Kunden em pfehlungen
Rezensionen von herrfabel:
Tolles Buch, großartiges Gesellschaftsporträ!
Die Auster von Yael Inokai
Dieser Roman beginnt mit einem Todesfall. Der Arbeitgeber und Geschäftsführer eines großen Berliner Kaufhauses wird tot in seinem Haus aufgefunden. Nicht von Angehörigen oder Verwandten, von der 73 jährigen Putzfrau Leonora Bloch. Doch statt sofort die Polizei zu informieren, macht Leonora das, was sie schon seit über 40 Jahren für Dr.
Bronstett macht, sie putzt gründlichst und beseitigt jegliche Unordnung. Als die Polizei eintrifft ist das Gröbste bereits verschwunden, das Blut weggewaschen, nur der reglose Körper mit den fehlenden Händen liegt noch mitten im Raum.
„Er lag am wärmsten Ort des Hauses. Leonora hatte sich selbst einmal auf diesen Boden gelegt, in einem selbstvergessenen Moment vor vielen Jahren. Seither war das für sie untrennbar mit Reichtum verknüpft: nach einem Arbeitstag an der Tür die Schuhe ausziehen und barfuß durch das Haus spazieren. Verlustängste haben, einen Mantel aus Kaschmir besitzen, von einer Fußbodenheizung getröstet werden.“
Kurze Zeit später taucht im Fischrestaurant in der 6. Etage des Kaufhauses eine von ihnen wieder auf. „Die Zeugin betonte, sie habe die Hand tatsächlich erst für einen verdorbenen Krebs gehalten, ein gräuliches, aufgedunsenes Exemplar – ihre Stimme geriet ins Stocken –, das von der Bedienung aus dem Eis gezogen worden sei. Und die habe genauso wenig begriffen, um was es sich da eigentlich handelte.[…] Sie wollten einfach Austern essen gehen im Kaufhaus, wie ganz normale Leute, wer würde denn auf die Idee kommen…?“
Während sich die Gerüchte im Kaufhaus ihren Weg bahnen, die Suche nach der anderen Hand und dem Täter weitergeht, kümmert sich Leonora mit der Tochter des Verstorbenen um die Beerdigung. Dabei prallen erneut unterschiedliche Welten aufeinander, während sie sich noch Gedanken um ihre finanzielle Not macht, möchte Amande Bronstett so schnell wie nur möglich Berlin wieder verlassen. Die beiden Frauen finden irgendwie zueinander, Leonora wird zu einer Art Notfallkontakt und doch, so scheint es, bleibt es nur ein kurzes Verschwimmen der Grenzen zwischen Luxus, Auftrag und echter Menschlichkeit.
„Leonora versuchte sich vorzustellen, wie so etwas gehen sollte. Wo überhaupt Platz gewesen wäre für noch mehr Geld in diesem Leben mit diesem Haus und diesen Autos in ihrem doppelgeschossigen Parkhäuschen. Eins der Autos war für den Sommer, für Ausflüge zum See, ans Meer. An den restlichen dreihundertvierundsechzig Tagen im Jahr schlief es unter seiner Decke.“
Wie man nun an diesen kurzen Zitaten schon erkennen kann, wird jede*r mit Erwartungen an einen Kriminalfall mit einer gewohnt lückenlosen, perfekt begleiteten Ermittlung, sicherlich nicht so viel Freude an diesem Buch haben. Bei „Die Auster“ von Yael Inokai handelt es sich nämlich mehr um ein als Spannungsroman getarntes Gesellschaftsporträt, das nicht nur die sozialen Unterschiede oder die kapitalistisch geprägten Veränderungen eines Kaufhauses thematisiert, sondern auch zwischen den Zeilen das Alleinsein der Menschen sichtbar macht. Und genau das habe ich an diesem Roman geliebt. Inokai zeichnet ein Bild einer Gesellschaft in der Menschen zwar miteinander kommunizieren, zwischenmenschliche Verbindungen eingehen, und doch bleibt jede*r mehr oder weniger für sich, mal mehr sichtbar, mal ganz unscheinbar und zurückgenommen. Und da ist deutlich mehr als dieser Reichtum, der Menschen voneinander trennt. Ein jede*r hat andere Sorgen, Probleme und Geheimnisse, eine ganz andere Realität, in der andere Welten womöglich nur in kleinen Momenten sichtbar werden und eine Rolle spielen.
