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Rezensionen von cosmea:

Wer steckt hinter der Mordserie?

Das Dorf der acht Gräber von Seishi Yokomizo

Tatsuya Terada, 28 lebt in Kobe, als sein Großvater mütterlicherseits ihn suchen lässt, um ihn als seinen Erben einzusetzen. Bei ihrer ersten Begegnung stirbt der Großvater durch einen Giftanschlag. Eine attraktive junge Witwe namens Miyako Mori begleitet den jungen Mann in das Dorf der acht Gräber, aus dem seine früh verstorbene Mutter stammte.

Aufgezogen wurde er von seinem Stiefvater. Sein Vater war Yozo, aus der Tajimi-Familie, der 27 Jahre zuvor in dem Ort ein Blutbad anrichtete und verschwand. Jahrhunderte zuvor hatten Dorfbewohner acht Samurai ermordet, die bei ihnen Schutz gesucht hatten, um deren Goldschatz an sich zu bringen. Seitdem liegt ein Fluch auf dem Dorf. Kein Wunder, dass die Dorfbewohner ihm mit Misstrauen und Hass begegnen, weil sie eine Wiederholung der blutigen Taten fürchten. Tatsuya hat kaum Gelegenheit, die Mitglieder seiner Familie kennenzulernen, als schon mehrere von ihnen nacheinander ermordet werden, zum Teil in seiner Gegenwart. Auch zwei Nonnen und ein Arzt werden getötet. Tatsuya selbst gerät immer mehr in Verdacht, der Täter zu sein und wird immer wieder von dem örtlichen Polizisten, Inspektor Isokawa und Privatdetektiv Kosuke Kindaichi befragt. Auch Tatsuya versucht herauszufinden, wer hinter den Taten steckt und was das alles bedeutet. Dabei erfährt er die Geschichte seiner Mutter, seiner Verwandten väterlicherseits und fängt mit einer jungen Frau namens Noriko eine Beziehung an.
Die Geschichte vermittelt eine düstere, sehr bedrohliche Atmosphäre, die an Gothic Novels erinnert, vor allem wenn Tatsuya allein oder mit anderen die labyrinthischen unterirdischen Höhlen und unzähligen Tunnel erforscht, wo er auf eine mumifizierte Leiche und einen Goldschatz stößt. Es gibt nicht nur eine unüberschaubare Personenvielfalt mit komplizierten verwandtschaftlichen Beziehungen, sondern auch sehr viele Handlungsumschwünge und falsche Fährten. Die Lösung kann man nicht ohne weiteres erraten. Der Roman ist auch insofern ungewöhnlich, als die Geschichte aus Tatsuyas Perspektive erzählt wird und der Leser nur erfährt, was er weiß und womit er sich beschäftigt. Privatdetektiv Kindaichi spielt hier eher eine Nebenrolle. Mir hat der nicht leicht zu lesende dritte Roman von 77 um Kindaichi weniger gefallen als andere Romane von Yokomizo, was auch an einer Häufung von nicht besonders plausiblen Zufällen liegt.
Zum Schluss noch eine Bemerkung zum Klappentext. Da heißt es “… kommt ein mysteriöser junger Mann namens Tatsuya in die Stadt und hat eine Reihe von tödlichen Giftmischungen im Gepäck.“ Ist das so? Dann haben wir wohl nicht denselben Roman gelesen.

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Wer wollen wir sein, und wen wollen wir lieben?

Die Sache mit Rachel von Caroline O'Donoghue

In Caroline O´Donaghues Roman “Die Sache mit Rachel“ geht es um die Studentin Rachel Murray, die sich kurz vor Ende ihres Literaturstudiums fragt, welchen Job sie in dieser brotlosen Kunst angesichts der Rezession von 2009/2010 überhaupt finden soll. Weil ihre Eltern nicht genug Geld hatten, ihr Studium zu finanzieren, hat sie einen Job in einer Buchhandlung in Cork angenommen, wo sie James Devlin kennenlernt, mit dem sie sich eine Wohnung teilen wird.

