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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von haga:

Eine facettenreiche Frau

»Ich bin maßlos in allem« von Christine Lavant

Das neue Buch über Christine Lavant (1915–1973), geborene Thonhauser, verheiratete Habernig, mit dem Untertitel „Biographisches“, herausgegeben von Klaus Amann, wartet mit einer sorgfältigen und geschickten Zusammenstellung von Briefen, Textauszügen und Erinnerungen von Zeitzeugen und Mitmenschen Christine Lavants auf.

Das lange Zeit vorherrschende und vom Freund und Begleiter Lavants in den 60er Jahren, dem Psychiater Otto Scrinzi, geprägte Bild des depressiven und dichtenden Strickweibleins wird durchbrochen und wesentlich erweitert. Diese facettenreiche Frau wird chronologisch in ihrer Vielfalt dargestellt, als um das Weiter- und Überleben kämpfende Kind in bedrückendem sozialen Elend, die durchaus selbstbewusste Frau im Literaturbetrieb, als liebende und begehrende Frau in der Beziehung zu Werner Berg, als teilweise exzessive Verfasserin von Gedichten und Prosa und intensiv korrespondierende Briefeschreiberin, als resignativ trauernde, passiv erduldende und schließlich kranke und vor sich hin dämmernde, vorgealterte Greisin, als sich aus der Enge der Lebensumstände freischreibende Poetin ... Zwei Herzstücke: Erstmals ist die gesamte Krankenakte des Aufenthaltes von Christine Lavant im Jahr 1935 an der Landesirrenanstalt Klagenfurt zur Gänze nachzulesen und erstmals wird ein umfassender Einblick in den erst kürzlich freigegebenen Briefwechsel Berg-Lavant gegeben, Dokumente einer tiefen, zuletzt scheiternden Liebe.

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Es werde Licht in Dunkelblum

Dunkelblum von Eva Menasse

Dunkelblum, eine Stadt an der Grenze zu Ungarn, unschwer als Rechnitz im Burgenland zu identifizieren, ist der Schauplatz des gleichnamigen Romans von Eva Menasse. Im März 1945 nach einem Fest - ausgerichtet im Schloss der ansässigen Gräfin - werden 200 Zwangsarbeiter erschossen und verscharrt, die Gebeine wurden bis jetzt nicht gefunden.

Wer war an diesem Massenmord beteiligt? Wer wusste davon? Wie wirkt dieses unbearbeitete, dramatische und traumatische Ereignis fort, auch transgenerational? Was geschah noch vor, während und nach Zerfall des nationalsozialistischen Regimes? Wer möchte wie aufdecken, wer wie zudecken? All diese Fragen entfaltet Menasse geschickt eingebettet in ein Kaleidoskop von Charakteren dreier Generationen und deren Schicksalen und Haltungen, reaktiviert durch den bevorstehenden Mauer- und Grenzzaunfall im Jahr 1989 und durch weitere Ereignisse in der kleinen, nur scheinbar so idyllischen Stadt. Ein trotz der Tragik der Ereignisse humorvolles, entblößendes und auch psycho- und soziodynamisch sehr geschickt gemachtes Buch. Ein Soziogramm Österreichs im Spannungsfeld von Verleugnung, Verdrängung, Enttabuisierung und keimender Gedenkkultur.

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Einstieg zum Verständnis der Bildwelt Johann Eggers

Jean Egger – Revolutionär der modernen Malerei von Hemma Schmutz; Brigitte Reutner-Doneus

Johann, später Jean, Egger, 1897 in Hüttenberg geboren, ein fast vergessener und leider viel zu früh (1934) an der Tuberkulose verstorbener Kärntner Künstler, wird nach vielen Jahren seit der letzten umfassenden Ausstellung durch eine Werkschau im Linzer Museum Lentos und anschließend im Museum Moderner Kunst in Klagenfurt im Frühling/Sommer 2023 in Erinnerung gerufen und parallel dazu erscheint dieser trotz aufwendiger Gestaltung preiswerte Bildband.

