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Rezensionen von Libraphil:
Tiefe Beziehungseinblicke
Wildboden von Constantin Lieb
Constantin Lieb gelingt mit „Wildboden“ ein eindringlicher, intelligenter und hellsichtiger Roman über die außergewöhnliche Beziehung zwischen der jungen Erna Schilling und dem Maler Ernst Ludwig Kirchner, der vor dem Hintergrund des drohenden nationalsozialistischen Schattens 1936 in den Schweizer Alpen in Frauenkirch - Wildboden spielt.
Der Autor, der Philosophie und Deutsche Literatur studierte und als Dramaturg und Stipendiat der Villa Aurora arbeitet, verwebt in seinem ersten Roman Vergangenheit und Gegenwart zu einem berührenden Porträt menschlicher Stärke, das lange nachhallt. Lieb beleuchtet Kirchner nicht als bloßen Künstler, sondern als einen von inneren Dämonen und einer schweren Morphiumsucht gezeichneten Mann, dessen Tragödie trotz Ernas bedingungsloser Liebe und ihres Widerstandes gegen die äußere Gefahr unvermeidlich bleibt. Erna Schilling steht dabei als Protagonistin für die lebenslange Sehnsucht nach Halt und die Fähigkeit, aus schmerzhaftem Verlust beeindruckende menschliche Stärke zu entwickeln; sie muss ihr Leben radikal überdenken und selbstbestimmt um ihre eigene Zuversicht kämpfen, nachdem sie den Menschen verliert, dem sie sich bedingungslos verbunden fühlte.
Der Roman selbst stellt die unerzählte Geschichte einer außergewöhnlichen Liebe dar und verdrängt damit das traditionelle, oft rein kunsthistorisch Biografische, um sich auf die emotionale und psychologische Realität der Beziehung zu konzentrieren. Zwar existieren zahlreiche Biografien, die Kirchner als Künstler porträtieren, doch Lieb fokussiert sich bewusst auf die private, unerzählte Dimension des Menschseins in dunklen Zeiten, die in anderen Werken oft nur am Rand behandelt wird.
Lieb stellt durch eine klare, aber tief emotionale Erzählweise die innere Zerreißprobe seiner Protagonisten und die bedrohliche politische Situation in Deutschland kunstvoll dar. Die Handlung begrenzt sich nicht nur auf die Alpenbezogenheit, sondern erweitert sich thematisch auf die menschliche Suche nach Halt und Widerstandskraft, was Lieb in seiner Sprache besonders gelöst und authentisch vermittelt.
Das Ende verweigert die klassische Romanbefriedigung und setzt stattdessen auf Nachhall. Es zwingt dazu, das Gelesene nicht als abgeschlossene Liebesgeschichte zu konsumieren, sondern als vielschichtige Geschichte über Macht, Beziehungsdynamik, Grenzen und den Preis von Nähe. Gerade diese Unruhe kann man als Stärke lesen, weil sie den Leser nicht entlässt, sondern zur eigenen Stellungnahme zwingt.
Zurück bleiben Nachdenklichkeit und die große Neugier, mit weiterer Recherche die fiktionalen von den realistischen Momenten zu unterscheiden, dem echten Ende doch noch auf die Spur zu kommen.
Und der Blick auf den „Potsdamer Platz“ von 1914 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin wird danach ein anderer sein.
Ein sehr gelungenes Debut.


