Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Leporello Stöger

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von ms.write:

Ein edles Gewand für eine unzugängliche Geschichte

Territorium von Sabrina Janesch

Was ich wirklich positiv hervorheben kann, ist die äußere Gestaltung des Buches. Schon beim Auspacken bemerkte ich, dass das Cover in der Realität noch viel schöner aussieht als auf den Abbildungen im Internet, obwohl mir schon dort die ästhetische Gestaltung aufgefallen war. Es wurde wunderbar griffiges, schönes Papier verwendet, und was ich besonders liebe: Das Buch besitzt ein fest fixiertes Lesebändchen aus Gewebe.

Das alles lässt den Band sehr hochwertig und edel wirken.

Auch inhaltlich hat mich der Anfang des Romanes noch erreicht, obwohl mich als Leserin die ungewöhnliche Du-Perspektive der königlichen Beraterin und Gesellschaftsdame Gertrude Wolf auf den ersten Seiten zunächst befremdet hatte.

Umso mehr bedauere ich, dass mich der Roman im weiteren Verlauf so gar nicht mehr abholen konnte. Mein Hauptproblem sind die Figuren und der Schreibstil. Die Charaktere blieben für mich als Leserin schwer greifbar, denn sie wirkten auf mich meist blass und unnahbar.

Zudem verlor sich die Erzählung nach meinem Empfinden in unzähligen Sätzen darin, Lokalitäten, Strände, Bäche und Flüsse namentlich aufzuzählen. Da ich noch nie auf Hawaii war, sagen mir diese Orte natürlich gar nichts. Falls die Schauplätze beschrieben werden, wirkte das auf mich meist nur langatmig. An vielen Stellen blieben Lokalitäten für mein Gefühl leider nur reines "Name-Dropping" ohne jede Kulisse.

Zu dieser geografischen Namensflut gesellten sich dann noch unzählige Charaktere. Das Personenregister am Anfang führte in der Praxis bei mir leider nur zu einem ständigen, nervigen Vor- und Zurückblättern, was meinen Lesefluss komplett gestört hat.
Hinzu kommt, dass plötzlich Dinge passieren, die meines Erachtens im Text überhaupt nicht vorbereitet wurden. An manchen Stellen blieb es für mich auch unklar, wer gerade im Roman spricht.

Auf mich wirkte der Text wie ein verkopftes Labyrinth, in dem ich mich nur schwer zurecht fand. Ein Beispiel ist die plötzliche Erwähnung einer „Prinzessin Beatrice“, die sich weiter unten als 100-jährige Schildkröte entpuppt. Was wohl ein Augenzwinkern sein soll, erzeugte bei mir persönlich nur noch mehr Unwillen.

Die immense Mitarbeit der Leserschaft wird aus meiner Sicht noch auf einer weiteren Ebene eingefordert, denn im Text werden immer wieder ganze Sätze auf Hawaiisch eingestreut. Der Verlag hat hierbei jedoch komplett auf Übersetzungen, Fußnoten oder ein erklärendes Glossar verzichtet. Ich persönlich habe beim Lesen von rund 480 Seiten nicht die Zeit, ständig das Smartphone zu nutzen, um wegen der besonderen Schreibweise der hawaiischen Sprache mühsam Sätze im Internet zu übersetzen.

Mir ist bekannt, dass Sabrina Janesch sehr tief in den Archiven gräbt, um einen Roman zu schreiben. Wenn sie dann aber jedes historische oder geografische Detail unterbringen will, wirkt der Text auf mich zwar sehr ambitioniert, aber eben auch schnell überfrachtet und leblos.

Dennoch habe ich ein paar Dinge über das damalige Hawaii erfahren: Zum Beispiel war mir die widersprüchliche Rolle der deutschen Einwanderer in diesem Konflikt unbekannt.
Des Weiteren wusste ich nicht, dass die Frauenrechte in Hawaii weiterentwickelt waren als in Europa und den USA. Aber es wäre bequemer für mich gewesen, dies aus einem übersichtlichen Sachbuch zu erfahren.

