Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Kat:
Gebrochene Seelen, starke Bande
Queen of Faces - Die Königin der tausend Gesichter von Petra Lord
Queen of Faces hat mich mit voller Wucht mitgenommen – wie ein Fiebertraum, in dem ständig etwas passiert und man sich kaum orientieren kann. Petra Lord hat hier einen Roman geschrieben, den man quasi durchfliegt, weil die Spannung von der ersten Seite bis zur letzten hält und die Wendung am Ende mich wirklich überrascht hat.
Im Mittelpunkt steht Ana, die in einem kranken, verfallenden Körper gefangen ist und in einer Welt lebt, in der die magische Elite Körper wie Kleidung tauscht. Um zu überleben, muss sie sich in die gefährliche Paragon-Akademie einschleusen und zu einer Art Söldnerin werden. Dabei trifft sie auf Wes, den mysteriösen Jungen mit eigener Agenda, auf Nima, der gleichzeitig in zwei Körpern lebt, und auf weitere Außenseiter, die sich zu einer eigenen kleinen Familie zusammenfinden.
Besonders gut hat mich das Familybuilding zwischen diesen Figuren berührt. Obwohl sie alle gebrochen, misstrauisch und auf ihre eigene Art verletzt sind, entsteht zwischen ihnen etwas Zartes und Verteidigenswertes. Das hat mir sehr gut gefallen – diese Idee, dass man sich seine Familie selbst aussuchen kann, auch wenn die Welt drumherum kalt und hart ist.
Auch die Charaktere sind überzeugend: Lord gibt jedem eine eigene Stimme, eigene Wunden und eigene Magie. Die Welt von Caimor fühlt sich trotz aller Fantasie gelebt an, was dem Ganzen eine besondere Tiefe gibt. Und die Spannung – Pflichtbewusstsein, Verrat, Überleben, ein dunkler Plan im Hintergrund – lässt einen wirklich nicht los. Übrigens ist das Buch auch äußerlich ein Hingucker – die Aufmachung und das Cover sind wunderschön gestaltet und passen perfekt zur atmosphärischen, düsteren Stimmung des Romans.
Was für mich jedoch störend war, ist das Pronomen-System (dey und demm), das im Buch verwendet wird. Ich fand es persönlich schwierig zu lesen, weil es mich immer wieder aus der Geschichte riss und ich mich nie so richtig daran gewöhnen konnte. Das mag an mir liegen, aber ich empfinde es als etwas, das den Lesefluss eher behindert als bereichert.
Hinzu kommt, dass die Handlung mitunter sehr wirr wirkt. Gefühlt wechselt jeder zweite Charakter seinen Körper, und wer zu welchem Zeitpunkt in welcher Gestalt agiert, lässt sich nicht immer auf Anhieb nachvollziehen. Das macht den Roman spannend und unberechenbar, aber auch anstrengend. Manchmal hätte ich mir etwas mehr Ruhe und Orientierung gewünscht.
Fazit: Queen of Faces ist ein origineller, spannender und überraschender Roman mit starken Figuren, mitreißender Atmosphäre und einer Wendung, die nachhallt. Wenn man Fantasy, Dark Academia und Körperwechsel mag und bereit ist, sich auf einen intensiven, manchmal wirren Ritt einzulassen, ist das Buch eine klare Empfehlung. Für mich persönlich waren die Pronomen und die gelegentliche Orientierungslosigkeit jedoch kleine Abzüge in der B-Note.
Ein zauberhafter Ort für verlorene Träume
Ms Atkins und die Bibliothek der Träume von Vanessa Göcking
Manchmal braucht man einfach ein Buch, das einen warm umschließt – und genau das ist Ms Atkins und die Bibliothek der Träume. Vanessa Göcking erzählt eine ruhige, zauberhafte Geschichte über Amanda Eleonore Atkins, deren Leben streng nach Regeln und Abläufen verläuft, bis sie in die geheimnisvolle Lady Ophelia Harringdale Library gerät und dort einen verborgenen Leseraum entdeckt, in dem Träume nicht nur gesucht, sondern tatsächlich wiedergefunden werden können.