Der Werdegang Eggers und seine künstlerische Entwicklung werden dargestellt, viele der bedeutendsten Werke abgebildet, die Schwerpunkte bilden die Landschaftsbilder und die Porträts, die Egger ab 1924 in Paris die Tore zu „höheren“ Gesellschaftsschichten öffneten. Die biographischen Angaben zu Egger und auch zur mehrjährigen Lebensgefährtin Signe Wallin sind bedauerlicherweise karg, denn gerade die Verlinkung Leben und Werk könnte einen tieferen Zugang zum Verständnis der kreativen Bildwelt Eggers bieten. Diese Monographie ist ein sehr gelungener erster Einstieg.

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Ein besonderer Lesestoff

Die Korrektur des Horizonts von Minu Ghedina

Ada, die Hauptperson dieser über 500 Seiten starken Romanbiographie, wächst bei ihrer Großmutter auf. Früh entdeckt Ada am Arbeitsplatz ihrer schneidernden Großmutter eine tiefe Leidenschaft für Stoffe, die neben intensivem visuell-haptischem Erleben auch Symbol für Grenzen, Körperlichkeit, Umwelt, Zärtlichkeit, Nähe und Berührung sind.

Dieser Leidenschaft geht sie nach und wird zuletzt erfolgreiche Kostümbildnerin auf der Bühne und im Film. Doch der Weg ist trotz vieler glücklicher Fügungen und externer Unterstützung steinig und lang, da Ada eine zutiefst neurotische Person ist. Eine suchtkranke, vom Leben enttäuschte Mutter, ein unempathischer, schwer in seinem Selbstwertgefühl irritierter Stiefvater, die Konkurrenz zur Halbschwester prägen die ersten Lebensjahre, und obwohl die Großmutter unterstützt und liebevoll begleitet, sind Adas Persönlichkeit, ihre Beziehungsgestaltung, ihre Selbstregulation und ihre Weltsicht irritiert. Sie geht, wenn sie bleiben sollte, schweigt, wenn Sprache helfen könnte, verhält sich kindlich appellativ, wenn Reife gefragt wäre, dissoziiert an die Grenze zum Realitätsverlust und findet sich immer wieder in sehnsuchtsvollen Reinszenierungen ihrer kindlichen Lebenswelt. Tapfer rekonstruiert sie auf ihrem schwankenden Lebensschiff ihre Biographie, lernt Ihren leiblichen Vater kennen, studiert die Akte der Fürsorge und geht Beziehungen ein, erkämpft sich mehr psychische Stabilität. Ein Mädchen wird geboren, die Beziehung zum Vater der Tochter zerbricht. Wird die Tochter ein Objekt zur neuerlichen Schiefheilung und Pseudolösung innerseelischer Konflikte in der nächsten Generation, wie es Ada für ihre Eltern war? In diesem aus vielen Fäden gewobenen Erzählstoff lädt die Autorin auch zu vorsprachlichen, sehr körpernahen Wahrnehmungsperspektiven ein. Ein besonderes Buch.

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So oder so ähnlich könnte es gewesen sein ...

Ingeborg Bachmann und Max Frisch - Die Poesie der Liebe von Bettina Storks

Im Aufbau Taschenbuch Verlag in der Rubrik „Berühmte Paare – große Geschichten“ erschienen, halten Titel und Umschlaggestaltung vielleicht vorerst von Kauf und Lesen des Buches ab, zu sehr werden Assoziationen zu seichten Liebesgeschichten evoziert. Doch sind diese Hürden überwunden, entfaltet sich das Beziehungsdrama Bachmann – Frisch in gut lesbarer und nachvollziehbarer Form.

