Kunden em pfehlungen
Rezensionen von lina_k:
Literarische Spielfeldvergrößerung
Bauch, Beine, Poesie von Bettina Roßfeldt
Vom Titel abgeleitet habe ich ein Buch mit humorigen Geschichten über Sport in der Literatur erwartet. Etwas über gute Vorsätze wie das Abnehmen nach Weihnachten, Fasten von Aschermittwoch bis Ostersamstag, Sportprogramme, gesunde Ernährung und sonstige Speck-weg-Diäten. Bekommen habe ich hingegen eine geistige Horizonterweiterung, man könnte es auch Spielfelderweiterung oder athletische Weiterentwicklung durch sportbezogene Literatur nennen.
Es ist eine #Anthologie mit 15 Erzählungen rund um Bewegung, Sport, Körpergefühl und Selbstwahrnehmung. Die Herausgeberin Bettina Roßfeldt hat Texte von den Lebenden und den Toten ausgewählt. Sport bewahrt also nicht vor allem! Es erzählen Kristine Bilkau, Verena Boos, Jamel Brinkley, John von Düffel, Miranda July, Mariana Leky, Loriot, Elisabeth Mann-Borgese, Katherine May, Dorothy Parker, Andrea Petkovic, Rebecca Maria Salentin, Rebecca Solnit, Ilija Trojanow und Virginia Woolf. Im Ton unterhaltsam, inspirierend, originell und nie belehrend. Alltag, Bewegung und innere Entwicklung verbindend - von Poesie bis Satire ist alles dabei. Es wird geschwommen, getanzt, geradelt, geklettert, Fußball gespielt, gerungen, Tennis gespielt, aber auch spaziert und geschlendert.
Am meisten gelacht habe ich - keine Frage - bei Loriot. Sehr spannend war die Geschichte von Salentin über das Radeln auf dem sog. Iron Curtain Trail. Man kommt in Versuchung das eigene Rad startklar zu machen, um Land und Leute in Slowmotion kennenzulernen auf dieser geschichtsträchtigen Strecke. Und hätte mir jemand erzählt, dass ich mal eine Geschichte über das Ringen mit großer Neugier lese , hätte ich lachend den Kopf geschüttelt. Jetzt habe ich eine Ahnung vom iranischen Nationalsport, von Schweißsharing, Hebelwirkung und Physik. Außerdem sind Schuhe in dem Zusammenhang sehr wichtig. Mir auch, aber ohne Ringen!
Nun, ich hätte zu jeder der Geschichten etwas beizutragen, haben mich doch tatsächlich alle erreicht und auf die eine oder andere Art abgeholt. Doch die mit dem allergrößten Nachhall - völlig unerwartet - war die vom Eisbaden. Hier sei eine extragroße Leseempfehlung für Katherine May ausgesprochen! Eisbaden, um sich vom persönlichen Winter zu entlasten - diese Idee beschäftigt mich nun intensiv und macht mich nachdenklich, veranlasst mich zur Reflexion über Körper, Leistung, Selbstzweifel, innere Entwicklung und Lebensfreude. Wohnte ich doch nur direkt am Meer ...
Das Buch bringt definitiv etwas in Bewegung! Große Leseempfehlung - und bitte keine Scheu vor "Kurzgeschichten"! Es lohnt sich!
Liebe geht immer
Spät aber doch von Erika Pluhar
Luisa, Künstlerin, Mitte 80, lebt allein in ihrem Haus in Wien. Hin und wieder gibt sie noch Konzerte. Da begegnet sie auf der Straße zufällig ihrer Jugendliebe Heinrich, von ihr Heinz genannt.
Sie sind 15 Jahre alt als ihre Liebe beginnt, die jedoch schon nach kurzer Zeit ohne jede Erklärung abrupt endet.
