Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Jassi Etter:
Vielfältige Geschichten
X von Roxane Bicker; Sarah Malhus
Ich bin womöglich ein bisschen befangen bei der Rezensionen, weil ich selbst eine Geschichte beigetragen habe.
Ich muss aber leider wirklich fünf Sterne vergeben, weil mir alle Geschichten tatsächlich gefallen haben. Ich kann die Anthologie also mit gutem Gewissen weiterempfehlen.
Weil es die zehnte Anthologie der Münchner Schreiberlinge ist, hat die Zehn in jeder Geschichte eine Bedeutung und ich bin ganz begeistert, was für Ideen dabei waren und wie vielfältig die Geschichten sind.
Ich fand die Textauswahl sehr abwechslungsreich, es gibt Fantasy, Liebesgeschichten, Historisches und vieles mehr.
Meine liebste Geschichte war gleich die erste: Das zehnte Kind von Dani Aquitaine, dicht gefolgt von Oma Lisbeth und die verlorenen Zehne von Roxane Bicker.
Ich freu mich auf weitere Projekte der Münchner Schreiberlinge.
Düster, zart und atmosphärisch
A Midsummer's Nightmare von Noah Stoffers
Noah Stoffers zieht uns mit einer atmosphärischen Sprache direkt ins Geschehen. Wir hören das Wasser an der Brandung brechen und schmecken Salz auf der Zunge, wenn wir der Hauptfigur Ari auf die schottische Insel für das letzte Trimester folgen.
Das Buch ist anfangs zart und langsam, gibt uns Zeit, die Charaktere und ihre Konflikte kennenzulernen.
Ab der Hälfte nimmt es Fahrt auf und die Ereignisse überschlagen sich.
Mir haben besonders die ganzen Shakespeare-Anspielungen gefallen, aber auch der Kontrast zwischen Moderne und Tradition. Wir haben alte Mythen und eine historische Universität im Gegensatz zu scheinbar aktuellen Themen wie Aris Geschlechtsidentität oder dem Aufzeigen von rassistischen Strukturen.
Das Buch lebt von Widersprüchen und Unmöglichkeiten, also dieses Alt/Neu, langsames, sphärisches Erzählen gegen Action und dem kunstvollen Überladen mit fantastischen Elementen. Für mich spiegelt jedes Element der Geschichte damit Aris Leben im Dazwischen und außerhalb gängiger Geschlechtsvorstellungen wider. Ich weiß nicht, ob das Absicht war oder nicht, jedenfalls finde ich es genial.
Danke Noah, für die authentische Geschichte. Own Voices Stimmen und Repräsentation in der Literatur sind einfach so wichtig.
Ein innovativer und vielschichtiger Roman
A Midsummer's Nightmare von Noah Stoffers
Das Geflecht: An der Grenze hat mich nun ein paar Monate lang begleitet. Es ist definitiv ein Buch zum langsam lesen.
Zu Allererst muss ich einfach die Widmung hervorheben: „Für alle, die nicht ganz zu passen scheinen. Ihr seid nicht allein!“ Das ist so schön und hat mich echt zu Tränen gerührt.
Zu Beginn der Geschichte tauchen wir in Danylas Perspektive ein. Sie hat einen Fremden mit ihrem Pfeil und Bogen angeschossen und damit eine Schuld auf sich genommen. Wir folgen ihr durch das Buch und begleiten sie dabei, wie ihre Welt auf den Kopf gestellt wird und sie dabei aus ihrer sicheren Umgebung gerissen wird.
Im Laufe der Geschichte bekommen wir auch Einblick in den Kopf des Fremden, der nicht nur für Danyla fremd ist, weil sie ihn nicht kennt, sondern weil er offensichtlich von einem anderen Planeten kommt.
Es werden auch noch weitere Erzählstimmen miteinbezogen, um ein allumfassendes Bild der Welt, der Konflikte und Denkweisen unterschiedlicher Spezies zu bekommen.
Mit jeder Seite werden neue Fragen aufgedeckt und gleichzeitig eine Welt gezeichnet, die detailreich und durchdacht erscheint. Viele Konflikte, die es in unserer Welt gibt, werden auf eine Zukunft und einen anderen Planeten übertragen und von unterschiedlichen Sichtweisen her beleuchtet.
Ich fand die Analysen spannend, die natürlich nicht als solche daherkommen, sondern als Gedanken verschiedener Gruppen im Buch.