Die Autorin verfügt über ein recht fundiertes Wissen, benutzt geschickt Quellen und Zitate, wenn ihr auch der aktuell publizierte Briefverkehr offensichtlich gerade noch nicht zur Verfügung stand. Beide Protagonisten verstricken sich in ihrem jeweils individuell ausgestalteten Autonomie-Bindungs-Konflikt, den die Autorin lebendig im zuletzt oft alkoholdurchtränkten Beziehungsalltag des Paares darstellt. Ein eindrucksvolles Beispiel für eine kollusive Beziehung. Wie es wirklich war, wissen nur wenige, aber so oder so ähnlich könnte es gewesen sein. Einige tabuisierte Themen spart die Autorin aus oder deutet sie nur an (Sexualität, Suchterkrankung, weitere Beziehungen …), Storks ist offensichtlich identifiziert mit Ingeborg Bachmann. Eine unterhaltsame Urlaubslektüre, eine erträglich oberflächliche Romanbiographie, für eingelesene Spezialist:innen, an fundierter Sekundärliteratur oder vertiefender Auseinandersetzung mit komplexer Beziehungsdynamik interessierte Leser:innen aber zu wenig.

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Zu bedenken: 1921

Ingeborg Bachmann und Max Frisch - Die Poesie der Liebe von Bettina Storks

Jakob Wassermann, geboren 1873 in Fürth, veröffentlicht dieses Buch 1921. Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits ein viel gelesener und recht bekannter Autor - sein erfolgreichster Roman „Das Gänsemännchen“ datiert auf das Jahr 1915 -, er besitzt ein Grundstück und bald eine Villa am Altaussee und ist im Begriff sich von seiner ersten Frau zu trennen.

Er setzt sich in dieser auch autobiographischen Schrift mit seiner Kindheit und Jugend auseinander, Vater und Stiefmutter sehen ihn als Kaufmann, er sich als Schriftsteller, er verlässt die Familie und schlägt sich durch, trifft auf Gönner und Mäzene, am schließlichen Durchbruch und Erfolg lässt Wassermann den Leser leider nicht teilhaben und auch die Auseinandersetzung mit seinem Juden- und Deutschtum bleibt oberflächlich, wenn auch Wassermann die menschenverachtende Zuspitzung des Antisemitismus im nationalsozialistischen Regime zu erahnen scheint. Es ist weniger ein aktuell bedeutsames Buch, eher ein Zeitdokument, nicht so sehr Stil und Semantik betreffend, als vielmehr eine Darstellung wie tiefgründig und offen autobiographische Literatur und Selbstflexion damals vor 100 Jahren möglich waren. Durch das Nachwort von Reich-Ranicki gewinnt das Buch.

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Karnismus

Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen von Melanie Joy

Unter Karnismus versteht die Autorin eine (großteils unbewusste oder zumindest wenig reflektierte) Ideologie bestehend aus Ein- und Vorstellungen, Verhaltensweisen, Meinungen und Überzeugungen zum Thema Fleischessen. Der zentrale Mythos lautet, Fleischessen sei normal, natürlich und notwendig und wird kollektiv wie individuell aufrechterhalten aus einerseits brutalen ökonomischen Interessen aber auch aufgrund kaum hinterfragter (oft transgenerational weitergegebener) Glaubenssätze und Verleugnungsstrategien.

Die karnistische Ideologie ist hauptverantwortlich für die Vergiftung und Verseuchung des Planeten, gefährdet die Gesundheit der Menschheit, beschleunigt den Klimawandel und ist für das Quälen und Schlachten von Abermillionen von Tieren verantwortlich. Und obwohl dieses System eine extreme Diskrepanz zwischen den Wertvorstellungen und ethischen Grundhaltungen der meisten Menschen darstellt, wird das Verhalten prolongiert, regt sich kaum Widerstand und perpetuieren viele Menschen eine Einstellung geprägt von bizarr anmutenden Abwehrstrategien und Empathieverweigerung den Tieren gegenüber, die Melanie Joy (Ernährungspsychologin und Veganerin) ohne zu polarisieren entlarvt. Sie klagt nicht an, sondern stellt Fehlmeinungen und Mythen subtil bloß, schürt Zweifel, benennt Alternativen und lädt zu offener und kompetenter Diskussion statt Abwendung und Ausgrenzung ein.
Auch diese zweite und überarbeitete Auflage regt an, irritiert und macht Mut, uns zu jenen in uns verankerten Wertvorstellungen der Empathie mit der Natur aktiv zu bekennen und unser Leben danach zu gestalten!

