Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Gertie G.:
Die Missionarin, die nie in Afrika war
Maria Theresia Ledóchowska von Sabine Veits-Falk; Johannes Hofinger
Verlagstext:
„Maria Theresia Ledóchowska (1863-1922), eine junge Frau polnisch-adeliger Herkunft, kam 1885 als Hofdame von Großherzogin Alice von Toskana in die Stadt Salzburg. Hier fand sie ihre Lebensthemen: den Kampf gegen die Sklaverei und die Mission in Afrika. Beide waren zentrale Motive für die Gründung des nach wie vor aktiven Missionsordens vom heiligen Petrus Claver in Maria Sorg.
Ihre Ideen verbreitete Ledóchowska mit eigenen Druckwerken, der Herausgabe von Zeitschriften und den modernen Medien des beginnenden 20. Jahrhunderts. In der Stadt Salzburg gründete sie ein Afrika-Museum, das „Claverianum“, und prägte damit das Afrika-Bild ihrer Zeit im Spannungsfeld von Mission und Kolonialismus.“
Da ich gerne Biografien über ungewöhnliche Frauen lese, hat mich dieses Buch interessiert. Über die Ordensgründerin Maria Theresia Ledóchowska ist außerhalb der einschlägigen Community wenig bis nichts bekannt. Nun soll mit diesem Buch, das eine wissenschaftliche und kritische Auseinandersetzung mit dieser Frau sein soll, Abhilfe geschaffen werden. Dazu tragen die Erkenntnisse von 12 Autorinnen und Autoren bei, die nun in dieser Biografie zusammengefasst sind.
Auch wenn ich einräume, das Leben der Maria Theresia Ledóchowska im Kontext der Zeit zu betrachten ist, bin ich von Kapitel zu Kapitel zorniger geworden. Von den europäischen Herrschern sowie der katholischen Kirche, ist man ja die Allmachtsfantasien vom „Gottesgnadentum“ etc. mit dem sie sich auf Kosten anderer bereichert haben, gewöhnt.
Leider bekennt sich Ledóchowska ebenfalls zu dieser eifernden Zwangsmission. Nicht immer ist alles gut, was gut gemeint ist. So kauft sie bzw. ihr Orden von Sklavenhändlern verschleppte Kinder frei. Allerdings nicht um sie ihren Familien zurückzugeben, sondern um „gute (katholische) Christen aus ihnen zu machen. Ein einträgliches Geschäft für die Sklavenhändler, die nun nur mehr die Hand aufzuhalten brauchen.
Besonders verstörend sind die Ansichten der Ordensgründerin wie auf Seite 146 ausgeführt:
„Ledóchowska plädiert zunächst für den friedlichen Weg, also die Ausbreitung des Christentums durch die katholischen Missionen. Die Missionare sind Kolonisten, welche die der Arbeit entwöhnten Neger beten und arbeiten lehren und so nach und nach durch freiwillige Arbeiter die Sklaverei ersetzlich machen. Zweitens fordert sie den Ausbau von Eisenbahnen und Telegraphen, damit der Transport nicht durch Sklav:innen sondern auf der Schiene erfolgen könne. Und drittens müsse das Schwert eingesetzt werden, denn in Afrika sei der Kampf zwischen Christentum und Islam entbrannt, zwischen Kreuz und Halbmond. Dieser dürfe nur begonnen werden, wenn eine Niederlage ausgeschlossen werden könne und das bedeute, dass zuerst an den Küsten die Herrschaft der Europäer etabliert werden müsse.“
Und so eine Person wird seitens der Kirche 1975 selig gesprochen?! Dabei kennt sie die Zu- und Umstände vor Ort gar nicht. Maria Theresia Ledóchowska hat mehr oder weniger gemütlich in Salzburg gelebt und hat Afrika Zeit ihres Lebens nicht besucht. sie kennt alles nur vom Hörensagen und von Fotos, die sie für ihre Vortragsreihen benützt. Diese rund 2.000 oft handkolorierten sind im Ordenshaus Maria Sorg in Salzburg gefunden worden.
Der Orden besteht nach wie vor, weshalb das Stadtarchiv Salzburg nun dieses durchaus kritische Buch zu Maria Theresia Ledóchowska herausgebracht hat. Dass die Ordensgründerin der Freiwilligen Feuerwehr Lengfelden (Bergheim) die damals modernste Feuerwehrspritze gespendet hat, kann meiner Ansicht nach nicht über das Leid hinwegtäuschen, das den Familien in Afrika durch die Christianisierung angetan worden ist.
