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Rezensionen von meggie3:

Sprachlich sehr überzeugend

Leuchtende Schatten von Iris Wolff

Sprachlich sehr überzeugend

Ella lebt im Jahr 1943 mit ihren Eltern, der Großmutter, ihrer Tante, ihrem Onkel und Cousin und Cousine in einem einfachen Haus in der rumänischen Stadt Herrmannstadt. Sie leben ein einfaches Leben, haben es aber zusammen gut und leiden keine Not. Der Krieg ist allerdings allgegenwärtig und bestimmt die Familiengespräche.

Als Harriet in Ellas Klasse kommt, ist sie sofort von dem anderen Mädchen fasziniert. Sie beschreibt sie als hübsch und anziehend, zugleich auch als unnahbar. Dann kommt es zu einem Unfall am See und Ella rettet Harriet. Ab diesem Zeitpunkt sind die beiden Freundinnen. Und so bekommt Ella Zugang zu der Villa der wohlhabenden Familie von Harriet und fühlt sich dort bald zuhause. Gleichzeitig werden ihr die Unterschiede zwischen Harriets Leben und dem ihren immer bewusster. Mit Voranschreiten des Krieges dringt dieser auch immer mehr in den Alltag von Ella und Harriet und deren Familien und nimmt mehr und mehr Einfluss auf das Leben und die Freundschaft der Mädchen.

Sehr zart beschreibt Iris Wolff die anfängliche Faszination Ellas für Harriet, dann das Aufkeimen der Freundschaft, die Themen, die junge Teenager beschäftigen, auch unabhängig vom Zweiten Weltkrieg. Fast nebensächlich scheinen zu Beginn noch die gesellschaftlichen Veränderungen, der Druck, der auf die Männer ausgeübt wird, in den Krieg zu ziehen. Und auch der Druck, der gegen Ende des Krieges zunimmt und das Leben für die dort lebende deutsche Bevölkerung erschwert. So verändert sich mit Fortschreiten des Krieges auch das alltägliche Leben von Ella und ihrer Familie sowie die Freundschaft zwischen Harriet und Ella.

Die Schreibweise hat mir sehr gut gefallen und auch die Protagonistinnen werden sehr liebevoll beschrieben. In der Mitte hat mich der Roman kurzzeitig ein wenig verloren, warum genau, kann ich gar nicht ausmachen. Möglicherweise waren mir einige wenige Passagen etwas zu langatmig. Dennoch habe ich den Roman insgesamt wirklich gerne gelesen, sodass „Leuchtende Schatten“ sicherlich nicht mein letzter Roman von Iris Wolff gewesen sein wird.

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Gut geschriebener Roman über Veränderungen und den Lauf des Lebens

Ein Samstag im August von Birgit Bachmann

Gut geschriebener Roman über Veränderungen und den Lauf des Lebens

Als Elvira und Jobst auf der Rückfahrt ihres Urlaubs ein Pärchen mitnehmen, ahnen sie nicht, dass der Nachmittag noch lange nachhallen wird. Und nicht nur für Elvira beginnt eine aufregende Zeit, die sie und ihre Perspektive auf ihr Leben und ihre Familie verändert.

Auch bei Elviras Schwägerin, ihrem Neffen, ihrer Nichte und ihrer Schwester passiert so einiges – zum Teil völlig unabhängig von den anderen, zum Teil auch nicht.

Die vermeintlich losen, sich abwechselnden Erzählstränge sind eine absolute Stärke des Romans. Ähnlich wie bei einem Sudoku werden erst einzelne Aspekte klar, bevor alles ineinandergreift. Ungewöhnlich war auch, dass ich keine Perspektive hatte, die mich weniger interessiert hat und bei deren Kapiteln ich nur schnell durchkommen wollte. Im Gegenteil – für mich waren die Geschichten und Charaktere sehr ähnlich gut aufgebaut. An einigen Stellen, insbesondere zum Ende hin, hätte ich mir vielleicht noch etwas mehr Tiefe gewünscht.

Sprachlich hat mich das Debüt von Birgit Bachmann aber zu 100 Prozent überzeugt, sodass ich mich sehr gut unterhalten gefühlt habe und trotzdem ab und zu innehalten und über einen Satz nachdenken konnte.
Ich habe mich immer wieder gefragt, was mir der Roman eigentlich sagen möchte. Jetzt mit etwas Abstand denke ich, dass es darum geht, dass Veränderung erstmal weh tun kann, aber vielleicht auch absolut notwendig und langfristig positiv ist.