Daher frage ich mich unweigerlich: Für wen ist dieser Roman geschrieben? Vermutlich für jemanden, der Hawaii wie seine Westentasche kennt und diese Orte im Kopf selbst mit Leben füllen kann. Die Autorin hilft mir dabei leider nur bedingt.

Ich bedauere diese Unzugänglichkeit zutiefst, denn die Geschichte der Annexion Hawaiis durch die USA ist eine bis heute anhaltende Tragödie. Der Roman führt im Prinzip den skrupellosen Imperialismus dieser Zeit vor Augen – den Beginn des Hotelbaus und den gierigen Blick auf den Dollar. Es ist der Anfang einer ruchlosen Ausbeutung, in der ein irdisches Paradies durch rücksichtslose Monokulturen und spätere militärische Zerstörung systematisch und unumkehrbar vernichtet wurde. Dies führte dazu, dass die Urbevölkerung sich das Leben dort heute nicht mehr leisten kann.

Dieses Buch behandelt ein Thema, das ein wichtiges Mahnmal sein sollte, und ich wünsche der Geschichte von Herzen viele Leser, auch wenn der Funke bei mir persönlich leider nicht übergesprungen ist.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von ms.write

Netter Roman – für mich zu viele überraschende Wendungen

Nächstes Mal für immer von Lucien Marant

Gleich zu Beginn erleben wir die Ankunft der Protagonistin Mona in Paris sowie ihre ersten, für den weiteren Verlauf unerheblichen Begegnungen mit zufälligen Passanten und Plätzen. Was manch einer vielleicht als etwas langatmig und oberflächlich empfinden mag, hat mich persönlich sehr an meine eigenen Anfänge in Paris erinnert – dieses erste, unvermeidliche Scannen einer fremden, eleganten Umgebung.

Dennoch hätte es der Geschichte gutgetan, wenn diese flüchtigen Eindrücke noch etwas stärker mit Monas Innenleben verknüpft worden wären, um den Szenen mehr Bedeutung zu verleihen.

Sehr gelungen fand ich das Verweben der zwei Zeitebenen: Die Jahre 1999 und 2019, die Monas Entwicklung von der Studentin zur Journalistin aufzeigen, wechseln sich im Verlauf des Romanes organisch ab.

Mich hat allerdings gestört, dass der Plot im späteren Teil auf künstlich konstruierten Wendungen beruht und plötzliche, dramatische Richtungswechsel durch zuvor zurückgehaltene Informationen erfolgen. Das fühlte sich für mich etwas konstruiert an und warf mich beim Lesen kurz aus der Bahn. Zudem wirkten manche Nebenepisoden in ihrer Abfolge auf mich nicht authentisch.

Ein schöner Bonus ist dafür die beigefügte Playlist. Leider wurde hier die Chance auf ein echtes, simultanes Lese- und Hörerlebnis meist vertan – die Musik bleibt häufig nur lose Untermalung im Hintergrund.

Versöhnt wurde ich dagegen durch die gelungene Rahmenhandlung : Die gespiegelten Bahnhofsszenen am Gare de l’Est am Anfang und am Ende verknüpft mit den weisagenden Worten einer alten Dame, geben dem Roman einen handwerklich runden Abschluss.

Kein Meisterwerk der Tiefe, aber eine solide, flüssig zu lesende Urlaubslektüre. Das bunt, heiter und ästhetisch ansprechend gestaltete Cover passt dabei gut zum sommerlichen Paris-Flair.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von ms.write

Späte Jahre - alte Wunden

Und mittendrin der Birnbaum von Ute Mank

Im Zentrum des Romans steht die Frage einer leisen Schuld und deren Verdrängung.
Als Dora im Alter in ihr Heimatdorf zurückkehrt und erfährt, dass vor dem Haus ihrer jüdischen Kindheitsfreundin Stolpersteine verlegt wurden, wird ihr Verdrängungsmechanismus schmerzhaft verstärkt.