„Im Großen und Ganzen war sie unsichtbar, konnte durch die Welt gehen, als gäbe es sie nicht. Nur manchmal hob sich das auf. Dann war es wie ein Scheinwerfer, der auf sie fiel. Die Leute kamen drauf, dass sie als Putzfrau arbeitete, sie dachten an ihre Omas und Mütter, an ihre eigene Rente, an das Elend des Älterwerden, und die Augen füllten sich mit Mitleid.“
Spuren des Schweigens
Lori von Anousch Mueller
„Wenn sich ein Geheimnis löst, beginnt die Geschichte von Neuem. Als zweite Fassung von uns gibt es ab dann in der einen und in der anderen Version“ sind die ersten Zeilen von Anousch Muellers Roman „Lori“ und wahrscheinlich ist genau das, was dieses Buch so faszinierend und spannend finde, denn mit diesem Buch nähert man sich nach und nach einem großen Geheimnis, das so eine Familiengeschichte komplett auf den Kopf stellt und zeitgleich alles erklärt.
Helena Ross, genannt Leni weiß es eigentlich schon sehr lange, sie fühlt es, sieht es ab und an in Erinnerungsfetzen, gerade ein kleiner Anhänger aus Glas, der das Licht in Regenbogenfarben bricht weckt eine tiefsitzende Erinnerung. Auch wenn alle von einer Retrograden Amnesie reden, so weiß Leni genau, dass es da noch ein anderes Mädchen, eine weitere Schwester gab, die aus irgendeinem Grund plötzlich nicht mehr da war. Leni wächst ‚am Ende der Welt’ in einem alten verlassenen Bahnhof mit ihren fünf Geschwistern in Thüringen auf. Ein wildes Durcheinander mit vielen Rangeleien, man kann es sich vorstellen. Und während der Vater sich überfürsorglich um die Kinder und ihre äußerlichen Verletzungen kümmerte, zog sich die Mutter immer mehr zurück.
„Immer war es Papa, der die tröstenden Worte sprach. Immer war es Mama, die sich abwandte, immer mit einem Baby auf dem Arm.“ „Während Papa damit beschäftigt war, uns wieder zusammenzuflicken, hielt Mama das Haus in Schuss. Sie fegte, wischte, putzte und polierte mit einer manischen Hingabe.“
Doch da ist noch mehr… nach all den Jahren nähert sich Leni endlich dieser Leerstelle in ihrem Leben, was ist damals geschehen?
„Noch immer hatte ich nichts als die Informationen aus dem Mutterpass und die Erinnerungen an ein Mädchen, mit dem ich auf dem Rand einer Blumenrabatte balancierte, und wie Mama nach uns ruft: Lori, Leni! Ein Gleichklang zu Beginn, zwei Mal zwei Silben, abgerundet mit einem hellen, fröhlichen i“
Dieser Roman bewegt sich zwischen den Jahren 1974 bis 2000, gibt Bilder einer Familie preis, die zwischen DDR, Wende und Schicksalserfahrungen ihren Weg sucht um mit den damaligen Geschehnissen umzugehen, die klassische Rollenbilder belegt und aufbricht, und dabei irgendwie ein ganz anderen Blick auf die Zeit wirft. Es ist eine Familiengeschichte, eine Liebesgeschichte, eine DDR-Geschichte und ein Geheimnis in einem. Leni nimmt uns mit durch die Zeit; ihre Geschichte.
Ich gebe zu, dieser Roman hat mich und meine Konzentration beim Lesen sehr gefordert. Die Zeitsprünge und vielen Themen, die dieser Roman vereint, machten ihn zwar sehr faszinierend und intensiv, gleichzeitig brachten mich die wechselnden Zeiten häufig etwas durcheinander und störten meinen Lesefluss. Gerade die Liebelei und Ausflüge mit dem Geliebten störten etwas dieses Bild auf die Familie und gleichzeitig ist es doch so ein wesentlicher Baustein in Lenis Leben. Ich glaube, wie die ersten Zeilen bereits ankündigen, ist ein doppeltes Lesen gar nicht mal so verkehrt um alles komplett deuten und jeden Erinnerungsschnipsel verstehen zu können… und dennoch ist „Lori“ ein sehr beeindruckender Text, der sprachlich, emotional, wie geschichtlich so einiges bereithält.
Toll, aber hmm...
Alleinruhelage von Eva Menasse
„Alleinruhelage“ von Eva Menasse ist für mich irgendwie ein besonderes Buch, das mich auf anhieb begeisterte und doch viel zu schnell wieder verlor. Romane über Häuser, die mit ihren Protagonist*innen eine Verbindung eingehen, die in ihren Geschichten eine gewissen Konstante bilden und eine Art Erinnerung sind, gibt es bereits einige, aber Melasse nähert sich ihm anders, sucht den Abstand, versucht sich loszulösen.
