Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Magdalena E.:
Kraftvoll, berührend, wichtig
Das Tränenhaus. Roman von Gabriele Reuter
„Das Tränenhaus“ von Gabriele Reuter wurde bei seinem Erscheinen vor beinahe 120 Jahren zum Skandal. Seither hat sich vieles verändert, besonders auch die Situation von unverheirateten Müttern. Dennoch ist das Buch hochaktuell, denn es befasst sich nicht nur mit dem Schicksal ungewollt schwangerer Frauen zu Beginn des 20.
Jahrhunderts, sondern auch mit zeitlosen Fragen zu Mutterschaft und der Rolle von Vätern, mit Fragen nach Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Verantwortung und darüberhinaus mit dem literarisch-künstlerischen Schaffensprozess. Es ist ein modernes Werk, das zu Unrecht vergessen wurde.
Im Gegensatz zum Inhalt mag die sprachliche Gestaltung für den Geschmack vieler Lesender heute ungewohnt und herausfordernd sein, mich stört dies jedoch nicht. Ich finde vielmehr, dass sie die Atmosphäre des Buches unterstreicht - und den Kontrast verdeutlicht zwischen dem, was wir als Frauen und Gesellschaft nach Außen hin erreicht haben, und der noch immer unerfüllten Forderung der Autorin nach weiblicher Solidarität. Die berührenden Schilderungen der verschiedenen Frauenschicksale verleihen dieser Forderung deutlichen Nachdruck.
„Solche Macht und Gewalt könnten die Frauen bekommen, wenn sie sich nicht länger um eines Dogmas willen gegenseitig hassen, verachten und verfolgen würden.“
Fesselnd, tief, bildgewaltig
In den Wald von Maddalena Vaglio Tanet
Maddalena Vaglio Tanets Roman entführt in das Piemont der 1970er Jahre - und in den Wald.
Ein junges Mädchen begeht Selbstmord, eine Lehrerin verschwindet und plötzlich sieht sich ein ganzes Dorf konfrontiert mit dem Unaussprechlichen, mit Gefühlen, die aus der Tiefe des Unbewussten hervorbrechen, und die Protagonisten mit ihren Ängsten und Sehnsüchten konfrontieren.
Während die Dorfbewohner versuchen, das Geschehene zu verstehen und verzweifelt nach der Lehrerin suchen, sinkt diese immer tiefer in das Dickicht des Waldes und ihrer Gefühle und Erinnerungen. Von Schuldgefühlen überwältigt, versteckt sie sich in der Natur, die weder Schuld noch Scham kennt. Sie entzieht sich den Zwängen und moralischen Normen der Gesellschaft und der sozialen Kontrolle. Zugleich wird sie mit ihren verinnerlichten Werten konfrontiert und zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst gezwungen.
Die bildgewaltige Sprache der Autorin lässt Wald und Dorf, Gegenwart und Vergangenheit vor den Augen der Lesenden wachsen, und gewährt tiefe Einblicke in die Gefühlswelt der handelnden Personen. Der Wald nimmt einen gefangen, man versinkt in der Geschichte und wächst mit den Protagonisten. Eine absolute Leseempfehlung für alle, die gerne eintauchen in fremde Gefühlswelten, die sich an Sprache erfreuen und Natur schmecken wollen.
Langsam und kurzweilig
Gefährliche Betrachtungen von Tilo Eckardt
In „Gefährliche Betrachtungen“ nähert sich Tilo Eckardt dem Schriftsteller Thomas Mann, den er in den Aufzeichnungen des Übersetzers Miuleris lebendig werden lässt. Dieser, inzwischen hochbetagt, erinnert sich an die (fiktiven) Begebenheiten im damals ostpreußischen Kurort Nidden. Eindrucksvoll zeichnet der Autor Bilder der Ostsee-Landschaft und lässt das soziale Leben von Kurgästen und Künstlern lebendig werden.
Dabei sollen die Aufzeichnungen, wie der Erzähler im Roman schreibt, „zerstreuen und die Neugierde auf den unbekannten Thomas Mann stillen“. Wobei er diese wohl eher weckt, als stillt. Doch auch für all jene Lesenden, die weder Die Buddenbrooks noch ein anderes Werk des Nobelpreisträgers kennen, bietet das Buch kurzweilige Unterhaltung in Form eines langsamen, ruhigen Kriminalromans, der jedoch durchaus Spannung bietet, und im Verlauf der Geschichte auch an Tempo zulegt.




