Kunden em pfehlungen
Rezensionen von OWI:
Eine Dystopie über die Zeit nach der großen Klimakatastrophe
Die Mauer von John Lanchester
Was für ein grandioser, wenn auch beklemmender Roman! Die Welt, wie wir sie kennen, ist offensichtlich in einer Klimakatastrophe untergegangen. England hat sich gegen den Rest der Welt, das heißt gegen Klimaflüchtlinge, mit einer gigantischen Mauer geschützt. Diese "Anderen" versuchen, weil sie nichts mehr zu verlieren haben, die Mauer zu überwinden und ins Land zu kommen, wo sie dann als "Dienstlinge" Haussklaven sind, aber immerhin, sie leben.
Ihr Endringen zu verhindern ist Aufgabe der Verteidiger, zu denen auch Joseph und Hifa gehören. Deren Geschichte vor allem ist es, die John Lanchaster erzählt. Und das tut er großartig, spannend und düster. Und wie die beiden Protagonisten versucht er, dem Leben trotz der deprimierenden Umstände noch die eine oder andere positive Seite abzugewinnen.
FAZIT: Klare Kaufempfehlung!
Fall-Konstruktion okay, Lokalkolorit macht den Reiz aus, Figuren arg schablonenhaft.
Château Mort von Alexander Oetker
Alexander Oetker liebt Frankreich (wie ich), und er liebt, so scheints, das Aquitaine (kenne ich noch nicht). Und so ist, wie bei allen "Krimis mit Regionalbezug" der Landstrich der eigentliche Star. Das klappt also gut.
Auch der Fall selbst ist gut konstruiert. Und so liest sich der Roman auch unterhaltsam.
Aber Pageturner ist er sicher keiner.
Was mich wirklich stört ist die mangelnde Subtilität bei der Gestaltung der Romanfiguren. Die Guten sind nahezu nur gut, die Blöden sind aussergewöhnlich blöd, usw., usw.,... Das macht es irgendwie manchmal sogar ein wenig ärgerlich, vor allem, wenn er schöne Frauen derart übertrieben darstellt, dass es echt kitschig wird. Denn so uniform sind Menschen einfach nicht. Was die WIRKLICH guten Autoren auch so bei der Zeichnung ihrer Charaktere berücksichtigen...
FAZIT: Unterhaltsam - ja. Macht Lust auf Frankreich, speziell das Aquitaine? Ja. Macht Lust auf die nächste Folge der Reihe? Nur bedingt...
Brilliante Gesamtdarstellung eines mittlerweile (fast) vergessenen rieges
Der Dreißigjährige Krieg von Herfried Münkler
Ich wurde auf das Buch aufmerksam, weil ich Herfried Münklers Buch "Der Große Krieg" gelesen hatte, eine Gesamtdarstellung des Ersten Weltrieges. Münkler ist nicht Historiker per se sondern Politologe. Und das machte sein Buch so interessant; der Blickwinkel ist ein etwas anderer als der eines "reinen" Geschichtswissenschaftlers.
Gleichzeitig ist sein Schreibstil nicht trocken sondern, im besten Sinne des Wortes, auch unterhaltsam.
Dies alles gilt auch für seine hervorragende Arbeit über den Dreißigjährigen Krieg. Er stellt nicht nur seine Abläufe dar, sondern zeigt immer wieder auch auf, welche politischen Überlegungen hinter strategischen (und anderen) Entscheidungen standen. Das empfand ich wieder als sehr interessant. Das Buch ist etwas langatmiger als jenes über den Ersten Weltkrieg, was wohl auch an den anderen Zusammenhängen einer deutlich weiter zurück liegenden Epoche liegt. Vor allem am Anfang, wo es um die Ursachen des Konfliktes geht, braucht man ein wenig Geduld. Aber ab dem Kapitel über den Prager Fenstersturz wird es richtig gut...
Fazit: Für an Geschichte Interessierte absolute Kaufempfehlung.
Joel Dickers dritter Geniestreich
Das Verschwinden der Stephanie Mailer von Joël Dicker
Man kan der Vor-Rezensentin nur zustimmen: Dieser Mann ist außergewöhnlich talentiert. Wie schon bei "Die Wahrheit über den Fall Quebert" und "Die Geschichte der Baltimores" handelt es sich bei "Das Verschwinden der Stephnie Mailer auch wieder um ein "Dragee-Keksi-Buch": Man kann nicht aufhören.
