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Rezensionen von Bücher in meiner Hand:
Man muss Raben und Geschichte mögen
Die Legende um die Raben im Tower kenne ich schon länger. Aber erst seit ich die Beefeater-Krimis mit Ermittler John Mackenzie von Emma Goodwyn gelesen habe, weiss ich, dass es auch einen Ravenmaster gibt, der sich um die Tiere kümmert. Das faszinierte mich und deshalb ging ich bei meinem nächsten Besuch im Tower von London nicht direkt zu den Kronjuwelen, sondern zuerst zu den Raben.
Seit etwa zwei Jahren folge ich dem Ravenmaster auf seinem Social Media Kanal.
Als ich 2018 von dem Buch über den "Herr der Raben" erfuhr, kam es gleich auf meine Wunschliste. Nun liegt es in der deutschen Übersetzung vor. Christopfer Skaife erzählt über seinen Werdegang und seinen Alltag mit den Raben.
Chris Skaife stellt sich zuerst selbst vor, schreibt über seine Kindheit, seine Zeit in der britischen Armee und die Geschichte, wie er zu einem Yeoman Warder und später zum Ravenmaster wurde. Leser dieses Buches müssen Geschichte mögen, denn der Autor erzählt sehr viel über die Historie des Towers. Dazu liefert er wissenswerte biologische Fakten über die beschriebenen Vögel wie auch einige Anekdoten über seine Erlebnisse mit "seinen" Raben.
Meistens schweift er in seiner Erzählung über den Rabenalltag aber ab und erzählt mehr über sich und seine Zeit als Soldat. Dass die für ihn wichtig war und ihn lehrte diszipliniert zu sein, kommt ihm im Umgang mit den Raben zugute - nimmt jedoch einen zu grossen Teil im Buch ein. Die sieben gegenwärtigen Raben des Towers werden einzeln kurz in Steckbriefform vorgestellt. Über Merlina (der heimliche Star und am zutraulichsten) und Munin wird mehr erzählt, ich vermisste jedoch Einzelheiten über die anderen fünf Raben. Ich hätte durchaus mehr über diese gefiedrigen Tower-Bewohner erfahren wollen und dafür weniger über die British Army.
Trotzdem war das Buch interessant und äusserst humorvoll. Wer sich beim Besuch des Towers je mit den Yeoman Wards unterhalten konnte, weiss was ich meine. In "Der Herr der Raben" gibt es diesen typisch britischen Humor frei Haus auf 256 Seiten.
Fazit: Faszinierender und unterhaltender Bericht über die Geschichte des Towers, dessen Raben und ihren Rabenmeister.
4 Punkte.
Freundschaft und Familie
Unter dem Limonenhimmel von Marie Matisek
Auch dieses Jahr können wir wieder miterleben wie es Marco, Lisabetta und ihren Freunden und den Familien geht.
Lisabetta wohnt zwar noch bei den Pantanellas und schaut zu Raffaele, hat sich aber eine Wohnung gemietet, die sie erst neu malen und dann einrichten müsste. Marco hat Pläne für den Zitronenhain, doch die sind schwierig umzusetzen, da sich erstens sein Vater dagegen quer stellt und ihm jemand einen Teil seines Landes wegnehmen will.
Marco fährt zudem noch immer jede zweite Woche nach München, um für die Kinder zu sorgen. Kurz bevor er aktuell wieder nach München muss, bekommt er unangemeldeten Besuch von seiner ehemaligen Arbeitskollegin Nathalie (bekannt aus "Sommer der Erinnerung"). Sie hat Krach mit ihrem Chef Stefan und erhofft sich von Marco Unterstützung. Pippo ist geschockt, als er Nathalie zum ersten Mal sieht, zu sehr erinnert sie ihn an seine Ex-Freundin, über deren Trennung er noch Jahre später nicht hinaus ist.
Die Freundschaft der alten Amalfi-Clique steht in diesem Band im Vordergrund. In Rückblicken erfährt man, wie schon in "Ein Sommer wie Limoneneis", mehr über die Kindheit der Freunde. Das Freundesband droht nun aber zu zerbrechen, weil alle mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt sind und einzelne den anderen an den Karren fahren wollen. Lohnt es sich, die Freundschaft zu retten oder ist es endgültig vorbei?