„Haus, ich verkaufe dich. Ich habe dich oft direkt angesprochen, wenn ich allein kam und du da standest und mich anschautest, undurchdringlich wie ein Gott oder Götze, den man sich erschaffen hat und dessen Ausdruck man eben doch beschreiben könnte, jedes Mal ein bisschen anders, weil er ein Echo des eigenen Zustands ist: Hallo, Haus.“ sind die ersten Zeilen dieses Zwiegesprächs, dieser Aneinanderreihung von Erinnerungen an das einstige Familienidyll in der ostdeutschen Provinz. Vielleicht beschreiben diese Zeilen bereits perfekt dieses Buch, Menasse erzählt von der Beziehung einer Wienerin zu ihrem Haus, von den Renovierungen, dem Garten, der Umgebung und dessen Geschichte, sowie der deutsch-deutschen Geschichte, den Neuanfängen und dem Scheitern.
Eigentlich eine tolle, wie sehr persönliche Mischung an Themen, doch irgendwie hat mich dieser Text nach etwa hundert Seiten verloren, ich bemühte mich, wie die Protagonistin dran zu bleiben, aber dieser weitumfassende Blick und die nur schwer erkennbare Geschichte machte es mir schwer, sodass ich das Buch leider dann doch zurück auf den Lesestapel packte. Nun ja...
„Haus: Du bist Zeuge von allem gewesen, der Ehe, den Kindern, dem Ende der Ehe, den Lieben, die danach kamen, den Festen, meinen Versuchen, dich loszuwerden, meinen Versuchen, dich zu verschönern, zu reparieren, zu streichen, zu pflanzen, zu düngen und zu ernten; meiner Arbeit, dem Denken und Schreiben, das zu einem wichtigen Teil hier stattgefunden hat, beschützt und angeregt vom Streunen durch Wald und Garten. Aber nun verkaufe ich dich, diesmal wirklich.“
Ein spannungsreicher Urlaub mit Folgen
Ultramarin von Ann-Christin Kumm
"Der leblose Körper ruht dicht vor dem Holzstapel, die Augen zur Decke gerichtet, leer. Der Mund steht leicht offen. Halb Lächeln, halb Verblüffung. Ein Arm ist in einem seltsamen Winkel abgespreizt [...] Sie hätte nicht mitkommen dürfen. Ich hätte das nicht zulassen dürfen. Hinterher weiß man so etwas.
"
Vielleicht hat es sich auch schon vorher angebahnt und Lou wollte es einfach nicht wahrhaben? "Der leblose Körper..." so beginnt dieser toxisch aufgeladene Beziehungs-/Spannungsroman Ultramarin von Ann-Christin Kumm. Eigentlich war alles anders geplant, Lou und sein Freund Raf, dessen Schwester Sophie und Nora, eine Freundin von ihr, wollten gemeinsam Urlaub an der dänischen Küste machen. Doch Sophie ist kurzfristig abgesprungen und so fahren sie nun zu dritt, zum Ferienhaus von Rafs Familie. Zunächst ein sehr unbeschwertes Bild, die Wellen, die Idylle, das Kennenlernen... doch mit jeder weiteren Seite bekommt die Fassade Risse, in Rückblenden lernen wir Lous und Rafs Geschichte kennen, ihre Liebe und Schulzeit, erfahren von den früheren gemeinsamen Urlauben und von Jakob. Es entsteht eine toxische Dynamik oder war sie schon immer da? Und als Nora dann plötzlich eines Nachmittags verschwindet... bei dem Anfang?
Insgesamt ist es ein wohlkonstruierter, sehr aufgeladener Roman mit mehreren Spannungsbögen und ergänzenden Rückblenden. Eigentlich ein sehr geschickt gemachter Text, denn durch das vorweggenommene Unglück wird man als Leser*in sofort mitgerissen, stellt Vermutungen auf und versucht Entwicklungen zu deuten. Auch dass Lou, keine weibliche Protagonistin ist, habe ich erst recht spät verstanden, was mich irgendwie noch immer fasziniert. Und so habe ich dann auch lange über diesen Roman und seine Wendungen, wie Handlungen nachgedacht, was leider nicht immer positiv war... Die Dynamik zwischen den Figuren fand ich sehr spannend, teils hat mich dieses Buch an In blaukalter Tiefe von Kristina Hauff erinnert, nur eben mit einem Haus, statt einem Boot. Vergleichend fand ich diese Geschichte, dann deutlich besser, die Machtverhältnisse und Ungleichheiten interessanter beschrieben, das Austesten der Grenzen zwischen den einzelnen Figuren nicht ohne, aber inhaltlich harkte es für mich an so einigen Stellen. Schon zu Beginn wunderte ich mich über die Konstellation der Gruppe: Würde man als Frau mit zwei, beinahe fremden Typen in den Urlaub fahren? Auch im weiteren Verlauf (ich möchte nun nichts vorweg nehmen) fand ich es sehr fraglich, dass XY nichts von den beschriebenen, einschneidenden Erlebnissen mitbekommen hat oder eingeschritten ist, nichts näher hinterfragt hat, scheinbar nichts zu hören war oder oder. Das hat mich schon beim Lesen wahnsinnig genervt und zeitgleich fühlte ich mich so mitgerissen, dass ich unbedingt wissen wollte, wie dieser Roman ausgeht und auf welchen Höhepunkt diese toxische Beziehungsdynamik zusteuert. Und dann das Ende... naja.