Doras Vergehen war kein monströses, sondern eine Schuld durch Unterlassen und Mitläufertum – die „Banalität des Bösen“.

Als junges Mädchen bekam die Bauerntochter durch das NS-Regime die einmalige Chance zum Bildungsaufstieg. Um diesen Traum zu verwirklichen, ignorierte sie das Schicksal ihrer ausgegrenzten und gefährdeten Freundin.
Diese leise Schuld stellt die Leserschaft vor die Herausforderung, sich zu fragen, wie man selbst gehandelt hätte. Ist diese egoistische Sehnsucht nach Selbstverwirklichung nicht verständlich? Anders als bei brutaler Gewalt kann man sich hier nicht einfach distanzieren und behaupten, man hätte niemals so gehandelt.
Meiner Meinung nach macht genau das Anregen dieses Denkprozesses sowie das schonungslose Voraugenführen der diversen Formen von Verdrängung die Qualität dieses Romans aus.

Diese leise, bewegende Geschichte hat einen absolut würdigen Rahmen bekommen: Das Buch ist wunderschön und hochwertig gestaltet – vom griffigen Papier über das Lesebändchen bis zur ästhetischen Farbabstimmung.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von ms.write

Ein überzeugender New-Adult-Roman mit psychologischer Botschaft

Halbwach von Sophia Como

Das Cover – das ich by the way recht ansprechend finde – zeigt eine junge Frau im Business-Look, die unkonventionell im Schneidersitz auf einem Stuhl hockt. Es handelt sich also um ein Motiv, das einen nicht zuallererst an einen Liebesroman denken lässt.
Aber es geht um Liebe, von der ersten bis zur letzten Seite.

Und zwar in allererster Linie um Selbstliebe als Basis und Garant für jede gesunde Beziehung, ob zu Geschwistern, Eltern, Freunden oder einem Partner.

Die Protagonistin Zoe, eine Liebesromanautorin, lehnt paradoxerweise in ihrem wahren Leben eine Beziehung ab. Die attraktive junge Frau wirkt selbstsicher, aber gleichzeitig kalt und unnahbar und lässt nur körperliche Nähe zu.
Beim Kennenlernen eines Mannes ist sie insofern ehrlich, dass sie von vornherein jegliche Bindung ausschließt. Sollte einer dem Trugschluss unterliegen, Zoe doch über die Bettkante hinaus von sich überzeugen zu können, wird er kurzerhand abserviert.

Zoe gewinnt in der ersten Hälfte des Romanes einerseits Sympathiepunkte, weil sie souverän wirkt, in Sachen Mode und Lebensstil stylisch ist und sich als erfolgreiche Bestseller-Autorin positionieren kann. Aber andererseits befremdet ihre Kälte und ihre Missgunst gegenüber ihrer Schwester und den engsten Freunden.
Diese negativen Züge, die dem Leser häppchenweise in den den Kapiteln vorangestellten Tagebucheinträgen aus dem Jahr 2019 präsentiert werden, wirkten auf mich zunächst unzusammenhängend und buchstäblich abstoßend. Erst am Ende löst der Roman diesen Kontext schlüssig auf.

Als sie Mael kennenlernt, kommt ihr bisheriges Weltbild ins Wanken. Außerdem gerät sie in eine tiefe Schreibkrise und kann die Forderungen ihres Verlages nicht umsetzen. Durch therapeutische Hilfe und ihre Freunde begreift sie nach und nach, warum sie ist, wie sie ist und welche Rolle dabei auch ihre Familie spielt.
Ihr Kumpel Levin, der sie zwar als Erster durchschaut, bleibt als Charakter leider völlig blass. Er fungiert eher als schemenhafte Figur, an der sich die Hauptperson abarbeitet, anstatt ein echter, tiefgründiger Gegenpart zu sein.