Ja, es ist notwendig den Menschen in Afrika zu helfen, aber mit Rücksichtnahme auf örtliche Gepflogenheiten und ohne sie zu Bittstellern zu degradieren und als Gegenleistung für die Unterstützung, den christlichen Glauben annehmen zu müssen. Auf der Website des Ordens wird um Spenden für Bücher gebeten. Keines der taxativ aufgezählten Werke hilft den Lesern bei der Bewältigung des kargen Alltags, sondern „soll den Glauben stärken“.
Da zwölf Personen Beiträge verfasst haben, wird in jedem Bezug auf ihre adelige Herkunft genommen. Das ist ein bisschen ermüdend zu lesen. Da hätte das Lektorat eventuell steuernd eingreifen können.
Fazit:
Die kritische Auseinandersetzung mit dieser Ordensgründerin ist längst überflüssig, zumal der Orden, wie in dem Buch zu lesen ist, weiter besteht und seine Arbeit im Sinne seiner Gründerin fortführt. 4 Sterne
Schatten der Vergangenheit
Und Wien leuchtete von Henny Arland
Als die junge Berliner Journalistin Elisabeth Wimmer im Jahr 1928 nach Wien kommt und im renommierten Hotel Sacher absteigt, macht unter drei der „Königinnen Wiens“ Unruhe breit. Was will die von Anna Sacher, Emilie Flöge und Helene Stein-Kleiner? Einen Bericht über die bekannte, wohlhabende Frauen schreiben? Oder steckt da mehr dahinter?
Anna Sacher, die mächtige Eigentümerin des Hotels beginnt ihre Fäden zu spinnen und lässt Paul Berger, einen jungen Lehrling, der jungen Frau nachspionieren.
Dabei entdeckt die Sacher, dass es eine Verbindung zwischen Elisabeth Wimmer und dem Skandal rund um die Komtess Mizzi, der in den Jahren 1908 und 1909 Gesprächsthema Nr. 1 war, geben muss.
Meine Meinung:
Henny Arland nimmt den Prozess um den angeblichen Grafen Marcell Veith, der seine noch minderjährige Tochter Komtess Marie „Mizzi“ über vier Jahre lang höchstpersönlich, älteren und vermögenden Männern in diversen Separées zuführt, als Aufhänger für ihren historischen Roman, der 20 Jahre später spielt. Mizzi kann im Prozess nicht aussagen, da sie sich kurz zuvor aus Schande im Donaukanal ertränkt hat. Die Kunden werden von der Justiz mit Samthandschuhen angefasst. Der Vater wird zu einem Jahr Kerker verurteilt. Der Skandal folgt auf dem Fuß, denn nach seiner Entlassung, veröffentlicht Veith mehr als 200 Namen, darunter Aristokraten, hohe Richter, Mäzene, Staatsanwälte und nicht zuletzt auch der Name des Polizeipräsidenten. Soweit die Vorgeschichte, die im Buch „Komtess Mizzi“ von Walter Schübler, sehr gut beschrieben ist, und hier den Hintergrund der Recherchen der Berliner Journalistin bildet.
Daher kann ich die Andeutungen und Hinweise in Henny Arlands historischen Roman sehr gut folgen. Doch bis sich den Damen Sacher, Flöge und Stein-Kleiner die Zusammenhänge enthüllen, haben sie noch einige bange Wochen zu überstehen. Allerdings muss auch Elisabeth Wimmer Lehrgeld zahlen.
Hauptfigur ist diesem historischen Roman ist die Frau Sacher, die mit ihrer unkonventionellen Art zu leben und in ihrem Hotel zu herrschen, bereits zu Lebzeiten eine Legende war. Es scheint, als hätte Frau Sacher der Autorin die Zügel aus der Hand genommen, denn die fiktive junge Journalistin, von der es zunächst den Anschein hat, als würde sie die sogenannte bessere Gesellschaft aufmischen, gerät ein wenig ins Hintertreffen.
Wir begegnen zahlreichen historischen Persönlichkeiten, die im Personenverzeichnis aufgelistet sind. Elisabeth Wimmer, Helene Stein-Kleiner sowie Paul Berger sind fiktive Charaktere, die die Geschichte lebendig machen.