70 Jahre haben sie sich nun nicht gesehen. Der unerwarteten Begegnung folgen schnell gemeinsame Treffen in Luisas Haus. Sie trinken zusammen Tee, plaudern und entwickeln ein echtes Interesse aneinander. Sie reden über das Leben in der Gegenwart, Alter, Liebe, Beziehungen, Begehren und Erotik. Das weltpolitische Geschehen, Umwelt, Medien etc. bekommt kaum eine winzige Nebenrolle. Wichtig ist für die beiden Menschlichkeit und Liebe. Und dann kommen bei Luisa die Muster daher, wie bei den Jungen. Liebt er mich? Wann ruft er an? Findet er mich schön? Als Teenager war Heinz ihr zu fordernd. Er hingegen blendet das Alter aus, geht es unbefangen an und wünscht sich die Liebe auf allen Ebenen. "Ich glaube, wir beide sind in einem Alter, in dem man nichts mehr verschieben kann." Kann er Luisas Zweifel und Ängste entkräften, ihr Vertrauen gänzlich gewinnen? Ob und wie sie vielleicht sogar gänzlich zueinanderfinden ... Lesen!
Erika Pluhar, die wunderbare österreichische Schauspielerin, Sängerin und Autorin hat mit 86 Jahren ein sehr schönes Kammerspiel verfasst. Ihr Roman ist ein Dialog zwischen zwei alten Menschen, der meist in Luisas Wohnzimmer stattfindet. Darüber entdecken die beiden Protagonisten ihre Liebe zueinander wieder neu.
Das Buchcover führte mich anfangs in die Irre, da es anmutet als habe Frau Pluhar ihre Autobiografie geschrieben. Aber dem ist nicht so. Autobiografisch geprägt ist die Geschichte insoweit als der Autorin tatsächlich, genau wie Luisa und Heinz, eine alte Jugendliebe nach 70 Jahren zufällig auf der Strasse begegnete. In ihrem Fall blieb es bei einer einmaligen Begegnung. Doch die war ihr schließlich Inspiration zu diesem Roman.
Erika Pluhar erzählt autobiografisch geprägt, ohne sich preiszugeben. Das behält sie sich für ihre privaten Tagebücher vor, die sie auch Klagebücher nennt, was bei einem so bewegten Leben wie dem ihren nicht verwundert. Mit "Spät aber doch" ist ihr ein einnehmender Dialog gelungen, der überzeugend zeigt, dass es niemals zu spät ist, eine Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen und das Leben und die Liebe zu jeder Zeit auszuleben.
Ich kann mir die Geschichte auch sehr gut auf einer Theaterbühne vorstellen und hoffe, dass das Buch so ein noch breiteres Publikum generiert.
Besatzungskinder
Der Junge im Taxi von Sylvain Prudhomme
Der Ich-Erzähler Simon, Schriftsteller, Vater zweier Söhne im Schulalter, und die Mutter seiner Kinder haben sich gerade getrennt. Mit der Problematik dieser neuen Situation nicht genug, stirbt Malusci, sein Großvater. Das ist der Anlass einer großen Familienzusammenkunft. Nach der Beisetzung offenbart ihm Onkel Franz, der zweite Ehemann seiner Tante Julie, dass der Großvater als Besatzungssoldat in Deutschland am Bodensee stationiert war und mit einer Deutschen einen Sohn gezeugt hat: M.
Später, während der französischen Kolonialherrschaft, ist der Großvater in Algerien in der Nähe von Oran im Weinbau tätig. Am Ende geht Malusci mitsamt der Familie zurück nach Frankreich. Der Kontakt zu seinem langjährigen algerischen Arbeiter Bahi bleibt bestehen. Und von Bahi weiß Simon längst von der Deutschen, aber nichts von einem Kind. Seine drängenden Fragen werden von der Großmutter augenblicklich im Keim erstickt. Sie erwartet Stillschweigen von ihrem Enkel. Es scheint durch, dass der Großvater ein Patriarch war, der sich den Annäherungsversuchen aus Deutschland vehement widersetzt hat. Oder wie war das mit dem Taxi in der Nacht? Simon befindet sich in einer Zwickmühle. Gehorcht er der Großmutter oder wendet er sich an den Rest der Familie? Wer wäre überhaupt gewillt, ihn zu unterstützen?