Dicker braucht niemals besonders bizarre Umstände, extra-grausige Leichen, düstere Geheimbünde oder ein Kuriositätenkabinett von Irren, seine Geschichten spielen mitten im normalen Leben. Wo es unter der Oberfläche dann Untiefen gibt.
Absolute Kaufempfehlung!
Wie die Chassidim leben und denken
Die Hochzeit der Chani Kaufman von Eve Harris
Ein wunderbares Buch. Die Sprache ist zart - so wie die Beziehung zwischen Chani und Baruch. Chani ist ein faszinierender Charakter mit ihrem Selbstbewusstsein und ihrem Hang Konventionen zu durchbrechen.
Und die sind eng in der Gemeinschaft der orthodoxen Juden in Brooklyn. Da entfaltet der Roman seine besondere Stärke: Es ist der Blick in diese für uns "goyim" so verschlossene Welt.
Die Auseinandersetzung mit diesen alten Traditionen und auch das Auseinanderleben mit ihnen kommt - dies der zweite große Handlungsstrang im Buch - zum Ausdruck auch in der Konfrontation des sehr konservativen Rabbi mit seiner Frau. Die dann am Ende...
Aber das liest man am besten selbst...
Geschichte ist niemals so langatmig und langweilig
Wölfe von Hilary Mantel
Ich hatte mir das Buch gekauft, weil ich mich sehr für Geschichte interessiere. Und auch historische Romane sehr mag. Und weil Hilary Mantels Romane über Thomas Cromwell so hochgelobt werden.
Nüchterne Bilanz: Ich wurde sehr enttäuscht. Sie beschreibt diese Geschichte schlicht und ergreifend langatmig und langweilig.
Ich musste das Buch - was bei mir sehr selten geschieht - nach einhundert Seiten weglegen.
Damit man einschätzen kann, wie ich historische Romane mag: Edgar Harris (Pompej oder die Cicero-Trilogie) verpackt Geschichte so in Romanform, dass man von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt ist. Und wer es etwas gehobener mag: Mika Valtari konnte es auch um Welten besser.
Von meiner Seite also keine Kaufempfehlung. Geschichtsschreibung, auch und vor allem in Romanform, das ist keine endlose "Suche nach der verlorenen Zeit"!
Eine bittersüße Liebesgeschichte
Das rote Adressbuch von Sofia Lundberg
Die Lebensgeschichte der Schwedin Doris: Sofia Lundberg zeichnet sie mit Hilfe eines interessanten Kunstgriffes nach. Doris hat ein rotes Adressbuch, in dem all die Menschen verzeichnet sind, die in ihrem Leben eine Bedeutung hatten. Anhand dieser Namen wird ihr Leben erzählt.
Es ist ein buntes, spannendes Leben, gezeichnet von mehreren Brüchen.
Im Zentrum steht eine große Liebesgeschichte, ihre letztlich unerfüllt gebliebene Liebe zu Alan. Die Wirrnisse des 20.Jahrhunderts haben sie getrennt. Wie sie einander kennenlernen, lieben lernen, verlieren, suchen und wiederfinden (aber eigentlich doch nicht), das erzählt dieses Buch. Sehr romantisch, am Ende hart am Rande des Kitsches, aber eben nur am Rande. Wer eine romantische Ader hat, dem wird es gehen wie mir: am Ende hatte ich Tränen in den Augen.
Leben und Lieben im faschistischen Italien (und Abbessinien)
Alle außer mir von Francesca Melandri
Melandris Roman beginnt in der italienischen Gegenwart. Bei der Protagonistin und ihrem Bruder taucht ein äthiopischer Bootsflüchtling auf, der sich als ihr Neffe bezeichnet. Offensichtlich hatte ihr Vater während seiner Dienstzeit im Äthiopienkrieg in Addis Abeba eine Beziehung mit einer Amharin.
Auf diesem Grundgerüst entfaltet die Autorin ein spannendes Panorama der italienischen und äthiopischen Geschichte von der Zwischenkriegszeit bis in die Gegenwart. Dies gelingt ihr meiner Meinung nach sehr gut.
Für alle, die sich für Historie interessieren und dafür, wie sich inmitten von Weltgeschichte die Schicksale einzelner Menschen entfalten, ist dieser Roman von meiner Seite absolut zu empfehlen.