Was mir besonders gut gefallen hat, ist die Atmosphäre. Das Buch ist leise, heimelig und so kuschelig wie eine Wolldecke im Winter – und gleichzeitig abenteuerlich genug, dass man gedanklich mitspazieren möchte. Die Idee einer Bibliothek, die mehr bewahrt als nur Bücher, hat mich schnell in ihren Bann gezogen. Auch Ms Atkins selbst ist eine wunderbare Hauptfigur: eigenwillig, strukturiert, etwas einsam, und genau deshalb so liebenswert.
Ein besonderes Vergnügen ist auch die Aufmachung. Das Cover allein lädt zum Träumen ein und passt perfekt zum Inhalt, ich liebe es!
Warum es für mich vier und nicht fünf Sterne sind: Es ist genau das, was es sein will – ein liebevolles, warmes Wohlfühlbuch. Weltliteratur ist es nicht, tiefe literarische Brüche sucht man vergebens. Aber das muss es auch nicht sein. Wer hie und nach einem Buch greift, das guttut, sanft fesselt und am Ende wie ein freundlicher Nachklang klingt, ist hier genau richtig.
Fazit: Ein zauberhafter, warmherziger Roman über verlorene Träume, kleine Wunder und den Mut, sich selbst neu zu begegnen. Zum Verschenken oder Schenkenlassen.
Zwischen Ostsee, Bernstein und alten Wunden
Die Bernsteinfischerin von Lisa Quentin
„Die Bernsteinfischerin“ ist ein Roman, der mich in vielerlei Hinsicht sehr angesprochen hat - auch wenn mich nicht alles gleichermaßen überzeugen konnte. Besonders die Geschichte rund um Ebba, der wunderschön eingefangene Handlungsort an der Ostsee und die spannenden Einblicke in Bernsteine und Inklusenforschung haben dieses Buch für mich lesenswert gemacht.
Am stärksten fand ich eindeutig Ebbas Erzählstrang. Ihr Leben hat mich wirklich fasziniert: eine künstlerisch begabte Frau, die einen Großteil ihres Daseins damit verbringt, zu funktionieren, sich den Erwartungen ihrer Eltern zu beugen und die eigenen Wünsche immer wieder zurückzustellen. Gerade mit Blick auf die 1940er bis 1970er Jahre ist das sehr eindrücklich erzählt - und es hat mich traurig gemacht. Dass selbst ihre große Liebe Leo sie letztlich enttäuscht, macht ihre Geschichte nur noch bitterer und zugleich glaubwürdiger. Ebba ist für mich die eigentliche Kraft dieses Romans: widersprüchlich, verletzlich, eigenwillig und interessant bis zum Schluss.
Dazu kommt die Ostsee, die hier weit mehr ist als bloße Kulisse. Die Landschaft, das Licht, die Küste, das Meer und natürlich der Bernstein geben dem Roman eine ganz eigene Atmosphäre. Auch die wissenschaftliche Seite hat mir überraschend gut gefallen: Die Forschungen zu Inklusen und die Faszination für das, was über Millionen Jahre im Bernstein eingeschlossen bleibt, sind spannend in die Handlung eingebunden, ohne trocken oder belehrend zu wirken.
Weniger überzeugt hat mich dagegen Julika. Ihr Verlust und die Leere, die der Tod ihrer Schwester hinterlassen hat, sind absolut nachvollziehbar, und auch ihre Überforderung im Leben mit der kranken Mutter ist glaubhaft geschildert. Aber die Entwicklung rund um ihre Mutter empfand ich als wenig überzeugend. Dass eine Frau, deren Trauer und Depression sie über Jahre lebensunfähig gemacht hat und dadurch Mann und Tochter sechs Jahre lang an sie gefesselt hat, diese Lähmung dann scheinbar von einem Tag auf den anderen ablegt und plötzlich alles wieder gut ist - das wirkte auf mich schlicht unglaubwürdig. Gerade weil der Roman an anderen Stellen so sensibel mit Verlust, Enttäuschung und weiblichen Lebenswegen umgeht, fällt diese zu glatte Auflösung für mich besonders ins Gewicht.
