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Rezensionen von Astrid:
Schwarz und weiß
Der Untergang von Thornton Hall von Britta Habekost
Elinda soll mit Hydeworth, einem reichen Ekel verheiratet werden. Töchter dieser Zeit haben sich in eine arrangierte Ehe zu fügen. Liebe ist nicht vorgesehen. Elinda jedoch stemmt sich gegen den Wunsch ihrer Eltern, die in dieser lukrativen Ehe auch eine Sanierung des Familienstammes sehen. Diese Extravaganz, sich gegen eine standesgemäße Ehe zu wehren, findet ihren Grund in der ‚liberalen Erziehung‘ Elindas.
Mehr als nur einmal bereut ihre Mutter, dass sie ihre Tochter nicht rechtzeitig den schicklichen Normen entsprechend ‚geformt‘ hat, wohingegen Bruder David natürlich jedwede Freiheiten genießt.
Gerade befindet sich David auf großer Tour durch Europa. Weltmännisch gebildet, soll er davon zurückkehren, sich aber auch die Hörner abgestoßen haben, denn auch sexuelle Eskapaden sind das Ziel dieser Reisen. Und dann verschwindet David und eine Nachsuche wird organisiert.
Nun sieht Elinda ihre Chance gekommen, die da heißt: Flucht.
Auf der Suche nach ihrem verschollenen Bruder reist Elinda (anfangs als blinde Passagierin) mit Blake Colbert, der die Aufgabe übertragen bekam den Bruder zu finden.
Es geht nach Italien, das Ziel ist Pompeji. Schon der Weg ist anstrengend. Das Italien, das wir heute kennen, ist damals noch düster, verarmt und gefährlich.
Die Geschichte wird fast ausschließlich aus Elindas Sicht geschildert. Sie ist eine Frau, die keine Frau sein möchte, weil Männer Freiheiten genießen, Frauen aber nicht. Aber irgendwie will sie dann doch Frau sein, denn da ist Blake Colbert. Er ist der Geheimnisvolle, in den sie sich verschaut.
Ihm gegenüber steht der krasse Gegenpol: Hydeworth. Elindas künftiger Ehemann. Er ist der Grausame.
Schön wäre gewesen, wenn in den Kapiteln auch Colbert und Hydeworth ihr Innerstes nach Außen hätten stülpen dürfen. Ich hätte mir gewünscht, dass sie sich präsentieren dürfen. Ihre Charaktereigenschaften waren mir zu glatt, es gibt nur schwarze und weiße Züge. Der Gute. Der Böse.
Den Weg von Großbritannien nach Italien fand ich bis Paris sehr spannend. Danach verlief die Reise ein wenig ‚eindimensional‘, allerdings mit gut eingestreuter Mystery, die durchaus leichten Gruselcharakter hat.
Was unterwegs nicht erwartet werden darf, ist stürmische Liebe. Im Gegenteil. Die Romanze entwickelt sich langsam, regelrecht zurückhaltend, aber dafür innig.
Das Ende hingegen ist überraschend, hat Raffinesse und überzeugt.
Keine Geschichte, die man einfach so dahinliest!
All die kleinen Vogelherzen von Viktoria Lloyd-Barlow
Die Autorin Viktoria Lloyd-Barlow ist selbst Autistin. Sich von ihr in das Leben ihrer Figur, der autistischen Sunday mitnehmen zu lassen, ist wie eine fremde Welt zu bereisen, vor allem dann, wenn man mit den täglichen Herausforderung dieser neurologischen Störung sonst nicht befasst ist.
Sunday ist in der schwierigen Situation sich der Außenwelt anpassen zu müssen, und dabei liegen lebenslang kleine und große Stolpersteine in ihrem Weg.
Um sich die Orientierung leichter zu machen, hält sich Sunday an ein Benimmbuch aus den 1950er-Jahren. Und sie beobachtet das Verhalten der ‚normalen‘ Menschen, um sie nachzuahmen, was durchaus skurril ist, wenn sie sich z. B. eine optisch sehr besondere Bluse für die familiären Beerdigungen kauft, die vermutlich sonst niemand tragen würde, auch wenn die Grundfarbe passt.
Jeder Tag hält für Sunday neue Konfrontationen bereit, denen sie sich stellen muss. Aufregend wird das, als neue Nachbarn einziehen: Vita und Rollo. Die beiden bringen das Leben von Sunday und ihrer Tochter Dolly durcheinander, denn Vita ist alles, was Sunday nicht ist. Exzentrisch, leichtlebig, schön, aber auch oberflächlich. Ich empfinde sie als Blenderin, doch Dolly ist von Vita genauso angetan, wie es Sunday ist, wobei ich Sunday eher als staunende Beobachterin empfinde, die sich von Vita einfangen lässt.
Die Handlung ist anfangs leicht und alltäglich, unterbrochen von Sundays Analysen der neuen Nachbarin. Wäre ich Sunday, würde ich mich fragen, warum mich die Nachbarin als Freundin ‚auserwählt‘ hat, wo ich doch eher farblos und durchaus eigenartig bin. Aber die Störung im Zwischenmenschlichen beginnt auch ohne diese Frage, denn schon bald wird die Beziehung zwischen Sunday und Dolly auf die Probe gestellt.
Aufwühlend. Absolut lesenswert!