Kurz gesagt: ich hab Ultramarin irgendwie gern gelesen, es ist ein toller, unterhaltsamer Spannungsroman mit so einigen Abzügen. Es ist kein Lieblingsbuch geworden, aber so als Strandlektüre oder zwischendurch kann man´s schon mal lesen.
Ein Mosaik der Grummeligkeit
Die Straße von Robert Seethaler
Ich weiß gar nicht warum ich jedes Mal so euphorisch bin, sobald es einen neuen Roman von Robert Seethaler gibt. Ich glaube, es liegt an dieser Vielschichtigkeit von Perspektiven, die mich bereits bei Das Feld oder Das Café ohne Namen fasziniert hat, die mich immer wieder aufhorchen und hoffen lässt, dass der neue Roman und dessen Setting mich mal wieder so richtig abholt.
Doch wenn ich ehrlich bin, geschah das bei den letzten Romanen immer seltener. Der Trafikant und Ein ganzes Leben habe ich noch immer gern im Regal stehen, alle anderen sind bereits ausgezogen. Und auch Die Straße wird es ihnen gleich tun, zu sprunghaft, teils zu griesgrämig, mürrisch wirkte dieser Text auf mich. Es geht in diesem Buch, wie der Titel es bereits verrät; um eine Straße und ihre Bewohner, um die Veränderungen und die Feste in der Heidestraße.
"Mit diesem heutigen Tage knüpfen wir an eine schöne Tradition an und feiern die dreißigste Ausgabe unseres Heidestraßenfestes. Wie immer haben das Komitee und ich ein buntes Potpourri bestehend aus Spaß, Leibesgenüssen, Musik und Kinderunterhaltung zusammengestellt, und ich darf wohl die Freude aller Beteiligten darüber ausdrücken, dass sich die wochenlangen Vorbereitungen gelohnt haben und es nun endlich ans Feiern geht, Das Motto in diesem Jahr lautet >Unsere Straße blüht<..."
Und ja, irgendwie hätte ich mich wirklich über so ein buntes, bereicherndes und blühendes Potpourri des Aufbruchs gefreut, hätte gern alle Bewohner und Geschäfte kennengelernt, neue Eindrücke über diese Gemeinschaft verschiedenster Menschen mit unterschiedlichsten Träumen, Hoffnungen und Zielen gewonnen, den Wandel erlebt, aber irgendwie sprang der Funke einfach nicht über. Was zu Anfang noch ganz nett wirkte, nervte mich bereits ab der 40. Seite und mit jeder weiteren Passage machte sich nur noch mehr Grummeligkeit breit, sodass ich recht schnell nur noch gelangweilt quergelesen und dann das Buch abgebrochen habe. Irgendwie schade, aber... ach, ne.
Trial and error
Es war nicht anders möglich von Svenja Liesau
Das Debüt von Svenja Lisau „Es war nicht anders möglich“ hätte so toll sein können. Ich bin nicht nur ein großer Fan dieses Covers, sondern auch von der Idee eines Kneipenromans, in dem die Protagonistin nicht nur auf andere Menschen trifft und deren Geschichten erzählt, sondern auch selbst struggelt und nach einem Ausweg sucht - zwischen Schmerz, Düsternis, Sehnsucht und Hoffnung.
„Ich schreibe über dich, um dich loszuwerden. Dich aus meiner Biografie rauszuschreiben. Oder dich für immer an mich zu pressen. Mich endlich in dich reinzutippen. Reinzuhacken. Mir ist erst mal beides recht, wenn ich nur diese Unruhe nicht mehr verspüren muss. Es ist ein Versuch. Trial and error.“
Martinas Vater, den sie gar nicht mal so gut kennt, ist gestorben. Sie blättert durch Bilder, zurückgebliebene Fotos aus dem Leben eines Mannes, in dem kein Platz für sie war. Früh hat er die Familie verlassen und doch wünscht sie’s sich bis heute, dass sie ihn trifft, dass er sie rettet.