Wer trägt uns, wenn einer ausfällt?
Pina fällt aus von Vera Zischke
Ich habe das Buch gestern beendet und möchte seitdem am liebsten jedem davon erzählen! So ging es mir auch schon bei „Ava liebt noch“, ein Buch, das für immer in meinem Herzen wohnen wird. Jetzt ist die Hausgemeinschaft aus der Hansastraße 22 auch mit eingezogen.
Pina lebt dort seit Jahren mit und für ihren zwanzigjährigen Sohn Leo, der feste Routinen und eine verlässliche Ordnung braucht.
Als sie plötzlich zusammenbricht und ins Krankenhaus kommt, steht nicht nur Leo vor einem Abgrund, sondern auch der Takt der Nachbarn gerät aus den Fugen. Denn die haben bisher nicht wirklich viel miteinander zu tun und jeder bringt seine eigenen Sorgen mit. Doch aus Unsicherheit, Distanz und Überforderung wächst nach und nach etwas, das man fast schon Hoffnung nennen muss. Ich fand die Figuren sehr gut gezeichnet, sie wirken eigen, verletzlich und glaubwürdig.
Auch sprachlich ist Pina fällt aus für mich wieder ein Volltreffer. Der Stil ist klar und leicht, oft pointiert, manchmal fast poetisch - und dabei immer ganz nah an den Menschen. Das Buch liest sich mühelos, hat aber gleichzeitig Tiefe und Nachhall. Ich habe geweint und gelacht.
Mein Fazit: Vera Zischke erzählt hier eine Geschichte, die ich für gesellschaftlich relevant und emotional berührend halte und die dennoch erstaunlich leicht ist. Mich hat beeindruckt, wie unaufgeregt und gleichzeitig präzise das Buch von Sorgearbeit, Erschöpfung, Einsamkeit und Inklusion erzählt. Vera Zischke schreibt mit so viel Wärme und Feingefühl, dass man sich jeder Figur nahe fühlt, ohne dass der Roman jemals kitschig oder rührselig wird. Im Gegenteil: Gerade die feinen humorvollen Momente und die liebevolle Zeichnung der Hausgemeinschaft machen das Buch so besonders.
Wenn das Vergessen der einzige Ausweg scheint
Genug für ein halbes Leben von Evann Normandin
Was wäre, wenn man schmerzhafte Erinnerungen einfach löschen könnte – und mit ihnen gleich ein ganzes Stück von sich selbst? Genau diese Frage zieht sich durch Evann Normandins Debütroman und das Buch ist definitiv eine Lektüre, die zum Nachdenken anregt. Den Wunsch, alles vergessen zu können – Schmerz und Trauer aber eben leider auch das Schöne, finde ich spannend und die Idee einer Pille zum Löschen von Erinnerungen hat mich sofort gepackt, da sie viele Aspekte bietet, die es zu ergründen gilt.
Rose und Landon lernen sich am College kennen, sind nach kurzer Zeit unzertrennlich, heiraten, bauen ein gemeinsames Leben auf. Doch Rose bringt einen schweren Ballast mit: Ihr geliebter Vater erkrankt früh an Alzheimer, ihre Mutter zerbricht daran und versinkt in der Alkoholsucht. Verlust und Ablehnungsängste prägen Rose und ein tragischer Schicksalsschlag, der erst am Ende aufgelöst wird, bringt sie dazu, der Versuchung nachzugeben und nochmal ganz von vorn anzufangen. Zu verfolgen, wie sich ihre Geschichte über verschiedene Zeitebenen hinweg entfaltet, ließ ihre Beziehung sehr komplex und echt wirken.
Das Buch liefert keine einfachen Antworten und stellt nicht einfach eine Liebesgeschichte nach, sondern schaut genau hin und fragt, wie eng Identität und Erinnerung verknüpft sind und was von einem Menschen bleibt, wenn man ihm seine Erinnerungen nimmt. Das Gedankenexperiment ist futuristisch aber emotional völlig nahbar.