Dieser historische Roman lässt sich leicht lesen und gibt ein authentisches Bild der Großstadt Wien um 1928 wieder. Hier bitterste Armut und dort nach wie vor Reichtum, auch wenn der auf Grund von Inflation und falschem Investment (Kriegsanleihen!) geschrumpft ist. Die Lebensmittelknappheit macht auch vor dem Hotel Sacher nicht Halt.
Sehr gut ist die Bigotterie von Wien um 1910 beschrieben, die auch einen verlorenen Weltkrieg, eine Spanische Grippe und den Zerfall der Donaumonarchie überlebt hat. So müssen auf Grund der Armut und Wohnungsnot zahlreiche Menschen, wie der Lehrling Paul Berger, im Kanalsystem übernachten. Dieser Figur hätte ich gerne mehr Raum geschenkt gewusst.
Fazit:
Ein gelungener historischer Roman aus dem Wien der Zwischenkriegszeit. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.
Süße Versuchung!
Wiener Zuckerbäckerei von Bernadette Wörndl
Dieses, in gediegener Aufmachung als Hardcover mit Lesebändchen und Goldprägung erschienene Backbuch ist eine Hommage an die Wiener Zuckerbäckerei des 19. Jahrhunderts.
Autorin Bernadette Wörndl hat die Rezepte der Zuckerbäckerin Theres Scholz (geboren 1884) in die Moderne übersetzt. Dazu musste sie die Kurrentschrift lernen und die damals üblichen Maßeinheiten wie Loth in das aktuelle System der SI-Einheiten transferieren.
Das Wagnis ist ebenso gelungen, wie die wunderbaren Fotos von Melina Kutelas.
Welche Rezepte verrät uns die Autorin?
Kuchen & Tartes
Torten
Schnitten & Rouladen
Teegebäck
Mehlspeisen
Weihnachtsgebäck
Puddings, Cremes & Eingemachtes
Die einzelnen Rezepte sind übersichtlich gestaltet und die Arbeitsanleitung praktikabel verfasst. Als Wienerin finde ist es besonders ansprechend, dass die Zutaten in österreichischem Deutsch angegeben sind. Keine Angst, ein Glossar erklärt die Begriffe.
Während ich diese Rezension schreibe, weht ein himmlischer Duft aus meiner Küche. Mann & Sohn versuchen sich soeben an Schaumrollen (S.100). Für die sonntägliche Jause ist die Mohntorte (S. 67) geplant.
Fazit:
Gerne gebe ich dieser Hommage an die Wiener Zuckerbäckerei, die nicht nur den Gaumen sondern auch das Auge erfreut, und einen Ehrenplatz im Kochbuchregal bekommen wird, 5 Sterne.
„Wer zu viel Wahrheit spricht, wird ganz gewiss gehängt.“
Mein Name ist Barbra von Barbra Streisand
„Manchmal hatte ich das Gefühl, meine Nase bekam mehr Presse als ich selbst.“
Lange mussten Fans von Barbra Streisand auf eine Autobiografie warten. Nun ist sie erschienen ! Zunächst nur auf englisch, nun aber auch auf Deutsch. Das Kuriose daran - die Rechte dafür hat Jürgen Lagger, der Eigentümer des Ein-Mann-Verlages Luftschacht in Wien und nach eigener Definition, ein Streisand-Freak, bekommen.
Nun liegt es schwer in der Hand, das Werk - 1.200 Seiten, in gediegener Aufmachung und sorgfältig gebunden.
Das Buch liest sich wunderbar. Es ist, als säße Barbra Streisand gegenüber und erzählte aus ihrem Leben. Sie gilt als schräg (Ansichtssache), perfektionistisch (klar, wenn man eine Mutter hat, die einem nichts zutraut) und als Kontrolletti (ja, muss auch sein, wenn sich Männer nicht an Absprachen halten und Szenen aus Filmen herausschneiden). Sie selbst stuft sich als schüchtern ein und kompensiert diese Schwäche (?) mit Ehrgeiz und Fleiß.