Prudhomme verwendet keine Satzzeichen in der direkten Rede. Der Text fließt nur so dahin, ohne Unterbrechung. Die Illusion vom unehelichen Onkel weicht mehr und mehr der Realität, wird in sie eingebettet. Seine Erzählweise kommt ohne Pathos aus, die Symphonie seiner Worte verleiht dem Roman Tiefe. Er erzeugt eine Atmosphäre, in der sich die Spannung ganz sachte steigert ohne die Familienordnung komplett zu derangieren.
Die Geschichte über ein vom Großvater gezeugtes Besatzungskind scheint mir autobiografisch grundiert. Prudhomme ist die Auseinandersetzung mit der Thematik sehr gut gelungen.
Die Übersetzung aus dem Französischen ist hervorragend. Man liest "Französisch" auf Deutsch. Klasse!
Frau Schebesta bringt einiges in Bewegung
Frau Schebesta räumt die Welt auf von Malte Borsdorf
Frau Schebesta, Bombenentschärferin beim Kampfmittelräumdienst, kommt nach Flint, ein (erfundener) Vorort von Kiel, in die Klasse von Lou und Artjom, um den Schülern ihren Beruf vorzustellen. Die 14-jährige Ich-Erzählerin Lou und ihr Freund aus Sandkastentagen Artjom entwickeln Interesse an Frau Schebestas Tätigkeit und begleiten sie einen Tag bei ihrer Arbeit.
Kiel und Umgebung wurde im 2. Weltkrieg stark bombardiert, so dass hier noch enorm viele Altlasten im Boden schlummern.
Artjom, dessen Familie aus Tschetschenien kommt und kriegserfahren ist, kann gar nicht genug bekommen von allem, was laut kracht und knallt. Lou hingegen fürchtet sich bereits vor Feuerwerkskörpern. Sie lebt mit ihrem Vater, einem Bestatter, bei Urgroßmutter "Oma Gitte" in einem Wohnblock. Die Mutter hat vor Jahren die Familie verlassen. Eine nicht antastbare Last für Vater und Tochter. Oma Gitte sitzt viel am Fenster, beobachtet die Umgebung und trägt schwer an ihren ganz eigenen Altlasten aus dem Krieg. Frau Schebesta, erklärt sie Lou, räume mit ihrer Tätigkeit die Welt auf.
Care-Arbeit übernehmen Vater und Urgroßmutter kaum, sind selbst bedürftig. Lou bleibt mit der Sehnsucht nach der Mutter, Fragen, Gedanken und ihrer sich verändernden Freundschaft zu Artjom alleine.
Auf einem brachliegenden Gelände mit längst verlassenem Supermarkt finden die beiden einen herrenlosen Hund. "Fredi" wird zum treuen Begleiter, insbesondere für Lou.
Und dann vermutet Frau Schebesta eine Bombe auf dem Gelände und sie beginnt mit ihrer Arbeit. Physisch und psychisch stellt es alle auf eine harte Probe, in deren Folge ... #lesen
Frau Schebesta bringt nicht nur Bomben zum Platzen, sondern eine unerwartet dramatische Entwicklung ins Rollen.
Auf 136 Seiten beleuchtet der Autor das Thema Freundschaft facettenreich, aber auch die Vielschichtigkeit von Krieg und den Umgang damit. Die Erzählperspektive der 14-Jährigen klug gewählt. Sie nimmt die Dinge wahr wie sie sind. Der Text kommt beinahe leichtfüßig daher. Die Alltagsidylle aufgebrochen.
Vater und Sohn
Eine Woche, ein Leben von Nassir Djafari
Der Roman behandelt eine Vater-Sohn Beziehung über den Zeitraum eines guten Jahres. Vor der Kulisse von Frankfurt am Main wird zuerst aus Sicht des Vaters erzählt, ein Wissenschaftler am Institut für Entwicklungsökonomie in Frankfurt, der ein wenig "eingetrocknete" persische Wurzeln hat.