Durch die mir unbekannte Welt musste/durfte ich mit viel Konzentration lesen, was ich genossen habe, weil ich so viel Neues entdeckt und mich gefreut habe, eine meiner Meinung nach sehr innovative Geschichte vor mir zu haben.
Ich hatte beim Lesen auch das Gefühl, dass Jol sich mit den ein oder anderen linken Konzepten und Theorien beschäftigt hat und fand es schön, diese auf eine fiktive Geschichte, eine dort wahre Lebenswelt heruntergebrochen zu sehen.
Etwas zur grafischen Umsetzung möchte ich noch kurz erwähnen. Am Rand jeder Seite ist ein Pfeil, der als Daumenkino weiter nach unten schießt, ehe er verblasst. Ich finde, das ist ein wunderschönes, kleines Detail. Es passt zur Geschichte und für mich ist so etwas viel ansprechender als ein schön gestalteter, bunter Buchschnitt, den niemand sieht und der nur Deko ist. Das Detail spiegelt für mich ebenfalls die innovativen Ideen des Buches wider.
Der Roman ist so vielschichtig und ich freue mich, dass es einen zweiten Band geben wird.
Klassischer Horror mit Gänsehaut-Garantie
Horrorsammlung. Life is a Story - story.one von Anne Merker
Anne Merker hat in ihrer Horrorsammlung genau das vereint: Geschichten, die uns gruseln und Abgründe aufzeigen.
Die Geschichten sind ganz unterschiedlich, haben aber alle gemeinsam, dass sie nicht mehr als 2500 Zeichen lang sind (Vorgabe des Formats von story.one) und sich dem Horror-Genre zuordnen lassen.
Bei manchen Geschichten würde ich mir wünschen, dass sie noch weitergehen, andere funktionieren wunderbar in der Kürze.
Alles in allem schafft es die Autorin, mit wenigen Zeichen Gänsehaut und Grusel zu erzeugen. Dabei bewegt sie sich auch sprachlich im Metier und die Geschichten erinnern mich an jene von Roald Dahl, Stephen King und anderen Größen, die in Horror-Anthologien oder Zeitschriften ihre Kurzgeschichten veröffentlicht haben.
Mir hat das Lesen großen Spaß gemacht, ich habe mich gegruselt und würde wieder was von der Autorin lesen.
Was für eine wilde Fahrt
Schildmaid von Judith C. Vogt; Christian Vogt
Eyvor hat einen unträumbaren Traum und baut seit Jahren an einem Schiff, mit dem sie nie beabsichtigt hatte, ins Meer zu stechen. Doch nach und nach sammeln sich Frauen, die verstoßen wurden, weggelaufen sind und ihr Schicksal selbst in die Hände nehmen wollen. Schneller als gedacht sehen sie sich in der Verantwortung, Ragnarök aufzuhalten und es mit einem Eisriesen aufzunehmen.
„Ihr habt euren Mut bewiesen“, sagte Eyvor. „Niemand wird urteilen, wenn euch diese Viking zu groß ist.“
„Doch, ich werde urteilen!“, rief Skade.
Ich habe so viel Liebe für Skade – und natürlich für die anderen Frauen, Kinder und Ulfberht auf dem Schiff.
Die Geschichte ist grausam, die Frauen haben schlimmes erlebt und beim Lesen löst es so viel Wut in mir aus aus, weil sich bis heute so wenig verändert hat. Es gibt aber auch Mut und Kraft, weiterzukämpfen, weil doch immer wieder kleine Schritte in Richtung Gerechtigkeit gemacht werden können. Progressive Phantastik ist meiner Meinung nach dazu da, dass wir als Lesende ebenso unträumbare Träume haben und damit hoffentlich die Realität neugestalten können.
Eine Liebesgeschichte vor der Kulisse Schottlands
You make me fly von Murphy Malone
Eine Liebesgeschichte, die so viel mehr ist als nur eine College-Romanze.
Sorina studiert Zoologie in Glasgow und trifft eines nachts beim Lernen in der Bibliothek auf Leathan, den sie liebevoll mit einem Highland-Kälbchen vergleicht.
Beide haben ihr Päckchen zu tragen und jeweils eine schwierige Familiengeschichte, Sorina leidet zudem unter einer Angsterkrankung, die ihr das Leben erschwert.