Trotz oder gerade wegen ihrer Arbeits- und Spurlosigkeit versucht die Mitte dreißigjährige Frau in langen, Berliner Nächten wieder Trost und Halt zu finden. Eine neue Familie. Ein Glas nach dem anderen, zwischen Gesprächen, Schlager und wirren Gedanken.
„>Ich möchte mich nicht aufdrängen, aber…< - Ring frei für Klaus’ Lebens-Problem-Monolog (den ich hier ungefiltert wiedergeben werde, da wir alle da mit dranhängen, es hätte jeden von uns treffen können, nur weil ihr zufällig nicht da wart, soll euch nicht vorenthalten werden, welches Leben ganz nah neben euch durch Zeit und Raum torkelt. Ich war nur durch Zufall näher dran als ihr. Aber Klaus lebt neben euch, hört seine Stimme)...“
Was sehr rotzig, frech, Berlinerisch und mal anderes begann, nervte mich mit der Zeit wahnsinnig, ähnlich wie diese sprunghaften Wechsel zwischen Gedanken, Einschüben, Vorstellung und Realität. Ich wünschte, ich könnte zu diesem Buch und dem Plot deutlich mehr sagen, aber nach gerade einmal 68 Seiten habe ich diesen Roman genervt und teils verwirrt wieder zur Seite gelegt.
„Das Meer ist ein gefährliches Wesen“
Das Geschenk des Meeres von Julia R. Kelly
Ehrlich gesagt verbinde ich mit Julia R. Kellys Roman „Das Geschenk des Meeres“ [Aus dem Englischen von Claudia Feldmann] sehr gemischte Gefühle. Einerseits bin ich sehr gern in diese leicht mythische Geschichte abgetaucht, andererseits hat mich das Verhalten der Protagonistin im Verlauf der Geschichte wahnsinnig herausgefordert und einige Nerven gekostet, aber eins nach dem anderen…
„Was vergessen war, kehrt zurück, wenn das Meer bereit ist.
“
Dieser Roman beginnt damit, dass in einer stürmischen Nacht um 1900 ein Junge an die schottische Küste gespült wird. Ein Fischer hat ihn gefunden und trägt ihn gerade ins Dorf, was bei allen für helle Aufregung sorgt. Aber nicht nur das, der Junge gleicht dem vor Jahren verschwundenen Sohn der Lehrerin Dorothy. Auch ihr stockt der Atem. Hat das Meer ihn etwa zurückgebracht?
Dorothy sieht darin eine neue Chance. Sie nimmt den Jungen bei sich auf und sorgt sich um ihn. Dabei brechen alte Wunden wieder auf und Verdrängtes kommt an die Oberfläche, denn alles erinnert sie an ihren Sohn Moses. An Moses und Joseph, in den sie sich damals bereits kurz nach ihrer Ankunft im Ort verliebte, mit dem sie sich eine gemeinsame Zukunft ausmalte und mit dem sie doch nie zusammenfand.
„Sie hatte gehofft, sie könnte sich die Familie erschaffen, die sie selbst nie hatte, von Liebe zusammengehalten, aber sie ist gescheitert, bevor sie überhaupt anfangen konnte. Doch als aus den Tagen Wochen und schließlich Monate werden, stellt sie fest, dass sie erleichtert ist, denn zumindest müssen sie jetzt nicht mehr so tun, als ob.“
Dieser Roman zeigt sehr eindrucksvoll, wie viel Einfluss Erziehung und Erlebtes auf das weitere Leben haben können und wie man sich dabei oft selbst im Wege steht. Wir Leser*innen lernen Dorothys Geschichte kennen. Anhand unterschiedlicher Figuren blicken wir auf ihre Ankunft im Dorf, ihre Arbeit in Skerry, ihre Verliebtheit und Ängste, sowie den Neid der Anderen. Dorothy verliebt sich sehr schnell in den Fischer Joseph, der ihr Haus repariert und sich auch sonst gern um sie kümmert, doch die Blicke und Tratscherei der anderen verschrecken sie viel zu schnell. Die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter hat so einige Spuren hinterlassen. Und die Geschichte, sowie der Verlust ihren Sohnes, taten ihr übriges. Trotz vollstem Verständnis für die Entwicklungen und ihr Verhalten, hat die Protagonistin dieses Romans mich wahnsinnig gemacht. Wie gern hätte ich sie mal (in dem sehr langen Mittelteil) geschüttelt oder ein „Sprich, doch endlich“ zugerufen, sie reimt sich viel zu viel zusammen, hält von allen Abstand, wirkt viel zu stolz und lebt mehr in ihrer eigenen Welt. Und doch wünscht sich nur Wärme und Geborgenheit. Und eben Joseph. Den Einstieg und diese leicht mystisch, verwunschene Gegend, die Atmosphäre und das raue Meer habe ich an diesem Buch sehr geliebt. Auch die Hintergründe fand ich toll, doch die Tragik, Verletztheit und die ‚zufälligen Entwicklungen‘ fand ich dafür an einigen Stellen etwas zu drüber oder sehr hinziehend, vorhersehbar… dennoch ist es ein toller, leicht psychologischer Roman, gerade für Menschen, die gerne Bücher mit dramatischen Liebesbeziehungen lesen oder so einigen Geheimnissen auf die Spur kommen wollen. Woher kommt der Junge? Welche Verbindung gibt es zu ihrem Sohn? Was ist damals geschehen? Warum zieht Dorothy sich so zurück? Und welche Rolle spielt Joseph in dem Ganzen?
