Kunden em pfehlungen
Rezensionen von anushka:
Atmosphärischer Islandroman über eine deutsche Landarbeiterin
Moosland von Katrin Zipse
Elsa war vier Jahre unterwegs, als sie 1949 endlich als Landarbeiterin in Island ankommt. Wie Hunderte andere deutsche Frauen nach dem Krieg folgt sie dem Aufruf der Bauernpartei, um in Island gutes Geld zu verdienen. Doch nicht nur ihre mangelnden Sprachkenntnisse lassen Elsa schweigen. Vom Krieg traumatisiert, trauert sie um ihre Familie und ihre Freundin Sola.
Bei den isländischen Bauern ist alles fremd und Elsa muss die Familie, deren Dynamik, ihre Aufgaben und das Land kennen und verstehen lernen. Doch auch die Bauernfamilie hat ihre dunklen Flecken: da sind die anhaltenden Konflikte mit dem jüngsten Sohn, aber auch ein Bild, das eine junge Frau zeigt, über die niemand spricht.
Dieser Roman greift ein Stück Geschichte auf, das wenig bekannt ist. Nachdem zehntausende amerikanische Soldaten in Island stationiert waren und bei ihrem Abzug zahlreiche isländische Frauen mitnahmen, wurden Frauen aus Deutschland angeworben, um die Einheimischen als Arbeitskräfte und vielleicht sogar als Ehefrauen zu unterstützen. Die Geschichte ist ruhig, aber atmosphärisch erzählt, die Kargheit der Landschaft erwacht vor dem inneren Auge, fast spürt man den Wind der Küste. In diesem Buch spricht kaum einer mehr als das Nötigste, was manches Mal eher deprimierend wirkt, andererseits aber gut zur Lebenssituation der Familie passt. Das Tempo ist langsam, aber es zieht stetig an, wenn auch nicht im klassischen Sinn. Mich konnte das Buch schnell fesseln, auch wenn Elsa aufgrund ihrer Verschlossenheit nicht leicht zu mögen ist. Die Naturbeschreibungen ließen eine Verbindung zum Land aufkommen. Sympathisch fand ich auch, dass die isländischen Aussprüche zunächst lautmalerisch geschrieben sind, bis Elsa die Begriffe auf Isländisch sieht. Das erleichtert die Vorstellung, wie Dinge auszusprechen sind.
Ich bin sehr froh, diese eher kleine (etwas mehr als 200 Seiten), aber kraftvolle Geschichte voller leiser Töne gelesen zu haben. Mir wäre sonst ein wunderschöner Island-Roman entgangen.
Eingängiger Roman über Botanik, das Exil in der Türkei und den Zweiten Weltkrieg
Ein Ort, der bleibt von Sandra Lüpkes
Alfred und Magda Heilbronn sind Botaniker in Münster. Alfreds Verbindung zu seinen jüdischen Wurzel war bislang nicht existent, doch im Jahr 1933 spielen diese Wurzeln plötzlich eine Rolle und führen zu einem Berufsverbot als Professor. So entscheidet sich die Familie, einer Einladung nach Istanbul zu folgen, denn die Türkei unter Atatürk führt gerade eine Bildungsreform durch und möchte sich von Akademikern aus Deutschland untersttützen lassen.
Dort wird die junge Mehpare Başerman Alfreds Assistentin. Zusammen bauen sie einen botanischen Garten in Istanbul auf ...
Sandra Lüpkes hat mit diesem Buch erinnerungswürdige Figuren geschaffen, von denen sich am Ende herausstellt, dass sie tatsächlich existiert haben. Die zunehmende Bedrohung und Verzweiflung in Münster wird sehr eindrücklich vermittelt; das Gefühl einer sich zuziehenden Schlinge, die keinen Ausweg lässt. Im Vergleich zu vielen anderen haben die Heilbronns allerdings Glück und können sich in Istanbul einer wachsenden deutschen Gemeinschaft von Exilant:innen anschließen. Aber auch hier streckt der Nationalsozialismus die Finger nach ihnen aus. In dieser Geschichte geht es aber gar nicht zentral um den bekannten Botaniker selbst, sondern um die weiblichen Figuren der Geschichte. Magda tut sich schwer mit dem Einleben. Sie selbst ist auch Botanikerin, reist jedoch nur als Frau des Botanikers in die Türkei. Um nicht an Langeweile zu vergehen, macht sie lange Spaziergänge durch die Stadt und beginnt, mehrere Sprachen zu lernen. Mehpare hat das Glück, für Alfred Heilbronn zu arbeiten und wird zu seiner ersten Postdoktorandin. Als Mädchen schon immer wissbegierig, musste sie sich vor allem von den männlichen Vorbildern in ihrem Leben sagen lassen, nicht ständig alles zu hinterfragen ("Iss den Honig und frag nicht nach der Biene"). Der Roman zeigt die Aufbruchsstimmung in der Türkei, die durch Atatürks Reformen entstanden ist und die Möglichkeiten, die sich hier auch für Frauen ergeben. Demgegenüber steht der Handlungsstrang um Imke in unserer Zeit, der den Kontrast zwischen der damaligen und der heutigen Türkei aufzeigt und auch einen Blick auf den inzwischen vernachlässigten botanischen Garten wirft. Dieser Kontrast funktioniert sehr gut und überzeugend, doch Imkes viele privaten Problemen haben für mich zu sehr vom historischen Handlungsstrang abgelenkt. Dieser dagegen ist emotional und gleichzeitig lehrreich. Die botanischen und genetischen Hintergrundinformationen sind verständlich und von genau richtiger Menge (und nicht zu ausschweifend), um die Figuren authentisch wirken zu lassen. Man reist mit auf botanische Exkursionen zu seltenen Pflanzen, doch wird dabei nicht mit Informationen erschlagen. Mit dieser glaubwürdigen Wiederbelebung von historischen Personen beleuchtet die Autorin ein wenig bekanntes Stück Zeitgeschichte, in dem die Türkei tausende jüdische Menschen aufgenommen und dadurch gerettet hat.
Mit dem vorliegenden, eher ruhigen Roman bekommt man eine Geschichte, die eine ganze historische Epoche und ihre verschiedenen Stimmungen einfängt und dabei die Figuren nahbar macht, sodass man über die Jahrzehnte an ihrem Werdegang interessiert ist und mit ihnen leidet. Gleichzeitig entwickelt man auch eine Wertschätzung für die Botanik und wichtige Gebäude in der Stadt, die vielleicht auch in der heutigen Zeit erhalten bleiben sollten.