Die doppelte Perspektive trägt die Geschichte meisterhaft. Rose erzählt in der Vergangenheit, Landon in der Gegenwart – und aus diesen beiden Strängen setzt sich Stück für Stück zusammen, was passiert ist. Dieses langsame Enthüllen hat mich bis zum Schluss gefesselt.
Der Umgang mit Trauer und Verlust ist einfühlsam und unaufgeregt. Normandin schreibt über Schmerz ohne Überdramatik, über Liebe ohne Kitsch. Das macht die Figuren glaubwürdig und nahbar. Dazu passte auch der ruhige Schreibstil.
Ich habe Roses Entscheidung verstanden aber auch Landons Beharren, auch wenn es an die Grenzen des Zumutbaren stößt. Genau diese Ambivalenz macht für mich das Buch aus.
Fazit: Ein gefühlvoller, kluger und tiefgründiger Roman über die Macht der Erinnerung, den Preis des Vergessens und die Frage, ob eine Liebe groß genug ist, um ein zweites Mal zu wachsen. Das Buch wirkt definitiv noch lange nach.
Bewegende Schwesternliebe im Kalten Krieg
Maja & Natascha von Elyse Durham
Mit Ihrem Debüt Maja & Natascha hat mich Elyse Durham beeindruckt und von der ersten Seite an in Ihren Bann gezogen. Die Geschichte beginnt in Leningrad, im Jahr 1958, wo die Zwillingsschwestern Maja und Natascha unzertrennlich sind – verbunden durch den Verlust der Eltern und dem gemeinsamen Traum, beim legendären Kirow-Ballett zu tanzen und mit der Kompanie nach Amerika zu reisen.
Doch dann schlägt die Politik in ihr Leben ein: Ein neues Gesetz erlaubt nur einer von ihnen, das Land zu verlassen. Aus Schwestern werden Konkurrentinnen, aus Nähe wird Distanz.
Was daraus erwächst, ist eine bewegende Geschichte über die Bürde der Herkunft, über Schwesternliebe und über den Konflikt zwischen Loyalität und Freiheitsdrang – und letztlich über die Frage, wie weit man für einen Traum gehen würde.
Was mir besonders gut gefallen hat, war die Verbindung von Ballett-Welt und sowjetischer Geschichte. Die Autorin hat Träume, Ehrgeiz und politische Realität so eng miteinander verwoben, dass Historie und Fiktion beim Lesen kaum noch unterscheidbar sind. Ihre Figuren sind detailreich gezeichnet – ich konnte mir sowohl Maja als auch in Natascha optisch und charakterlich lebendig vorstellen und mich tief in sie hineinversetzen. Die Sprache hat perfekt zur Geschichte gepasst – elegant und präzise.
Die Frage, wie weit man für einen Traum gehen würde, wirkt auch nach Beenden des Buchs noch nach.
Fazit: Ein spannender und tiefgründiger Roman, der emotional berührt und gleichzeitig interessante Einblicke in die Welt des Balletts und das Leben in der Sowjetunion gibt. Für Liebhaber historischer Romane mit starken Charakteren und tiefgründigen Themen eine klare Empfehlung.
Spurensuche zwischen Irland und Erinnerung – wenn das Leben den Takt vorgibt
Fünf, sechs, sieben, acht von Ewald Arenz
Ewald Arenz hat mit Fünf, sechs, sieben, acht wieder genau den Ton getroffen, den man von ihm kennt. Arenz' Sprachgefühl für Geräusche, Rhythmen und leise Momente ist einmal mehr großartig. Er nimmt die Welt über ihren Klang wahr, und das liest sich lebendig und leicht, ohne billig zu sein.
Der Protagonist Anton ist ein Stepptänzer und Choreograph Anfang sechzig, dessen Vertrag am Theater nicht verlängert wird.