James ist schwul, und sie hütet lange sein Geheimnis, obwohl sie dadurch in große Schwierigkeiten gerät. Sie hat sich in ihren Literaturprofessor Dr. Fred Byrne verliebt, der mit einer ehemaligen Studentin verheiratet ist. Vielleicht gelingt es ihr ja auch, den umschwärmten Professor zu erobern. Rachel und James organisieren in ihrer Buchhandlung eine Lesung von Byrnes Buch über die irische Hungersnot im 19. Jahrhundert und das Verhalten der Engländer, das er als Genozid deutet. Doch dann entwickelt sich in dieser Dreierkonstellation alles ganz anders als erwartet.
Die Autorin erzählt in diesem Coming-Of-Age-Roman auf mehreren Zeitebenen Rachels Geschichte als junge Studentin und gut zehn Jahre später als verheiratete Ehefrau. Es wird gefeiert und viel Alkohol getrunken, und Rachel hat zahlreiche Partner, bis sie Jahre später James Carey, ihrer großen Liebe mit Anfang 20 wiederbegegnet. Es geht in diesem Roman um Liebe, Freundschaft, Loyalität und Verrat, um sexuelle Orientierung und den Umgang mit denen, die anders sind, aber auch um Wirtschaftskrisen und ihre Folgen, die Nachwirkungen der großen Hungersnot und den langen Kampf irischer Frauen um das Recht auf Abtreibung.
Ich habe diesen Roman trotz kleiner anfänglicher Schwierigkeiten mit der zeitlichen Orientierung gern gelesen, vor allem auch wegen der gelungenen Charakterisierung der Hauptfiguren, der sprachlichen Qualität mit vielen witzigen Episoden und Wortwechseln und wegen des Porträts der engen Beziehung zwischen Rachel und ihrem besten Freund James Devlin, die intensiver wirkt als alle anderen im Roman dargestellten. Ein sehr empfehlenswertes Buch.

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Eine ganz besondere Reise

Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland von Sarah Brooks


Im Jahr 1899 fährt der Transsibirien-Express zum ersten Mal nach längerer Pause wieder von Peking nach Moskau. Bei der letzten Durchquerung des Ödlandes hat es einen erst später erklärten Zwischenfall gegeben. An Bord sind unter anderem eine junge Frau, die unter dem Namen Maria Petrowna reist, der Forscher John Grey, ein Professor, das Zugkind genannte Mädchen Zhang Weiwei, die blinde Passagierin Elena und natürlich das Zugpersonal unter der Leitung des Captain, einer von der Kompanie beauftragten Frau.

Zunächst kann niemand den Zug verlassen. Die Landschaft können die Passagiere nur durch das Panzerglas sehen. Nichts darf von außen in den Zug dringen, denn das Ödland wird als Bedrohung wahrgenommen. Mit den Reisenden sieht der Leser eine Flora und Fauna, die so nicht existiert, d.h. es gibt eine Fülle von Fantasy-Elementen. Wir werden Zeugen, wie Maria versucht, die Geschehnisse während der letzten Durchquerung aufzuklären und herauszufinden, ob das von ihrem inzwischen verstorbenen Vater hergestellte Glas wirklich fehlerhaft war und zu der Katastrophe geführt hat und können verfolgen, wie sich die Freundschaft zwischen Weiwei und Elena entwickelt.
Es passiert nicht allzu viel in diesem Roman mit einigen Längen. Die bedrohliche Außenwelt dringt in den Zug ein, und lange ist ungewiss, ob die Passagiere die Fahrt überleben werden, weil eigentlich für diesen Fall vorgesehen ist, den Zug zu versiegeln und alle sterben zu lassen. Der Roman vermischt verschiedene Genres, historischen Roman und Fantasy, Abenteuerroman sowie Gesellschaftskritik bezüglich der verbreiteten Gier und verantwortungslosen Ausbeutung von Mensch und Natur. Er nimmt in der Beschreibung der Veränderungen teilweise denn Klimawandel vorweg.
Sarah Brooks Roman ist außergewöhnlich und lesenswert wegen der sprachlichen Qualität, aber auch wegen der Landschaftsbeschreibungen, der gelungenen Charakterisierung der Figuren und der Schaffung einer überaus mysteriösen Atmosphäre, aber trifft nicht meinen persönlichen Geschmack – zu viel Fantasy, insgesamt einfach zu unrealistisch mit einem überraschenden, wenig plausiblen positiven Ende.

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Wie gehen Schuldige mit ihrer Schuld um?