In "Unter dem Limonenhimmel" erfährt man viel über Pippo, der nicht durchgehend in Amalfi lebte, was mir neu war (oder auf das ich im ersten Band kein Augenmerk darauf legte und es schlicht vergessen habe). Seine Geschichte gefällt mir sehr.
Auch die Beweggründe von Lisabetta, die zum ersten Mal alleine in einer Wohnung leben wird und sich überlegt, wie sie sich ein Stück Selbstständigkeit erschaffen kann, wurde schön geschildert. Ebenso die Szenen, in der Marco versucht seinen Vater von der Notwendigkeit einer Neuausrichtung zu überzeugen und mit der Zeit zu gehen, sowie Raffaeles neu gefundener Lebensmut.
Marie Matisek versetzt die Leser schon mit den ersten Zeilen an die sonnige Amalfiküste und versprüht Urlaubsfeeling, trotz der Probleme, die die Figuren vor Ort haben. Der Roman macht bewusst, dass das Leben der Einheimischen an Urlaubsdestinationen nicht unbeschwert und problemfrei verläuft - was leider viele Touristen in ihrem Urlaub gerne ausblenden.
Beim Lesen dieser gemütlichen Sommergeschichte bedauerte ich sehr, dass ich mir meine Lesestunden nicht mit einem Gelati direkt von Pippo versüssen konnte.
Fazit: Familie und Freundschaft stehen im Mittelpunkt dieses unterhaltenden und gelungenen Romans mit viel Amalfiküste-Flair.
4 Punkte.
Eine Grossstadtpflanze geht offline
Auf dich war ich nicht vorbereitet von Anna Bell
Dies ist mein erster Roman, den ich von Anna Bell gelesen habe und ich nehme es vorweg: nicht mein letzter!
Die 31jährige Daisy arbeitet im Marketingbereich und ist dort u.a. zuständig für das Instagram-Profil ihrer Firma. Sie ist rund um die Uhr online, privat fast noch mehr als geschäftlich und lädt ohne Nachzudenken praktisch jede ihrer Handlungen auf ihre Social Media Kanäle hoch.
Im Eifer des Gefechts passiert ihr ein Patzer. Ein schlüpfriger Tweet, der für ihre Freundinnen gedacht waren, landet auf dem Firmen-Kanal und schon ist ihre Karriere ruiniert.
Ihre Schwester Rosie sammelt Daisy ein und verpasst ihr ein Digital Detoxing - irgendwo auf dem Land in Cumbria, ausserhalb eines kleinen Dorfes. Ein altes heruntergekommenes Farmhaus ist ihr Zuhause für die nächsten Wochen. Die Handys lagern derweil auf dem Grund eines Brunnens und die beiden Frauen beginnen mit Hilfe von Franzose Alexis das Haus zu renovieren. Ob das wohl gut geht?
Als Nicht-"Digital Native" fand ich den Beginn der Geschichte übertrieben, obwohl ich weiss, dass es ganz viele junge Leute da draussen gibt, die genau so sind wie Daisy und ihre Clique. Diesen nervigen Anfang braucht es aber, um die Gegensätzlichkeit des geschäftigen Grosstadtlebens und dem ruhigen Dasein am Rande eines Dorfes aufzuzeigen. Sobald Daisy und Rosie in Cumbria ankommen, entschleunigt die Geschichte und wird lesenswert.
Daisys Entzug verläuft natürlich nicht ohne Komplikationen. Ideenreich versucht sie Internetzugang zu bekommen, was Daisy jedes Mal in die Bredouille bringt. Daisys Entwicklung wurde unterhaltsam beschrieben, Rosies Weg ebenso. Ich mochte die Bewohner des Dorfes, allen voran Liz und Gerry, die Nachrichtentanten des Dorfes. Jack dagegen blieb ein wenig blass und zu geheimnisvoll. Doch ich mochte die witzigen Briefe, die Jack und Daisy sich geschrieben haben.