„Die Erinnerungen kommen zurück wie Träume, die sich auflösen, wenn sie versucht, sie festzuhalten.“
Vom Träumen, dem harten Alltag und dem rauen Meer
Der Krabbenfischer von Benjamin Wood
„Das Meer ist so weit draußen, dass es nicht mehr als ein Versprechen ist, auf das nur Verrückte vertrauen. Das alte Versprechen von Ebbe und Flut…“
In Benjamin Woods Roman „Der Krabbenfischer“ [Ü: Werner Löcher-Lawrence] tauchen wir ein den Alltag des titelgebenden Protagonisten. Jeden Tag fährt Thomas Flett hinaus, dorthin wohin sich das Meer zurückzieht.
Während alle anderen bereits auf Motorschlepper setzen, ist er der letzte, der noch mit Pferd und Kutsche hinaus fährt um bei Niedrigwasser Krabben zu fangen um damit den Lebensunterhalt für sich und seine Mutter zu bestreiten. Mehr können sie sich momentan eh nicht leisten. Die beiden leben in eher ärmlichen Verhältnissen, kämpfen sich von Schulden zu Schulden und wohnen in einem kleinen, reparaturbedürftigen Haus etwas abgeschieden in Longferry. Der gerade mal zwanzigjährige hat seinen Vater nie kennengelernt. Die Schule musste er abbrechen um seinen Großvater bei seiner Arbeit zu unterstützen. Von ihm lernte er alles über das Meer, die Gezeiten und Senklöcher, die Krabben und das Handwerk - das ist auch das einzige, was ihm geblieben ist.
Und das wäre vermutlich auch alles so weitergegangen, hätte der amerikanische Regisseur Edgar Acheson auf der Suche nach einer passenden Kulisse für eine Buchverfilmung, ihn nicht am Strand gesehen. Er heuert Thomas an ihn zu begleiten und ihm das Meer bei Nebel zu zeigen. Die Bezahlung ist mehr als gut und lässt Thomas für einen kurzen Moment atmen. Schon am Abend fahren sie hinaus.
„Er hat das Gefühl, etwas an seinem Schicksal könnte sich zum Besseren wenden. All die trostlosen Schichten am Meer, die unbelohnt geblieben sind. Die unermüdlichen Gebete seiner Ma vorm Schlafengehen. Nun, endlich fällt etwas für sie ab, ein paar Glücksreste, von denen sie das Fleisch abnagen können. Es ist ewig her, dass er ohne ein grummelndes Grauen im Magen diesen Weg entlanggefahren ist und sich auf den Abend und die Nacht gefreut hat.“
Doch ganz so einfach, wie gedacht wird es nicht. Edgar möchte immer weiter hinaus, das Meer aus der Nähe sehen, die dortige Atmosphäre einfangen. Der Nebel wird immer dichter; die Anspannung auch.