Seinetwegen von Zora del Buono


Zora del Buono verlor mit acht Monaten ihren erst 33 Jahre alten Vater durch einen Autounfall. Der Vater Manfredi del Buono war damals schon ein angesehener Arzt in Zürich, dem eine große Karriere bevorstand. Die junge Witwe kam nie über den Verlust hinweg, hat nicht noch einmal geheiratet. Sie wollte nicht einmal über den Vater sprechen.

Die Tochter vermied das Thema. Zu qualvoll war es für sie, den Schmerz ihrer Mutter zu sehen. Zora hat sich schon als junges Mädchen Freunde gesucht, die ebenfalls vaterlos aufwuchsen. Auch später trifft sie häufig Menschen, die ähnliche Verluste erlitten hatten. Ihr ganzes Leben lang fragt sie sich, wie wohl das Leben des damals erst 28jährigen Unfallverursachers Ernst Traxler, genannt E.T. ausgesehen hat, vor allem, wie er mit seiner Schuld umging. Als sie 60 ist und ihre Mutter dement und in einer Einrichtung untergebracht, beginnt sie zu recherchieren und folgt Traxlers Spuren. Sie trifft bei ihren Reisen Menschen, die ihn kannten und ihr von seinem Leben erzählen. So erfährt sie, dass der Unfall auch Traxlers Leben nachhaltig beeinflusst hat. Die Autorin folgt nicht nur seinen Spuren, sondern beschäftigt sich mit Statistiken über die Opfer – seien es Menschen oder Tiere - von Autounfällen und anderen Katastrophen, mit Rassismus gegenüber Italienern in der Schweiz, der Hinrichtung von Hexen in der Vergangenheit und mit allen Arten von Ungerechtigkeiten der Rechtsprechung und liest schließlich auch die Gerichtsakten zu dem Fall. Am Ende wirkt sie von ihrer obsessiven Beschäftigung mit der "Leerstelle“ in ihrem Leben und dem Leben des “Töters“ befreit und kann ihr Leben normal weiterleben.
Mir hat diese autofiktionale Erzählung gefallen, wenn auch nicht so gut wie “Die Marschallin“, eine weitere Familiengeschichte, die sich mit den Großeltern väterlicherseits beschäftigt. Zora del Buono ist auf jeden Fall eine Autorin, die ich im Auge behalten werde.

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Kein atemberaubender Thriller

Anna O. von Matthew Blake


Anna Ogilvy, 29 wacht seit vier Jahren nicht mehr auf, seit man sie nach einem Paintballspiel mit Jägern und Gejagten auf einer Farm im Wald schlafend und blutverschmiert gefunden hat. Seitdem gilt sie als die Mörderin ihrer zwei Freunde, mit denen sie die Zeitschrift Elementary gegründet hatte.

Sie selber recherchierte zu einem zwanzig Jahre zurückliegenden Verbrechen, bei dem eine inzwischen verstorbene Frau namens Sally Turner ihre Stiefsöhne ermordet haben soll. Der forensische Psychologe Dr. Benedict Prince ist Schlafforscher. Unter anderem hat er auch Theorien entwickelt, wie man mögliche Täter aus dem komaähnlichen Schlaf wecken könnte. Deshalb wird er von seiner Chefin Dr. Virginia Bloom und einem Vertreter des Justizministeriums für ein geheimes Projekt in der Klinik The Abbey verpflichtet, wohin man Anna Ogilvy verlegt hat. Ben versucht mit Unterstützung der Pflegerin Harriet Roberts, die Anna seit vier Jahren betreut, seine Idee der sensorischen Stimulation in die Praxis umzusetzen. Wenn es ihm gelingt, Anna aufzuwecken, wird ihr der Prozess gemacht. Die Regierung will verhindern, dass Anna O. für schuldunfähig erklärt und aus humanitären Gründen freigelassen wird. Bei der Behandlung wird er von allen Seiten beobachtet. Irgendwann begreift er, dass er viel riskiert und alles verloren hat. Seine Ehe ist zerbrochen, der Kontakt zu seiner Tochter stark eingeschränkt, sein Ansehen als Wissenschaftler zerstört. Um seine Familie und sich selbst zu schützen, nimmt er einen Lehrauftrag auf Grand Cayman an.
Die Geschichte wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Vor allem kommt Ich-Erzähler Ben zu Wort, aber auch andere Personen und Quellen spielen eine Rolle. Wie alles zusammenhängt, erfährt der Leser nach etlichen Handlungsumschwüngen erst ganz zum Schluss. Der Roman hat mir nicht den Schlaf geraubt. Immer wieder gibt es detaillierte psychologische Ausführungen, die die Spannung mindern, außerdem werden ethische und juristische Fragen wie Schuldfähigkeit und extreme, an Folter grenzende Experimente bei der Behandlung von Straftätern in speziellen Einrichtungen erörtert. Der Roman ist nicht uninteressant, aber alles andere als ein nervenzerfetzender Thriller und von daher enttäuschend.