Sie spricht über ihre Filme, erklärt facettenreich die diversen technischen Details bei den Kameraeinstellungen, sowie ihr Faible für üppige Kostüme. Das mag, nachdem sie rund 20 Filme gedreht hat, für den einen oder anderen Leser mitunter ermüdend wirken. Mir hat dieser Detailreichtum rund um Filmset bzw. Theater sehr gut gefallen. Ebenso aufschlussreich und beeindruckend ist die Liste der Berühmtheiten aus Film und Theater, die Streisand im Laufe ihres Lebens kennenlernt. Mit einigen davon arbeitet sie auch dann.
Breiten Raum nimmt ihr Herzensprojekt „Yentl“ ein. Ein Film, den niemand so recht machen wollte. Daher übernimmt sie die das Schreiben des Drehbuchs, die Produktion, die Regie und die Hauptrolle gleich einmal selbst. So ist sie, die Streisand. Hindernisse sind dazu da, um überwunden zu werden.
Sie erzählt von ihren Anfängen, Fortschritten und Rückschlägen, sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Interessant ist, dass sie seit ihrer Kindheit einen Tinnitus hat. Noten lesen kann sie übrigens, nach eigener Aussage, auch nicht. Wenn sie eine neue Melodie im Kopf hat, summt sie die dem Pianisten oder Bandleader vor, damit er sie niederschreibt und arrangiert.
An einigen Stellen prangert sie das frauenfeindliche Klima in der Filmwelt an. Als hübsches Gesicht sind Frauen gefragt, da sie Geld in die Kassen spülen, als Produzentinnen oder Regisseurinnen werden sie von der Lobby der alten weißen Männer negiert. Sie spricht auch den eklatanten Unterschied bei den Gagen an.
„Wer zu viel Wahrheit spricht, wird ganz gewiss gehängt.“
Ergänzt wird dieses opulente Werk durch zahlreiche Fotos, Zitate sowie Liedtexte und Auszügen aus Dialogen von Streisands Filmen und Theaterstücken.
Fazit:
Mir hat diese Autobiografie und die Geschichte, wie es zur deutschen Veröffentlichung gekommen ist, ausgezeichnet gefallen. Gerne bewerte ich dieses Buch mit 5 Sternen.
Eine faszinierende Familiengeschichte
Die Kinder des Hofjuweliers von Gunnar Bolin
Zunächst muss ich vorausschicken, dass ich hier etwas ganz anderes erwartet habe, nämlich die Geschichte einer Juweliersdynastie à la Cartier oder Fabergé. Juwelen spielen in dieser dennoch interessanten und nicht immer friktionsfreien Familiengeschichte nur eine ganz winzige Rolle. Dafür erhalte ich Einblick in eine Familie, deren Mitglieder über halb Europa verstreut sind und am Rande die Familie meines Mannes tangiert.
Worum gehts also?
In Småryd, außerhalb der südschwedischen Kleinstadt Båstad, steht die Sommervilla der Familie Bolin. Die Villa, die einst vom russischen Hofjuwelier Wilhelm Bolin errichtet und zu einem Zufluchtsort der Familie worden ist. Dort entdeckt Wilhelms Urenkel Gunnar auf dem Dachboden Kartons voll mit Briefen, aus den Jahren von 1918 bis 1947, sowie Fotos, die vom Schicksal des Lebens im Schatten der großen politischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts zeugen. Von seinem Urgroßvater Wilhelm während der russischen Revolution, aber auch von seiner Großmutter Karin, Nichte des Wiener Bürgermeisters Karl Seitz, die in den 1920er Jahren nach Österreich kam und den Sozialisten Ernst Hoffenreich heiratete. Wie kommt Maria, Karins Mutter und Schwester von Karl Seitz nach Moskau?
Wie ist es Karin ergangen, die in der Moskauer Oberschicht in einem Haus mit zahlreichen Bediensteten aufgewachsen ist, als sie sich in einen österreichischen Sozialisten verliebt hat? Oder ihrem Sohn Gerhard, der bei seinem nationalsozialistischen Onkel aufgewachsen ist und für die Deutsche Wehrmacht in den Krieg ziehen musste?
In Gesprächen mit seinem Vater Gerhard geht der Autor, Gunnar Bolin, geboren 1957 in Stockholm, seiner Familiengeschichte auf den Grund. Er beleuchtet sie immer auch in Zusammenhang mit der europäischen Geschichte der Zwischenkriegszeit. Das Resultat ist ein außergewöhnlich detailliertes und persönliches Zeugnis, in dessen Zentrum die mehrmalige Flucht und Vertreibung sowie der österreichischen Politik zwischen den Weltkriegen und nach 1945 beschreibt.