Mich hat es überzeugt, dass die Autorin sich im Roman unterhaltsam mit Psychologie auseinandersetzt, denn das hilft jungen Menschen, etwas für ihr eigenes Leben zu lernen.
Allerdings wirkte das erste Drittel mit seinem Lifestyle-Gehabe eher oberflächlich auf mich. Im Nachhinein muss ich jedoch anerkennen, dass diese Oberflächlichkeit eben auf dem Blickwinkel der Protagonistin vor ihrer Persönlichkeitsentwicklung beruht. Ab der zweiten Hälfte wird der Roman tiefgründig und weist eine gehörige Portion Spannung auf.

Das exzessive und als cool dargestellte Nachtleben, in dem sich Zoe mit ihren Freunden bewegt, habe ich sehr kritisch hinterfragt. In der Realität ist das extrem teuer. Junge Menschen laufen Gefahr, sich zu verschulden, anstatt für ihre Zukunft vorzusorgen. Daher hat es mich umso mehr überrascht und auch beruhigt, dass auch die Protagonistin nach ihrer Läuterung einen ähnlich kritischen Blick auf solche Scheinwelten wirft.

Allerdings bedaure ich, dass vor allem in typischer Frauenliteratur solche psychologischen Zugänge aufgezeigt werden. Da Männern in ihrer Lektüre kaum Stoffe geboten werden, die sich mit emotionaler Reife auseinandersetzen, bleibt die Beziehungsarbeit letztendlich wieder einseitig an den Frauen hängen. Es wäre wünschenswert, solche wichtigen psychologischen Themen so zu verpacken, dass sie beide Geschlechter gleichermaßen ansprechen, anstatt diese literarische Trennung weiter voranzutreiben.

Prinzipiell wichtig und bewusstseinserweiternd fand ich, dass im Roman entschieden feministische Forderungen gestellt werden. Allerdings schießt die Umsetzung an manchen Stellen mit der Holzhammer-Methode über das Ziel hinaus und wirkt zu plakativ. Als Beispiel sei eine Szene genannt, in der Zoe in einer lauten Bar von einem Mann verbal bedrängt wird. Eine Frau greift ein, und es folgt das pauschale Urteil, dass die Männer nicht geholfen haben. Das geht logisch nicht auf, denn in einer lauten Bar können Außenstehende den genauen Wortlaut gar nicht mitbekommen.

Fazit: Trotz kleiner Schwächen ein unterhaltsamer, spannender, ja sogar lehrreicher Roman, der an keiner Stelle kitschig ist.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von ms.write

Ein packendes Zeitportrait (nicht nur) für Frauen

Sonnenberg von Brigitte Glaser

Im Zentrum des Romans steht die Freundschaft zweier junger Frauen im Jahr 1975, die durch die zeitgeschichtlichen Umstände stark geprägt wird.
Auf mich wirkte der Alltag der beiden am Anfang überraschend modern, da sie ein scheinbar emanzipiertes Leben führen: Während die eine für ein Jahr zu Studienzwecken nach Marokko reist, übernimmt die andere den familiären Winzerbetrieb am Kaiserstuhl nach dem Tod ihres Vaters.

Doch Brigitte Glaser macht im Laufe des Romans schnell deutlich, wie trügerisch diese vermeintliche Freiheit ist, da Frauen in den Siebzigerjahren trotz theoretischer Gleichstellung gegen enorme gesellschaftliche Hürden und Vorurteile ankämpfen mussten.

