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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Sago:

Rückkehr in die Archenwelt

Die Spiegelreisende 2 - Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast von Christelle Dabos

Mit der Archenwelt hat die Autorin wirklich ein bemerkenswert fantasievolles Universum geschaffen. Dieser zweite Band schließt unmittelbar an den ersten Teil an. Letzteren sollte man unbedingt gelesen haben, um sich zurecht zu finden. Die Spiegelreisende Ophelia braucht ihre Identität als Thorns Verlobte nicht länger zu verstecken.

Sie wird bei Hofe eingeführt und kurioserweise unfreiwillig zu Faruks zweiter Geschichtenerzählerin ernannt. Doch was ist im Monscheinpalast wirklich im Gange? Als nach und nach vier wichtige Persönlichkeiten spurlos verschwinden, beauftragt Faruk aufgrund ihres Talentes, mit den Händen Gegenstände auf deren Vergangenheit hin "lesen" zu können, Ophelia mit den Ermittlungen. Sehr zu Thorns Missvergnügen...

Die Handlung kommt erneut wunderbar skurril daher. Ophelias lebendiger Schal und ihre vor Schreck gelegentlich erbleichenden Brillengläser haben mir wieder viel Spaß gemacht. Ebenso wie Ophelias Verwandtschaft, die nun auch zum Pol reist und von Ophelias Verlobten alles andere als angetan ist. Ophelia und auch Thorn müssen sich weiterentwickeln, um mit den Ereignissen mithalten zu können, was nachvollziehbar geschildert wird. Dass mir der stoffelige Thorn einmal ans Herz wächst, hätte ich noch im ersten Teil nicht für möglich gehalten.

Gelegentlich nimmt die Handlung sehr mystische Züge an, schließlich geht es um nichts weniger als die Frage, wer Gott ist und wer sogar Gott lenkt. Manchmal war mit dies ein klein wenig zu mystisch. Aber für das ansonsten große Lesevergnügen habe ich es gern in Kauf genommen.

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Marschmädchen

Der Gesang der Flusskrebse von Delia Owens

Es tut einem Buch manchmal nicht gut, wenn es zu hymnisch besungen und in eine zu große Tradition gerückt wird. Das war hier der Fall. Ich bin daher mit geradezu immensen Erwartungen an die Lektüre gegangen. Auch wenn ich überwiegend gefesselt war, ist bei mir dennoch nicht der Eindruck eines modernen Klassikers entstanden.

Kya wird von allen nur das Marschmädchen genannt. Ihre Mutter und ihre Geschwister lassen sie mit dem gewalttätigen und trunksüchtigen Vater allein im Marschland zurück. Schon mit sechs Jahren muss Kya weitestgehend für sich selbst sorgen. Sie muss ungewöhnliche Wege finden, Geld zu verdienen und erhält auch keine Schulbildung. Die Natur wird ihr einziges Heil und ihre große Liebe. Lesen lernt sie nur durch einen Kindheitsfreund ihres Bruders. Zwischen den beiden keimen im Laufe der Jahre tiefere Gefühle auf, doch als Tate ans College geht, ist Kya erneut vollkommen allein. In ihrer Einsamkeit verliebt sie sich ausgerechnet in den Frauenheld Chase. Doch dieser liegt eines Morgens tot im Sumpf.

Dass die Autorin Zoologin ist, kommt dem Buch sehr zugute. Die Naturbeschreibungen sind authentisch und eindringlich. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass sich Kyas Kindheit für manchen, der weniger naturverbunden ist als ich, gelegentlich doch ziemlich hinzieht.

Der Roman spielt von Beginn an auf zwei Zeitebenen: Die Leser erleben in einem Erzählstrang Kyas Entwicklung. Der zweite beginnt mit dem Auffinden der Leiche und den darauffolgenden Entwicklungen. Dieser letztere blieb für mich im Vergleich leider sehr an der Oberfläche. Dies setzt sich fort, als die beiden Zeitstränge aufeinandertreffen und Kya zu einer jungen Frau geworden ist. Bis zu diesem Zeitpunkt hat man sehr viel über ihr Innenleben, das sich in der Naturbeschreibung wiederspiegelte, erfahren. Nun läuft die Erzählung einheitlich weiter, erreicht aber nicht mehr die anrührende Tiefe, mit der die Vergangenheit geschildert wurde. Es ist sicher dem Umstand geschuldet, dass so die Spannung über die Auflösung des Kriminalfalls aufrechterhalten werden kann, was auch gelingt. Der Erzählung hat das aber geschadet, da sie damit das Besondere verloren hat.