Meine Meinung:
Journalist und Autor Gunnar Bolin hat aus den zahlreichen Briefen und Erinnungsstücken seiner weit verzweigten Familie eine fesselnde Familienbiografie erstellt. Die Lücken, die aus verschiedenen Gründen vorhanden sind, füllt er behutsam. Manches erfährt er über Dritte, manches ist in Archiven nachzulesen. Die Familiengeschichte ist aus mehreren Perspektiven erzählt.
Faszinierend ist, wie vielsprachig die Familie ist: Neben russisch und schwedisch sprechen die meisten englisch und deutsch. Interessant auch, dass der kleine jüdische Zweig in der NS-Zeit nicht aufgefallen ist und keine Konsequenzen hatte.
Wie Gunnar Bolins Geschichte die meines Mannes berührt?
Seine Mutter, also meine geschätzte Schwiegermutter, stammt aus Bad Sauerbrunn (damals noch ohne Bad), in jenem Ort, in dem Ernst Hoffenreich gleich zwei Mal Bürgermeister war. Einmal wie im Buch beschrieben 1927-1934 bevor im Ständestaat die Sozialistische Partei verboten und ihre Funktionäre verhaftet worden sind und ein zweites Mal (was aber im Buch nicht erwähnt wird) von 1949-1951. Ihm folgt dann Schwiegermutters Vater, Stefan Reich, für die Jahre 1951-1958 als Bürgermeister nach.
So viel, zur Kleinheit der Welt. Man muss nur aufmerksam genug sein, um Zusammenhänge zu entdecken.
Das Cover, das mich nicht gar so begeistert, soll vermutlich die Villa Bolin in Småryd darstellen.
Fazit:
Eine faszinierende Familiengeschichte, auch wenn Juwelen keine Rolle spielen. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.
Aus dem Leben eines Kriegschirurgen
Dissonanzen von Flavio Del Ponte
Humanitäre Hilfe ist ein Mittel gegen den Krieg
Autor und Arzt Flavio del Ponto feiert 2024 seinen 80. Geburtstag, Grund genug, sein abenteuerliches Leben Revue passieren zu lassen. Doch der eigentliche Anlass dieses Buch zu schreiben, ist der 24. Februar 2022, als Putins Truppen in der Ukraine einmarschiert sind und er ein Déjà-vu von toten Soldaten und Zivilisten hat.
Der Schweizer Flavio del Ponte war meistens als Arzt im Auftrag des Internationalen Roten Kreuzes 40 Jahre lang als an den unterschiedlichsten Kriegsschauplätzen der Welt. Seine Einsätze führten ihn unter anderem nach Kambodscha, Afghanistan und Ruanda, wo er - wie er erzählt - die am Straßenrand gestapelten Leichensäcke zählt. Ein schwieriger Einsatz war auch jener in Rumänien, als nach dem Sturz des Diktatorenehepaares Elena und Nicolae Ceaușescu, auf Hunderte völlig verwahrloste Waisenkinder trifft, die in ebenso verwahrlosten, ungeheizten Häuser dahinvegetieren.
Flavio del Ponte berichtet über seine langjährige Tätigkeit als Kriegschirurg, der nicht zwischen den Kriegsparteien unterscheidet. Ob Freund oder Feind - er behandelt beide. Zunächst ist natürlich die Erstversorgung vorrangig. Doch del Ponte macht sich auch Gedanken darüber, welches Leben die Opfer der Kriege, denen oft Arme oder/und Beine amputiert werden mussten, führen werden. Am Ende des Buches sind ein paar Fotos von Kindern, denen Minen Gliedmaßen zerfetzt haben zu sehen.
"Man darf die Menschen nicht im Stich lassen, das Leiden ist groß"
Manche Absätze lesen sich ein wenig distanziert, doch vermute ich hier eine Art Selbstschutz, um nicht angesichts des Leids, dass sich die Menschen untereinander zufügen, den Verstand zu verlieren, gleichzeitig spricht er hin und wieder von großen Abenteuern. Da kommt mir gleich der 1970 entstandene Film M*A*S*H mit Elliott Gould, Donald Sutherland und Tom Skeritt in den Sinn, der im Korea-Krieg spielt. So waren seine Einsätze sicher nicht.