Soweit die Hauptstory. Was das Buch so besonders macht - und ich finde es schade, dass das so heraussticht, weil es eigentlich selbstverständlich sein sollte - ist der liebevolle Umgang der wichtigen Charaktere im Buch miteinander. Alle lassen sich ausreden, sind verständnisvoll, die Geschichte beinhaltet viel Diversität. Themen wie Psychische Gesundheit, trans sein, Polyamorie und Rassismus spielen eine Rolle und werden behutsam in die Geschichte eingewoben. Ich habe in manchen Rezensionen gelesen, dass zu viel reingepackt wurde, aber ganz ehrlich, so ist doch das Leben. Es gibt nicht nur ein Thema, um das sich alles dreht. Ich finde es schön, dass so eine Vielfalt an Themen Platz hat, es wirkt auch nicht gekünstelt, sondern könnte sich genau in der Bubble abspielen, in der ich auch bin.
Ich bin es außerdem so leid, als Liebesgeschichten verkaufte toxische Beziehungen zu lesen. Die Autorin schafft es in diesem Buch, mit Klischees zu brechen, Konsens nicht nur beim Sex als selbstverständlich darzustellen und mich trotz der vielen, schwierigen und auch traumatischen Erlebnisse der Protagonist*innen mit einem guten Gefühl beim Lesen zu begleiten.
Das Ende war etwas überstürzt, ich verstehe aber, dass die Autorin uns Lesende mit einem guten Gefühl gehen lassen wollte, also alles gut. :-)
Auch sprachlich fand ich das Buch sehr gut geschrieben, es gab auch ein paar schöne Metaphern.
Meine Lieblingsszene ist - neben dem Nazis raus! Kapitel - eine Begegnung von Leathan mit Sorinas Exfreund, mit dem sie acht Jahr zusammen war. Beide Männer benehmen sich anständig und versuchen nicht, ihr Revier zu markieren. Das finde ich schön, danke dafür.
Ich würde das Buch auf jeden Fall allen empfehlen, die gerne Liebesgeschichten lesen - es gibt auch ein paar sehr heiße Szenen ;-) - aber auch jenen, die sich gerne mit Vielfalt und zwischenmenschlichen Beziehungen generell auseinandersetzen.
Ein Weltraumabenteuer mit Tiefgang
Ace in Space von Judith C. Vogt; Christian Vogt
Was wir auf den ersten Blick bekommen, ist eine actiongeladene Story in der Welt der Chokey Gangs, die auf Ruhm und Likes aus sind. Was sich durch Flugchallenges und ähnliches bewerkstelligen lässt. Dabei finde ich die Slangausdrücke, die sich die Vögte überlegt haben, innovativ und sehr passend.
Sie haben diese Gangs außerdem als protzig und toxisch dargestellt, ohne auf allzu diskriminierende Klischees zurückzugreifen. Ein Konzept ist die No-Fomo Mentalität (Fomo steht hier für Fear of Making out und belächelt heteronormative monogame Beziehungen). Toller Move, etwas gesellschaftlich Vorherrschendes zu wählen, um die toxischen Strukturen innerhalb der Gangs aufzuzeigen. Das funktioniert super und es werden keine Minderheiten beleidigt.
Als weiteren wichtigen Handlungsstrang gibt es eine Siedlung auf Valoun II, die sowohl von einer Sekte als auch von einem großen Konzern bedroht wird - alles aufgrund eines wertvollen Rohstoffvorkommens. Hier ziehen die Vögte teilweise Parallelen zu Rojava, was auch im Schlusswort explizit erwähnt wird.
Mehr möchte ich nicht verraten, aber es lohnt sich, auch wenn ihr nicht so Social Media affin seid und manche Anspielungen und Witze nicht versteht, trotzdem weiterzulesen, weil es ein weit komplexerer Roman ist als es auf den ersten Blick scheint. Action, Liebe, politischer Aktivismus, Diversität sind nur einige Schlagworte, die den Roman beschreiben.
Das Buch bewegt sich auf so vielen Ebenen, die mich nachhaltig beeindruckt haben.
ein spannender Science-Fiction Roman aus drei Perspektiven
Fools in Space von Calin Noell
Die Geschichte spielt auf einem Raumschiff, das von einer emotional programmierten KI gesteuert wird. Als diese ein Signal empfängt, ist sie nicht mehr zu halten und verlässt mit Schiff und Passagier*innen die Erdumlaufbahn. Die Passagier*innen, als minderschwere Fälle von Fehlfunktionen abgestempelt, haben keine Wahl als sich und das Schiff zu retten.