Er ist nicht gerade ein Sympathieträger, zu sehr kreiselt er um sich selbst. Allerdings konnte ich auch nicht verstehen, warum alle seinem Ärger so unverständlich gegenüberstehen, denn ich finde schon, dass er allen Grund dazu hat, wütend und beleidigt zu sein. Aus der Routine gerissen, macht er sich auf nach Irland, an die Steilküste, wo er sich mit dem konfrontiert, was er sein Leben lang vermieden hat: den Schatten nicht gelebter Möglichkeiten, eine Liebe, die ihm entrissen wurde, und das Verhältnis zu seiner Tochter, das seit seiner Trennung schwierig ist und nun nicht einfacher geworden ist, seit sie seinen Job hat. Der Titel – die Zählung des Taktgebers im Tanz – ist dabei mehr als Metapher: Es geht um den Rhythmus, den das Leben vorgibt, und darum, ob man ihn noch ändern kann, wenn es spät, aber nicht zu spät ist.
Ich empfand den Roman mit den Themen Älterwerden, versäumte Gelegenheiten und familiäre Beziehungen als sehr persönlich. Ich finde, dass Arenz das Thema des Älterwerdens mit Würde und Melancholie trägt, ohne ins Sentimentale abzurutschen. Dennoch gelingt Arenz der ganz große, unerwartete Twist nicht mehr und das ist halt der Crux, wenn man so viele großartige Geschichten am Start hat; wer Der große Sommer oder Alte Sorten kennt, ahnt früh, wohin die Reise führt. Das macht den Roman nicht schlechter, aber er hat gegenüber seinen besten Büchern einen Hauch weniger Überraschung.
Fazit: Ein berührender, kluger Roman über das Älterwerden, über das Versäumte und über den Mut, im eigenen Takt weiterzugehen. Wer Arenz mag, wird ihn schätzen; wer den Autor gerade erst entdeckt, findet hier einen wunderbaren Einstieg.
Wurzeln schlagen in der Fremde
Ein Ort, der bleibt von Sandra Lüpkes
Mit „Ein Ort, der bleibt“ ist Sandra Lüpkes ein Roman gelungen, der historische Recherche, atmosphärisches Erzählen und große Gefühle auf besonders schöne Weise miteinander verbindet. Das Buch spannt einen Bogen über mehrere Generationen und erzählt von drei Frauen, deren Lebenswege durch den Botanischen Garten in Istanbul miteinander verknüpft sind.
Dabei entsteht eine Geschichte über Heimat und Fremde, über Verlust und Neuanfang - und über die Frage, was von Menschen bleibt, wenn Zeiten sich ändern und Orte verschwinden.
Besonders beeindruckend ist, mit welcher Sorgfalt Sandra Lüpkes historische Stoffe in lebendige Literatur verwandelt. Der Roman basiert auf realen Begebenheiten und greift mit der Geschichte um Alfred Heilbronn und den Botanischen Garten in Istanbul ein ebenso ungewöhnliches wie faszinierendes Kapitel deutsch-türkischer Geschichte auf. Doch trotz dieses fundierten historischen Hintergrunds wirkt Ein Ort, der bleibt nie trocken oder belehrend. Vielmehr gelingt es der Autorin, Geschichte ganz nah an ihren Figuren erfahrbar zu machen.
Vor allem die drei Frauenfiguren tragen den Roman mit großer Überzeugungskraft. Magda, Mehpare und Imke stehen jeweils für unterschiedliche Zeiten, Erfahrungen und Formen weiblicher Selbstbehauptung, und doch sind ihre Geschichten auf berührende Weise miteinander verbunden. Sandra Lüpkes zeichnet sie differenziert und lebensnah, sodass man ihnen nicht nur folgt, sondern wirklich an ihrem Hoffen, Zweifeln und Ringen teilhat.