Autorin Anna Bell schafft es mit diesem Roman, jeden Leser dazu zu bringen, über das eigene Social Media Verhalten nachzudenken.
Fazit: Eine Grossstadtpflanze geht offline - eine humorvolle Geschichte mit einem wahren Kern.
4 Punkte.
Eindrücklicher Pageturner
Marlene und die Suche nach Liebe von C. W. Gortner
Marlene Dietrich war ein grosser Star. Mit ihrem blonden, gewellten Bob war sie unverkennbar und strahlt auf den Fotos nicht nur Ruhm, sondern auch eine gewisse Einsamkeit aus. Ich wollte wissen, wer diese Frau mit der scheinbar glänzenden Karriere ist.
Deshalb wusste ich sofort, als ich das Buch in der Verlagsvorschau sah, dass ich es lesen möchte.
Mir war bloss nicht bewusst, wie dick die Printausgabe ist und dachte für mich, dass es aufgrund der 544 Seiten wohl eher eine mühsame Lektüre werden wird - je mehr Seiten je mehr die Gefahr ausschweifend zu werden oder Längen zu haben. Aber nein, der Schreibstil nahm mich sofort ein und ich habe das Buch in drei Tagen ausgelesen.
Es half wohl, dass Marlenes Geschichte von ihr selbst erzählt wird, was ich sehr sympathisch fand. Der Zugang zu ihr findet man sofort. Musikalisch ist sie als Jugendliche nicht so ein grosses Geigengenie, wie ihre Mutter es gerne gehabt hätte. Um der Mutter zu entrinnen, beginnt Marlene in einem Theater zu arbeiten, erst als Geigerin, später als Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin.
Der Autor C.W. Gortner schildert in "Marlene und die Suche nach Liebe" den Werdegang von Marlene Dietrich bis 1946. Ihre Familie, ihre Beziehungen, ihre sexuellen Vorlieben und ihre Karriere werden von C.W. Gortner durchleuchtet. Er zeigt auch die verletzliche Frau hinter dem Star, der ihrer Mutter nie gerecht werden konnte und nach Liebe suchte.
In diesem Roman lernt der Leser eine starke Marlene kennen, die zwar ihren eigenen, für viele nicht konformen Weg ging, aber auf ihre Art treu und mit ihren Freunden auf immer verbunden war. Sie liebte Männer wie Frauen, sie liebte schnell und heftig, doch äussern konnte sie ihre Gefühle oft nicht.
Der Teil, in dem Marlene viel zu jung schwanger wurde, noch bevor sie sich Gedanken über ihre weitere Beziehung zu Rudi und über ihr Leben machen konnte, wurde mir als zu schnell und zu leicht dargestellt. Das Gespräch der beiden kam zu kurz. Denn obwohl der gerade arbeitslos gewordene Rudi sofort anerbot zuhause beim Baby zu bleiben, damit Marlene arbeiten kann, wirft er ihr später genau das vor. Rudi blieb mir in Gortners Beschreibung unsympathisch, zuerst hielt er Marlene auf Abstand und sah in ihr den zukünftigen Star, später wollte er dann doch eine angepasstere (Ehe-)Frau aus ihr machen. Aber die enge, jahrzehntelange Bindung der beiden imponiert trotzdem.
Das Leben in Berlin vor und nach den beiden Weltkriegen zeigt der Autor glaubhaft auf. Ebenso auch die gegen aussen prüde amerikanische Gesellschaft, die das Showbiz zwar lieben, aber extrem auf Etikette achten. Marlene machte dies nicht lange mit und schaffte es, dass die Filmzensurbehörde einiges durchgehen liessen.
Mich beeindruckte vor allem Marlenes klare Meinung zu bzw. gegen Hitler und ihren erstaunlichen Einsatz im zweiten Weltkrieg. C.W. Gortner hat mit diesem aussagekräftigen Roman über Marlene Dietrich ein Stück Zeitgeschichte festgehalten.
Fazit: Dieser Pageturner gibt einen eindrücklichen Überblick über das faszinierende Leben der Marlene Dietrich. Absolut lesenswert!