„At first light we wake/ to gulls in the shallows/ tack up our horses/ pack up the cart
The pier is bright/ with lamps still burning/ once weve arrived/ were so nearly departed
Lord, give me life enough to do this again/ to rise with the tide in the morning at Longferry/ Let me go home with the whiskets full of the shrimp/ bury me here in these waters/ so I can be a seascraper/ a seascraper forever“
Dieser Roman hat so eine ganz besondere Atmosphäre. Man taucht sehr schnell in die ‚ländlichen’ Sechzigerjahre ein, spürt förmlich das raue, herbe Wetter an der See, die Kraftanstrengungen, das Überwasserhalten. Woods erzählt in seinem Roman vom Leben eines einfachen Krabbenfischers, dem das Schicksal bislang nie etwas Gutes wollte… bis zu eben jenem Treffen, das für ihn alles verändern soll und ihm ein Stück weit die Welt öffnet; ihn erneut träumen lässt. (Lebens-)Träume wäre vielleicht das übergeordnete Motiv dieses Romans. Während den Regisseur die bestmögliche Verfilmung eines Buches antreibt, für das er alles hergeben würde, so ist es bei Thomas etwas, das ihm durch seinen Alltag viel zu sehr entgleitet - die Liebe zur Musik und Joan, der Schwester eines Freundes. Beim Lesen musste ich häufig an Myers „offene See“ denken, das ähnlich ruhig und besonnen von einer sich entwickelnden Freundschaft und die sich damit öffnende Welt erzählt… auch zwischen Thomas und Edgar erspinnt sich trotz ihrer unterschiedlichen Hintergründe ein Band und eine Verbindung, die vielleicht sogar weit über diesen Roman hinausgeht. Gern wäre ich den beiden noch weiter gefolgt und wünsche mir nun einen zweiten Teil, sowie ein bisschen Hoffnung und Mut für die beiden.
Ein steter Kampf um Würde und Stolz
Als wir Schwäne waren von Behzad Karim Khani
Auf "Als wir Schwäne waren" von Behzad Karim Khani bin ich bereits vor einiger Zeit auf der Lesung zu Khanis Debüt "Hund, Wolf, Schakal" aufmerksam geworden. Hier erzählte der Autor, dass er bereits an einem neuen Roman schreibt und sich dabei sehr intensiv mit seinen Traumata auseinandersetzt.
So erwartete ich mit Spannung einen eher tiefgründigen, wie sehr persönlichen Roman, der Khanis eigenen Werdegang aufgreift und etwas Nähe zulässt. Der Anfang war dann auch sehr rührend und emotional. Khani schildert einen Vater, der seinem Sohn schreibt, ein ganzes Buch, das erklärt, damit er ihre Geschichte versteht und Verbündete findet. Doch schon zu Beginn dieses Rückblicks auf das Leben des Protagonisten kippt es und es geht mehr oder minder um Gewalt, die "drei Straßenköter", die an ihrer Tür klingeln und nach Essen betteln, der Junge aus der Schule, dem er die Nase bricht, den Vater seines Freundes... "Dann ging er seinem Vater an die Gurgel. Würgte ihn für Turnschuhe. Wir saßen im Kinderzimmer, wollten C64 spielen, als es im Flur laut wurde. Der Blick des Vaters deines Freundes, wenn er von ihm vor dir geschlagen wird. Dein Blick in seinen Augen. Silvio war der Erste in unserer Siedlung mit Air Force One."
Umringt von wirklich emotionalen Szenen und Erinnerungen geht es hier in erster Linie um Gewalt und den damit wachsende Stolz des Protagonisten, während ihm der soziale Abstieg droht bzw. er sich immer mehr in so einen Teufelskreis mit Schlägern und Dealern reinmanövriert. Und ja, das erinnert dann von der Handlung her schon sehr an "Hund, Wolf, Schakal", es ist mehr so eine Kurzfassung seines Erstlings, gemischt mit einigen, kurzen Erinnerungskapiteln, sehr luftig gesetzt, sehr gewaltig.
"Noch nie hatte es an der Schule Gewalt von dieser Qualität gegeben. Der Junge kommt fünf, sechs Wochen lang täglich in einer anderen Farbe zur Schule. Violett. Grün. Blau. Gelb. Rot. Orange. Danach bin ich King. Scheiß auf Ray Cokes, Chief Ironside. Scheiß auf He-Man. Ich bin der Master of the Universe. Scheiß auf >auch<. Scheiß auf Anschluss. Scheiß auf >uns<. Scheiß auf SPD."
Und ich glaube, das ist dann auch der Knackpunkt... dieser Roman ist mehr ein überschaubares "Hund, Wolf, Schakal"-Konzentrat mit dem Fokus auf Gewalt und Abstieg, Stolz und Würde mit einigen, emotionaleren, gar wehmütigen Erinnerungen. Thematisch springt Khani sehr stark zwischen den einzelnen Kapiteln - es gibt Anekdoten über das Brot, über ihren Umgang mit der Werbung, deutsche Schuhe, die seinem Vater nicht passen, die Maiskolben, die es in Deutschland nicht zu kaufen gibt, eine Erinnerung, wie die Mutter das Radfahren lernt, wie sie gemeinsam Kornelkirschen pflücken, die die Deutschen scheinbar für giftig halten, und dann gibt es den Jungen, der "die Pusteblumen am Wegrand mit Tritten enthauptete", zur Schule geht und dessen glücklichster Moment der Jugend es war, als Dimitri sich mit einem Nazi anlegt. "Hier, Nazijunge! Hier! Wir haben euch damals gefickt. Wir werden euch auch dieses Mal ficken." und dann gibt es da eben noch diesen Erwachsenen, der dealt und abrutscht und doch ständig auf eine bessere Zukunft hofft.