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Tödliche Dolchstöße

Mord stand nicht im Drehbuch - Kriminalroman (Hawthorne ermittelt 4) von Anthony Horowitz


Zu Beginn des Romans “Mord stand nicht im Drehbuch“ beschließt Autor Anthony Horowitz, die Zusammenarbeit mit Privatdetektiv Daniel Hawthorne nach den drei vertraglich vereinbarten Romanen zu beenden. Sie sind nie gleichberechtigte Partner oder gar Freunde geworden, obwohl sie einige sehr gefährliche Situationen gemeinsam gemeistert haben.

Horowitz will sich vor allem um sein Theaterstück “Mindgame“ kümmern, das im Vaudeville Theatre im Londoner West End Premiere hat. Doch dann kommt alles anders. Bei der Premierenfeier im Theater erscheint Harriet Throsby, die gefürchtete Kritikerin der Sunday Times und gibt ein vernichtendes Urteil ab, wobei sie jeden einzelnen Anwesenden kränkt und beleidigt. Als die Schauspielerin Sky Palmer noch am selben Abend den Text der noch nicht erschienenen Rezension vom Handy vorliest, ist das Entsetzen groß. Am nächsten Morgen wird die Kritikerin in ihrem Haus ermordet aufgefunden, erstochen mit einem der mittelalterlichen Dolche, die der Produzent an das Team verteilt hatte. Sehr schnell gerät Horowitz in den Fokus der Ermittlungen, denn immer mehr Indizien weisen auf ihn als Täter. Er wird verhaftet und bittet Hawthorne um Hilfe. Dem gelingt es, den Autor nach einer Nacht aus dem Gefängnis zu holen, aber ihnen bleibt nur wenig Zeit, um den wahren Täter zu finden. Jeder der Anwesenden am Premierenabend hatte guten Grund, Harriet Throsby zu töten. Hawthorne geht jedoch auch Spuren nach, die in die Vergangenheit verweisen, zum Beispiel liest er die Bücher der Kritikerin.
Auch dieser Roman weist die Besonderheit auf, dass der reale Autor Horowitz als fiktive Figur Teil der Handlung ist und als Ich-Erzähler eine ebenso spannende wie geheimnisvolle Geschichte erzählt. Den wahren Täter kann man nicht erraten, und keinen Augenblick habe ich geglaubt, dass er es war, obwohl er auch als Täter in einem früheren, nie untersuchten Todesfall eines anderen Kritikers in Frage kommt. Unterhaltsam ist auch das konstante Namedropping von bekannten Figuren aus dem Showbiz und der Literatur mit hohem Wiedererkennungswert. Ich werde mit Sicherheit weitere Titel der Serie lesen und empfehle den Roman ohne Einschränkung.

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Wo beginnt kulturelle Aneignung?

Yellowface von Rebecca F. Kuang


June Hayward und Athena Liu sind seit ihrem Studium in Yale befreundet und sind beide Schriftstellerinnen. Während Junes erstes Roman ein Misserfolg war, ist Athena im Alter von 27 der neue Star der Literaturszene. Eines Tages befinden sich die Freundinnen in Athenas Wohnung, als Athena sich verschluckt und stirbt.