Insgesamt habe ich den Roman gerne gelesen und würde sicherlich auch zu einem weiteren Buch der Autorin greifen. Ein schön geschriebenes Debüt über Veränderungen, die schmerzen können, aber auch zum Leben dazugehören.

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Was wäre, wenn wir es zulassen?

Ms Atkins und die Bibliothek der Träume von Vanessa Göcking

Was wäre, wenn wir es zulassen?

Amanda Atkins‘ Leben folgt klaren Regeln und Strukturen. Jeder Tag folgt einem klaren Ablauf. Freitags geht Ms. Atkins nach der Arbeit immer in die Lady Ophelia Harringdale Library, um sich dort drei Sachbücher für die kommende Woche auszuleihen. Als sie feststellen muss, dass die langjährige Bibliothekarin nicht mehr da ist und stattdessen Henry, Teenager und Schüler, an deren angestammtem Platz sitzt, ist sie empört.

Henry hat den Auftrag, Ms. Atkins als exklusives Mitglied in einen unscheinbaren Raum an der Kinderabteilung zu führen – den Vorraum zur Bibliothek der Träume. Robert Joy, langjähriges Mitglied in der Bibliothek der Träume, hat es sich zur Aufgabe gemacht, neue Mitglieder in die Geheimnisse der Bibliothek einzuführen und ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Für die sonst so rationale Amanda kommt das alles ein bisschen plötzlich – und so rauscht sie erstmal ab und läuft Xiao Mei dabei fast über den Haufen.

Nach ein bisschen Zeit lässt sich Amanda auf diese ungewöhnliche Bibliothek ein und entwickelt zu Robert fast so etwas wie eine Freundschaft. Und auch die beiden Teenager Henry und Xiao Mei lernt sie besser kennen, die die Bibliothek der Träume oft besucht, um ihren Sorgen zu entfliehen.

Kapitelweise wechseln sich die Perspektiven ab – mal wird Amandas Perspektive beschrieben, mal die von Robert, Xiao Mei oder Henry. Das macht es durchaus spannend. Für mich war es genau richtig viel Magie – für viele, die sich einen Fantasyroman wünschen, wird der Anteil aber vielleicht enttäuschend sein. In erster Linie geht es um die Magie von Träumen, um das Aushalten von Möglichkeiten und dem Zulassen von Nähe und Geschichten – diese Magie ist allgegenwärtig. Darüber hinaus bewegen sich die Protagonist:innen außerhalb der Bibliothek der Träume in der ganz unmagischen Wirklichkeit.

Ich finde das Zusammenwachsen der vier verschiedenen Charaktere zu einer Gruppe toll beschrieben – ohne zu viel Kitsch. Gleichzeitig wird deutlich, dass alle Erlebnisse mit sich tragen, die sie geprägt haben und die sie noch immer belasten.

Sprachlich gefällt mir der Roman super, ich konnte richtig schön abtauchen. Die Türen, hinter denen sich die Träume befinden, und die Bibliothek insgesamt, werden so detailliert beschrieben, dass man gar nicht anders kann, als sich mittendrin zu fühlen. Dass solche Bilder vor meinem inneren Auge entstehen, passiert sehr selten. Die Charaktere sind ebenfalls bildhaft beschrieben und sind in gewisser Hinsicht relativ klar voneinander abzugrenzen. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, dass sie zu klischeehaft beschrieben sind.

Im Mittelteil hat mich der Roman leider nicht mehr ganz so gepackt – so richtig kann ich aber nicht sagen, weshalb. Zum Glück war das aber nur ein kurzer Abschnitt – der Schlussteil hat mich dann wieder vollumfänglich gefesselt.

Mir hat der Roman gut gefallen, für mich war es genau das richtige Maß an Fantastischem. Das ist umso höher einzuschätzen, da ich keine Fantasy-Leserin bin.

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Absolute Entdeckung, sehr empfehlenswert

Die Ballade von Ronan McCoy von Colin Morgan

Absolute Entdeckung, sehr empfehlenswert

Brendan und Ronan sind beste Freunde, allerdings nur in der Schule. Außerhalb der Schule haben sie keinerlei Kontakt. Und so freut sich Brendan nach den langen Sommerferien darauf, gemeinsam mit Ronan ins letzte Schuljahr vor dem College zu gehen. Wie immer wartet er auf Ronan am Schultor, diesmal allerdings vergeblich.