„Ich will auch erforschen. Erfühlen. Begreifen. Nicht nur die Bedeutung des ersten Botanischen Gartens in Istanbul, sondern auch mich selbst. Wer weiß, vielleicht wäre ich auch dazu in der Lage, überall auf der Welt Wurzeln zu schlagen. Wenn nur meine Ma nicht… Stopp, das stimmt so nicht. Ma hat mich nie davon abgehalten, aufzubrechen. Das war immer nur ich selbst.“ Das schreibt zum Beispiel Imke auf Seite 305 an einer der vielen Stellen, die mich sehr berührt haben.
Denn „Ein Ort, der bleibt“ bleibt nicht in der Vergangenheit stehen. Themen wie Exil, Entwurzelung, Zugehörigkeit und die Suche nach einem Platz im Leben wirken erstaunlich gegenwärtig. Genau darin liegt für mich die besondere Qualität dieses Romans: Er erzählt von vergangenen Jahrzehnten und berührt doch Fragen, die bis heute aktuell geblieben sind.
Eine besondere Stärke des Romans ist außerdem seine Atmosphäre. Istanbul wird nicht nur zum Schauplatz, sondern zu einer eigenen erzählerischen Kraft. Der Garten, der Bosporus, die Stadt zwischen Aufbruch und Umbruch - all das ist so anschaulich beschrieben, dass beim Lesen ein sehr lebendiger Eindruck entsteht. Gerade diese Verbindung aus historischer Tiefe und sinnlicher Ortsbeschreibung macht das Buch so eindrucksvoll.
Auch emotional hat mich das Buch sehr überzeugt. Es ist bewegend, ohne sentimental zu werden, klug komponiert und zugleich sehr zugänglich erzählt. Man spürt auf jeder Seite, wie viel Sorgfalt, Wissen und Empathie in diesem Roman stecken.
Fazit: Ein Ort, der bleibt ist ein wunderbar erzählter Generationenroman, der Geschichte, Atmosphäre und starke Frauenfiguren auf eindrucksvolle Weise vereint. Ein kluges, berührendes und sehr lesenswertes Buch, das seinem Titel alle Ehre macht - weil es selbst noch lange im Gedächtnis bleibt.
Viel Flair, wenig Tiefe
Au revoir und tschüss von Gudrun Lochte
„Au revoir und tschüss“ ist für mich ein Roman, der vor allem über seine Atmosphäre und seine liebevolle Gestaltung wirkt. Der Schauplatz in Südfrankreich, die sommerliche Stimmung und die wunderschöne Ausstattung machen das Buch zu einem echten Hingucker. Inhaltlich bleibt die Geschichte aus meiner Sicht jedoch eher leicht und überschaubar.
Gudrun Lochte erzählt von einer Frau, die nach vielen Jahren des Funktionierens an einen Punkt kommt, an dem sie ihr Leben neu betrachten muss. Im Mittelpunkt steht Caro, die seit über zwanzig Jahren in einer Ehe und einem Familienalltag feststeckt, der von Routinen, Verantwortlichkeiten und stiller Selbstaufgabe geprägt ist. Als sich die Möglichkeit einer Sprachreise nach Frankreich ergibt, wird daraus mehr als nur ein Ortswechsel - es ist der vorsichtige Beginn eines inneren Aufbruchs.
Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, wie erschöpft und unzufrieden Caro in ihrem Leben geworden ist. Sie hält den Alltag zusammen, kümmert sich um Haushalt, Familie und all die kleinen und großen Aufgaben, die oft unsichtbar bleiben und doch alles tragen. Diese Ausgangslage war für mich sehr nachvollziehbar und kommt sicherlich auch vielen anderen vielen Leserinnen bekannt vor. Gudrun Lochte greift damit Themen wie Mental Load, Selbstverlust und weibliche Überforderung auf, ohne sie allzu laut auszubuchstabieren.
Sehr gelungen fand ich die Atmosphäre des Romans. Die französische Kulisse, die Begegnungen vor Ort und die leisen Momente des Innehaltens verleihen der Geschichte Wärme und einen spürbaren Reiz. In Frankreich gewinnt Caro erstmals seit langer Zeit Abstand zu ihrem gewohnten Leben und damit auch die Möglichkeit, wieder auf die eigenen Wünsche zu hören. Diese Passagen gehören zu den stärkeren des Buches, weil hier tatsächlich etwas von Aufbruch, Sehnsucht und neuer innerer Bewegung spürbar wird.
