber der Spannungsbogen erneut angezogen.

Beeindruckend und sehr realistisch ist das winterliche Hamburg als Handlungsort in Szene gesetzt. Ortskundige können den Akteuren problemlos durch die Stadt folgen und haben dadurch einen besonderen Blick auf die Krimihandlung.

Mich hat mein erster Fall dieses Hamburger Ermittlerteams gut unterhalten, auch wenn mir die Auflösung relativ früh klar war. Normalerweise ist das ein Negativpunkt, störte mich hier aber erstaunlicherweise nicht. Den ersten Band werde ich sicher zeitnah lesen und die Reihe weiterverfolgen.

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Mehr Psychodrama als Thriller

Himmelerdenblau von Romy Hausmann

Vor zwanzig Jahren ist die 16-jährige Julie Novak aus ihrem Elternhaus verschwunden, die Mutter hat morgens eine Lösegeldforderung auf dem Computermonitor ihres Mannes entdeckt. Anders als in dem Text gefordert, schalten die Eltern dennoch die Polizei ein, die Entführer melden sich nicht wieder und Julies Schicksal bleibt ungeklärt.

Doch Julies Vater Theo glaubt immer noch, dass seine Tochter lebt und er sie finden könnte. Aber die Zeit drängt. Der inzwischen 74-jährige, einst so erfolgreiche und eloquente Herzchirurg, gleitet in die Demenz ab. Klare und verwirrte Zustände wechseln in rasantem Tempo, ihm bleibt nicht mehr viel Zeit für die Suche nach seiner ältesten Tochter.

Liv und Phil sind sehr erfolgreich mit ihrem True Crime Podcast und rollen den Fall Julie Novak anlässlich des traurigen Jubiläums ihres Verschwindens erneut auf. Anders als in ihren bisherigen Fällen steigen sie dieses Mal sehr viel tiefer ein. Trotz der anfänglichen Skrupel nach der Entdeckung von Theos Demenz beginnt Liv gemeinsam mit ihm und seiner jüngsten Tochter Sophia die Geschehnisse von damals intensiv zu untersuchen.

Ebenso wie die früheren Romane der Autorin lässt sich auch Himmelerdenblau sehr gut lesen. Besonders beeindruckend sind die Abschnitte, die aus Theos Sicht geschildert sind oder in denen Theos Wortfindungsschwierigkeiten in der Kommunikation mit anderen deutlich werden. Auch die Reaktionen seiner Familie, seines Arztes und langjährigen Freundes und insbesondere von Liv, die etliche schwierige Situationen mit ihm durchsteht, sind glaubwürdig und berührend beschrieben.

Der Blick auf die Menschen, die im Zuge von Ermittlungen in den Fokus der Öffentlichkeit geraten und selbst nach Jahren noch befürchten müssen, erneut verdächtigt zu werden und hilflos Anfeindungen ausgeliefert zu sein, ist ebenfalls gelungen.

Allerdings nehmen die intensiven Schilderungen von Theos Verfassung und die Spurensuche in der Vergangenheit viel Raum ein und bremsen die Handlung aus. Das geht zu Lasten des Spannungsaufbaus. Erst im zweiten Teil des Romans zieht das Tempo an und die Geschichte wird spannender. Für einen Thriller ist das insgesamt etwas zu wenig, deshalb kann ich nur 3 Sterne vergeben. Fans von Romy Hausmann werden den Roman wahrscheinlich trotzdem mögen, Thrillerfans könnten aber enttäuscht sein.

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Auf den Spuren der Großeltern

Frau im Mond von Pierre Jarawan

Die Zwillingsschwestern Lilit und Lina el Shami sind bei ihrem Großvater Maroun in Montreal, Kanada, aufgewachsen. Ihre Großmutter haben sie nie kennengelernt. Eine alte Postkarte weckt jedoch Lilits Interesse, und sie beginnt, sich für die Geschichte ihrer Familie zu interessieren. Anders als ihre Schwester hat sie die Freiheit, in den Libanon zu reisen und sich intensiv mit den Spuren ihrer Vorfahren auseinanderzusetzen.

Wie schon in seinem sehr lesenswerten Debütroman „Am Ende bleiben die Zedern“ erzählt Pierre Jarawan eine Geschichte, in der Bürgerkrieg und Flucht eine wichtige, aber nicht alles bestimmende Rolle spielen. Neben den tragischen Ereignissen, die auch in diesem Roman viel Raum bekommen, geht es auch um Hoffnung, Zuneigung und Verbundenheit.

Positiv herauszuheben ist dabei die wenig bekannte Lebanese Rocket Society, die bereits 1966 eine Weltraumrakete zündete – im krassen Gegensatz zu der furchtbaren Explosion im Hafengebiet von Beirut genau 54 Jahre später. Gelegentlich etwas weitschweifig erzählt, ist der Roman passend in drei Stufen gegliedert, wie die Zündstufen einer Rakete, und die Kapitel folgen einem Countdown von fünfzig abwärts. Allerdings wird die Geschichte nicht strikt chronologisch erzählt, sondern in Zeitsprüngen, was etwas Aufmerksamkeit erfordert – insbesondere, wenn die Geschichte des Libanons noch relativ unbekannt ist.

Der dritte Roman des Autors zeichnet sich dadurch aus, dass den Lesenden ein Bild des Libanons und seiner Menschen vermittelt wird, das über die Kriegsberichterstattung in den Medien hinausgeht. Lesenswert!

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