5 Punkte.
Amüsanter Cosy-Krimi mit extravaganter Ermittlerin
Tante Poldi und die sizilianischen Löwen von Giordano Mario
Mario Giordano schuf mit "Tante Poldi und die sizilianischen Löwen" den Auftakt zu einer neuen, witzigen Krimireihe.
Im Vordergrund steht Isolde Oberreiter, von allen nur Tante Poldi genannt. Nach dem Tod ihres Mannes Peppe, einem Halodri, zieht sie nach Sizilien. Alleine ist sie nicht, denn ihre Schwägerinnen lassen keine Langeweile aufkommen.
Poldi ist extrovertiert, auffällig gekleidet - von Schwermut, wie es zwar immer heisst im Buch, keine Spur.
Ich glaube auch nicht, dass sie tatsächlich depressiv ist, sondern durch ihre Art von himmelhochjauchzend zu Tode betrübt einfach alles übertreibt und somit Emotionen verstärkt. Seien es positive Erlebnisse, die dann samt und sonders ausgeschmückt werden, oder negative, die sie dann schlimmer erscheinen lässt, als sie tatsächlich sind. Poldi trägt Perücke (Wieso eigentlich? Nur um aufzufallen?), trinkt gerne und oft Alkohol, lässt ihn aber sympathischerweise weg, wenn es drauf ankommt. Eine extravagante ältere Frau mit bayrisch-sizilianischem Lokalkolorit wird hier zur Ermittlerin erkoren.
Als Poldi endlich ein schönes Häuschen gefunden und sich eingelebt hat, verschwindet plötzlich Valentino, der für Poldi Arbeiten im Haus erledigt hat. Auf der Suche nach ihm lernt sie Valérie kennen, die ihr zu einer Freundin wird. Vor deren Haus ist ein Torlöwe verschwunden. Poldi vermutet dass Valéries Nachbar Russo für das Verschwinden von Löwe und Valentino verantwortlich ist. Ist sie auf der richtigen Spur? Schliesslich war Poldis Vater Hauptkommissar bei der Kripo Augsburg, da hat sie das Ermitteln quasi im Blut und kann es nicht lassen Kommissar Montana dreinzufunken. Torlöwe wie auch Valentino tauchen wieder auf, soviel sei verraten. Jedoch nicht wo und in welchem Zustand.
Erzählt wird die Geschichte von Poldis Neffen, der zwischen München und Torre Archirafi einmal monatlich hin- und herfliegt. Bei seinen Besuchen bei Poldi erzählt sie ihm jeweils was geschehen ist und schmückt ihre Berichte ein wenig aus. Der Neffe, Möchtegern-Autor, schweift leider auch sehr oft ab. Aus einem Satz oder einem Wort wird oft eine seitenlange, blumige Abhandlung. Mir wurde das zuviel und habe diese Ausführungen mit der Zeit nur noch quergelesen und mich aufs Wesentliche, die Krimihandlung konzentriert. Diese war nicht langweilig - solange man alles andere ausblendet.
Mir hätte das Buch sicher besser gefallen, wenn es direkt, ohne Umweg über den Neffen, geschrieben worden wäre.
Fazit: Ein amüsanter Cosy-Krimi mit extravaganter Ermittlerin unter der sizilianischen Sonne, der mit weniger Nebensächlichkeiten und weniger "Mei" einen halben Punkt mehr von mir bekommen würde.
3.5 Punkte.
Bella Figura
Tante Poldi und die Früchte des Herrn von Giordano Mario
Liebe Tante Poldi
was für eine tolle Überraschung, als dein Neffe mir Mandelguatzli von seinem letzten Besuch bei dir in Sizilien mitbrachte. Bei einigen Espressi, einem Cappuccino und später auch Ramazottis hat er mir erzählt, wie es dir in letzter Zeit ergangen ist.
Du hättest dir auch eine Vespa gekauft, damit du mobiler bist.
Danke fürs Foto, du machst eine wirklich bella Figura auf deiner sizilianisch bemalten Vespa!
In eurer Strasse hätte es über drei Wochen kein Wasser mehr gegeben und dann sei auch noch der Hund von Valérie vergiftet worden. Deine Erklärung dazu sei, dass die Mafia schuld sei und sie es auf dich abgesehen hat.