Der Feminismus ist dabei nur eines von vielen Themen, an denen die Autorin ein tiefgreifendes gesellschaftliches Umdenken der Siebzigerjahre greifbar macht. Dies zeigt sich insbesondere im Protest gegen das Bauvorhaben des Kernkraftwerkes Wyhl. An diesem Widerstand wird deutlich, dass das blinde Vertrauen in die Politik verloren gegangen ist, die Menschen sind nun bereit, politische Mitbestimmung aktiv einzufordern. Diese Abkehr von einem Obrigkeitsdenken, das weit bis in die Nachkriegszeit hinein fortgedauert hatte, verläuft bei Einzelnen durchaus zögerlich und von Bedenken begleitet, wird aber letztendlich durch die Dynamik der Protestbewegung abgelöst.

Dabei hat die Autorin minutiös in Zeitungen und Archiven recherchiert und gibt in einem Nachwort Auskunft darüber, was erfunden und was historisch belegbar ist.

Der Klappentext wird meiner Meinung nach dem Roman nicht gerecht, wenn er die Leserschaft auf eine harmonische Freundschaftsgeschichte vorbereitet. Aber es geht eben auch um Loyalität und Verrat. Erst auf den letzten Seiten wird klar, ob die Verbindung zwischen den beiden Frauen gerettet werden kann.
Dabei sorgt besonders Luzie für Spannung, denn sie bringt Geheimnisse von ihrer Marokkoreise mit, über die sie erst nach und nach bereit ist zu reden. Sie ist zu Beginn des Romans keine fertige Persönlichkeit. Denn ihre Ängste und Widerstände sitzen tief und sie zeigt im Verlauf charakterliche Schwächen, gegen die sie innerlich sehr kämpfen muss, um letztendlich über sich hinauszuwachsen. Dadurch entsteht beim Lesen eine starke emotionale Bindung, weil man ihren inneren Reifeprozess hautnah miterlebt.

Mich hat allerdings etwas gestört, dass manche geheimnisvolle Andeutungen bezüglich der Spionagestrukturen während des Widerstandes in Wyhl am Ende des Romanes nicht aufgelöst werden.

Des Weiteren hat mich manchmal Glasers Erzählstruktur etwas herausgefordert. Sie vermischt bewusst verschiedene Zeitebenen, indem sie Rückblenden und Erinnerungen mit aktuellen Ereignissen verwebt. Dies erzeugt einerseits immense Spannung, kann aber an wenigen Stellen auch etwas verwirrend sein.

An wenigen Stellen fallen auch Wiederholungen in der Geschichte auf: Bestimmte Konflikte (wie das dörfliche Misstrauen oder Johannas innere Kämpfe) drehen sich zu oft im Kreis, was dem Erzähltempo mitunter die Kraft nimmt.

Dies ist allerdings Jammern auf hohem Niveau und wird mich dennoch nicht davon abhalten, die drei vorangegangenen historischen Romane Bühlerhöhe, Rheinblick und Kaiserstuhl von Brigitte Glaser zu lesen.

Das Cover finde ich sehr ansprechend. Aber ich befürchte, dass es eher nur Frauen abholt, obwohl der Inhalt des Romanes eigentlich auch eine männliche Leserschaft interessieren dürfte.

Mein Fazit: Wer Zeit– und Lokalkolorit liebt, Wert auf eine psychologisch vielschichtige Figurenzeichnung legt und gut recherchierte, historische Romane schätzt, der kann mit Sonnenberg nichts falsch machen. 4,5 Punkte von 5!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von ms.write

Es braucht viel mehr Bücher dieser Sorte – Bitte mehr davon!

Ein ganz normales Wunder von Woody Brown

Woody Browns „Ein ganz normales Wunder“ ist kein Roman für Menschen, die ein Buch schon nach der ersten Seite ungeduldig weglegen. Der Einstieg gestaltet sich nämlich wie eine kleine Aufnahmeprüfung, weil sich der Sinn des ersten Satzes erst auf den Folgeseiten erschließt und die Eingangsszene nicht geschmeidig ins Geschehen einführt.

Diese erste Seite fordert genau die Offenheit und Bereitschaft zum Verstehen, die es braucht, um sich einem mutistischen – also völlig sprachlosen – Menschen anzunähern.
Hat man diese kleine Prüfung nach der ersten Seite aber bestanden, liest sich der Roman fortan ohne höheren Aufwand.