Er erfährt, dass Ronan in den Ferien einen schweren Unfall hatte, der eine schwere Hirnverletzung zur Folge hatte. Nach dem ersten Schock ist für Brendan klar, dass ihre Freundschaft weitergehen muss, jetzt unter ganz anderen Vorzeichen. Nun ist Brendan der, der für Ronan da sein muss, der für ihn kämpft und ganz nebenbei die sonstigen Herausforderungen eines Sechzehnjährigen bewältigen muss.

Ich muss zugeben, dass ich von diesem Roman zunächst gar nicht so viel erwartet habe. Vom Cover her wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass sich hinter den Buchdeckeln eine so außergewöhnliche, tiefgründige und berührende Geschichte verbirgt. Umso froher bin ich, dass ich den Roman entdeckt habe und er zu einem meiner Lesehighlights des Jahres 2026 werden konnte.

Colin Morgan beschreibt auf eine unfassbar leichte und berührende Weise zunächst eine Tragödie. Ein junger, beliebter und talentierter Schüler wird von einem Moment auf den anderen zu einem hilfsbedürftigen Menschen, der sich weder eigenständig bewegen noch ausdrücken kann. Sämtlicher Stärken, die ihn ausgemacht haben, ist er so auf einmal beraubt. Und gleichzeitig wird eindrücklich beschrieben, welche Kraft und wie stark der Glaube und die Hoffnung seiner Eltern und seines Freundes Brendan sind.

Was den Roman für mich so ungewöhnlich macht, ist die bedingungslose Freundschaft und Zuneigung zwischen Brendan und Ronan. Die Verletzlichkeit und Ehrlichkeit in den Gefühlen, die Überforderung und Hilflosigkeit und dann wiederum der unerschöpfliche Willen und der feste Glaube Brendans an eine Verbesserung bei Ronan sind so intensiv, dass ich sie fast körperlich spüren konnte.

Der Roman ist aus der Sicht von Brendan geschrieben. Dessen Blickwinkel ist dabei sehr authentisch gelungen. Als Protagonist ist er sehr interessant. Auf der einen Seite ist er beinahe naiv, wenn er fest davon ausgeht, dass Ronan ihm irgendwann von dem Unfall erzählt und auf der anderen Seite ist er diszipliniert und erwachsen, um so viel Zeit wie möglich für Ronan zu haben. Nebenbei passieren ihm natürlich auch die Dinge, die einem Teenager so passieren können. Die erste zarte Liebe mit der einhergehenden Unsicherheit, die Unklarheit über seinen weiteren Bildungsweg. All diese Themen erhalten Raum, ohne dass die Freundschaft zu Ronan aus dem Fokus gerät.

Es gab einige Stellen in dem Roman, an denen ich schwer schlucken musste. Bei Romanen passiert mir das äußerst selten. Colin Morgan gelingt es, ein schweres Thema leicht zu verpacken und dabei trotzdem nicht kitschig und dafür zu jeder Zeit empathisch und berührend zu sein. Klare Leseempfehlung von mir!

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Solider Auftakt mit Luft nach oben

Der Prätorianer von Tobias Bukkehave

Kopenhagen wird von Ritualmorden erschüttert. Münzen auf den Augen, die Tatorte inszeniert, geheime Botschaften. Sara Levin und ihr Partner Janus West übernehmen die Ermittlungen. Nach einiger Zeit wird Saras Bruder Adam, ein bekannter Profiler, hinzugezogen. Zunächst gegen den Willen von Sara, die seit der Verurteilung ihres Vaters wegen Mordes, ein angespanntes Verhältnis zu ihrem Bruder hat…

Ich fand es nicht schwer, in die Geschichte hineinzukommen.

Der Sprachstil ist einem Thriller angemessen und der Plot um die Ritualmorde und den Bezug zur Antike hat mich gefesselt. Die Protagonist:innen sind zwar nicht unbedingt sympathisch, aber es passiert etwas zwischen und mit ihnen, letztlich ist eine Entwicklung zu sehen. Insofern konnte ich gut mitfiebern.