Doch zum Glück ist dein Wochenplan straff und du konntest dich gut ablenken. Sei es am Strand, am Markt oder Freitags mit Montana. Ah, Commissario Montana ist ein gutes Stichwort - wie du ihn überredet hast, dir Fotos von seinem aktuellen Fall, einer toten Staatsanwältin, zu zeigen, nicht schlecht, Tante Poldi! Deswegen ist er ja auch selbst schuld, dass du mit dem Winzer Achille ein Techtelmechtel angefangen hast. Achille macht nicht nur guten Wein, sondern mag auch dich... was Montana so gar nicht gefällt... Aber Montana ist ja auch ein Trottel, seine Zukunftspläne haben dich ja regelrecht erschreckt!
Bald darauf stolperst du schon über eine Leiche und du kannst es nicht lassen, selbst zu ermitteln. Diesmal hast du Verstärkung gefunden: Signora Cocuzza und Padre Paolo helfen dir, so im Sinne von "Zwei Engel für Poldi". Finde ich gut! Blöderweise bekommst du auch noch Besuch von Signore Tod, der dir lang und breit von seinem Verwaltungsrat und Vorstand erzählt; aber du hast die Begegnung gut gemeistert.
Lang und breit erzählst aber auch du, liebe Poldi, und auch dein Neffe tendiert des Öfteren dazu und dann wird es anstrengend für uns alle, die deinen Erklärungen folgen wollen. Ein bisschen weniger Ausschweifungen und weniger Gefluche hätten es im Fall auch getan, gäll Poldi! Aber das hab ich dir ja schon beim ersten Mal gesagt.
Lass doch deinen Neffen ganz bei dir wohnen, dann hast du ihn immer um dich. Ihm gefällts ja auch in Torre Archirafi, aber vielleicht hast du gar keinen Platz mehr in deiner Wohnung, weil du ja am Schluss ziemlich überraschend Besuch bekommen hast. Hoppla Schorsch! Erzähl doch bitte bald, was es mit diesem unerwarteten Besucher auf sich hat.
Turbulent!
Tante Poldi und der schöne Antonio von Giordano Mario
Einmal quer durch Sizilien - so ungefähr läuft der dritte Teil der "Tante Poldi"-Serie ab. Auf der Suche nach dem schönen Antonio. Doch wo ist er bloss? Oder besser gefragt, wer ist Antonio? Denn wer Italien kennt, weiss, es gibt nicht nur einen Antonio - das macht den Cosy-Krimi interessant.
Doch eigentlich geht es um die Suche nach James, den Bruder von Poldis Noch-Ehemann John aus Tansania, und seinem Koffer. Wir erfahren dabei von Poldis Vergangenheit, die trotzdem immer noch etwas verworren ist. Dass sie mit allen möglichen Berühmtheiten auf du und du ist, ist manchmal fast zu viel des Guten. Aber Übertreiben, das kann die Poldi halt gut und Dezenz ist ja bekanntlich Schwäche.
"Tante Poldi und der schöne Antonio" ist ein witziger und rasanter Reiseführer durch Sizilien mit viel schrägem Action-Anteil. Diesmal kommt man rum und bleibt nicht nur in Acireale und Umgebung. Der Neffe kommt in den Genuss Poldis Chauffeur zu sein, was ihn von seinem zu schreibenden Roman ablenkt. Zum Glück ;-)
Die Erzählweise von Mario Giordano, wie auch die einerseits bodenständige und andererseits schwülstige Sprache muss man mögen und ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Doch trotz vielen Übertreibungen verfällt man der Poldi doch immer wieder und kann ihr nicht böse sein.
Fazit: Ein turbulenter Fall für unsere exzentrische Tante Poldi.
4 Punkte.
Donna Poldinas persönlichster Fall
Tante Poldi und die Schwarze Madonna von Giordano Mario
Wer erst beim vierten Teil in Tante Poldis Universum einsteigt, wird es schwer haben und nicht wirklich eintauchen können in diese verrückte Geschichte um die schwarze Madonna, in der viele alte Bekannte wieder auftauchen - wie Russo, Valérie, der Tod und andere, die beim "schönen Antonio" zu kurz gekommen sind.