Vielleicht hätte ich diesen Roman mehr gemocht, hätte der Fokus auf eben jenen Erinnerungen gelegen oder wäre alles mehr miteinander verknüpft und nicht so fragmentarisch. Auch sprachlich enthält dieses Buch einige schöne Sätze und Gedanken, aber auch sehr komische Wortkonstrukte. Und eben sehr viel Gewalt und Kraftausdrücke... "Wir sind ein Alptraum. Ich weiß nur nicht, wessen." Ich auch nicht, mir fehlte da leider sehr viel.
ich hatte etwas anderes erwartet
Alte Eltern von Volker Kitz
Wir alle kommen früher oder später an den Punkt an dem unsere Eltern alt sind und unserer Hilfe bedürfen. Ich selbst merke es momentan bei meinen Großeltern, wie fordernd und belastend es sein kann. Zwar gibt es keine allgemeingültige Hilfestellung oder Anleitung für eben jene Lebenszeiten, aber manchmal hilft es auch schon von anderen zu erfahren, zu sehen wie sie mit eben jenen Umständen umgehen oder versuchen Lösungen finden.
So war ich dann auch sehr dankbar als ich über Volker Kitz' Buch "Alte Eltern - Über das Kümmern und die Zeit, die uns bleibt" gestolpert bin; zumindest klang es hilfreich und super... meine Erwartungen hat es dann leider nicht erfüllt.
"Ich hatte gedacht, Demenz heißt, ein paar Dinge zu vergessen, Namen, Gesichter, was es zu essen gab, Anekdoten aus dem Leben; traurig, aber auch liebenswert, der Alltag lässt sich schon meistern (wollen wir nicht alle in der Gegenwart eben und nicht in der Vergangenheit?). Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass mein Vater einmal lebenswichtige Handlungsschritte nicht mehr würde ausführen können; einen Löffel zum Mund bringen, sich auf sein Bett legen, den Kopf drehen und jemanden anschauen..."
Dieses Zitat fasst dieses Buch schon sehr gut zusammen. Der Autor sieht sich auf einmal mit ganz anderen 'Entwicklungen' konfrontiert und versucht mit den Veränderungen des Vaters klar zu kommen, Entscheidungen zu treffen und seinen Alltag anzupassen.
Hmm, ich mach es kurz: Irgendwie hatte ich mir unter diesem Buch (und bei dem Titel, sowie Lobpreisungen) etwas anderes vorgestellt, als eine weitere Erzählung über Demenz und einen Autor, der seinen Vater am Ende seines Lebens begleitet, davon erzählt wie dieser sich nach und nach entfernt. David Wagners "Der vergessliche Riese" fällt mir da sofort wieder ein. Dieser Roman und Wagners Umgang mit seinem an Demenz erkrankten Vater hat mich damals sehr berührt und mitgenommen. Volker Kitz lässt da in diesem Essay nicht so viel Nähe zu und das im Klappentext versprochene "Sein Buch berührt die Gefühle und Fragen einer ganzen Generation." kann ich leider so gar nicht nachvollziehen. Dieses Buch ist Kitz' persönliche Aufarbeitung der letzten Jahre mit seinem Vater, vom Umzug in die "Residenz" bis zu dessen Tod. Es geht immer weiter, Entscheidungen werden getroffen, das eigene Leben so weit es geht angepasst... stets begleiten ihn die Gedanken an seinen Vater, dessen Abhängigkeit und Veränderungen. Fragen hat er für mich so gar nicht beantwortet, noch ging es um eine konkrete Auseinandersetzung mit einzelnen Faktoren und deren Folgen. Gerne hätte ich etwas über Abwägungen, Pflegedienste, weitere Möglichkeiten im Alter erfahren. Oder wenigstens sowas ähnliches. So muss ich leider gestehen, verlor ich recht schnell das Interesse an diesem Buch, einzelne Kapitel habe ich dann nur noch grob überflogen und schlussendlich dieses Buch wieder zur Seite gelegt. Gerade bei solch persönlichen Erfahrungsschilderungen finde ich immer schade, aber manchmal passt es einfach nicht.