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Verharzung

Das Phantom von Michael Stavarič

Ja, die Hauptfigur heißt Thom, in Anspielung auf Thomas Bernhard, den der Protagonist zum Unverständnis seiner Umgebung auch liest. Ja, Stavaric verwendet Stilmittel, die wir von Bernhard gut kennen: wenig Textgliederung, seitenlange Schachtelsätze, sprachgewaltige Monologe, Neologismen („Dumm-wie-die Sau-Mütter“), Komparative und Superlative.

Nein, jener Flow und jene Musikalität in der Sprachkomposition, die, wenn man bei der Bernhardlektüre die Sehnsucht nach Inhalt hinter sich gelassen hat, entsteht nicht. Ja, auch diese Mutter, ein „Wrackmensch“, irritiert die Kindheit des Thom von klein auf durch ihren kritiklosen Selbstbezug und ihre „rigide Primitivität und kafkaeske Borniertheit“. Nein, der Vater ist bekannt, lebt und versucht die Wunden, die die Mutter schlägt, zu lindern. Nein, Großvater gibt es keinen. Dafür das permanente Gefühl der Verharzung, der Begasung, des Ersticktwerdens durch diese „Erziehung“, verbunden mit einem Geschmack im Mund wie von toten Insekten auf der Windschutzscheibe. Als Stavaric sich von Bernhard nach etwa 100 Seiten löst, emanzipiert, oder der Leser aufhört, Bernhard zu suchen, nimmt das Buch Fahrt auf, die Beschreibung der bedrückenden, entmutigenden und erniedrigenden Sozialisationsbedingungen, der Einsamkeit des Buben, Jugendlichen, jungen Mannes und die verzweifelten, oft symbolischen Selbstheilungsversuche und Selbsttröstungsversuche des emotional deprivierten und traumatisierten Sohnes berühren, berührend sind vor allem aber seine kindliche Denkwut und sein Kämpfen auf dem Hintergrund der nicht erlöschenden Hoffnung auf Normalität. Zweimal dringen Frauen in die Harzschicht vor, die Beziehungen scheitern mangels Identität und verinnerlichter tragfähiger Beziehungsbilder. Nach der Verbrennung aller Kindheitserinnerungen am Grab der Eltern, verwandelt sich der Ich-Erzähler in ein Phantom, die „harzgewordene, desolateste Erschöpfung dieser Welt“, unfähig zu leben oder zu sterben.
Ein besonderes, sprachgewaltiges Buch, die Vivisektion eines Verzweifelten. Bei weitem nicht nur für Thomas Bernhard Leser!

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Die spürst Du!

Die spürst du nicht von Daniel Glattauer

Die sechsköpfige Familie Ahmed flieht - zu Hause verfolgt und bedroht - von Mogadischu in Etappen über vier Jahre zuletzt über das Mittelmeer nach Italien und erhält Asyl in Österreich. Die zwei älteren Töchter überleben die unglaublich dramatische Flucht nicht, der Vater erreicht nach einem Unfall beim Versuch die zweitgeborene Tochter zu retten querschnittgelähmt Lampedusa, ist doppelt gebrochen, die Mutter, der Sohn und die jüngste Tochter Aayana sind schwer traumatisiert, beginnen sich aber langsam in Österreich zurechtzufinden.