Auch wenn es mir ein paar zu viele Zufälle waren und am Schluss etwas zu dick aufgetragen wurde, habe ich mich gut unterhalten gefühlt. Das Ermittler:innenduo aus Sara Levin und Janus West ist vielversprechend und auch die Hinzunahme von Saras Bruder und Profiler Adam Levin hat mit der Zeit immer besser funktioniert. In Bezug auf Saras und Adams Vater sind noch viele Fragen offen, insofern ist davon auszugehen, dass diese in weiteren Büchern thematisiert werden. Mich hat allerdings gestört, dass ein brutales Verbrechen an einer Frau zu Beginn des Thrillers sehr detailliert beschrieben wurde, ohne dass es für die weitere Handlung eine Rolle gespielt hat. So etwas finde ich unangebracht. Dass die untersuchten Morde des Serienmörders durchaus brutal sind und auch so beschrieben werden, finde ich hingegen in Ordnung, auch wenn das für empfindsamere Leser:innen vielleicht problematisch sein könnte.

Insgesamt ist „Der Prätorianer“ ein solider Auftakt einer dänischen Thriller-Reihe, der mich gefesselt hat, aber an der ein oder anderen Stelle auch noch einige Luft nach oben hat. Mit etwas Wohlwollen vergebe ich 4 Sterne.

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Zwischen Zumutung und Faszination

Luft nach unten von Tamara Štajner

Iva ist Mitte Dreißig, Berufsmusikerin in einem Orchester und bringt auch eigene Musik heraus. Sie wurde in Slowenien geboren, hat die Sommer ihrer Kindheit in Nordmazedonien bei der Familie ihres Vaters verbracht und ist früh nach Wien gegangen, um ihre musikalische Karriere zu verfolgen. Inzwischen ist sie seit einigen Jahren mit dem Schauspieler Felix verheiratet, mit dem sie bislang erfolglos versucht, ein Kind zu bekommen.

Als Iva zur Beerdigung von Marija nach Nordmazedonien reist, die in Ivas Kindheit auf sie aufgepasst hat, stößt sie auf den Namen eines vor langer Zeit ertrunkenen kleinen Mädchens.

In „Luft nach unten“ werden viele unterschiedliche Themen in unterschiedlicher Tiefe behandelt: Die Kinderwunschbehandlung, eine nicht unkomplizierte Ehe, die extrem belastete Beziehung zur Mutter, am Rande auch das im Klappentext angeteaserte Familiengeheimnis, die gesellschaftlichen Herausforderungen nach dem Zerfall Jugoslawiens in Nordmazedonien. Und – aus meiner Sicht leider – das außereheliche Verhältnis mit einem Berliner, das aber fast eher eine zwanghafte Obsession ist. Den letzten Aspekt hätte das Buch aus meiner Sicht überhaupt nicht gebraucht, es gibt genug spannende und durchaus auch interessant umgesetzte Themen. Diese zweite „Beziehung“ hat mich leider eher ermüdet. Iva ist als Charakter schon vielschichtig und letztlich komplex genug, da waren für mich die ständigen Gedanken, Schuldgefühle und Nachrichten definitiv zu viel des Guten.

Die Mutter-Tochter-Beziehung hingegen fand ich sehr gut umgesetzt, immer wieder auch berührend. Einige Bilder sind beim Lesen entstanden, die ich wirklich eindrücklich fand. Und auch die Schwere der Kinderwunschbehandlung und die damit zusammenhängenden Konflikte mit Felix waren zwar zum Teil heftig und „drüber“, aber für mich trotzdem irgendwie stimmig – wenn auch natürlich absolut unangemessen in der Art und Weise der Ausübung der Konflikte.

Iva ist generell eine sehr streitbare Protagonistin – immer wieder schießt sie klar übers Ziel hinaus, immer wieder gibt es aber auch Kapitel, in denen ich ihr Verhalten nachvollziehen und sogar so etwas wie Sympathie für sie entwickeln konnte. Auch andere Charaktere in dem Roman sind zum Teil schwer einzuordnen und widersprüchlich in ihrem Verhalten. Das hat es mir beim Lesen zum Teil erschwert, emotional so richtig mitzugehen.

Der Roman lässt sich – trotz immer wieder eingestreuter slowenischer Sätze oder Worte – wirklich gut lesen, gleichzeitig fand ich das Lesen aus bereits benannten Gründen immer wieder schwer auszuhalten. Wie Iva zum Teil mit Felix spricht und schreibt, ist für mich ein absolutes No-Go. Die Hängepartie um ihre Affäre ganz genauso. Und trotzdem hat mich dieser Roman irgendwie fasziniert und gefesselt.