Brown schildert den Alltag in einer Betreuungsstätte für Menschen mit diversen Behinderungen wie Zerebralparese und Autismus. Der Protagonist des Buches ist ein nichtsprechender Autist, dessen Innenleben uns tief bewegt. Doch der Roman beschränkt sich nicht auf ihn: Es eröffnet sich gleichermaßen das Universum der anderen Beteiligten. Der Hauptcharakter räumt dabei gründlich mit Vorurteilen gegenüber Menschen im Spektrum auf: So erkennt er die Bedürfnisse seiner Mitpatienten oft schneller als die Pflegekräfte und beweist damit eine tiefe Empathiefähigkeit.
Auch die Annahme, dass manche Autisten nicht zu komplexen Gedanken fähig seien, hebelt er aus. Zu Recht, wie sein Werdegang zeigt: Immerhin hat er den Zugang zur Hochschule gemeistert und uns mit diesem Werk ein ungemein wertvolles Buch geschenkt.

Das Geschehen in der Einrichtung wird in jedem Kapitel aus der Perspektive eines anderen Beteiligten beleuchtet. Durch diese wechselnden Blickwinkel gewinnen Patienten, Pfleger und Außenstehende eine unglaubliche Tiefe. Gleichzeitig wird spürbar, wie sehr jeder Mensch in seiner eigenen Sichtweise gefangen bleibt – eine zentrale und wichtige Botschaft des Autors.
Besonders eindrücklich sind die Überlegungen einer Verkäuferin, die sich fragt, was sie von den behinderten Menschen unterscheidet: Sie habe Pläne, so ihr Argument.
Dass dieser Unterschied so drastisch ausfällt, beruht im Roman vor allem auf unqualifizierter Betreuung. Die Mitarbeiter der Einrichtung, die weniger verdienen als eine Fachkraft im Verkauf, sind zwar im Rahmen ihrer Möglichkeiten engagiert. Aufgrund fehlender Fachkenntnisse können sie jedoch kaum erfassen, was sich im Inneren ihrer Schützlinge abspielt. Dadurch bleiben die Betroffenen in einer durch die Behinderung verursachten Sprachlosigkeit und in einer teils verzweifelten, teils resignierten Einsamkeit zurück. Nur ein einziger Pfleger erfasst ihre stummen Botschaften, Empfindungen und Bedürfnisse intuitiv.

Der Roman hat meine Erwartungen weit übertroffen. Er verfällt weder in künstliche Dramatik noch in trockene theoretische Abhandlungen. Stattdessen zeigt er auf, wie lohnend es ist, die Kommunikationsfähigkeit auf beiden Seiten zu erweitern: bei den Betroffenen ebenso wie bei den sogenannten „Normalos“. Denn auch die vermeintliche Norm entpuppt sich als Beschränkung, weil sie Potenziale übersieht. Wenn unsere Gesellschaft normative Grenzen abbaut und echter Inklusion Raum gibt, kann die Abhängigkeit mancher Pflegefälle im Idealfall aufgehoben werden. Damit wäre allen geholfen.

Das harmonische Cover zeigt den im Roman wiederkehrenden Pool. Doch im heißen Kalifornien entpuppt sich diese scheinbare Idylle als schmerzhafter Kontrast zur Realität: Das kühlende Nass ist für Menschen mit schweren Behinderungen mit enormer Mühsal verbunden, da sie teilweise aufwendig per Kran hineinbefördert und ausnahmslos streng beaufsichtigt werden müssen. Das Cover zeigt somit ein geschöntes Bild, das der Roman im Inneren konsequent dekonstruiert – ein starker Kontrast, der die deutsche Ausgabe konzeptionell meiner Meinung nach weitaus interessanter macht als das englische Original.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von ms.write