Wenn man den Status der aktuellen Weltlage betrachtet, wird den Ärzten an den diversen Kriegsschauplätzen die Arbeit weiterhin leider nicht ausgehen.
Fazit:
Wenn Flavio del Ponte sagt, "Humanitäre Hilfe ist ein Mittel gegen den Krieg" wird er wohl wissen, worüber er spricht. 4 Sterne
Fesselnd bis zur letzten Seite
Zürcher Verrat von Gabriela Kasperski
In ihrem 9. Krimi rund um Zita Schneyder und Werner Meier deckt Autorin Gabriela Kasperksi abermals ein unrühmliches Kapitel der neutralen Schweiz in den Jahren des NS-Regimes in Deutschland auf.
Während die Arien der Zürcher Opernhauses zu Mittsommer über den Sechseläutenplatz erschallen, hat die Chorleiterin Lou Müller einen veritablen Streit mit ihrem gewalttätigen Ex-Mann Anselm, der kurz darauf tot im Orchestergraben liegt.
Werner Schneider, dessen kleine Tochter Lily trotz ihrer Hörbehinderung im Opernchor singt, sitzt im Publikum und erhält den Auftrag zu ermitteln. Recht schnell ist klar, dass hier ein Mord vorliegt und Lou tatverdächtig ist. Doch sowohl Lou als auch ein Bühnenarbeiter, der möglicherweise etwas gesehen hat, sind verschwunden. Doch eigentlich bräuchte Meier nur seiner Tochter zuzuhören, um zu erfahren was wirklich passiert ist.
Gleichzeitig erhält Han Ly, die Leiterin des Opernhauses, Erpresserbriefe, in denen man ihre Vergangenheit aufzudecken droht.
Hängt diese Erpressung mit dem zweiten Erzählstrang, in dem es um die Judenverfolgung in NS-Deutschland und die Rolle der Schweiz, die kaum jüdische Flüchtlinge aufnimmt, zusammen?
Und wer ist der Mann, der sich sowohl an Zita als auch an Charlotte, Lous Tochter, heranmacht?
Meine Meinung:
Gabriela Kasperski ist es abermals gelungen, einen Krimi zu schreiben, der bis zur letzten Seite fesselt. Auch wenn man es in der Schweiz ungern zugibt, Antisemitismus ist damals wie heute weit verbreitet. Hinzu kommt, dass auch Schweizer Profiteure die Notlage der Juden während der NS-Zeit ausgenützt und Geld sowie andere Wertsachen unterschlagen haben.
Geschickt sind die beiden Handlungsstränge verknüpft und zu Beginn des Krimis ist es nicht ganz klar, wie die beiden zusammenhängen. Erst nach und nach kommen die düsteren Geheimnisse ans Tageslicht.
Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, wodurch die Spannung erhöht wird.
Wie schon aus den Vorgängern bekannt, ist das Familienleben von Zita Schneyder & Werner Meier nicht ganz unproblematisch. Beide sind starke Persönlichkeiten und gehen, wenn sie Kriminalfälle zu bearbeiten haben mit großem Engagement an die Sache heran. Da kann es schon vorkommen, dass der streng getaktete Wochenplan, um die vier Kinder und den Haushalt zu schupfen, aus dem Gleichgewicht gerät. Auch über die Erziehungsmethoden ist man sich nicht immer ganz einig, rauft sich aber wieder zusammen. Bin schon neugierig, wie sich die Beziehung weiterentwickelt, nachdem Meier nun eine Fix-Anstellung bei der Polizei erhält.
Fazit:
Diesem Krimi, der die unrühmliche Rolle der Schweiz während der Judenverfolgungen beleuchtet und bis zur letzten Seite fesselt, gebe ich 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Interessantes Buch
Fritten mit Napoleon von Achim Konejung
Dieses Buch von Autor Achim Konejung ist nicht ganz leicht einzuordnen. Ein Sachbuch über touristisch aufbereitete Exkursionen zu den Schlachtfeldern von Waterloo über Verdun zum Westwall, Soldatenfriedhöfe inklusive? Kindheitserinnerungen an Ruinen und keine Antworten auf Fragen nach dem Krieg? Wortfetzen aus Erzählungen des Vaters, Onkels und Großvaters immer mit dem Vermerk, für eine Antwort „noch zu klein zu sein“? Wann ist man alt genug, etwas über den Krieg zu erfahren? Hilft es, andere Erwachsen zu fragen und ihren Worten zu glauben? Oder ist der Gang in die örtliche Bibliothek der richtige Weg? Oder muss man, wie der Autor als Battlefield-Guide Touristen über die Schlachtfelder führen, um das Grauen des Krieges wirklich verstehen zu können?