Für mich bleibt am Schluss ein eher ambivalentes Gefühl, so richtig weiß ich nicht, wie ich den Roman jetzt eigentlich gefunden habe. Insofern fällt es mir auch schwer, eine Bewertung in Form von Punkten und eine Empfehlung abzugeben. Vielleicht war es für mich nicht der richtige Zeitpunkt, denn so richtig konnte mich der Roman trotz vieler guter Ideen und Ansätze leider nicht überzeugen.

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Eine mühsame Suche

Frieda von Geraldine Oetken

Die Journalistin Geraldine Oetken erfährt mit Anfang dreißig von Frieda, ihrer Urgroßtante, die während des Nationalsozialismus 1941 im Gertrudenheim in Oldenburg gestorben ist. Einem Heim, in dem während des Nationalsozialismus strukturell Menschen mit Behinderungen verhungerten. Über das Leben von Frieda und auch über ihr Sterben ist Geraldine Oetken zunächst kaum etwas bekannt.

Ihre Suche nach Antworten auf ihre vielen Fragen beginnt die Journalistin mit zwei Daten: Friedas Geburts- und Sterbedatum.

Das Buch begleitet die Autorin auf ihrer Suche nach jedem noch so unwahrscheinlichen Hinweis auf Frieda. Sie nimmt uns mit in Archive in Norddeutschland, aber auch in Bayern. Verschiedene Friedhöfe und Orte in Oldenburg werden besucht, Internetrecherche um Internetrecherche durchgeführt, Akte um Akte gelesen. Der Ertrag: Eine Idee, wie Friedas Leben ausgesehen haben könnte und eine Vermutung, wie es ihr im Gertrudenheim ergangen und wie sie gestorben sein könnte. Einige Aspekte konnte Geraldine Oetken verifizieren, andere Aspekte bleiben auf ihrer Recherche beruhende Schlussfolgerungen.

Neben der Geschichte von Frieda kann die Erzählung gar nicht anders, als sich auch unabhängig von Frieda als Person mit dem Umgang mit Menschen mit Behinderung während des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Geraldine Oetken trägt viele Informationen zur „Euthanasie“ und der Aktion T4, zur Stadtgeschichte Oldenburgs, der Unternehmensgeschichte ihrer Familie und zu vielen anderen Themen zusammen, die in irgendeiner Weise in Zusammenhang mit Friedas Leben stehen. Ich habe das Verlassen der Pfade, das „Abschweifen“, sehr positiv empfunden, da es mir als Leserin geholfen hat, den Kontext besser zu verstehen und Friedas Geschichte besser einzuordnen.

Auch bettet Geraldine Oetken ihre Recherche in ihr Leben ein, sie lässt uns teilhaben an ihren Gedanken und Gefühlen. Sie verknüpft ihren Alltag mit zwei kleinen Kindern, ihrem Job als zunächst angestellte Journalistin und dann in der Selbstständigkeit mit ihrer Arbeit an der Geschichte von Frieda. Das mag vielleicht irritieren, weil es zum Teil den Blick weg von Friedas Geschichte und den Rechercheergebnissen lenkt, ich fand es aber irgendwie sehr stimmig. Weil – so ist das Leben nun mal. Geraldine Oetken lässt den bzw. die Leser*in an allen Aspekten ihrer Recherche teilhaben, auch an denen, die sich mit Kinderbetreuung befassen und dazugehören.

Was mich zum Teil etwas gestört hat, war die direkte Ansprache Friedas. Die Autorin wendet sich immer wieder an ihre Urgroßtante, fragt sie, wie ihr Leben aussah, wie es ihr ergangen ist. Per se finde ich das als Stilmittel durchaus gut gelungen, ich fand die Häufigkeit der Nutzung aber etwas zu hoch. Ansonsten hat sich das Buch bzw. der Recherchebericht sehr gut lesen lassen. Sicherlich muss man sich als Leser*in auf den Text einlassen und die erforderliche Konzentration mitbringen, das hatte ich aber auch nicht anders erwartet.

„Frieda“ ist ein wichtiges Buch über die Gräueltaten während des Nationalsozialismus und eine Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte, das ich gerne weiterempfehle.