Die Wahrheit über Chases Tod hat mich persönlich reichlich schockiert und einige moralische Fragen aufgeworfen. Leider kann ich aber auf meinen Kritikpunkt nicht näher eingehen, ohne zu viel zu verraten.

Als Fazit kann ich sagen, dass das Buch für mich durch die eindringliche Schilderung einer Kindheit, die nur durch die Natur vor völliger Einsamkeit bewahrt wird, heraussticht. In der zweiten Hälfte konnte die Autorin jedoch das hohe Niveau leider nicht ganz halten und verschenkt etwas Potential.

Als unnötige und unübliche Bevormung der Leser habe ich den Tick der Übersetzenden empfunden, das gemeine Schimpfwort, das in der Zeit, in der die Geschichte spielt, für Afroamerikaner tragischerweise verwendet wurde, durch Sternchen zu ersetzen. Das steht im Gegensatz zu dem, was die Autorin wollte und spielt die Geschichte sinnlos weich, ohne die Vergangenheit besser machen zu können.

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Die Möglichkeit der Liebe

Gespräche mit Freunden von Sally Rooney

Frances und Bobbie sind irische Studentinnen Anfang 20, die die herkömmliche Berufswelt ablehnen und als Spoken-Word-Künstlerinnen sporadisch auftreten. Während Bobbie nach Meinung der Ich-Erzählerin Frances über mehr Ausstrahlung verfügt, sind die Texte dagegen ausschließlich von der hochtalentierten Frances.

Diese verfügt, augenscheinlich wie die Autorin selbst, über eine außerordentlich scharfsinnige, fast sezierende Beobachtungsgabe und versteht es, ihre Gedanken pointiert zum Ausdruck zu bringen.

Bobbie und Frances waren früher mehr als Freundinnen. Bobbie interessiert sich im Gegensatz zu Frances ausschließlich für Frauen. Als die beiden das Ehepaar Melissa und Nick kennenlernen, entwickelt Bobbie schnell eine Neigung zu Melissa, die sowohl als Autorin als auch Fotografin erfolgreich ist. Nick hat als Schauspieler ebenfalls einen gewissen Bekanntheitsgrad. Obwohl Melissa und Nick bereits Anfang 30 sind, wird die Viererbekanntschaft bald intensiver. Zu ihrer Überraschung entwickelt die kühle Frances immer heftigere Gefühle für den attraktiven, jedoch ebenfalls reservierten Nick. Als daraus mehr wird, gestaltet sich das Beziehungsgeflecht immer komplizierter.

„Gespräche mit Freunden“ lebt tatsächlich von vielen Gesprächen, Telefonaten und Textnachrichten. Anführungszeichen wurden bewusst nicht gesetzt, was ich etwas anstrengend und wenig innovativ fand. Manches Mal blieb ich im Unklaren, ob noch jemand spricht oder Frances‘ Gedanken wiedergegeben werden.



Gleichzeitig kreist Frances jedoch vornehmlich um sich selbst, was wieder einmal beweist, dass es vor allem überdurchschnittlich intelligenten Menschen nicht gut tut, zu wenig Aufgaben zu haben. Durch ihren schwierigen familiären Hintergrund ist für sie Selbstbeherrschung zur zweiten Natur geworden. Sie hat mich als Protagonistin tatsächlich fasziniert. Ich bin ihrer Geschichte gespannt gefolgt bis zum gelungen überraschenden Ende.

Erst nach der Lektüre habe ich erfahren, dass die Autorin geradezu als eine der Stimmen ihrer Generation gilt und das Buch sehr hoch gehandelt wird. Das lässt mich etwas zwiespältig zurück. Einerseits war ich von den Gedankengängen wirklich gefesselt und auch mit der erzählten Geschichte zufrieden. Die Geschichte wurde aber erst durch die Art und Weise, wie Frances sie erzählte und empfand, besonders und wäre ansonsten eigentlich ein wenig beliebig gewesen, so wie auch der Buchumschlag, den ich wenig aussagekräftig finde. Auf die Idee, dass der Roman so sehr Furore macht, wäre ich dagegen nicht gekommen.