Spontan nimmt June das gerade fertiggestellte Manuskript über chinesische Arbeiter im 1. Weltkrieg an sich. Sie überarbeitet es nach eigenen gründlichen Recherchen und lässt es unter dem Namen Juniper Song veröffentlichen. Das Buch wird ein großer Erfolg, aber schon bald gibt es die ersten kritischen Stimmen, die bezweifeln, dass sie die Autorin ist, zumal Athena zu Lebzeiten über ihr neues Projekt gesprochen hatte. Mit der Veröffentlichung verändert sich Junes Leben grundlegend. Zwar muss sie sich keine finanziellen Sorgen mehr machen, aber fortan lebt sie mit einer Lüge. Sie tut alles dafür, dass die Wahrheit nicht ans Licht kommt, muss ihre Tat aber auch fortwährend vor sich selbst rechtfertigen. Zu den Rechtfertigungsgründen gehört auch, dass Athena sich genauso bei ihr bedient hat, wenn sie Junes Leid egoistisch und arrogant zu Literatur verarbeitete. Die Hasstiraden und Drohungen in den sozialen Netzwerken führen bei June zu psychischen Störungen. Sie hat Depressionen und Albträume, kann phasenweise das Haus nicht mehr verlassen und sind buchstäglich Geister. Auch das Schreiben, das zuvor ihre größte Freude war, ist zeitweise nicht mehr möglich.
Neben der persönlichen Geschichte der Ich-Erzählerin June geht es auch um zahlreiche aktuelle Themen, z.B. die Rolle der sozialen Medien in unserem Leben und bei der Vermarktung von Büchern, das Verlagswesen insgesamt mit Rivalitäten und Intrigen, Diversität, kulturelle Aneignung und Plagiate. Der Einblick in das moderne Verlagswesen ist zwar interessant, nimmt aber in dieser Ausführlichkeit der Geschichte die Spannung. Auf der Handlungsebene passiert nach dem Diebstahl gleich zu Beginn nicht mehr viel, und es gibt kaum eine Entwicklung bei der wenig sympathischen Protagonistin. Insgesamt halte ich den hochgelobten Roman für etwas überbewertet und bin ein wenig enttäuscht.

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Trophäenjagd in Afrika

Trophäe von Gaea Schoeters


Ein Amerikaner mit dem sprechenden Namen Hunter White ist durch Börsen- und Immobilienspekulationen steinreich geworden. Er wurde schon als Junge von seinem Vater und Großvater zum Jagen mitgenommen und hat schon damals seine ersten Tiere erschossen. Jetzt fliegt er wieder einmal nach Afrika, wo er seinen Freund Van Heeren trifft.

Van Heeren hat ihm für eine gewaltige Summe die Lizenz für die Jagd auf ein Spitzmaulnashorn verkauft. Wenn er dieses geschützte Tier tötet, macht er die Big Five voll. Die anderen vier - Löwe, Leopard, Elefant und Wasserbüffel - hat er bereits erlegt und seiner Frau als Trophäen mitgebracht. Zusammen mit Van Heeren und den Fährtenlesern verfolgen sie das ausgewählte Tier. Doch dann kommt alles anders. Wilderer töten das Nashorn, bevor Hunter vor Ort ist. Sein Freund bietet dem enttäuschten und wütenden Hunter die Big Six an. Für 500.000 Dollar kann er einen jungen Afrikaner jagen und töten. Hunter kann diesem Angebot nach kurzem Zögern nicht widerstehen. Er lernt die ausgewählte Beute kennen und nimmt an den vorbereitenden Stammesritualen in der Siedlung der Afrikaner teil. Dann nimmt die Handlung eine dramatische Entwicklung?
Auch wenn man alles andere als ein Fan von Jagen und Töten ist, liest sich der ungewöhnliche Roman sehr spannend. Man stellt sich den mit der Jagd auf Tiere und Menschen verbundenen ethischen Fragen, liest die packenden Beschreibungen von Flora, Fauna und Klima und begreift, dass die Ausbeutung des Kontinents auch in der postkolonialen Zeit nie aufgehört hat. Für Dollars ist alles zu haben: „Die Menschenjagd ist ein Nebenprodukt der Trophäenjagd.“ (S. 93). Mit den Riesensummen, die Van Heeren einnimmt, finanziert er paradoxerweise Artenschutz und bietet der indigenen Bevölkerung Lebensraum sowie medizinische Versorgung und eine Chance auf Bildung.
„Trophäe“ fasziniert und schockiert gleichermaßen und hat zu Recht große Beachtung gefunden.