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Wenn es Liebe und Haltung braucht

Magisch von Annika Büsing

Die Protagonistin und Erzählerin Marie ist Mitte 30, lebt in einem Dorf im Ruhrgebiet, hat auf Grundschullehramt studiert, aber nie als Lehrerin gearbeitet und betreibt nun mit einer Freundin eine Hundetagesstätte. Sie hat zwei Brüder, Henning, den jüngeren Bruder mit Bilderbuchfamilie und Andi, den älteren Bruder.

Andi ist seit seiner Jugend dorfbekannter Nazi und hat zwei Kinder mit seiner Frau, die ebenfalls in der Szene aktiv ist. Marie galt in ihrer Jugend als Punk und ihr damaliger Freund wurde schnell zum Feindbild für Andi. Zu anders und unangepasst war Magisch, den alle nur mit seinem Nachnamen Magisch anreden, obwohl er eigentlich Paul heißt. Nach dem Tod seiner Mutter und nach über zehn Jahren Abwesenheit kommt Magisch wieder zurück in den Ort, in dem er aufgewachsen ist – und er und Marie erhalten eine zweite Chance.

Der neue Roman von Annika Büsing befasst sich meines Erachtens mit drei Themen: der wiederaufkeimenden und sehr intensiven Liebesgeschichte von Marie und Magisch, dem schwierigen Umgang innerhalb einer Familie, wenn ein Familienmitglied in der Naziszene aktiv ist und wie die Zivilgesellschaft in kleinen Orten gegen Naziaufmärsche mobil machen kann.

Vorab: Ich bin kein Fan von Liebesgeschichten. Ich gebe aber sehr gerne zu, dass die Beziehung zwischen Magisch und Marie schon sehr besonders (geschrieben) ist. Im Mittelteil war es mir aber einfach ein bisschen zu viel und zog sich etwas. Aus meiner Sicht hätte es sich gerne mehr um die mich mehr interessierenden Themen drehen dürfen. Trotzdem finde ich einige der Erkenntnisse bzw. Übereinkünfte, zu denen Marie und Magisch in ihrer Beziehung über die gesamte Distanz des Buches kommen, sehr schön und berührend.

Die Familienkonstellation mit Maries Bruder Andi, der schon früh in die Naziszene abgedriftet ist, finde ich sehr spannend. Die Zerrissenheit, vor der die Eltern stehen, ist gut dargestellt. Und auch Marie finde ich überzeugend, die auf der einen Seite ihren Bruder mit seinen rechtsextremen Einstellungen klar ablehnt, auf der anderen Seite ihren großen Bruder aus der Kindheit vermisst. Spannend ist auch, wie sich die Gegner der Naziversammlungen im Ort organisieren.

Getragen wird der Roman von dem Mix aus Rückblenden und Schilderungen aus der Gegenwart sowie dem besonderen Schreibstil von Annika Büsing. Sie schreibt unkonventionell, sehr frech, manchmal schon an der Grenze zum Rotzigen. Insbesondere die Dialoge zwischen Marie und Magisch entwickeln sich oft zu einem Schlagabtausch mit höchster Intensität. Trotzdem gibt es immer wieder auch die leisen Töne, die den Rhythmus gut brechen. Die Protagonist*innen sind mit viel Liebe beschrieben und auch vermeintliche Nebenfiguren bekommen Raum.

Mir hat „Magisch“ gut gefallen. Der Roman hat gut gezeigt, wie man auch mit wenig Mitteln den Rechten die Stirn bieten kann. Auch wenn ich in der Mitte des Romans ein wenig zu kämpfen hatte, haben mich Annika Büsings Schreibweise, die authentischen Charakterentwicklungen und auch Marie und Magisch absolut überzeugt.

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Einfühlsames Debüt über eine Freundschaft, die sich neu erfinden muss

Dabei waren wir uns immer so nah von Jette Kötschau

Merle, Henri und Katharina kennen sich seit Beginn ihres Studiums. Zusammen haben sie die Unizeit überstanden und eine Art von Freundschaft und Nähe entwickelt, die ganz leicht ist und ohne Anstrengung funktioniert. Doch wie so oft kommt nach dem Studium das Leben dazwischen – und die Freundinnen entfernen sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Lebensumstände voneinander.