Die fünfzehnjährige Aayana wird von der Familie ihrer Schulfreundin zu einem einwöchigen Toskanaurlaub eingeladen und ertrinkt gleich am ersten Abend im Pool, eine parasuizidale Handlung ist nicht auszuschließen. Ein Brief, in dem der Bruder vor jeglichem Kontakt seiner Schwester mit Wasser warnt, erreicht die Familie, die für Aayana die Verantwortung zu übernehmen bereit ist, und vor allem die Mutter von Aayanas Freundin, die Abgeordnete der Grünen zum Nationalrat ist, nicht. Die durch den Tod der dritten Tochter zutiefst retraumatisierte Familie Ahmed wird von einem befreundeten Anwalt im Zivilprozess vertreten. Wieder wird tief in Details des Unfallgeschehens eingetaucht, die Presse nimmt gierig am Prozessgeschehen teil, Glattauer streut geschickt Kommentare aus Chatrooms ein und hält die Spannung über 300 Seiten extrem hoch. Ein betroffen machendes Buch über Trauma, (Re-) Traumatisierung aller Beteiligten, Sprachlosigkeit, Überforderung, Schuld- und Schamgefühle und individuelle Traumabewältigungsversuche. Harte Gegenwartsliteratur. Geschickt lädt Glattauer zur Identifikation mit allen Protagonist:innen ein, mit der gestressten und überforderten Politikerin, der Aayanas Nähe zu ihrer Tochter gut in ihre politische Haltung passt, die aber ahnungslos gegenüber den echten Bedürfnissen der schwer traumatisierten Jugendlichen ist, mit dem krisengeschüttelten, grenzkompensierten Anwalt der Achmeds, der der afrikanischen Familie helfen will, ihr Schicksal öffentlich zu machen, mit der verzweifelt um Stabilität ringenden und im schulischen Kontext grausamst gemobbten Tochter Sophie Luise der Politikerin Strobl-Marinek, mit dem letzten überlebenden Kind der Ahmeds, dem Sohn Abdi. Es gibt keine emotionale Pause, keine Sicherheit, der Boden bricht immer wieder ein, der Stress aller Beteiligten ist enorm, nur die letzten Seiten bringen eine Entlastung. Der Titel „Die spürst Du nicht“ täuscht, das Schicksal Aayanas irritiert zutiefst und führt zu großer emotionaler Betroffenheit. Ein Lesetipp.

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Klimawandel, der unter die Haut geht

Blue Skies von T. C. Boyle

T. C. Boyle taucht in seinem neuen Roman „Blue Skies“ wieder wie in „Sprich mit mir“ in die Primatensprache oder „Das Licht“ in die Geschichte des LSD tief und gut recherchiert in ein besonders aktuelles Thema ein, in den Klimawandel. Das Leben einer vierköpfigen Familie spielt sich in zwei nordamerikanischen Bundesstaaten ab und ist geprägt von Hitzewellen, Dürreperioden, Wasserknappheit, Überschwemmungen, Insektenmassensterben und der Zunahme von Infektionserkrankungen, Termiten und Fäulnis bringen Häuser zum Einstürzen, Menschen sieben die Asche ihrer verbrannten Häuser auf der Suche nach den Schmuckstücken der Vergangenheit.

Die Umwelt wird unwirtlich und bedrohlich, mit immer mehr Chemie versucht man die bereits angerichtete Katastrophe zu bannen. Die Veränderungsbereitschaft der rat- und hilflos wirkenden Menschen ist gering und erschöpft sich in veganem Pseudoengagement mit Madenmehl, Kollektoren am Autodach oder Teilnahme an Insektenzählprogrammen. Die Menschen setzen ihre verbrecherische oder subtile Ausbeutung der Natur fort, ihr egozentrischer Lebensstil orientiert sich am gewohnten Wohlstand, aufkeimende Ängste werden mit Alkohol betäubt. Der Kontakt zur Natur ist bereits verloren gegangen. Wer würde eine Pythonschlange im Schlafzimmer halten? Diese erstickt eines der Zwillingsbabys der jungen Mutter Cat, die als Protagonistin dieser unbedarften, ratlosen und dekadenten, aber auch alleingelassenen Menschheit dient. Eine sehr nahegehende, bedrückende Lektüre. Keine abstrakten Klimatabellen, keine düsteren Kollektivprognosen, sondern Klimawandel ganz nahe am Menschen im Alltag anhand von Figuren, mit denen sich zu identifizieren Boyle subtil einlädt. Nur in wenigen letzten Naturoasen ist noch intakte Natur erlebbar. Wie lange noch?

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