Die Geschichte ist aus drei Perspektiven erzählt, was sehr besondere Eindrücke erlaubt. Wir haben einmal die KI des Raumschiffs, dann eine Ingenieurin, die als Externe auf das Schiff kommt und als drittes einen Bewohner und Crewmitglied des Schiffs.
Die Geschichte baut langsam Spannung und Beziehungen auf und gegen Ende eskaliert alles und es kommt zu einem großartigen Showdown.
Ich hab mir mit dem Buch ein bisschen Zeit gelassen, da ich mir am Anfang ein bisschen schwer getan habe, in die Geschichte einzutauchen. Aber sobald ich mal drin war, konnte ich nicht mehr aufhören zu lesen.
Spannend fand ich außerdem die Thematik von psychischen Erkrankungen und Traumata, also die Menschen, die auf das Schiff abgeschoben wurden, sollten möglichst abgekapselt von all den produktiven und lebenswerten Bewohner*innen der Erde werden. Ich bin gespannt, wie dieses Thema in der Fortsetzung weiter behandelt wird.
Normal um jeden Preis?
Sara auf der Suche nach Normal von King Wesley
Sara isst Sandwiches mit Erdnussbutter, Marmelade und Mayo. Niemand hat ihr bisher gesagt, dass das abnormal ist. Aber es passt ja irgendwie zu ihr, denn sie leidet an einer ganzen Reihe psychischer Schwierigkeiten. Neben Angst und Panikattacken hat sie auch mit schizophrenen Episoden zu kämpfen, in denen sich gefühlt alle gegen sie wenden.
Sara möchte normal sein um jeden Preis und als sie sich gleichzeitig verliebt und eine beste Freundin findet, fühlt sie sich diesem Ziel näher denn je. Doch da ist das Geheimnis ihrer Freundin und Sara möchte sie beschützen. Dazu muss sie über sich hinauswachsen und plötzlich ist es gar nicht mehr so wichtig, normal zu sein.
Das Buch hat mich sehr berührt. Sara ist eine starke Protagonistin, die mit so vielen Dingen zu kämpfen hat und trotzdem immer weiter macht. Die Erwachsenen im Buch sind die meiste Zeit keine besondere Hilfe und schlechte Vorbilder. Das Thema psychische Erkrankungen und die damit verbundene Stigmatisierung wird sehr gut dargestellt und nicht - wie oft genug in solchen Büchern - romantisiert. Sara ist keine Jugendliche mit einem netten Knacks, vielmehr wird ihr ganzer Alltag durch die Erkrankung bestimmt und trotzdem schafft sie es, ihre Freundin und damit ein Stück weit sich selbst zu helfen.
Bissig, witzig und bitterböse
Das muss gesagt werden von Elfriede Hammerl
Das Buch besteht aus verschiedenen Themen aus Gesellschaft und Politik, die jeweils auf 2-3 Seiten abgehandelt werden und Frau Hammerl bringt so vieles auf den Punkt und sagt dabei oft alles, was gesagt werden muss. Oft sind die Kommentare witzig, manchmal böse und es schwingt eine gewisse Traurigkeit mit, die wohl jeder Person innewohnt, die sich mit gesellschaftlichen Zuständen auseinandersetzt.
Meine Lieblingskolumnen drehen sich um reiche Erbtanten (S. 8), die nur um des Geldes Willen geduldet werden oder Mädchen (S. 60), in dem Fall erwachsene Frauen, die sich mit Sexismus in allen Facetten auseinandersetzen müssen und wahrscheinlich kann jede als weiblich gelesene Person eigene Erfahrungen dazugeben.
Gut drauf sein (S. 120) hat für mich etwas gut zusammengefasst. Nämlich dass nicht ausschließlich die Symptome der Traurigen und Depressiven bekämpft werden sollten, sondern vor allem die Ursachen. Bleibt wohl bis auf weiteres ein Wunschdenken.
Und zum Abschluss die Kolumne über Große Autos (S. 211). Zwei Sätze haben mich besonders beeindruckt. "Die Zeit der Ahnungslosigkeit ist vorbei" und "Aber die passen halt so gut zur Rüpelmentalität der angesagten Ellbogengesellschaft." Genial, FrauHammerl.