Merle wird Mutter und arbeitet sich an ihrer neuen Rolle ab, unzufrieden mit der Situation, der Einsamkeit und der wenigen Unterstützung durch ihren Mann. Henri arbeitet in einem Museum, sucht aber unentwegt nach einem Ort für ihren Lebenstraum: einem eigenen Kino. Als es ihrer Oma in Schleswig schlechter geht, lässt sie alles stehen und liegen und fährt in den Norden, um sich letztlich auch mit der belasteten Beziehung zu ihrer Mutter auseinanderzusetzen. Und Katharina ist seit zehn Jahren in einer eigentlich gut funktionierenden Beziehung, ist mit ihrer Arbeit in einer Buchhandlung zufrieden und trotzdem nicht glücklich: Zu schwer wiegt ihr Kinderwunsch und die Frage, ob ihr dieser wichtiger ist als die Beziehung zu ihrem Freund.

In dem nur etwas mehr als 230 Seiten umfassenden Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven der drei Frauen erzählt. Sie haben unterschiedliche Sorgen und Ängste, einen tut die Drei die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass die Unbeschwertheit in ihrer Freundschaft verschwunden ist. Jette Kötschau hat einen fesselnden Roman geschrieben, der mich nach Beginn nicht mehr losgelassen hat. Die Protagonistinnen sind ähnlich alt wie ich und ich kenne einige der Themen auch bei mir. Die Lebensphase nach Studium und zwischen Familienplanung und/oder beruflichem Ankommen wird von der Autorin stark und einfühlsam eingefangen. Auch die Unsicherheiten, die in dieser Zeit der Neufindung aufkommen können, werden empathisch beschrieben. Spannend fand ich die Rolle der Männer in dem Roman, die nicht unbedingt besonders positiv dargestellt werden und den Frauen vielleicht sogar manchmal eher im Weg zu stehen scheinen. Insbesondere bei Merle und Katharina wurde deutlich, dass sie in ihren Beziehungen und den Alltagskonstellationen dringend herausfinden mussten, was eigentlich ihre eigenen Bedürfnisse sind – und wo sie aufgrund von Mann bzw. Freund und Kind regelmäßig zurückstecken mussten.

Mich hat der Roman 100%ig überzeugt, sprachlich, thematisch und von der Umsetzung her. Ein weiteres Buch der Autorin würde ich sicherlich lesen wollen.

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Trifft genau den richtigen Ton

Kaskaden von Louise K. Böhm

Jojo studiert im ersten Master-Semester Biologie, lebt mit einer Freundin gemeinsam in einer WG in einer Kleinstadt und liebt es, im Labor zu stehen und zu pipettieren. Jojo hat aber auch Schwierigkeiten, sich anderen zu öffnen, Kontrolle abzugeben und somit ein unbeschwertes Student*innenleben zu führen.

Aufgewachsen ist sie in der Vorstadt, in einem Quartier, in dem viele Menschen mit wenig Geld auf engem Raum leben. Mit ihrer besten Freundin Yara hatte sie den Traum, der Vorstadt zu entwachsen und gemeinsam zu studieren. Doch seit einigen Jahren gibt es eine Leerstelle in Jojos Leben – da, wo Yaras Platz war, sind jetzt Leere und unendlich viele Fragen.

Louise K. Böhms Debüt war für mich unfassbar spannend zu lesen, fast atemlos ist man als Leser*in Teil von Jojos Leben. Mich haben ihre Gedanken, Zweifel, Fragen und Unsicherheiten gefangen genommen und berührt. Ich finde Jojo als Protagonistin wirklich stark beschrieben und entwickelt. Es werden sehr viele gesellschaftlich relevante Themen adressiert, z.B. wie hürdenreich es für Kinder aus Elternhäusern mit geringerem Einkommen und nicht-akademischem Background ist, an der Uni anzukommen und was es bedeutet, wenn das Bafög monatelang nicht kommt und was das mit dem eigenen Selbstverständnis macht.

Sprachlich manchmal poetisch und manchmal fast derb – Louise K. Böhm trifft damit genau den richtigen Ton, macht das Geschriebene authentisch und berührt auf diese Weise. Besonders stark fand ich die Verschränkung von Sprache und Inhalt, wenn Jojos Gedankenschleifen um das Thema "Keime" aufkommen und durch keinen Punkt oder kein Komma gestoppt werden können.

Mich hat dieser Debütroman von vorne bis hinten überzeugt, sprachlich wie inhaltlich. Ich hoffe, dass dieser Roman viele Leser*innen findet.

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