Inhaltlich bleibt der Roman aus meiner Sicht sehr zurückhaltend. So überzeugt es mich nicht, dass Caros Selbstfindung zeitweise über die Begegnung mit einem anderen Mann zugespitzt wird. Hier hätte ich mir gewünscht, dass der Roman stärker bei Caros eigenem inneren Prozess bleibt. Gerade weil die Geschichte dann am stärksten ist, wenn sie von Selbstbehauptung, neuen Möglichkeiten und leiser Emanzipation erzählt, wirkt diese Wendung für mich eher entbehrlich. Am Ende werden die entscheidenden Konflikte vergleichsweise rasch aufgelöst, sodass der emotionale Kern des Romans am Schluss keine Tiefe entfalten kann. Auch wirkt Caro viel älter als sie mit 45 eigentlich ist. Die kurzen, sprachlich sehr einfachen Sätze tragen zur trivialen Wirkung bei, es fehlt nicht nur Tiefgang in der Geschichte sondern auch in den Dialogen, die Charaktere bleiben flach und farblos. Viele Belanglosigkeiten könnten problemlos gestrichen werden.
Trotzdem hat „Au revoir und tschüss“ seine Qualitäten: als Unterhaltungsroman über Aufbruch, Überforderung und den Wunsch, sich selbst nicht ganz zu verlieren. Besonders die liebevolle Gestaltung und die schöne Aufmachung des Buches unterstreichen diesen Eindruck zusätzlich. Inhaltlich hätte ich mir allerdings mehr Substanz und erzählerische Tiefe gewünscht.
langatmige Liebesgeschichte
Weißer Sommer von Eva Pramschüfer
Théo arbeitet bei seinem Vater als Steinmetz, möchte aber eigentlich Künstler sein und Skulpturen erschaffen. Alma studiert Journalismus, möchte aber eigentlich ebenfalls Künstlerin sein und malen. Die Beiden lernen sich kennen, als Almas Eltern von Théos Vater einen Grabstein kaufen. Dörfliches Frankreich trifft auf deutsche Großstadt, liebevoller Vater trifft auf kalte Familienstrukturen, einfache Verhältnisse auf Gutbürgertum.
Trotzdem verlieben sich Alma und Théo ineinander, vielleicht weil Beide irgendwie einsam und emotional unreif sind. Alma überredet Théo mit nach München zu kommen, um dort Architektur zu studieren. Kaum ist Théo jedoch in München angekommen, wechselt seine Freundin nach Paris und wundert sich, warum Théo nicht glücklich mit ihrer Entscheidung ist. Alma will vor allem eins – sich selbst verwirklichen, ihre Jugend genießen, Dinge tun. Was völlig ok ist aber dann erwarte doch nicht von Deinem Freund, dass er ewig auf dich wartet und sei entsetzt, wenn er dann endlich eigene Pläne macht. Théo hat allerdings etwas Selbstzerstörerisches an sich und allein in Berlin, entwurzelt und unsicher, kommt das zum Vorschein – Théo bricht sein Praktikum ab, geht feiern, nimmt Drogen. Nun sitzen beide in Almas Haus in Frankreich und überlegen, wie und ob es mit ihrer Beziehung weitergehen soll. Alma sinniert ewig lange über Théos Verschlossenheit, will ihn reizen und dazu bewegen, ihr seine Liebe zu versichern. Dabei hat sie bereits Pläne, die Théo ein weiteres Mal ausschließen.
Ich mochte beide Protagonisten nicht. Beide haben familienbedingte Trennungsängste und halten deshalb an diesem Urlaubsflirt fest. Leider konnte mich auch der Sprachstil nicht überzeugen. Lauter weitschweifende Gedanken und viele Adjektiven plustern die Geschichte auf. Vielleicht hätte mir das Buch mit Mitte/Ende 20 besser gefallen.