Momentan leidet der Neffe an Liebeskummer, gibt aber endlich die Schreiberei an seinem Epos auf und wird zu Poldis "Krimograf". Zudem beschäftigt die Poldi neuerdings eine männliche, Sitar spielende Putzfee, lernt den Papst kennen und trifft sich mit Gianna Nannini in Rom.
Eigentlich wollte sie mit Vito Montana in die ewige Stadt, doch während sie sich noch über die Anreise streiten, überschlagen sich die Ereignisse. Poldi bekommt Besuch aus Rom, sie wird verdächtigt, etwas mit dem Tod einer Nonne und dem Verschwinden mit einer Frau, die kurz zuvor mit der Nonne zusammen war, zu tun hat. Das kann sie nicht auf sich sitzen lassen und beginnt zu ermitteln. Unterstützt wird sie von Vito und Padre Pio, aber nicht von Signora Cocuzza. Was wohl mit ihr los ist?
Gewohnt wortgewaltig, mit viel Amore und zu viel Dings kommt "Tante Poldi und die schwarze Madonna" daher. Die Geschichte um die tote Nonne ist fast wie ein Dominospiel, jede Entdeckung bringt den nächsten Stein ins Rollen. Aber statt dass am Schluss alle Steine liegen bleiben, entfachen sie ein fulminantes Finale.
Die Story ist extrem gut durchdacht und meiner Meinung nach auch der persönlichste Fall für die Poldi. Das meinte man zwar schon beim dritten Teil, als ihr Noch-Ehemann plötzlich vor der Türe stand, aber hier geht es der Poldi ans Eingemachte. Denn auch der Tod kommt wieder öfters zu Besuch und stellt ihr ein Ultimatum.
Fazit: Donna Poldina in Rom in ihrem persönlichsten und spannendsten Fall und für einmal nicht mit der Vespa, sondern mit einem Fiat Cinquecento auf den Strassen Siziliens unterwegs.
4 Punkte.
Zu wenig Schmetterlingsgefühle, zu wenig Backstube
Schmetterlinge aus Marzipan von Böhle Daniela
Sie hörte sich gut, die Beschreibung zu diesem Roman. Dass es darin nur zum Teil um das Praktikum in einer Konditorei geht und und fast mehr um die Erlebnisse mit den Treffern auf einer Datingplattform, war mir nicht klar.
Ich dachte, dass es ausschliesslich ums Backen geht, dekoriert mit ein bisschen Liebe.
Halt was fürs Herz. Ums Backen geht es zum Teil zwar auch, aber nicht so genussvoll, wie ich mir erhoffte. Im Gegenteil. Der Chefkonditor Sven ist äusserst wortkarg und gibt ausschliesslich einsilbige Anweisungen, wie Nina etwas vorbereiten oder backen soll.
Arztsekretärin Nina nimmt das gut an und gibt nicht auf, mit der Zeit findet sie einen Zugang zu Sven. Doch so richtig probieren und geniessen mit allen Sinnen kann Nina auch nicht. Viel zu stark hört sie noch die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf, die äusserst fies zu ihr und ihrer Tante war. Das Back-Gen hat Nina eindeutig von ihrer Tante vererbt bekommen, die selbst bei ihrer Beerdigung nicht gefeit war vor bissigen Kommentaren von Ninas Mutter.
Vielleicht erträgt Nina ihren feigen Chef Professor Wolff und den gemeinen Oberarzt nur deshalb, weil sie schon seit jeher von ihrer Mutter immer wieder aufs Neue beleidigt wurde? Irgendwann wird es aber auch Nina zu viel und als sie eines Tages vor einer Konditorei steht, die nach einem Praktikanten sucht, nimmt die Chefsekretärin spontan einen Monat unbezahlten Urlaub und beginnt, wie oben erwähnt, an der Seite des maulfaulen Sven ihr Back-Praktikum.