Nun, ich persönlich habe das Buch einerseits als Erinnerungen an die Kindheit und Jugend eingestuft, zumal der Autor von den zahlreichen berufsbedingten Umzügen der Familie berichtet, und andererseits in die Geschichte einer Spurensuche nach historischen Gedenkstätten.
An manchen Stellen, wie dem Schlachtfeld rund um Waterloo und Belle Alliance, habe ich mich dem Autor sehr nahe gefühlt. Meine Freundin hat über zwanzig Jahre in Brüssel gelebt und bei einem meiner Besuche (2014) habe ich das Wellington-Museum sowie den Butte de Lion und das Museum in Waterloo besichtigt. Leider war das Areal gerade eine Baustelle, um für die Gedenkveranstaltungen für das 200-Jahr-Jubiläum 1815/2015 gerüstet zu sein. An dem Tag hat es geregnet und der Matsch war knöcheltief. So habe ich persönlich einen ungefähren Eindruck von den Bedingungen, die bei der Schlacht geherrscht haben müssen, bekommen.
Achim Konejung verknüpft in seinen Reisen zu Schauplätzen, die Europas Geschichte nachhaltig beeinflusst haben, Geschichte und Gegenwart mit seiner persönlichen Analyse. Über allem schwebt die Frage, ob man aus der Geschichte lernen kann oder ob das lediglich ein frommer Wunsch ist.
Die ständige Beschäftigung mit den Toten und Verstümmelten der Kriege lässt Konejung nicht kalt. Er muss sein Egagement als Battlefield-Guide letztlich aufgeben, denn zwischen dem ehrlichen Gedenken zahlreicher Besucher an Verwandte mischt sich die makabre Sensationsgier mancher Schaulustiger.
Fazit:
Ein interessantes Buch, das unter anderem die Frage aufwirft, ob Kriege noch zeitgemäß sind. Die Antwort kann man leider in den täglichen Nachrichten lesen. 4 Sterne.
Ein Frauenleben im 19. Jahrhundert
Die Wachsflügelfrau von Achim Konejung
Dieses Buch der 1933 geborenen Autorin Eveline Hasler ist bereits 1991 und 1995 erschienen und wurde nun neu aufgelegt.
»Ich habe es in Zürich erfahren: Man hält die Frauenhand für zu zart, um ein Gesetzbuch zu halten. Auch die Unterscheidung von Gut und Böse, das Urteil über Richtig und Falsch gilt seit jeher als Männersache.
«
Wie schon in „Anna Göldin, letzte Hexe“ beschäftigt sich die Autorin in „Die Wachsflügelfrau“ mit einer Frau, die sich nicht in die Zeit eingefügt hat. Anders als Anna Göldin wird Dr. Emiliy Kempin-Spyri (1853-1901) nicht hingerichtet, muss aber ihre letzten Lebensjahre entmündigt in einer Zürcher Irrenanstalt verbringen.
Wer ist sie nun, diese Dr. Emiliy Kempin-Spyri, die erste promovierte Juristin der Schweiz, die man dennoch nicht als Anwältin arbeiten lässt?
Geboren 1853 in Altstetten als Tochter eines Pfarrers und Nicht der bekannten Kinderbuchautorin Johanna Spyri, ist sie schon als Kind klug, wissbegierig und zielstrebig. Eigentlich will sie nicht heiraten sondern studieren. Doch zunächst wird sie mit dem Pfarrer Walter Kempin verheiratet, bekommt drei Kinder und beginnt im Alter von 31 Jahren ihr Jurastudium, das sie nach zahlreichen Hindernissen abschließen kann. Allerdings darf sie nicht als Juristin arbeiten, da ihr, wie allen Frauen in der Schweiz, das Aktivrecht (= Wahlrecht) fehlt. Zahlreiche Eingaben, das Gesetz dahin gehend zu ändern, werden ua. mit der Begründung „zu neu und zu kühn“ (!!) abgelehnt. Inzwischen ist Walter arbeitslos und Emily sorgt mit Gelegenheitsarbeiten für den Familienunterhalt. Sie müssen mehrmals umziehen und als sich die Gelegenheit ergibt nach Amerika auszuwandern, ergreift Emily gegen den Willen von Walter die Chance. Nach anfängliche Schwierigkeiten kann sie als Anwältin und Dozentin arbeiten und gründet das erste Women Law College. Nach zwei Jahren kehren sie desillusioniert wieder in die Schweiz zurück.