Anschließend wechselt der Autor nach Peru und in die Persektive des Sohnes, der sich, 18/19 Jahre alt, überhaupt kein Interesse mehr an einem Abitur, unglücklich verliebt und unsäglich gestresst, auf eine gemeinsame Reise mit seinem Vater einlässt. Djafari bringt uns seine Protagonisten nah, indem er Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt beider gewährt, es aber immer versteht das ganze durchgängig spannend zu halten, indem er fortlaufend kleine Bausteinchen aus der Vergangenheit einsetzt. Ich fühle mich von seiner Erzählart regelrecht eingelullt und mochte einfach immer nur weiterlesen. In kleinen Rückblenden erfahren wir etwas über die Familie und den beruflichen Werdegang des Vaters. Daran gemessen erklären sich die Wege der beiden Protagonisten. Djafari ist ein so warmherziger feiner Erzähler!
Versteckt wie Anne Frank
Eine Woche, ein Leben von Nassir Djafari
Hier beschreiben 14 niederländische Kinder das Erleben des Nationalsozialismus im 2. Weltkrieg, wie sie auf unterschiedlichste Art untertauchen mussten, um zu überleben. Es gibt einen Einblick und eine Ahnung davon, was diesen jungen Menschen damit angetan worden ist. Die Geschichten sind sehr lesenswert.
Ein Mädchen allein auf der Flucht
Ein Mädchen allein auf der Flucht von Eva Szepesi
Eva Szepesi hat 50 Jahre geschwiegen und nie und mit niemandem über ihren Aufenthalt in Auschwitz gesprochen. Dorthin verschleppt wurde sie im November 1944 und konnte Ende Januar 1945 befreit werden. In diesem Buch hat sie nun diesen Lebensabschnitt beschrieben und auch die Zeit danach. Das Buch liest sich gut und ist ein großartiges Zeitzeugnis, das es zu lesen lohnt.
Ich war Eva Diamant
Ich war Eva Diamant von Stephanie Lunkewitz; Eva Szepesi
Ich habe die Autorin Eve Szepesi und die Illustratorin Stephanie Lunkewitz bei einer Lesung persönlich getroffen und konnte so hautnah erleben, wie die beiden - nicht nur für dieses gemeinsame Buchprojekt - harmonieren. Frau Szepesi hat ihre Autobiografie in diesem Bilderbuch in "mundgerechte" Stücke für Kinder ab ca.
12 Jahren aufgeteilt. Unterstrichen wird der sehr gute Text von den eindrücklichen, sensibel gemalten Bilder von Frau Lunkewitz. So stellen sie gemeinsam den Aufenthalt der 12jährigen Eva in Auschwitz dar. Ich kenne kein besseres Kinder-/Bilderbuch zu diesem Thema.
Stelzdendorfer Lieblingsfrühstück
Stelzendorfer Lieblingsfrühstück von Doreen Bergmann; Petra Hermann
Für mich ein "must have". Die Frühstücksideen sind genial und so vielfältig, dass ich mich immer kaum entscheiden kann, was ich alles daraus machen möchte. Die Rezepte sind der Hammer! Alle gelingen und schmecken unfassbar gut. Dazu sieht auch alles noch so schön, verlockend und appetitanregend aus.
Unser Frühstückstisch biegt sich manchmal unter all diesen Köstlichkeiten.
Stelzendorfer Tortenzauber
Stelzendorfer Tortenzauber von Doreen Bergmann; Petra Hermann
D
ieses Buch verbreitet Wohlgefühl. Doreen Bergmann backt mit Leidenschaft - und viel Erfahrung. Alle Kuchen, die ich bisher nachgebacken habe, sind einwandfrei gelungen. Darüberhinaus ist das Buch ein wahrer Augenschmaus und macht große Lust auf´s Kuchen- und Tortenbacken. Aber die Ergebnisse sind nicht nur schön, sondern auch absolut köstlich!