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Leben im Vielvölkerstaat Singapur

Zuckerbrot von Kaur Jaswal Balli


Im Mittelpunkt des Romans steht die 10jährige Parween genannt Pin, die aus ihrer Perspektive über ihr Leben in Singapur zu Beginn der 90er Jahre berichtet. Sie besucht eine christliche Eliteschule als Stipendiatin, denn die Familie ist arm. Dennoch ist das Mädchen glücklich, bis sich ihr Leben vollständig ändert.

Eines Tages zieht Nani-ji, die Großmutter mütterlicherseits bei ihnen ein, eine herrische, sehr unsympathische Frau. Von da an gelten ihre Regeln in Bezug auf korrektes Benehmen und die Beachtung religiöser und kultureller Traditionen. Pins wunderschöne Mutter mit dem lebenslangen Hautproblem hat am meisten zu leiden. Es gibt offensichtlich ein Geheimnis, über das nie gesprochen wurde und das nun irgendwann ans Licht kommen muss. Nani-ji verachtet ihre Tochter, die angeblich als junges Mädchen eine Tragödie verschuldet und den Ruf der Familie für immer ruiniert hat.
Erzählt wird die Geschichte mehrerer Generationen auf zwei Zeitebenen: 1967 und 1990-1991. Sie zeigt, wie das Leben im Vielvölkerstaat Singapur war, wie sich malaiische, indische und chinesische Sprachen begegneten. Diese Vielfalt zeigte sich auch in den Ernährungsgewohnheiten. Pins Mutter ist eine hervorragende Köchin, deren Stimmung sich in den zubereiteten Gerichten spiegelt. Neben den Essgewohnheiten geht es aber auch immer wieder um Rassismus und Kastendenken, um Sexismus, Patriarchat und den Kontrast zwischen arm und reich. Pin wird vom Bus-Onkel als „mungalee“ beschimpft – ein herabsetzender Ausdruck für Inder mit dunklerer Hautfarbe - und in der Schule öfter ausgegrenzt. Von ihren Eltern ermutigt, versucht sie dennoch ihren Weg zu gehen und ein selbstbewusstes Individuum zu werden. Mir hat der Roman sehr gut gefallen, entführt er den Leser doch in eine exotische Welt. Unbedingt empfehlenswert.

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Zauberhaftes Torreira

Südlich von Porto wartet die Schuld von Mariana da Silva

Die Polizistin Ria Almeida ist endgültig von Stuttgart nach Torreira an die portugiesische Atlantikküste umgezogen, der Heimat ihres Vaters. Sie wohnt eine Zeit lang bei ihrer hochschwangeren Kusine Mariposa und übernimmt vertretungsweise ihren Job bei der örtlichen Polizei, wo auch ihr Schwager Joao Pinto arbeitet.

Gerade bereitet sie den Umzug in ihre eigene Wohnung vor, als sie als Ermittlerin in ihrem ersten Fall gebraucht wird. Eine Gruppe von Umweltaktivisten hat in den Dünen die Leiche eines Mannes gefunden. Wie sich herausstellt, handelt es sich um einen Richter, der vor Gericht in einem wichtigen Prozess gegen den Drogenboss Thijs van der Steen erwartet wird. Kommissar Joaquim Baptista in Aveiro hatte so sehr gehofft, dass der reiche und mächtige Geschäftsmann endlich verurteilt wird, der es bisher durch Korruption und exzellente Anwälte offenbar geschafft hat, sich der Strafe für seine Taten zu entziehen.
Der Roman erzählt von den mühsamen Ermittlungen, einem zweiten Toten und Ria Almeidas Arbeit vor Ort, von dem langjährigen Freund Nuno, der allmählichen Annäherung an ihren schwierigen Vorgesetzten Baptista und der Wiederbegegnung mit ihren Eltern, die in Torreira auftauchen und ihr mit der Einrichtung der Wohnung helfen. Die Autorin hat selbst portugiesische Wurzeln und erschafft durch Beschreibungen der Landschaft und der portugiesischen Küche und durch als Kapitelüberschriften und im Text eingestreute Wendungen in portugiesischer Sprache ein sehr schönes Ambiente, das Lust auf einen Urlaub vor Ort macht. Dieser Portugalkrimi ist der zweite Roman einer Serie und hat mich gut unterhalten.

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