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Ratlos

Dschungel von Friedemann Karig

Felix ist verschwunden. Was eigentlich ein Glück sein sollte. Denn, so erfahren wir in jeder Menge Kindheits- und Jugenderinnerungen des namenlosen Ich-Erzählers, Felix ist hochgradig manipulativ, umgarnt seinen Freund, um ihn dann immer wieder im Stich zu lassen, verbringt seine Zeit mit Klauen, obwohl er im Wohlstand lebt, nimmt Drogen, quält engagierte Lehrerinnen, beschimpft sinnlos Frauen und nutzt sie aus.

...
Die letzte Spur führt nach Kambodscha. Aus Gründen, die wohl nur der Protagonist und der Autor kennen, lässt sich der Erzähler von Felix' Mutter motivieren, Felix in Kambodscha zu suchen. Damit gefährdet er seinen Job und die Beziehung zur Freundin, was ihn kaum zu berühren scheint.

In Kambodscha angekommen, tritt die Suche dann lange auf der Stelle. Die eingestreuten Erinnerungen haben mich nicht gepackt, zum Teil hätte ich sie gern einfach überblättert. Die Fäkalsprache nervte und Kapitel mit einer Überschrift wie "Kotze" und entsprechendem Inhalt brauche ich persönlich nicht.
Mit zunehmender Zeit in Kamboscha scheint die Persönlichkeit des Erzählers immer mehr zu dissoziieren. Er redet permanent mit sich selbst und mit Fantasiefiguren. Manchmal habe ich mich schon gefragt, ob Felix überhaupt existiert oder er und der Erzähler eine gemeinsame, aber gespaltene Persönlichlkeit sind. Das ist raffiniert gemacht, zerrte aber auch gewaltig an den Nerven. Das große Geheimnis, dass Felix' Charaktermängel rechtfertigen soll, ist zwar traurig, aber in seiner Häufigkeit in Literatur und Film mittlerweile klischeehaft geworden.
Als das Buch zu Ende war, war ich leider wirklich froh, den drogenvernebelten Gedanken der unsympathischen Protagonisten nicht mehr folgen zu müssen. Warum das Buch als eine Hymne auf das Jungsein gehandelt wird, ist mir schleierhaft. Wessen Jugend so aussieht, der kann einem nur leidtun.

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Berliner Geschichte

Zeugin der Toten von Herrmann Elisabeth

Romane, in denen Geheimdienste eine große Rolle spielen, sind normalerweise nicht mein Metier. Da mir aber die Krimis von Elisabeth Herrmann ausnehmend gut gefallen, konnte ich mir auch diesen nicht entgehen lassen. Zudem hat Frau Herrmann mit Judith Keppler, einer Tatortreinigerin und ausgesprochen gebrochenen Heldin, eine äußerst interessante Protagonistin geschaffen.

Als ehemalige West-Berlinerin fand ich zudem das Berliner Setting sehr interessant und authentisch.
Zum Auftakt wird ein Mädchen klammheimlich in einem Heim im Ost-Berlin der 80er Jahre gegen ein anderes ausgetauscht. Welche Verbindung besteht zwischen ihm und Judith, die selbst aus diesem Kinderheim stammt und durch ihre Kindheit dort seelische und körperliche Wunden davongetragen hat? Jahre später findet Judith bei der routinemäßigen Reinigung eines Tatorts Hinweise, die alles, was sie über sich zu wissen glaubte, auf den Kopf zu stellen scheinen. Bei dem Versuch, dem auf dem Grund zu gehen, gerät Judith schnell ins Fadenkreuz des BND und wird selbst zur Gejagten. Und auch die Machenschaften der Stasi scheint nicht so vergangen zu sein, wie man glaubte...
Vor allem vor dem Hintergrund, dass der BND nun seines neues Berliner Quartier in Berlin bezieht, wirkt dieser spannende Ausflug in die Berliner Geschichte noch immer hochaktuell. Judith, ihr Kollege Kai, Ex-BNDler Quirin Kaiserley und Judiths Chef Dombrowski sind plastische Charaktere, die neugierig auf die nachfolgenden Bände machen.

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