Derweil meldet Ninas Freundin Kirsten sie bei einer Dating-Platform an. Während Nina nun abends ihren Account nach interessanten Vorschlägen durchforstet und sich zudem noch um ihre schwangere Freundin Sonja kümmert, gewöhnt sie sich nur langsam an Sohn Leonards weiblichem Besuch in ihrer Zweier-WG.
Im Laufe der Geschichte tun sich noch mehr Betätigungsfelder für Nina auf. Neben den bereits Erwähnten gibt es noch einen nervigen Nachbarn, ihren Ex-Mann, ihre Dates, einen Kunden, der das Alter seiner Lebensgefährtin nicht weiss und immer wieder die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf. Das Erzähltempo ist schnell, aber durch die viel zu vielen Baustellen bleibt alles oberflächlich und der Genuss auf der Strecke. Die Bäckereistory mit nur einer zu betüddelnden Freundin und statt dem Datingdings nur das Max-Dings - der Roman hätte mir besser gefallen.
Dass es darin um Liebe in diversen Ausprägungen geht und dass davon fast alle Charaktere betroffen sind, kommt rüber. Mir war das aber zu viel. Weil ständig irgendeine der Baustellen zu bedienen war, gab es viel zu wenig Emotionen und zu wenig Tiefe. Das Back-Thema verliert sich in dem ausufernden Dating-Thema.
Fazit: Oft amüsant, aber viel oberflächliches Beziehungsgedöns und zu viele Nebenschauplätze, dafür zu wenig Sehnsucht, zu wenig Schmetterlinge im Bauch und viel zu wenig duftende Backstube.
3 Punkte.
Bleibt in Erinnerung
Sehnsucht nach Mill River von Darcie Chan
An einem Winterabend fahren die beiden Stadtpolizisten durch die schneebedeckten Strassen von Mill River. Trotz Schneegestöber sehe Kyle und Leroy hier und da durch Fenster in die lichterhellten Wohnungen einiger Einwohner. Es ist als sässe man bei ihnen im Auto und sie erzählten uns die Geschichten der Buch-Protagonisten.
Auch Pfarrer Michael schaut aus dem Fenster, hinauf zu Marys Villa auf dem Hügel. Er kennt die Geschichte des Hauses, die Freuden und das Leid, das darin geschehen war und noch immer geschieht. Die meisten Einwohner von Mill River haben Mary noch nie gesehen, doch Mary kennt sie - durch Erzählungen ihres Freundes Michael. Manchmal geschehen kleine Wunder in Mill River. Doch nur Michael und Mary kennen die Wahrheit darüber.
Durch die zwei Erzählstränge im Buch - einer erzählt die Gegenwart und einer die ungewöhnliche Lebensgeschichte der 80-jährigen Mary - erfahren wir Leser immer mehr über die Geschehnisse in der kleinen Stadt. Der Autorin gelingt es trotz viel Dramatik ruhig zu schreiben. Am Ende des Buches staunen nicht nur die Bewohner von Mill River über die Frau, die in der Marmorvilla auf dem Hügel wohnte.
Eigentlich ein ganz normaler Roman, der in einer Kleinstadt spielt. Aber:
Dieses Buch hebt sich von den üblichen "Kleinstadtleben"-Romanen deutlich ab. Es geht in die Tiefe. Es berührt. Das Buch bringt einen dazu, sich Gedanken darüber zu machen, wie es wäre wenn es da "oben" jemanden gibt, der sich um einen sorgt, auch wenn man kaum etwas über diese Person weiss.
Und noch fünfeinhalb Jahre nachdem ich diesen Roman las, denke ich oft an Mary und Mill River - "Sehnsucht nach Mill River" ist ein Buch das einem im Gedächtnis bleibt.
Nun, im April 2019, erscheint ein zweiter Teil, zumindest ein weiterer Roman von Darcie Chan, "Sommer der Versöhnung", der ebenfalls in Mill River angesiedelt ist. Ich bin gespannt, ob man darin bekannte Gesichter antreffen wird und ob der mir auch so lange nach geht wie der vorliegende herzbewegende Roman "Sehnsucht nach Mill River".
Fazit: Ein ganz tolles und absolut feinfühliges Buch!
4.5 Punkte.