Als Walter dann selbst ein Jura-Studium abschließt, bekommt er sofort eine Zulassung als Anwalt, obwohl er weder Ehrgeiz noch Können aufweist. Seine Frau muss ihn mit Schriftsätzen unterstützen, darf aber selbst nicht vor Gericht erscheinen. Dass die Ehe nicht hält, ist klar.
Letztlich wird die unermüdlich für Frauenrechte kämpfende Emiliy Kempin-Spyri, die so überhaupt nicht ins System passt, für geisteskrank erklärt und entmündigt. Sie verbringt ihre letzten Lebensjahre von der Außenwelt und ihrer Familie abgeschnitten in einer Irrenanstalt. Emiliy Kempin-Spyri stirbt 1901 an Unterleibskrebs.
Meine Meinung:
Autorin Eveline Hasler nimmt sich grundsätzlich interessanter Themen und Frauengestalten an. Man erinnere sich, erst 1971 hat die Schweiz den Frauen die vollen Bürgerrecht und damit das Wahlrecht eingeräumt.
Der Schreibstil passt zum Alter der Autorin sowie zum Zeitalter, in dem Dr. Emiliy Kempin-Spyri gelebt hat. Ich kenne die früheren Ausgaben des Buches nicht und kann daher nicht sagen, ob das Stilmittel, in der direkten Rede auf die Redezeichen zu verzichten 1991 bzw. 1995 auch schon verwendet worden ist.
Interessant, dass es nur wenige authentische Quellen über Emiliy Kempin-Spyri gibt, so als wollte man die Erinnerung an eine unbequeme Frau auslöschen. Nicht einmal ihre Krankengeschichte ist in den Archiven erhalten. Wer die Einweisung und Entmündigung betrieben hat, bleibt im Dunklen. Ich denke, es war der Ehemann, der ohne sein unangepasste Ehefrau ein neues Leben beginnen konnte.
Trotzdem schafft es die Autorin eine spannende Geschichte rund um Emiliy Kempin-Spyri zu weben. Interessant ist, dass ihre Johanna Spyri, obwohl sie lange Zeit als Vorbild für Emiliy gedient hat, ihr nicht wirklich beigestanden ist, sondern die tradierten Ansichten über ein Frauenleben befürwortet hat.
Fazit:
Eine interessante Biografie einer Frau, die ihrer Zeit weit voraus war und dafür in eine Irrenanstalt gesperrt worden ist. 4 Sterne.
Eine Liebeserklärung in Bildern
Salzburg von Achim Konejung
Mit diesem Buch hat Fotograf Christian Wöckinger eine Liebeserklärung an die Stadt Salzburg in 120 Bildern geschaffen. Die sorgfältig ausgewählten Fotografien zeigen die Stadt abseits der ausgetretenen Touristenpfade. Ergänzt wird dieser Bildband durch einen kurzen Abriss der Geschichte von Arnold Klaffenböck sowie einem Essay von Eva Krallinger-Gruber.
Selbst für Einheimische gibt es in diesem Bildband noch Unbekanntes zu entdecken wie mir ein Salzburger anerkennend bestätigt hat. Obwohl ich regelmäßig nach Salzburg komme, habe ich das eine oder andere Motive nicht gleich auf den ersten Blick erkannt. Erst der Hinweis auf der Bildunterschrift hat mir das „ach ja, dort ist es aufgenommen worden“ entlockt.
Vielleicht wird die eine oder andere Stimme laut, die meint "Nicht noch ein Buch über Salzburg. Die füllen eh schon ganze Bücherregale". Ich finde, man kann nie genug Bücher über seine Lieblingsstädte haben.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem Bildband der Stadt Salzburg, der für Einheimische und Fremde sowie Dagebliebene und Wiederkehrende die eine oder andere Überraschung enthüllt, 5 Sterne.











