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Rezensionen von haga:
Identitätssuchspiel
Der letzte Sessellift von John Irving
Das neue Buch von John Irving ist endlich da und wieder gerät man unweigerlich in den Erzählsog dieses mittlerweile über 81-jährigen Autors, der unermüdlich die Geschichte der Sehnsucht nach Klärung der Identität seiner Protagonist:innen beschreibt. John Irvings Suche nach dem Vater ist vertraut und auch dieses Mal geht es um den Vater, der selbst noch fast Kind im Schiort Aspen mit Little Ray, der Mutter der Hauptfigur, einen Sohn zeugt.
Adam wächst nicht nur in der von der Mutter inszenierten Unsicherheit bezüglich seines Vaters auf, sondern ist umgeben von ungewöhnlichen, oft bizarren Menschen, deren Lebensgestaltung Adam irritiert, verwundert und prägt, sind sie doch alle schwul oder lesbisch oder queer oder trans oder schlicht schräg, verstrickt in der Suche nach der eigenen (sexuellen) Identität. Die liebenswürdigen Marotten werden bitter, wenn Adam Grenzverletzungen und Übergriffen der wenig haltgebenden Menschen seiner Umgebung ausgesetzt ist. Die miteinander verwobenen Schicksale entwickeln sich über mehr als 70 Jahre und über 1000 Seiten.
Irving schiebt Kapitel mit Drehbuchcharakter ein, Adam und andere finden sich im Hotel Jerome, dem Ort seiner Zeugung in unheimlichen Geisterwelten wieder, die an Jelineks Untote erinnern, das Identitätssuchspiel geht nach dem Tod - fast alle Hauptfiguren werden ermordet oder begehen Suizid - (nicht für alle offensichtlich) weiter. Hier gerät man mit Adam/John in ein Spannungsfeld. Ist das Buch ein Plädoyer für Diversität und Toleranz oder drückt es die Hoffnung auf bindungsrelevante Klarheit und Struktur aus? Was brauchen Menschen für Ihre Entwicklung? Wie weit darf Teilhabe von Kindern an der Identitätssuche der Erwachsenen gehen und wann beginnen Hemmung und Trauma?
John Irving nähert sich sukzessive dem Drama der eigenen Biographie, doch noch wird die Wut des Protagonisten delegiert und das Trauma nicht benannt. Das Irvingsche Identitätssuchspiel ist endlos, wie beim Sessellift geht die Bergfahrt in die Talfahrt über, kommt man nie ans Ziel, dreht ewig seine Runden, es sei denn, man steigt aus oder der Lift wird von Geisterhand gestoppt.


